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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Dienstschluss

Traum. Oder Träume? Oft erinnere ich mich an zwei Geschichten, doch nie an ihre Reihen­folge.

In einem Getränke­markt versuche ich kurz vor Dienst­schluss Bier und Wein zu bekommen. Am Eingang strömen mir so viele Menschen entgegen, dass ich kaum reinkomme in das Geschäft. Drinnen sind nur Büros. Ein netter Mann gibt mir, was ich möchte, auch Cola in Riesen­flaschen. Ich versuche die Kisten an meinem Fahrrad zu befestigen, es kippt ständig um. Nun muss ich mich entscheiden: Fahrrad oder Getränke. Immer wieder schleiche ich um das Gebäude und auch hinein, auf der Suche nach Kabel­bindern oder etwas, das mir ermöglicht, beides zu trans­portieren. Da schließt sich das Rolltor fürs Wochenende, ich bin gefangen und weder ich noch die Getränke werden recht­zeitig zur Party zu Hause sein.

Meine Eltern sind zu Besuch in meinem winzigen Zimmer. Sie sind so müde, dass wir überlegen, ob sie hier irgendwo übernachten können. Decken und Kissen habe ich genug, nur die Matratze ist viel zu schmal. Mama schaut sich um und alles ganz genau an. Es gibt viele Klapp­schränke und einen Schrank als Bad, wie in einem Wohnmobil. Die Zimmer­decken sind niedrig und die Wände dicht beklebt mit bunten Aufklebern, darunter eine Tapete, die so stark gemustert ist, dass sie fast einfarbig wirkt.

Gequengel

Übst du gerade?
Spielst du mir was vor?
Warum hast du keine Zeit für mich?

Die kleine Lene war zu Besuch und hat mir ihren quengeligen Ton dagelassen.

Korrespondenz

Guten Morgen Traumfrau, schreibst du und damit ist der Traum, den ich schon im Halbschlaf festhalten wollte, endgültig weg. Natürlich meinst du meine Träume. Und doch mag ich die Doppel­deutigkeit unserer Korre­spondenz – ein zielloses Unter­fangen zweier Menschen, die doch nie zuein­ander finden werden.

Authentic Movement

Am liebsten am Boden, am Verkriechen und Verstecken. Meinen Tanzbe­griff ausweiten aufs Liegen.

»Wer hat jemals was von senkrecht gesagt?«

Briony Tallis

»Die Vorliebe für Miniaturen ist bezeichnend für einen ordnungs­liebenden Geist, ebenso aber auch die Neigung zur Geheimnis­krämerei.«

»Waren alle Menschen so lebendig wie sie selbst? … Zwei Milliarden Stimmen, und jeder einzelne fand seine Gedanken gleichermaßen wichtig, stellte gleich große Ansprüche ans Leben und hielt sich, genau wie alle anderen, für etwas Besonderes, dabei war eigentlich niemand etwas Besonderes. Ertrinken möchte man in seiner eigenen Bedeutungslosigkeit.«

»In einer Geschichte brauchte man sich bloß etwas zu wünschen, man musste es nur nieder­schreiben, und schon gehörte einem die Welt.«

»Der Preis für selbst­ver­gessene Tagträumerei war immer aufs neue dieser Augen­blick der Rückkehr, dieses erneute Sich-Wieder­ein­finden in das, was zuvor gewesen war und nun noch ein wenig schlimmer schien.«

»Gab es denn nichts anderes im Leben, nur drinnen und draußen? Konnte ein Mensch nicht auch woandershin?«

»… war es doch ein verlässlicher Grundsatz, daß nichts je so geschah, wie man es sich vorstellt, weshalb ihr dies als wirksame Methode galt, das Aller­schlimmste schon einmal auszu­schließen.«

Ian McEwan: Abbitte

Bücherduft

Ich lese in deinem Buch, das du am Strand gelesen hast. Es riecht anders als meine und anders als neue Bücher, auch anders als die Bücher aus der Bibliothek oder aus den Kisten unserer Nachbarschaft, und ganz anders als das Buch, das meine Oma neulich ausge­mistet hat – wenn ich darin lese, bin ich bei ihr und fühle mich wohl. Vielleicht ist es ihr Wasch­mittel, das alles um sie herum so riechen lässt. Wie wohl meine Bücher riechen? Sich selbst riecht man ja nicht. Papier fängt Düfte ein und vermischt sie mit den Geschichten.

Ideendusche

Die Idee kam mir vor ein paar Wochen unter der Dusche. Und eben dort lasse ich sie jetzt wieder los. Sie gurgelt noch im Abfluss:

»Willst du es nicht wenigstens mal mit mir versuchen?«

Wieso? Du bist nicht innovativ, wurde mir gestern gesagt, vom Direktor persönlich. Du machst mir nur Arbeit, die keinen inter­essiert, vielleicht nicht mal mich.

»Ich werde aber wieder­kommen, jedes Mal wenn du duschst, dir die Hände wäschst oder trinkst. Und wenn du schwimmst. Auch wenn die Heizung plätschert oder rauscht wie ein Wasserfall, bin das ich. Ich bin überall, wo Wasser ist.«

Und ich bin überall, nur nicht bei mir. Lässt du mich jetzt bitte in Ruhe duschen?

Lärmskulptur

Im Traum hält Matthias einen Vortrag mit musikalischer Begleitung von Gabi und Josh – sie spielt Cello und er Klavier in einer Wahnsinns­laut­stärke und Energie. Wir wechseln die Räume und setzen uns in Klokabinen, jeder für sich, alle diskutieren mitein­ander über die dünnen Trenn­wände hinweg. Die Kabinen werden zum Nacht­quartier, manche besuchen sich gegen­seitig und feiern bis spät. Zusammen mit Simona schlage ich die Zeit tot bis zum Beginn der ersten Chorprobe, die sich immer weiter nach hinten verschiebt. Es ertönt eine Bohrmaschine als Lärmskulptur.

Ungehorsam

Klein und naiv fühle ich mich nach dem Telefonat mit diesem lauten Mann, der mir rät, zu zivilem Ungehorsam anzustiften.

Mäuse

Diese Woche lebe ich in einer Welt aus Zahlen. Euros und Stunden, zu viele, zu teuer. Hochstaplerin im Dienst bis spät. Da ist dann kein Platz mehr für Nettigkeit.

Mücken

Die Mücken in unserer Wohnung – fast habe ich mich an sie gewöhnt. Kohabitation. Am liebsten kommt eine zu mir ins Licht, wenn ich lese oder einen Film schaue, dann krabbelt sie zwischen den Zeilen und Szenen herum.

Kleinkunst

Im Traum sitze ich in einem Vortrag und kann mich nicht konzentrieren. Neben mir ist eine so begeistert von der ganzen Veran­staltung, dass sie es mir ständig sagen muss. Sie wechselt zwischen den verschiedenen Bühnen hin und her, die Klein­kunst fasziniert sie. Die anderen im Publikum bereiten ihre nächsten Projekte vor und hören nicht zu. Alle senden, kaum jemand empfängt. Keiner will mehr sehen, aber alle gesehen werden. Ich stehe und gehe zwischen gedanken­ver­sunkenen Zuschauern umher. Zurück in meiner Bankreihe sagt die von vorhin: »Toll, oder?«

Versteckt

Besuch von Anastasia, die uns Fotos zeigt von ihrem Haus auf Lefkada. Da wollen wir hin, da gehen wir hin, im Mai! Sie zeigt uns ihre Strände und eine versteckte Bucht mit weißen Felsen, weißem Sand und türkis­blauem Wasser. Dorthin führt ein versteckter Pfad mit 300 Stufen. Nun ja, wohl nicht mehr ganz so versteckt, Google kennt ihn schon. Am höchsten Punkt der Insel eine kleine Kirche mit Rundblick, im Tal eine Fluss­wanderung mit Wasserfall. Ich träume mich schon mal dorthin, ans Ionische Meer. Io, Tochter des Fluss­gottes Inachos und eine der Geliebten des Gottes Zeus.

Wasserfall

Zum ersten Mal von dir geträumt, nun also auch nachts: Du durch­wanderst eine Wüste und findest einen Fisch, der japsend am staubigen Boden liegt. Du hilfst ihm auf und nimmst ihn mit. In der Zeitung liest du von Udo Lindenberg und wirst gedanklich er. Jemand sieht mich in deiner Kirche, wie ich dich anschmachte, während du spielst. Ich stelle mich zwischen die Orgel­pfeifen, dir gegenüber, ganz nah. Du impro­visierst, bis Wasser aus den Pfeifen rinnt, erst in kleinen Bächen, dann als Wasserfall, der uns von der Empore spült, ins Kirchen­schiff. Jetzt japsen wir und dein Fisch schwimmt munter davon.

Geschichtendieb

Ja, weiter­träumen ... bis mich der Aktiv­schläfer neben mir aus meinem Traum kickt. Nicht nur einmal, nein – erst zuckt er beim Einschlafen, als gerade ein Waldschrat mit zotteligem Bart seinen Kopf schief hält und mich um die Ecke ins Traumland zieht. Dann muss er aufs Klo und versetzt die Matratze in einen Wellengang, als schliefen wir auf einem Wasserbett. Zwei Atemzüge später atmet er so laut, dass kein Träumen mehr möglich ist. Oder doch: Til Schweiger erzählt von seinen Büchern, meine sind schöner. Dann dotzt sein Hintern gegen meinen und der Traum – eben noch alles, was wichtig war – ist unwieder­bringlich weg. Sonntag, 6:23 Uhr. Beim Träumen unter­brochen zu werden, macht mich wütend. Da werden mir Geschichten geklaut und mit ihnen das Vergnügen, sie im Halbschlaf zu notieren und später vielleicht zu tippen und dir zu schicken.

Kirchenmaus

Ich schleiche mich in die Kirche und lausche deiner Orgel, deinem Orchester. Das kleinste Noten­büchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Warum du? Geht das einfach so wieder vorbei und das Leben weiter? Ich sei immer in Bewegung, immer tut sich was, so dein Eindruck, der mir gefällt. Und weil mir im Leben dann doch zu wenig passiert, klammere ich mich an die Träume mit ihrem wechselnden Du.

Silvesternacht

Traum von einer Silvester­nacht, in der wir die Zeit vergessen. Erst um 0:37 Uhr frage ich Anja, wie spät es ist. Wir liegen uns auf dem Sofa gegenüber, teilen uns eine Decke und sprechen über Ziele fürs neue Jahr, uns fallen keine ein. Die anderen feiern nebenan, wir räumen kurz auf, gleich kommen noch mehr Gäste. Die kleine Carla ist putzmunter und isst Rosinen. Kai steht vor der Tür, fürs Klassen­treffen. Später in der Nacht sind wir viele und bereit, ein Verbrechen aufzu­klären. Eine Gruppe und einer allein, zur Tarnung.

Warten

Du lässt mich warten. Kommt davon, wenn man mit Bakterien und Orgeln verpartnert ist. So wird das aber nix mit deinem Buch. Augen auf bei der Protagonistenwahl!

»Eifer­sucht ist Liebesneid.«

Wilhelm Busch

»Also die Zitrone beim nächsten Mal vorsichtiger dosieren.«

Immer.

»Beim Cocktail nicht.«

Das ist aber kein Cocktail, das ist ein Salat.

»Und wenn ich Cocktail­tomaten reinge­macht hätte?«

Sintflut

Zur Einstimmung schickst du mir deine Orgel­impro­visation einer bedröppelten Christina im Regen – klingt nach Sintflut, die nach der Eiszeit kommt. Vor lauter Vorfreude mag ich gleich los in den Sturm zum Bus zu dir unter den Schirm. Zur Vorspeise setzen wir uns an die Kirchen­orgel, ich traue mich nicht zu spielen an so vielen Tasten nach so vielen Jahren. Lieber lausche ich deinem Sprint durch die Musik­geschichte von Buxtehude zu den Franzosen über Bach ins zwanzigste Jahrhundert. Die feinen Orgel­schuhe machen dich zur Märchen­figur und das Orchester unter deinen Fingern spult in meinem Kopf gleich mehrere Filme im Schnell­durchlauf ab. Neben den Tasten liegt ein Heft für Orgel­schäden und ein Telefon­hörer für einsame Organisten.

Zwei Straßen weiter am Kühlschrank deiner Küche (auch Why-Not-Bar genannt) findet sich für jede Gefühlslage ein passender Spruch. Erst Nachtisch, dann Hauptgang, dazu Wein und zwei Leben. Du beschreibst mich als Brief­umschlag, in dem ein Päckchen steckt, wenn man ihn nur aufmacht. Du lernst so viele Christinas kennen heute Abend, eine davon zieht in die WG von Andreas, Andrej und Andruschka.

Und dann fragt er:
»Wovon leben Sie eigentlich?«

Luft und Liebe, was sonst.

Zwei Narzissen, die sich gegen­seitig beäugen.

Verknallt

Ich hab mich verguckt, sage ich dir gleich, als ich heimkomme. Du lachst, kennst das schon von mir. Du weißt, da ist ein ganz feiner Mensch, den will ich kennen­lernen. Du hast es selbst mal erlebt, wie das ist, wenn ich plötzlich da bin, ganz und gar. Das lässt sich nicht beiseite schieben, das ist dann so. Ich bin verknallt. Vielleicht habe ich mir damit ein Wort aus der falschen Schublade geangelt. Neugierig, inter­essiert, fasziniert – es geht doch auch eine Nummer kleiner. Doch diese unmittelbare Begeisterung für einen neuen Menschen trifft der Knall doch am besten.

Bread Porn

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Glück

30: Du lernst, dass Glück relativ ist.
31: Es wächst am besten zwischen zwei Zuständen.

Heike Faller / Valerio Vidali: ›Hundert‹

Iglu

Der erste Schritt, im Slow-Walk.
Dann ein Zögern – zurück ins Iglu.

Schwarzwald

Traum von einem Besuch im Schwarzwald bei Sarahs Wohnprojekt. Ein Gespräch mit Ihrer Bankbe­raterin und dem Architekten, dabei wollte ich nur mal schauen. Alle trinken Bier und noch eins, ich bleibe beim Wasser und bin müde. Vor mir liegt eine lange Fahrt. Die Handys sind alt und haben keinen Empfang, so kann ich nicht schauen, wann der Bus abfährt. Ich soll noch bleiben und etwas essen vom Zucker­buffet.

Gift

Im Traum entdecken wir einen langen Wurm in der Brotschublade. Wir räumen sie komplett aus, da ist noch etwas: ein blau schimmernder Tausend­füßler, der in der Mitte breit ist wie ein Fladen. Er krabbelt auf eine große Knospe und verschwindet darin. Du rufst mich oder ich dich, wir können uns nicht hören. Du ziehst an einem Faden, der in die geschlossene Blüte führt und wirst ohnmächtig. Das Gift des Tausend­füßlers.