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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

»Gottseidank weiß mein Zettel­kasten nichts von Ordnungs­prinzipien und Selbst­ver­lorenheiten. Ihn zu durch­streifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurch­forsteten Dschungel. Was sich beim Durch­streifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolken­bildung und Erinnerungs­regen.«

Alissa Walser, zitiert in: Zettel­kästen, Maschinen der Phantasie

Alpenhof

Bergauf in der Appen­zellerbahn: Der schmale Streifen Bodensee erhebt sich, wird flächig und immer größer, wird zu einem riesigen, glänzenden Spiegel unter unent­schlossenem Himmel. Drei Länder teilen ihn unter sich auf, sind verbunden durch ihn, den sie lieben. Bergauf, bergauf – die Schweiz wie aus dem Bilderbuch: Eine Katzen­leiter am Bahnwärterhaus, ein schwarz glänzender Mähroboter unter Obstbäumen, eine Wander­gruppe in knall­farbigen Anoraks. An der Endstation wartet das Postauto zum Alpenhof: Buchvernissage!

Ich komme nicht raus aus diesem Gedanken­klumpen voller Kisten, voller Papiere, die vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, wertvoll sind. Wir streicheln sie, die zerbrechlichen Blätter, von denen viele schief gefaltet, aber wahrscheinlich alle leer sind. Man müsste jemanden fragen, der sich damit auskennt. Ich sollte damit aufhören, sie zu streicheln, denn mein Streicheln wird im Schlaf zu einem Kratzen, dem Papier und Haut nicht gewachsen sind. Sie werden zerfallen, so oder so. Wir werden zerfallen. Grau, braun, beige, verschiedene Formate, die Großen streicheln sich am besten. Mach die Kisten zu, aber bleib, bitte bleib.

»Ach lass – […] : Es ist Nichts so eilig, daß es nicht durch Liegen­lassen noch eiliger würde !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt : Vorge­setzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorge­setzter zu sein !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

Mein Leben

Mein Leben begann an einem vollge­krümelten Küchen­tisch. Nach 19 Jahren Sauberkeit beobachtete ich voller Freude und Freiheits­glück, wie mein zukünftiger Mitbe­wohner die Krümel einfach mit der Hand zur Seite fegte. Auf die dürftig gesäuberte, etwa DIN A4 große Fläche legte er den Mietvertrag – meinen Mietvertrag! Dann ging es los.

»Zwei Gefahren bedrohen unauf­hörlich diese Welt: die Ordnung und die Unordnung.«

Paul Valéry, zitiert in: Claude Simon, der Wind

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

Beschäftigt

Das beschäftigt mich. Ich will aber nicht, dass es mich beschäftigt. Also muss ich mich beschäftigen.

Geduld

Bitte haben Sie noch einen Augen­blick Geduld. Ihr Anruf ist uns wichtig. Sie werden zum nächsten freien Mitarbeiter durch­gestellt. Es befinden sich noch immer alle Berater im Dialog. Gerne können Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen. Zur Zeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Bitte haben Sie noch einen Augen­blick Geduld. Einen Augen­blick. Ihr Augen­blick ist uns wichtig. Haben Sie noch Zeit? Noch einmal einen Augen­blick? Haben Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal Zeit? Sie werden es alle versuchen. Zur Zeit, zu einem späteren Zeitpunkt, zum nächsten freien Zeitpunkt. Sie sind uns wichtig. Alle Mitarbeiter haben Sie gerne. Noch immer. Ihr Anruf, ihr Augen­blick Geduld, Zeit, alle Zeit ist uns wichtig. Unsere Mitarbeiter sind im Augen­blick. Alle. Immer. Noch einmal: Geduld ist wichtig im Gespräch, im freien Dialog. Gerne werden Sie zur Zeit durch­gestellt. Noch einen Augen­blick. Bitte. Sie haben noch Zeit. Im nächsten freien Augen­blick befinden sie sich im Zeitpunkt. Haben Sie noch einen Augen­blick Geduld.

Geht

Geht, geht gut, geht sehr gut. Geschirr­geklapper, Kirschen, Küsse, Komisches, Kaninchen, Kaba, Kanone, Danone-Sahne­joghurt, Kurt. Aber, Kadabra, Trara, Tralala, Lala, Luna, Leon, Lego, Go, Go, Go! No, No, No! Notwendigkeit, -keiten, Reiten? Eieiei, Eiertanz, Eier – gebraten, gekocht, geschält, gespiegelt, gekentert auf dem Bodensee, Juhee? Nee, nee. Du, Ich, ähm … Sauerrahm, Rama, Radieschen, Ratatouille, rasante Rosinen. Wie geht es ihnen, so klein­geschrieben? Frieden: alle lieben! Sieben Zwerge, fünf Berge, drei Särge – keiner mehr. Zahlen bitte. Wortklaubereien, Kreide, quietschende Gänsehaut, hinter den Ohren: grün. Genau, und laut, lauter Laute, läuternd, erläuternd, er läutert Euter mit Morgen­milch, der Knilch. Seifen­schaum und Pulver­schnee, Sonnen­brand auf Füßen, rücken­schwimmend im Wahnsinn der Dinge im Kopf.

Ach und Krach

Es ist und bleibt eine Baustelle. Es wird um-, an- oder neugebaut. Ein jeder plant, erfindet, verändert, macht und tut, bis kein Stein mehr liegt, wo er war. Der Gestaltungs­wille sitzt in allen Ecken. Er überstreicht, überfließt, überformt, Möbel, Häuser, Städte. Die Welt leckt sich ihre Wunden. Ach! Und Krach, überall.

Limmat-Gedicht

»Gibt’s ein Gedicht?«

Hinter mir steht ein kugel­runder Herr. Seine Glatze glänzt in der Morgen­sonne, er grinst mich an.

»Gibt’s ein Gedicht, gibt’s ein Gedicht?«

Äh, naja … so ähnlich vielleicht?

»Alles Gute!«

Noch immer grinsend setzt der Herr beschwingt seinen Weg entlang der Limmat fort. Erst als er aus meinem Blickfeld entschwindet, bemerke ich, dass er mir meinen Gedanken geklaut hat. Ein nicht mehr zu begreifender Satzanfang steht mitten auf der Seite und weiß nicht mehr, was er sagen wollte.

Das morgendliche Flussufer erscheint mir plötzlich ganz klar, als hätte der Herr meine Brille geputzt. Ein neonroter Kinder­garten rennt mich halb um, Schul­klassen am letzten Schultag vor den großen Ferien, Jogger im Minutentakt, Rentnerinnen auf Bänken und Stufen, Z’nüni bei den Bauarbeitern gegenüber, glitzerndes Geplätscher, Zigaretten­rauch, ein Hauch Sonnen­creme.

Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich auch im Notizbuch, im Kleider­schrank, auf meiner Haut.

Herrin der Dinge

Strom
Internet
Spülmaschine
Farbe, Walze, Pinsel,
Töpfe, Tassen, Gläser
Stühle
Schreib­tisch­platte, Böcke
Dusch­vorhang
Staub­sauger
Besen, Kehrwisch, Wischmopp, Eimer
Spülmittel, Spülschwämme
Geschirr­tücher
Tisch­decke?
Bettwäsche
Lampen
Spiegel
Badezimmer­teppich
Schuh­schrank
Pfeffer­mühle
Schleif­stein
Pfanne, Pfannen­wender

Woher kommen bloß all die Klassen­fahrten und Gruppen­reisen in meinen Träumen?

Sendepause

Seit geraumer Zeit gibt es diese unstillbare Sehnsucht nach einer Sende­pause. Nach einer Pause für das Internet – übrigens das einzige Ding, das noch genutzt wird. Nein, kein Radio mehr, kein Fernsehen. Bücher ja, aber Musik stört zumeist und Filme beschäftigen so sehr und so lange, dass man seine Träume nicht mehr sieht. Nach und nach haben also immer mehr Leute damit aufgehört, in die Röhre zu schauen. Etwas ratlos sind sie nun, die Leute, denn sie wissen nicht mehr, wonach sie ihre Polster­garnitur ausrichten sollen. Das ist gar nicht so einfach, seit es den Fernseher, dieses Lager­feuer, nicht mehr gibt.

Manchmal denkt jemand an die Anekdoten der Väter, vor allem an die, die so oft erzählt wurden, dass die eigene Vorstellung davon fast mit der eigenen Erinnerung verwechselt wird. Sie waren klein, die Väter und auch deren Brüder, die noch kleiner waren. Zusammen saßen sie da, neben­ein­ander, beide mit erwartungs­frohem Blick auf dem Fernseh­gerät. Sie starrten gebannt auf das Testbild, obwohl sie wussten, dass das Programm davon auch nicht schneller beginnt. Später, als das Programm eigentlich schon begonnen hat, lehnen sich die Väter der Väter aus dem Fenster und fischen, die Antenne in der Hand, nach dem Empfang. Nichts. Kein Ton, kein Bild – Rauschen.

Dann war plötzlich auch das Rauschen weg. Bild- und Sprachlosigkeit. Stille. Nichts war mehr zu hören oder zu sehen. Sende­pause aller Instanzen. Selbst die Väter schwiegen und ihre Anekdoten verblassten. Nur noch wenige erinnern sich an das Rauschen. Kaum jemand weiß noch, wie das Testbild damals aussah. Dabei hatten sie so lange und so oft davor gesessen und gewartet, dass es anfing und losging und blitzte und donnerte und störte und beschäftigte und von den Träumen ablenkte und die Bücher vertonte und verfilmte.

Seit geraumer Zeit gibt es nun diese unstillbare Sehnsucht nach dem Testbild von damals. Alle sprechen davon, alle wollen es sehen. Wenn das Testbild da ist, dann geht es bald los. Doch bevor der Vorhang sich hebt, ist Sende­pause.

Lücken

Jede Sammlung kann als gescheitertes Projekt gesehen werden. Je größer die Sammlung, desto größer die Lücken.

Planung

Die Planung ist nicht dazu da, einge­halten zu werden, sondern dazu, zu wissen, wovon man abweicht.

Blechtrommel

»Klepp schlägt zeitweise Stunden mit dem Entwerfen von Stunden­plänen tot… Nur wahre Faulpelze können arbeits­sparende Erfindungen machen.«

»Es ist aber das Verhältnis der Erwachsenen zu ihren Uhren höchst sonderbar und kindisch in jenem Sinne, in welchem ich nie ein Kind gewesen bin. Dabei ist die Uhr vielleicht die großartigste Leistung der Erwachsenen. Aber wie es nun einmal ist: im selben Maß, wie die Erwachsenen Schöpfer sein können und bei Fleiß, Ehrgeiz und einigem Glück auch sind, werden sie gleich nach der Schöpfung Geschöpfe ihrer eigenen epoche­machenden Erfindungen. Dabei ist die Uhr nach wie vor nichts ohne den Erwachsenen. Er zieht sie auf, er stellt sie vor oder zurück, er bringt sie zum Uhrmacher, damit der sie kontrolliere, reinige und notfalls repariere. Ähnlich wie beim Kuckucksruf, der zu früh ermüdet, beim umgestürzten Salzfäßchen, beim Spinnen am Morgen, schwarzen Katzen von links, beim Ölbild des Onkels, das von der Wand fällt, weil sich der Haken im Putz lockerte, ähnlich wie beim Spiegel sehen die Erwachsenen hinter und in der Uhr mehr, als eine Uhr darzu­stellen vermag.«

»Angenehm langweilig und unbeschwert albern.«

»Durch eine infame Architektur um einen lohnenden Ausblick gebracht, schaute ich mir nur noch den Himmel an und fand schließlich darin Genüge. Immer neue Wolken wanderten von Nordwest nach Südost, als hätte jene Richtung den Wolken etwas Besonderes zu bieten gehabt.«

Günter Grass: Die Blech­trommel

Grauschleier

An irgend­einem Punkt vor ein paar Jahren haben die Dinge aufgehört normal zu sein. Nichts war mehr, was es davor gewesen ist, alles musste ich neu lernen und die Falten auf meiner Stirn wollten nicht mehr verschwinden. Was war der Musik passiert? Was machte das Essen so schwierig? Was hat den Grauschleier auf alle Kleider gelegt? Was hat die Uhren beschleunigt? Was hat mich so weit weg getrieben von allen und mir? Was ist hier los?

Banane

»Fernsehen, davon war die Rede, Fernsehen als Instrument der Bewusst­sein­sindustrie und überhaupt Kunst im technischen Zeitalter, insbe­sondere Fernsehen, dazu kann jeder etwas sagen, ausge­nommen Gantenbein mit dem Mund voll Banane.«

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Parallelzeit

»Das Projekt eröffnet eine andere, heterogene Parallelzeit – die Zeit einer gewollten und gesellschaftlich legitimierten Einsamkeit.«

Boris Groys: Die Einsamkeit des Projekts

Quote Null

Kunst inter­essiert keinen. Nur durch äußere Umstände, weil sich einer ein Ohr abgeschnitten hat.

Raketenstation

Wie träge sich die letzten Seiten füllen. Ich wage kaum mehr etwas zu notieren. Ein neues Buch erst dann, wenn das hier überstanden ist. Ich schreibe um mein Leben im Jetzt und entferne mich immer weiter davon. Wie weit kann ich gehen, um noch unbeschadet zu mir zurück­zufinden? Es mag Jahre dauern, Jahre der Verwirrung, nicht bei mir. Was mache ich hier? Ich stolpere durch Berge aufge­schlagener Bücher auf dem Tisch von Oswald Egger und sage: Hallo, hier bin ich, was kann ich für dich tun? Welch absurde Frage bei meiner akuten Sehnsucht nach dem Nichts. Ein Leben ohne Kalender, ohne Uhr und ohne Pflichten. Das Hier und Jetzt, ich weiche ihm aus, ignoriere die Sonne, sehe die Blumen nicht. Er sagt: »Inter­essant, weil man so gar nicht sieht, wo das hinführt, dieses Schreiben.«

Charaktere

»Das Buch mit den in uns einge­grabenen, nicht von uns selbst einge­zeichneten Charakteren ist unser einziges Buch.«

Marcel Proust

Vergangenheit

»Die Vergangenheit ist immer neu. Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet … Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters.«

Italo Stevo