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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

»Denn nicht wenigen scheint es, als käme die Gegenwart sich selbst abhanden.«

Hanno Rauterberg: Das große Leuchten
DIE ZEIT No 17

Gepäck

Das Gepäck ist weg, wo sind die Koffer? Ich muss zurück, doch all die Leute! Aus der U-⁠Bahn schwappt ein Menschen­strom. Alles drückt und schiebt und drängt mich weiter, dann plötzlich bin ich draußen. Beladen mit Taschen und Koffern kämpfe ich mich durch die Straßen. Das Gepäck beisammen zu halten erfordert alle Kraft und Aufmerksamkeit. Von oben knallt die Sonne, ich schleppe mich weiter, habe es eilig, verliere ein Gepäck­stück nach dem anderen, doch weiter, dringend weiter, bis ich mich verlaufen habe. Die Straßen kenne ich, die Städte wechseln, bei Nacht sind sie doch alle gleich. An einer dunklen Ecke stehen meine Koffer. Zu viele Koffer für eine Reisende allein. Als ich sie öffne, fällt mir ein, dass sie leer sind. Das waren sie die ganze Zeit.

Schon wieder geträumt, den schwer bepackten Traum. Die Städte wechseln, die Eile bleibt. Eine Traum­reise in die Metro­polen der Welt, wo ich nichts besseres zu tun weiß, als Terminen und Koffern nachzu­jagen.

Dabei reise ich doch nie mit Koffer!

Zwölf Minuten

Noch eine Minute. Vielen Dank, Sie hören von uns. Die unvoll­endeten Sätze hallen nach, unbeantwortete Fragen hängen in der Luft und die Lücken werden mehr und größer und schwarz. Das wird nix.

»… eine Allegorie dieses schillernden Umwegs, das formvoll­endete Pamphlet der spielerischen Sublimation.«

Ingeborg Harms: Die Zauber­lehrlinge machen Party
DIE ZEIT Nr. 12/2013

Vergessen

Haben Sie auch nichts vergessen? Den Koffer, den Schirm, habe ich. Nur das Geld, die Plastik­karten, die Identität gingen auf dem Weg verloren.

Der Junge im Zug gegenüber hat abstehende Ohren. Ich glaube so war das manchmal, das Gefühl, es zerreißt mich, wenn ich –
… sein Knäckebrot passt hier so wenig rein wie Cake!

Also warum ich damals immer wieder und ohne nachzu­denken – es war ein Stechen, ein Pfeil in meinem Körper, der mir eine Lebendigkeit im Sterben vorgaukelte. Und dann lag ich da wie tot oder zumindest todmüde in den Schlaf flüchtend, weil ich ihn da neben mir nicht sehen und von unserer gespielten ahnungslosen Nähe nichts wissen wollte. Vergessen im Schlaf. Wenn ich jetzt morgens aufwache, sticht mich kein Pfeil, nur eine warme Sucht nach Unendlichkeit. Bekommen andere auch Pfeile ab? Wie viele habe ich schon getroffen? Nur weil ich Augen habe?

Eisgekühlte Kunst

Ich schlage das Buch auf und alles ist weg. Dieses Weiß, dieser Kugel­schreiber aus blauem Kunst­stoff – falsch zwischen all dem dicken Moos. Dieses Hadern, dieser Unmut über laute Straßen – verstummt zwischen Hombroichs alten Bäumen.

Danke für’s Telefon

»Murad, die Million ist mir wichtiger als die paar Namen. Glaub mir, es gibt nichts zu verstecken, die Daten kommen heute noch, habe ich dir doch gesagt, Murad. Ich bin unterwegs, gerade über die Grenze, mach dir keine Sorgen.«

Zu nah

Wir sind uns zu nah, mein Bauch krampft sich zusammen, die Musik schnulzt mich zu, das Parfüm des Neben­sitzers drängt sich auf und das Lied wiederholt sich bis in alle Ewigkeit, bis ich im Altersheim sitze und mich einer mit Falten umrankten und wässrig gewordenen Augen ansieht. Dann falle ich vom schlecht gemusterten Stuhl und er, der mir zu Hilfe eilt, stolpert und fällt und wir liegen am Boden und lachen und alles tut weh.

Schaut mich an, einmal täglich, auf dass ein Schreib­aus­bruch den Alltag lahmlegt und die Welt zum Glühen bringt, rettet mich aus dieser Verkopftheit und verwandelt den Zug in eine funken­sprühende Rakete.

Er steigt aus? Er steht. Er sucht und findet eine Zeitung, um sich hinter ihr zu verstecken.

Rund

Ein rundes Gefühl in den Armen.
Wie ein Plakat mit Kreis,
Eine Kuppel auf dem Dach,
Oder eine große Kugel tragend.
Wir hüpfen im Sitzen über die Wiese.
Ein kleiner, enger Nachmittag mit Sonne,
Die Arme rund, bereit zur Umarmung.
Flieh­kräfte beim Aufwachen,
Im bequemsten Bett der Welt.

Spuren

Ausge­tretene Stufen und festge­trampelte Trampel­pfade, verwohnte Wohnungen und zerlesene Bücher, abgegriffene Tische und durch­gesessene Sessel. Spuren, die Geschichten erzählen von denen, die vor mir da waren. Nichts Neues. Und doch das, was uns über Generationen hinweg zusammenhält. Spuren, die mich erden.

»Die Gewissheit, dass alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen.«

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel

Zu viel Luft

»Du schreibst jetzt?
Wie lange denn?«

Das weiß ich nicht
Das weiß ich nie

Nur ein wenig Wahnsinn
Und etwas mehr
Als deine Hände
auf der Stufe vor mir liegen
Sie könnten zupacken
Meine Knöchel umfassen
Bis ich rückwärts falle

Du lachst
Ich habe Angst

»Darf ich reinkommen?«

Nein

»Aber –
Warum nicht?«

Lass mich bitte

Vielleicht finde ich mich
Im Spiegel wieder
Doch da ist nur Haut
Sie brennt
Und zerfällt

Alles hier in dieser Wohnung
Wenn wir tagelang nur uns sehen
Uns nicht mehr sehen
Weder uns gegen­seitig
Noch uns selbst

Ich starre auf meinen Teller
Die Ordnung der Reste zu entschlüsseln

Intellektueller Tourismus
Nichts weiß ich

»Du bist süß.«

2503011221 11:52
Jede Klorolle hat ihre Nummer, ihre Zeit

Die Sinfonie der Lüftung
Unauf­hörlich
Und wenn sie aufhört zu singen
Beginnt der Kühlschrank

»Ich glaube Stille
würden wir nicht ertragen.«

Oh doch

»Totale Stille, also gar nichts?
Kein Wind?
Kein Vogel?
Kein Radio?«

Kalte nackte Fliesen
Meine Zehen frieren
Ich zerfalle
Habe mich verirrt
In diesen vier Wänden

Es ist sauber
Und kalt
Arbonia

»Dein Mund steht offen.«

Luft

»Deine Lippen sind vertrocknet.«

Zu viel Luft

»Lüftung?«

Heizung

»Haut?«

Ruhe jetzt

Dazwischen

Mit dem Kopf zwischen zwei Leben. Noch am einen Ort und doch schon nicht mehr da. Hier wie dort fehlt die andere Hälfte der Zeit, Planung und Gepäck geraten durch­ein­ander, in der Hektik geht die Konzentration flöten.

Zuhause bin ich nunmehr im Dazwischen, zwischen Abfahrt und Ankunft, während hier und dort ihren Standort wechseln und mein Wohnzimmer seine Tapete – Heute: Schnee­motive.

Gantenbein

»Sie hat (so könnte ich mir denken) in einer verzweifelten Laune etwas beschlossen, die Laune ist weg, die Verzweiflung nicht, der Entschluss muss vollstreckt werden zwecks Selbst­achtung; sie trinkt –«

»Ich probiere Geschichten an wie Kleider.«

»Alles unver­ändert: nur ist es nicht gestern, sondern heute. Warum ist es immer heute?«

»Er wollte ins Museum gehen. Um nicht in der Welt zu sein. Allein und jenseits der Zeit wollte er sein.«

»Ob sie noch schlief?
Sie hatten einander versprochen, keine Briefe zu schreiben, nie, sie wollten keine Zukunft, es war ihr Schwur:
Keine Wieder­holung –
Keine Geschichte –
Sie wollten, was nur einmal möglich ist: das Jetzt …«

»Noch gab es für sie keine Wieder­holung auch nur der Tageszeit. Kein gestern, kein heute, keine Vergangenheit, keine Überwindung durch die Zeit: Alles ist jetzt.«

»Er wusste nicht was machen gegen die Zukunft, die mit dem Erinnern schon begann.«

»Die Zeit, die uns immerfort überholt, Vergangenes in jeder Bagatelle.«

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein

Wie kann sich so ein junger Mensch mit so viel Vergangenheit beschäftigen?

!

Punkt. Nein, ein Ausrufe­zeichen! Zwei!! Drei!!!
Nun stehen sie da und hallen nach, als hätten sie zu laut gelacht. Sowohl von lautem Gelächter als auch von Ausrufe­zeichen will man wissen, was davor kam. Und, was war? – Unange­messen überschwänglich und viel zu euphorisch. Der Punkt ist entlarvt. Er vollführt hier seine Akrobatik mit dem Strich, ohne zu beachten, was er da unter­streicht. Aussagen waren gestern. Der alles ironisierende Zeitge­nosse bevorzugt den Punkt.

Deckenbilder

Ein verspiegeltes schwarzes Rechteck auf dem Tisch. Der Blick darauf geht nach unten und sieht die Decke mit Beamer, Kabel­kanal, Leucht­stoff­röhren, Steckdose, Haken. Oder Himmel.

Tombola

Durch Tombola zum Trampolin, es trampeln die Ampeln, wenn die Pendel enden, denn wer kann die Kenner nennen, oder öfter was öffnen, öffentlich, Flöter und Kläffer im Kloster, dem Globus ein Obolus, lustig im durstigen Dunst, sonst, ansonsten die Sonne, nicht ohne, oder Tiroler, ein rollender oller Teller im Text.

Hausieren

Heute weigere ich mich erstmals in diesem Studium ausdrücklich, eine Hausaufgabe zu erfüllen. Doch es raubt mir den Schlaf, also knipse ich den Tag wieder an und lasse den Stift erklären, dass Hausieren nicht mein Medium ist – Kunst hin, Workshop her.
Ein Medium vorge­geben zu bekommen wider­strebt mir zutiefst, vor allem wenn der Inhalt dem Medium wegen erst noch erfunden werden muss. Ausge­bildet für Inhalt und Form habe ich mir über die Jahre einge­bildet, dass Inhalt am besten aus sich selbst heraus entsteht, und erst dann das Haus verlässt, wenn er weiß wie und warum. Solange bleibt er drinnen.
Nach vier Monaten Dauer­beschallung von außen, ist es drinnen still geworden. Nun kann klopfen wer mag, ich habe nichts zu sagen, will nicht gestört werden, geschweige denn andere stören und bleibe zu Hause, wo ein dickes, graues, schlechtes Gewissen vor der Tür steht und nervt.

Verknotet

In den Kopf geht alles rein, verquirlt sich und was rauskommt ist ein spannendes Durch­ein­ander. Nur wenn man zieht, entsteht ein Knoten. Dann kommt gar nichts mehr. Jeder Satz ist rausge­presst und was da steht, hat so wenig mit mir zu tun wie die Finanzwelt, die Raumfahrt, Comedy, Hiphop, Erdnuss­flips, Computer­spiele, Zigaretten, Schuss­waffen, Autolärm, Skifahren, Paprika und Zürich.

Gute Nacht

Wenn man sich abends Gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unter­nommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verab­schiedet.

Archivologie, Fazit

Das Archiv ist mächtig, aber nicht so neutral, wie es gerne wäre. Das Archiv weiß mehr als die Geschichts­bücher und stößt doch an die Grenzen des Sagbaren. Das Archiv lebt auf, wenn es zum Produktionsort einer Erzählung wird, doch lebendig ist es nur im Entstehen.

Zugtratsch

Im Zug lausche ich drei junge Frauen, sie besprechen die Liebe ihrer Eltern. Der Vibrator als Weihnachts­geschenk für die Mutter war zu teuer, also doch eine Flasche Champagner. Der Vater der anderen hat auf einer Geschäfts­reise eine Frau abgeschleppt, die Mutter daraufhin einen tollen Freund gefunden. Sie selbst wohnt mit ihrem Exfreund zusammen und … ach bei den Themen kann die dritte nicht mitreden. Seit sechs Jahren ist sie in einer geheimen Beziehung, das ganze Dorf weiß Bescheid, nur die Eltern dürfen davon nichts erfahren. Liebe gibt es nur zwischen Mutter und Tochter in der Familie – alles andere geht vorbei. Tattoos bleiben: Das elbische Zeichen für Seele oder doch lieber eine weibliche Schnake auf dem Rücken? In der Küche stapelt sich das Geschirr, bis es schimmelt – er spült. Der Mitbe­wohner kifft von morgens bis abends. Dann doch lieber mit dem Exfreund wohnen.

Dezemberhimmel

Mit dem Kopf in der Zukunft, während sich die Gegenwart der Schweizer Landschaft vor dem Zugfenster ausbreitet. Der Himmel ist schön, Dezember­himmel. Driving home for Christmas.

Und ich weiß mehr als ich weiß

Mein Ich ist wandelbar, wie jedes Ich
Allein wenn ich die Augen schließe
Bin ich wer anders und kann jede sein
Heute früh sogar ein Mann
Wann genau der Traum begann
Macht keiner fest
Denn Träume geben sich die Klinken
Einfach so von Hand zu Hand
Ohne Begrüßung, ohne Abschied
Kämpft sich das Traum­schiff auf und ab
Und durch die Wogen
Über Wellen­berge durch Wellen­täler
Alles gleich­zeitig und manchmal nichts
Und viel, so viel, dass beim Aufwachen
Brei daraus geworden ist
Wie ich wünscht’ ich könnte reimen
Dann entsteht am Ende Sinn
Doch so bleibt nur das Beschreiben
Von Frauen und Männern
Die ich selber bin
––
Meine Oma wirkt nervös und fahrig
Enkel nur Montags und Dienstags
Das ist nicht genug
Ich schlafe ein und werde nicht wach
Als der Dozent fragt wo denn alle sind
Die Oma rennt im Kreis
Bis sie umkippt, in meine Arme
Ein Sessel, ein Glas Wasser
Wir sind im Haus meiner Eltern
Sie erwacht mit einem Lächeln
Hat vergessen wer sie ist
Ich erkenne hier nichts wieder
Doch sie erkennt nicht mal mehr mich
Sie tanzt zur Tür, zum Garten
Wo Dunkelheit sie zu verschlucken droht
Im Wahn des Moments will sie weiter
Ich halte sie fest
Verzweifelt gehe ich zum Telefon
Ein Arzt, ein Notfall
Die Verbindung zerhackt die Wörter
Hallo, hören Sie mich?
Vater und Schwester eilen vorbei
Keine Zeit für Omas Allüren
Sie kommen und gehen
Und lassen mich stehen
Dann kommen sie wieder
Und versprechen zu helfen
––
Höchste Zeit, ich bin in den Bergen
Mit meinem besten Freund
Den ich zuvor noch nie gesehen
Er ist verrückt, wie meine Oma
Gefangen im Moment, ohne alle Sorgen
Vor dem Wandern gehen wir baden
Meer, Felsen und Freizeit
Buntes Gelächter vom Ufer gegenüber
Bis sich der Himmel verdunkelt
Der Sitten­strolch hat zugeschlagen
Alle Hotels verbarrikadiert
Wir warten im Schlafsaal
Auf dass die Zeit vergeht
Auch ich bin nun ein Mann
Haare sprießen auf uns allen
Die einen haben Sex
Die anderen dösen im Dämmer­licht
Vorhänge verdecken die Fenster
Doch die Angst kriecht durch die Tür
Sie knarzt und durch den Spalt
Schlüpfen zwei Gespenster
Schwarzweiß bemalte Gesichter
Freundin des einen, Freund der anderen
Beide mit Sense und lachendem Hohn
Der Sex greift um sich, die Frau trägt Bart
Eine Haarsträhne am Ellbogen
Was soll das alles und wie geht es Oma
Der Wecker klingelt ein fünftes Mal
Was kann der Tag schon dazu sagen
Nichts weiß er, denn ich bin viele

Euch interessiert also nur der Rahmen

Von Außen nach Innen
Das Außen stülpt sich über Alles

Vom Vorhang ins Licht
Der Vorhang bildet den Hinter­grund

Vom Rahmen zur Form
Der Rahmen erdrückt den Inhalt

Welcher Inhalt eigentlich?

Zuhause

Die Wahrnehmung des Ich im Gehäuse:
Haut, Körper Kleidung, Raum, Haus.
Eine Parabel für das Existieren überhaupt.

Wo immer sie mit ihrem Mann ist, ist sie zu Hause.
Er ist ihr Gehäuse und sie seines.