Stillen, alle zwei Stunden oder drei, maximal vier, länger bin ich nie allein, seit vier Monaten. Stillen, dann Stillliegen zwischen beiden Kindern. Das große hält bei jedem Atemzug die Luft an, um nicht einzuschlafen, und sagt: »Ich vergesse heute alles, was ich gut machen soll.« Zwei Stunden liegen wir schon wach im Dunkeln. Ich wünsche mir ein Gerät, das meine gedachten Sätze licht- und lautlos zu Zeilen schreibt, während ich hier so liegen muss, bis es gleichmäßig atmet und der Abend mir gehört. Und was mache ich damit? Jetzt Licht. Noch einmal deinen Brief lesen, der zwar mit mir am See war, doch dort wollte ich nur vergessen, mich weglesen, Trost finden: ›Other writers need to concentrate‹. Ich könnte dir das Buch schicken, bezweifle aber, dass dich die literarisierten Nöte schreibender Eltern so rühren wie mich.
Im Traum ein Bergdorf mit Kriegsbaracke, ich will nicht weitergehen. Von oben sehe ich dich am Boden unter Wäschebergen glitschige Perlen entdecken, sie bewegen sich. Bestimmt übertragen sie Malaria oder etwas anderes. In meinem Bein steckt auch so eine Perle fest, ich kratze sie auf und weg. Draußen auf dem Platz essen wir sehr touristisch, der Lautsprecher knackt permanent, doch ich muss schreiben. Du siehst mich durch dein Glas mit Papier und Stift, nur da bin ich ich. Die halbe Nacht warte ich darauf, dass du das Baby wieder zu dir nimmst. Halboffener Schlaf, ohne Stift aus dem Traumland gekickt. Dieser Traum ist filmreif und wieder weg nach dem x-ten Stillen vom Baby und wieder Zudecken vom Kind. Was mir bleibt, ist dein verachtender Blick. Ja, ich war nochmal oben im Hotelzimmer, das jetzt deines ist. Ich sah deine Taschen vor dem Spiegel stehen, unausgepackt. Auf der Treppe kommen wir uns entgegen, du siehst mich misstrauisch an. Meinen Schuh und den Stift hatte ich dort vergessen, beteure ich und wedle damit. So verabschieden wir uns, der Traum und ich.
»Wie schmerzlich war es, nur deshalb geliebt zu werden, weil man existierte. Was für eine Unruhe brachte eine solche Liebe mit sich. Wie sich die Gedanken vor Ungläubigkeit verwirrten, wie das Herz vom beschleunigten Klopfen anschwoll. Wie die Welt in die Ferne rückte und ihre Greifbarkeit verlor.«
»Auf Reisen trifft man letzten Endes immer auf sich selbst, als wäre man selbst sein Reiseziel. … Bei sich zu Hause hört man auf, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und dann sieht man am meisten.«
»Und erst als sie aufwachte, begriff sie, dass sie sich auf eine Reise begeben hatte; vorher war es nur eine Fortbewegung im Raum gewesen, eine gewöhnliche, nicht weiter bemerkenswerte Ortsveränderung. Erst der Schlaf schließt das Alte ab und öffnet das Neue, der eine Mensch stirbt, der andere erwacht zum Leben. Dieser schwarze Raum ohne Eigenschaften zwischen den Tagen ist die wahre Reise.«
»Ich dringe durch den Mund ins Innere der Menschen ein. Die Menschen sind innen wie Häuser. … Von innen wirken diese Häuser unbewohnt. … Aber ich weiß, dass ich im Inneren eines Menschen bin. Das erkenne ich an kleinen Einzelheiten. Eine der Korridorwände ist fleischfarben und pulsiert leicht. Manchmal dringt aus der Tiefe ein fernes, gleichmäßiges Rumoren an meine Ohren, manchmal rutscht mein Fuß auf etwas Festem, Geädertem aus.«
»Sie lebten im Schloss, obwohl sie es weder erbaut hatten noch genau kannten, was bei den verschiedenen unerlässlichen Reparaturen besonders deutlich wurde. … Einige von ihnen studierten Philosophie oder Literatur, aber auch nur zu dem Zweck, ihr Leben in diesen paradiesischen Gefilden noch intensiver und voller auskosten zu können. Um Bescheid zu wissen. Um sich eines Ziels oder des Mangels eines solchen klar zu werden. Um sich darüber klar zu werden, wie es sein kann. Und das musste reichen.«
»Ich bin auch in einem Schloss geboren. … Ich stellte mir mein Zuhause immer als etwas Essbares vor. Wahrscheinlich habe ich es einmal aus Versehen wirklich gegessen, denn jetzt steckt es in mir drin, ein mehrstöckiges Gebäude mitten in mir. Wir bewohnen einander. Ich bin in ihm, und es ist in mir, manchmal fühle ich mich wie ein Gast darin, manchmal als Besitzerin. Nachts tritt das Schloss deutlicher hervor, es leuchtet grünlich durch die Dunkelheit. Im Sonnenlicht ist es zu grell, deshalb bleibt das Schloss tagsüber unsichtbar, aber ich fühle es in mir.«
»Es war schön. Man musste nur achtgeben, dass man nicht zu viel sagte und nicht zu laut. Dass man keine Meinung äußerte, nicht bewertete, nicht zu viel hörte, nicht hinschaute. Das war nicht schwer, denn sie hatten ja einander und das Haus und das Klavier und die Blumen im Garten.«
»Von diesem Zeitpunkt an konnten die beiden sich nicht mehr daran erinnern, was sie den ganzen Tag über gemacht hatten. Ein Tag erschien wie der andere. Das Verrinnen der Zeit ließ sich nur an den Wäschehaufen im Badezimmer ablesen.«
»Wie sieht die Welt aus, wenn das Leben nur noch Sehnsucht ist? Sie sieht papieren aus, zerkrümelt zwischen den Fingern und zerfällt. Jede Bewegung betrachtet sich selbst, jeder Gedanke betrachtet sich selbst, jedes Gefühl fängt an und hört nicht auf, und zum Schluss wird der Gegenstand der Sehnsucht selbst papieren und unwirklich. Nur das Sehnen ist wahrhaftig und macht abhängig. Dort zu sein, wo man nicht ist, das zu haben, was man nicht besitzt, jemanden zu berühren, den es nicht gibt. … Vor dieser Sehnsucht kann man nicht fliehen. Man müsste dafür dem eigenen Körper entfliehen, aus sich selbst hinaus. Soll man sich betrinken? Wochenlang schlafen? Sich bis zur Besessenheit in Aktivität verlieren?«
»Mir ist, als hätte ich alle Pullover der Welt schon einmal angehabt.«
Olga Tokarcuk: Taghaus Nachthaus
Im Traum probiere ich Schnürsenkel mit Soße von meinem Nebensitzer, ein dünner Mann, dem das Essen nicht schmeckt. Gegenüber wird eine fade Schuhsohle mit Kimchi verfeinert, ich esse den Rest. Von zwei Seiten höre ich Klagen der Liebe, die spontan zu mir wandert. Ich will sie nicht, wie ich auch euer Essen nicht wollte, ich hatte absichtlich nichts bestellt.
Ich liege wach mit deinem Husten, der in mir eingezogen ist, er bleibt mir treu für den kleinen Rest unserer Zeit. Deine rosa Lippen tanzen im Bunker mit ihr und allen, denen du noch gefallen sollst. Gefallen aus allen Wolken ins Nichts deiner Worte, die schon verblassen, wenn du sie schreibst und verschwinden, wenn sie mir gefallen haben, oder wem? Austauschbares Du, für sie, für dich. Sie fragt dich nicht nach mir und mich nicht nach dir. Ausgesprochen verfliegt ihr der Zauber jenseits der Worte. Ich kenne ihre Heimlichkeiten zu gut, schütze mich vor ihr, in die du fällst. Treuer Husten hältst mich wach und aus für heute Nacht.
»Die Momente zwischen den Lesenden und Schreibenden sind Geschenke, deren Schönheit in ihrer Flüchtigkeit besteht. All das sagt vor allem eins: dass wir als Schreibende vielleicht gar nicht so genau wissen, was wir tun.«
Daniel Schreiber
»Schlussendlich ist ein schönes Buch vor allen Dingen eine perfekte Lesemaschine (…); und es ist gleichzeitig ein Kunstgegenstand, ein Ding, aber eines mit Persönlichkeit, das die Zeichen eines eigenen Denkens trägt.«
Paul Valéry 1926
Im Traum landen wir in einem Theaterstück, die Bühne voller brauner Pappröhren und Verpackungsmaterial, darin wartet eine träge Truppe auf Bestellungen. Das Stück heißt: ›Die Verlegerin‹. Auf einer anderen Bühne steht ein Typ in einem Wald aus Mikrofonen, er will für sein Bühnenbild gelobt werden, was niemand tut. Frustriert trinkt er das Blumenwasser aus den Vasen und wirft die Blumen ins Publikum. Wir folgen einem Licht ins Dunkel, besteigen ein Raumschiff und legen ab, fliegen den Lichtwölkchen hinterher, die uns der Flugvirtuose vor uns als Orientierung ins dunkle Nichts auspufft. Zwischendurch biegt er ab in kleine Wolkenwelten, um Leute einzusammeln und ein verlorenes Kind zu retten. Wir folgen ihm, durchqueren Schlick und Algenfelder, reißen uns los und wieder hinauf. Auch meine Eltern fahren herum mit Oma, der sie Basel zeigen und kleine Hafenstädte. Auf dem Rückweg wollen Sie zu uns und mein Gepäck abholen, bei der Hitze reicht mir der neue Badeanzug: Eine Galaxie mit Neonbändern an den Seiten zum Zusammenziehen, so schrumpft der Sternenstoff zu einem Päckchen, klein und leicht wie ein Tischtennisball.
Im Traum reisen wir im Zug von Stadt zu Stadt, wir sind auf Tournee mit unserem Wasserspaziergang. Sind wir hier richtig, wo müssen wir raus, kommen wir rechtzeitig an? Kein Ortsschild am Bahnsteig verrät uns, wo wir sind. Ich will mein Handy befragen, doch darin schwappt nur Spülwasser mit weißen Schaumblasen, nicht mehr zu gebrauchen als Karte, Kompass oder Uhr. Irgendwo steigen wir aus, machen Pause am Strand, haben solch eine Lust, dass uns die Zeit egal ist und auch die anderen Leute, wir rennen nackt ins Meer. Die Lust bleibt bei mir bis im Hotel die große Lea bei mir ist, mein Kopf reicht ihr bis zum Bauch. Sie hängt mich kopfüber mit den Beinen über ihre Schultern. Müssen wir nicht los? Im Handy noch immer nur Schaumwasser. Bestimmt ist noch Zeit.
Im Traum soll ich einen Vortrag vor einer Klasse halten, ständig kommt und geht jemand, meine Stimme bricht weg. Wir hüpfen uns wach und versuchen ganz still zu sein – wie schwer das ist! Ich will brüllen und kann nur krächzen, da wird es still. Beim Einschenken passiert mir eine sprudelnde Überschwemmung, wir lauschen, wie das Wasser vom Pult auf den Teppich tropft. Barfuß schleiche ich durch die Reihen und sammle alle Gesten der Klasse ein.
Ich höre auf, höre draußen wen husten, dein Husten? Wie du. Hoffe kurz, du bist es schon, habe Bauchweh, hoffe dann, du hast Spaß, bestimmt sogar! Komisch ist das. Ich umarme dich, oder nicht, weil du riechst nach wem. Wie oft wirst du duschen, um wieder hier zu sein, mein, nein, warst du nie und wirst du je? Ich dein, Klotz am Bein, bei aller Liebe.
Die Lust in deinem Garten vergessen, du reichst sie mir durch ein Loch im Zaun, der Tag war ein Gedicht.
Im Traum spaziere ich zu einem Vortrag, Demian hat das selbe Ziel. Er zeigt auf sein Atelier am Waldrand, ein gefaltetes Glashaus, sieht spannend aus, da möchte ich mal hin! Nicht jetzt, sagt er, aber später. Wann fährt der letzte Bus? Um sechs Uhr früh, sagt er und lacht, er lädt mich ein für diese Nacht, was er gleich wieder vergisst. Wir kommen an, er wird umringt, ich sitze am Rand, der Vortrag beginnt. Eine Puppenmacherin erzählt das Konzept ihrer blauhaarigen Wesen. Ihr Sohn quatscht dazwischen, vernebelt den Raum, fragt nach Geld. Sie verstummt unter Tränen und sieht mich am Rand, mein rotes Leuchten wirkt aufmunternd, sie verwirft alles und setzt neu an: Der Puppenkopf, das weiche Gesicht, die Haare jetzt grün, der Körper biegsam wie der einer Tänzerin, wird lebendig mit dem letzten Stich, anschmiegsam, wie keine vor ihr.
Im Traum warten wir im Gedränge auf den Bus, Lio will weg. Er rennt auf die vielspurige Straße, ich hinterher, rufe heiser Julia – wie tief das sitzt, Verantwortung ist mit dem Namen meiner Schwester verknüpft. Er verschwindet hinter einem Hügel, findet eine Dose mit Keksen, vergessenes Spielzeug, verlorene Mützen der Kinder, die wohl gerade jetzt in den letzten Bus überhaupt einsteigen. Ich versuche den Fahrplan zu entziffern, erkenne nichts, höre noch ein Gespräch mit und jemanden duschen im Haus, dann ist es dunkel und still. Wir zwei allein hier, allein auf der Welt.
Im Traum lasse ich mein Knie untersuchen, es ist blau und liegt im Hof auf einem fahrbaren Tisch. Alles in Ordnung, meint der Arzt, aber wie wärs mit einem Experiment mit KI? Er pikst blaue Dioden in meine Handfläche, es löst sich gleich eine von vier, ich halte sie fest. Der Arzt eilt voraus zur Kaserne, ich hinterher in zu großen Schuhen, stolpere und falle in eine Pfütze aufs Knie. Er dreht sich noch um und verschwindet hinter einer der vielen Türen. Wo muss ich hin? Im Opernsaal ganz hinten ein Büchertisch mit Lyrik und bunten Heften, ich helfe Andreas beim Aufbau, finde ihn viel zu versteckt. Ein Buffet soll helfen, es beginnt zwischen den Büchern und erstreckt sich über mehrere Höfe in Ballonbauten, wir schlagen uns die Schüsseln voll mit buntem Gemüse und Gebäck.
Im Traum treffe ich Thomas an der Bushaltestelle, wir erkennen uns gleich – ich ihn an seinen rot gefärbten Borsten, er mich an meinem Mund. Wir schauen hin und weg, lachen schüchtern und steigen ein. Da ist auch Ulrike und die halbe Klasse, ich zeige ihr Lio, der hinter Milchglas auf seiner Oma turnt, sie zeigt mir zwei ihrer drei Kinder. Wie mein Tun erklären? Ein Buch aufschlagen, Zitrone darauf träufeln, Geheimschrift sichtbar bügeln, Petersilie darüber streuen, fertig.
»Bei meinem Mann ist das genauso.«
Das Wort weckt mich aus meinem Traum. Ich bin in Japan, wo ich gleich den Zug verpasse, weil sich mein Handy nicht mehr wischen lässt. Du bist schon weg mit Lio und den anderen, als ich morgens im Hotel ankomme. Ich hatte woanders übernachtet an einem Berg. Hat sich gelohnt, sage ich lächelnd und überzeugter als ich bin. Im Hotel stehen ultraschmale Bettgestelle aus Metall im Halbkreis auf Tribünenstufen, überall liegt Plastikspielzeug und verstreutes Gepäck, alle packen und müssen los. Auch ich suche meine zwei Rucksäcke und Taschen zusammen, habe bestimmt was verloren und vergessen, so leicht wie die sind. Ich kenne den Weg nicht. Wann fährt der Zug? Reicht es noch? Ich finde Demian in einem Zelt, er hilft mir wiederwillig, muss gleich zu einer Konferenz – na klar, wenn er schon mal in Japan ist. Sein Handy besteht nur aus weißen Tasten ohne Display, wie soll das funktionieren? Ich überlege, mir ein Taxi zum Bahnhof zu nehmen, doch wie weit reicht hier mein Geld? Im Zug, fünf Plätze weiter, sehe ich Rebecca sitzen, die auch nach Hause will, ich werde ihr folgen, hänge mich an sie dran. Wo müssen wir umsteigen? Die Uhrzeiten helfen, japanische Stationsnamen sagen uns nichts – nur der ÖBB-Bahnhof, Österreich, ja klar! Sind wir im Flugzeug oder auf einem Schiff? Ich gehe einen Korridor entlang, alles hängt voller grüner Federkostüme. Drei Japanerinnen helfen mir irgendwie weiter, zum Dank verbeuge ich mich tief, sie lachen mich aus. Zurück im Hauptdeck zwei aufgeregte Comedians kurz vor Auftritt, von Bordmusik übertönt, der Scheinwerfer ist kaputt. Mareike, verantwortlich für die Technik, regt sich schrecklich auf. Wir schnappen uns alle Lampen, die wir finden können und schaffen ein Leuchten für die Situation. Frau Olschowski in der ersten Reihe bekommt einen Cocktail und steht im Rampenlicht. Hübsch spaziert sind wir ja schon, sagt sie in die Kamera. Befragt zu Körpergröße und Politik spricht sie von 12 Talianova, ein anerkennendes Raunen geht durch den Raum. Ist das eine Einheit für den Talienumfang? Und was soll der in der Kulturpolitik?
Im Traum werde ich gestyled von einer schwatzenden Dame: Eine graue Brettfrisur klebt mir am Kopf vor lauter Haarspray. Bis zum Dreh vergehen Tage in einer Büroetage, komplett umgeräumt als provisorisches Hotel und für ein zu filmendes Handballspiel. Da soll ich mitspielen? Nur auf der Ersatzbank sitzen und krank in einem Bett, sagt Laura. Sie legt mir einen Mantel als Decke auf eine Pritsche und geht. Ich hole Lio ab. Mit ihm auf den Schultern erkunde ich das Gebäude, erklimme das gläserne Treppenhaus auf spiegelglatten Stufen. Meine Hand klammert sich ans Geländer, die andere hält ihn gerade so auf mir, dass er in den Kurven nicht runterkippt. Oben piepst und blinkt ein Elektronikgeschäft. An einer Theke nehmen wir uns einen halben roten Nachtisch, der wird in der Szene gebraucht. Im Aufzug fahren wir runter zur Büroetage, die wieder Büro ist, alle sind weg. Filmdreh verpasst?
Blablabler = Gabelstapler
Lalathek = Musik ausleihen
Im Traum webst du dein Skript für Maggie aus Bandnudeln, Schnittlauch und Papier. Wir radeln so nah nebeneinander, dass unsere Räder zu einem werden, ein schönes Kissen gerät zwischen meine Füße, du strampelst weiter für uns zwei. Ein alter Mann macht Akrobatik auf seinem Skateboard und strauchelt, als wir ihn überholen. Wir halten an einem frisch geputzten Feriencontainer mit weißem Teppich, fälschen dem Makler die Papiere und krümeln alles voll mit Moos aus unseren Haaren.
Im Traum ein Stau, dem ich zu Fuß folge. An jeder Ecke halte ich an, betrete Häuser, suche was, stelle Fragen, finde Drogen, verliere sie wieder. Schließlich endet der Stau in einer Sackgasse mit Bunkerhotel. Der Rezeptionist schickt mich nach unten, ich soll mir jedes zehnte Zimmer kurz anschauen, um zu sehen, wie verschieden sie sind. Ein Labyrinth farbiger Türen in allen Winkeln, kleine Guckfenster darin.
Im Traum sammelst du ein Salatblatt pro Mahlzeit ohne mich. Soll ich später einzeln abzeichnen, wenn sie vergammelt sind. Wir brauchen was Gemeinsames, doch ich bin in Berlin. Sarah hat eine Dose mit Kuchen dabei, mein Stück fällt auf die Straße, ich hebe es auf, puste es ab und beiße hinein, Sand zwischen Zähnen macht mir nichts, ich habe ein Kind. Eine Frau beobachtet mich amüsiert. Bunte Menschen wabern nach Mitte, die Straße, auf der wir gehen, wird zum Tunnel, am Mittelstreifen wird kampiert, auf Matten gelegen und onaniert. Wir finden ein Etablissement in einem Bunker, da stehen Schraubgläser voller brauner Pillen und Pilze, die mich interessieren. Auf dem Bett ganz in weiß liegt ein Zettel, Sechshundert Euro kostet der Trip. Wollen wir das? Im Boden steckt eine Sortiermaschine für Broschüren, Dokumente und Instrumente, die ich versehentlich schließe, sie bäumt sich auf und versinkt hinter einer Klappe. Die Betreuerin lallt, setzt immer wieder neu an mit ihren verhakten Sätzen. Hängenbleiben geht nicht, ich habe ein Kind.
Mein Kopf schaut dir zu, wie du uns dein Gartenbett zimmerst. Vorhin mit Familie daran vorbei spaziert. Nach Brombeerpfannkuchen jetzt Mittagsbaumel in der Hängematte, die Kunst des Reisens bei mir. Das Ende der Identität geht mir noch nach. Träume vom Vorlesen im Gartenhaus, das so nah ist, wir leben im Dorf.
Im Traum sitze ich im Flugzeug neben Sarah Kuttner und lande in Berlin über dem Wasser, ich drücke mir die Nase an der Scheibe platt. Das Flugzeug wird zum Bus, der fast ein Haus rammt, kunstvoll geschnitzte Holztür, dann Rückwärtsgang. Ich versuche den Traum aufzuschreiben, der Stift entgleitet meiner Hand. Es kam Post von dir mit schwarzen Punkten statt Köpfen auf Gruppenbildern, zu viele Briefe, um sie hier zu lesen, der Salon ist zu schön. Ein pinker Baum mit rosa Blüten über einem polierten Holztisch, an dem ich komme, bevor ich ihn auch nur berühre. Durch ein Fenster zum Raum nebenan sieht mich ein kleiner Mann, er umarmt seine Frau am Frühstückstisch, schenkt Tee nach und schreitet mit offenen Armen um eine Ecke zu mir, um mich herumzuführen in seinem Schloss. Eilig raffe ich meine Notizen, Schal und Mütze zusammen, will gehen, er hält mir die Tür auf, da steht Kathi mit rundem Bauch. Im Flur versperren Kinderwägen den Weg zum großen Saal, sie rollen los, verkeilen sich, die Babies wachen auf.
Im Traum ein Tripple-Date, wir sind schon da, auch der schöne neue Freund meiner Schwester, es fehlen noch sie und unsere Eltern, die woanders diskutieren und uns warten lassen. Wir bestellen schon mal im Auto mit beschlagenen Scheiben und gehen dann doch rein ins feine Restaurant. Als die anderen kommen, wird es zur Mensa und die Speisekarte vervielfacht sich, mein Bauch bläht sich auf. Wir ziehen weiter zu einer Party oder ist es ein Festival? Ein ganzes Dorf bereit zur Umarmung. Gegründet von einem weißhaarigen Girl, das sich mich aussucht für diesen schillernden Abend in ihrem Türmchen, als die Spiele beginnen: Alle suchen sich, im Knäuel der Massen, aalen sich ineinander, ich reite einen zotteligen Wickinger zum Champagnerhaus, das neben dem Weinhaus steht. Märchennacht in Bonbonfarben. Mein Prinz, das weiß ich, hat für jede seiner Frauen Becher aufgestellt, meiner ist der größte, fantasievoll verziert. Was das bedeutet, wissen nur die anderen, sie schauen mich tadelnd an, wälzen sich vor Neid in ihren Schminksachen und erzählen woran sie im Lustrausch denken, dass ihnen das nie passiert: Leere Handtaschen.
In der Kirche brennt Licht, die Tür ist verschlossen, von draußen höre ich die Orgel, setze mich auf eine kalte Bank, sehe ein Schiff im Sturm, eine Flucht, einen Stummfilm in Schwarzweiß. Ich will dir alles zeigen, was ich sehe, alles teilen mit dir, alles hören, was du denkst, das ist verrückt und einfach zu viel. Warum wählst du den Oktopus? Weil er orgeln kann, die Arme überall.
Es regnet Briefe, fünf von Hydra, fünf verteilt in der Wohnung, diese Installation hatte ich mir für dich vorgenommen, nun hast du sie für mich umgesetzt. Einfach leben, doppelt lieben, dreifach geliebt. Deine Briefe schreibst du mit meinem Stift auf mein Briefpapier. Hast kein eigenes, wieso auch? Wir sind eins. Sind wir nicht. Ein Wanken seit Tagen, wo wanken wir hin?
Im Traum besuche ich Naomi in ihrem Zimmer, da ist nur eins der drei Kinder, ich sehe es nicht. Sie ist überall im Raum und telefoniert im warmen Licht. Wände mit Resten alter Malereien, Boden und Bett bedeckt mit Büchern. Ich finde ein Buch mit allen Notizen über die Kinder: Die Zwillinge möchten getrennt werden und wurden in verschiedene Kitas gebracht. Soll ich es lesen oder Naomi alles fragen, wenn sie mal aufhört zu telefonieren? Eine Frau kommt rein und sucht was, ich stehe im Weg und erschöpft in der Tür. Draußen im Park findet Naomi lange Vorhänge für die Treppen ihrer Eingangshalle, die sie an übergroße Pistazienschalen hängt und mit Draht in den perfekten Faltenwurf zwingt.
Im Traum will Christian gerade los, als ein Gewitter aufzieht, Wind zerrt an Sarahs Zelt und weht uns in eine Hütte, wo wir festsitzen, die Welt vor dem Fenster verschwindet im Sturm. Julia kauft alle Bilderbücher im Kiosk und zeigt sie Lio oben auf der Rutsche, wo sie jeden sieht. Ein Typ zeigt ihr seine Zahnspange mit Bändern, er hatte einen Unfall, sie nickt irritiert. Im Klassenfoto sitze ich eine Stuhlreihe vor dem kleinen Fabian, der nicht wissen kann, dass der Brief von mir war, er schmachtet eine andere an. Ich gehe zu ihm und lade ihn ein. Er schaut mich nicht an, sagt aber ja.