Ich liege wach und denk an dich. Und dass dir dein Papa mal vorgeschlagen hat, du könntest mir eine Zitrone schicken, damit ich wenigstens weiß, dass du sauer bist. Das hast du mir geschrieben, da waren wir vielleicht zwölf.
Wann fing es an, dass Freundschaften kompliziert wurden? Vielleicht waren sie das schon im Sandkasten, als ganz klar war, dass es nur eine beste Freundin geben kann. Wir wohnten in einer Straße, du vorne an der Kurve, ich ganz hinten im letzten Haus vor der Wiese, die bald bebaut werden sollte. Noch gehörte die Wiese uns und die Straße unseren Parcours aus Kreide, für unsere Dreiräder und Bobbycars. Wir trafen uns bei dir oder bei mir und wenn es Zeit war, uns zu verabschieden, begleiteten wir uns noch ein Stück nach Hause. Manchmal dreimal hin und her, um irgendwann in der Mitte Tschüss zu sagen, bis morgen. Einmal, als dein Papa dabei war, mit Abschiedskuss, das war seine Idee und fanden wir komisch.
Klar gab es andere Freundinnen. Monja oder Anna von gegenüber, die du nicht mochtest. Du warst meine Nummer eins und trotzdem immer ein bisschen eifersüchtig. Als ich ein Jahr vor dir in die Schule kam, bist du mit deinen Eltern weggezogen. Wir wurden Brieffreundinnen, besuchten uns viermal im Jahr und der Platz der besten Freundin wurde frei. Er wurde immer wieder neu besetzt, doch keine blieb, so ist es bis heute. Nur du.
Was hält uns zusammen?
Wir sind so verschieden.
Du kamst zu keiner meiner Partys, meine Freunde schüchterten dich ein. Oder interessierten dich nicht. Deine mich ja auch nicht. Bis auf einen, deinen Tanzpartner, der uns beide geküsst hat. Mich mit achtzehn, dich mit dreißig. Es geht nur um uns zwei. Beste Freundinnen, in guten wie in schlechten Zeiten, durch alle Lebensphasen. Mit langen Pausen, die den Alltag raushalten aus dieser Freundschaft.
Einmal dann richtig lange Funkstille und einsilbige Antworten auf meine Fragen. Nach meiner Hochzeit, bei der spontan eine andere Trauzeugin war. Auch diese Freundschaft währte nicht lang – zu empfindlich und explosiv, zu verschieden und doch zu gleich.
Manchmal sprichst du bitter, wie deine Mutter, der du scheinbar nie genügen konntest. Und ich manchmal pragmatisch wie meine, der ich nie richtig nah sein konnte. Beide sind wir doch mehr wie unsere Väter, die wir lieben. Wir suchten nach Männern wie ihnen.
Jetzt strampelt mein Kind neben mir und du wohnst in einem Haus mit einem Arzt und seinen zwei Kindern. Du hast den Vormietern den Rasenmäher abgekauft, einen neuen Job und einen Stall für deine zwei Pferde gefunden. Dein zweites Pferd habe ich noch nicht kennengelernt, auch nicht den Arzt. Und du nicht mein Kind.
Kennen wir uns noch? Unser Leben überholt uns in diesem Jahr, in dem der Rest der Welt den Atem anhält.
Im Traum treffe ich Armin von der Maus, der mir erzählt, dass er das Ziffernblatt erfunden hat, bevor er beim Fernsehen gelandet ist. Ich erinnere mich, wie sich die Maus das Ziffernblatt auf die Nase steckt und ihren Schnurrbart als Uhrzeiger benutzt. Er nickt und schaut über die Stadt in Bolivien, von der ein Teil in der Luft schwebt. Warum wir hier sind (wir wollten Designer Uebele unsere Entwürfe zeigen, doch niemand hat welche gemacht), fällt mir erst wieder ein, als Justynas Performance beginnt, wobei sie diesmal nur das Catering macht. Unten vor der Burgmauer drei tanzende Frauen in Schwarz, oben ein inszeniertes Blutvergießen. Ich sehe das Rot über den Boden fließen. Wie schön egal mir das alles ist, denke ich, als ich das schlafende Kind aus meinem Rucksack hole.
Die Pause des Seminars nutze ich für einen Strandspaziergang. An der Hauswand führt eine steile Wendeltreppe hinab zum Meer. Dann kommt Wind auf und wirbelt mir Möwen, Enten und Schwäne entgegen, dann auch Schafe, Pferde und alles Getier der Insel, ich ducke mich und werde vom Sturm verschont. Zurück in unserem Zimmer hast du Damenbesuch mit raspelkurzen Haaren, wie du es magst. Sie schaut mich neugierig an. Selbst in deinen Träumen fragst du mich doch immer vorher.
Im Berufsschulzentrum treffe ich auf den großen schwarzlockigen Jungen aus der Parallelklasse (der immer so vertraut mit Leyla geflüstert hat – was wohl aus Leyla geworden ist?), nehme ihn bei der Hand und mit ins Klassenzimmer. Alle sehen es, auch du, mit unserem Kind auf deinem Schoß. Wir setzen uns hinter dich in die zweite Reihe, ich spüre die Blicke aller im Rücken. Du lässt dir nichts anmerken und die Versteigerung beginnt. Als unsere beiden Namen aufgerufen werden, stehst du auf, ich auch, und wir tanzen zur einsetzenden Musik, für das Grundstück in Zinzilore – so heißt auch das Lied, zu dem wir sanft schunkeln. Ob das reicht?
Schreibtisch mit Aussicht
Schriftstellerinnen über ihr Schreiben
»Obwohl ich weiß, dass es nicht nur vergeblich, sondern auch ein Verlust ist, der anarchischen Welt-Grammatik meines Kindes eine Ordnung entgegenzusetzen, die Prinzipien wie Stringenz und Effizienz unterworfen ist, werde ich es immer wieder versuchen (die Spülmaschine ausräumen, die Wäsche erledigen, Dinge dorthin zurückbringen, wo ich will, dass sie sind, immer), um diese Tätigkeiten nicht dann erledigen zu müssen, wenn ich arbeiten, also schreiben könnte. Ich werde daran scheitern und schließlich bereuen, dass ich es, in der wenigen Zeit, die meinem Kind und mir täglich bleibt, trotzdem versucht habe.«
– Antonia Baum
»Doch wenn der Drang zu schreiben tatsächlich unbezwingbar ist, dann kommt er stärker zurück denn je, macht einem das Leben als Mutter schwerer als üblich, belädt einen mit unbegründeten und äußerst begründeten Schuldgefühlen. Ist es nun also besser für eine Frau, die schreiben will, Kinder zu bekommen – oder nicht? Ich weiß es nicht. Leben heißt nicht nur lesen und schreiben. Doch das Lesen und Schreiben kann die Macht haben, unser ganzes Leben zu fordern.«
– Elena Ferrante
»So, das war es auch schon. Mehr ist da nicht. Vermutlich geht es jedem, der arbeitet, nicht anders. Man glaubt an sich, man zweifelt an sich, man findet sich lächerlich, und das zu Recht. Das Gute daran ist einzig, dass ich mein Leben zu Hause verbringen kann, ohne einen Vorgesetzten, ohne Kollegen, die vielleicht aus irgendwelchen Gründen schlecht gelaunt sind. Ein unglaublich gutes Leben habe ich, auch wenn ich weiß, dass es überraschenderweise irgendwann endet.«
– Sibylle Berg
Du wächst so schnell und streckst dich lang, wirst schwerer und wacher mit jedem Tag. Wir warten auf dein Lachen, tun alles, um dich zu trösten, bei jedem Pups, mit dem du kämpfst. Wir streicheln deine feinen Haare über dem Köpfchen, das wir schon zehn Stunden vor deiner Ankunft in mir spüren durften, ein unvergessliches Gefühl. Deine runden Backen, die Stupsnase, der kleine Mund und das lustige Kinn. Und wie bei mir: Die Falten um die Augen, die hellen Wimpern, die spitze Oberlippe und eindeutig die Ohren. Die weichen Falten an deinem Hals, wo du dich gar nicht gerne waschen lässt. In deinem Nacken leuchtet ein Storchenbiss. Dein fester Trommelbauch, mit dem versteckten Nabel und der zarten warmen Haut, die wir so gerne küssen. Von Kopf bis Fuß finden wir dich zum Knutschen und die Liebe wächst wie du. Schläfst du mal länger, dann vermissen wir dich – selbst dein Schreien klingt dann wie Musik in uns nach. Auch wenn dein Gesicht verzweifelt rot wird, dein Mund sich verzerrt, die Unterlippe bebt und deine Augen sich maximal zusammenkneifen, finden wir dich wunderbar. Nur halten wir es nicht lange aus, wir wollen, dass es dir gut geht, immer. Wir halten deine rudernden Arme und Beine, wenn du Angst hast zu fallen – ins Nichts dieser viel zu großen Welt, die so klein ist, seit du da bist.
»Ich konnte es nicht sein lassen und musste Lio im Internet suchen und habe spannendes, schönes gefunden. Also, Lio kann auch aus dem Griechischen von Helios, dem Sonnengott kommen. Und da am Sonntag, 13. Dezember, der Luciatag war, von Lucia, die Leuchtende, von Lux = Licht, habt ihr genau ins Schwarze, wobei eher Weiße getroffen. Darum, viel Freude mit einer kleinen strahlenden Diskokugel.«
Im Traum blättere ich durch ein Buch mit mehreren Geschichten, die durch ein sich wandelndes Inhaltsverzeichnis voneinander abgetrennt sind. Ich lese die erste Geschichte und schaue aus den Augen eines kleinen Jungen aus dem Fenster einer Wohnung, vor der täglich ein gelbroter McDonald’s-Clown vorbeigeht. Der Junge und seine große Schwester verkleiden sich wie der Clown und eines Tages schaut er tatsächlich zu ihnen durchs Fenster und albert mit ihnen herum, bis ihn die Mutter hereinbittet und eine leidenschaftliche Affäre mit dem Clown beginnt. Der Junge versteckt das Clownszeug im Keller, wo er sich eigentlich nie hintraut, denn zwischen der trocknenden Wäsche spielen nur die Nachbarn: Zwillinge, die mal Drillinge waren. Sie spielen nur solche Spiele, für die es drei braucht. Damit beginnt die zweite Geschichte mit dem Titel ›Act To One Another‹. So führt ein Stichwort weiter zur nächsten Geschichte, kreuz und quer durch das Haus und das Buch, das sich übrigens sehr gut aufschlagen lässt.
Traum vom Aufbau einer Ausstellung mit riesigen Büchern, aufgefächerte Seiten schaffen Nischen für Exponate. Sarah bittet mich, ihr beim Formulieren der Texte zu helfen. Ihre Nische hat sie fertig eingerichtet, in der Hoffnung, die Ausstellung würde morgen eröffnen, doch alle anderen sind leer. Eine Kuratorin bittet mich um fünf Treppenbücher für ihre Ausstellung. Kurz darauf erklärt sie mir, dass schon alle weg sind – einfach mitgenommen. Gab es denn keine Aufsicht?, frage ich fassungslos und denke an die wenigen verbliebenen Bücher im Lager. Nebenan inszeniert ein Künstler das Einstürzen der Glaskuppel des Turms, die künftig durch einen transparenten Ballon ersetzt werden soll. Was für ein Lärm und alles liegt voller Glassplitter.
Im Traum verschanze ich mich mit meiner Schwester im leeren Haus eines LKW-Fahrers. Wir kamen über die Garage rein und nur nachts traue ich mich mal raus, um zu schauen, ob man uns von außen sieht. Die Nachbarn legen ihren Garten neu an, mit weißen Steinen, die im Mondlicht leuchten. Später wohnt auch Christian bei uns, und Sarah, die uns irgendwann verpetzt. Christian hat ein rot geschwollenes Auge – jemand musste ja verprügelt werden für diese Dreistigkeit. Er lacht darüber und wir kabbeln uns auf der Sofalandschaft. Julia und ich finden eine Kiste mit Kleidern, ich wähle ein goldenes mit allerlei Broschen und Ketten, die ich dann doch weglasse, damit der Ring mit der roten Miniatur-Sonnenbrille besser zur Geltung kommt, und auch die floralen Tattoos auf meinen Armen. Julia findet ein goldenes Minikleid und nimmt sich den Schmuck. Mama lacht, als sie uns sieht und Papa sagt: Die goldenen Schwestern.
Traum von einer Großbesprechung im Freien mit Mindestabstand. Da sich die Pfarrer ständig sehen, sitzen Sie als Familie zusammen auf einer Decke. Spät am Abend wird ein Taxi gerufen, in dem auch für mich noch Platz ist.
Traum von einem Ausflug mit Sarah, Christian, Tobi und Jonah in einen rosa blühenden Park. Wir legen uns auf eine Wiese und schlafen, bis mich ein Kind mit einer Plastikflasche bewirft. Ich bin zu müde, um mich zu wehren.
Später Chorprobe an einem Strand, wir sitzen alle sehr weit auseinander und der neue Dirigent ist enttäuscht, dass wir nicht auf Anhieb vom Blatt singen können. Wütend geht er davon, woraufhin die Männer schwimmen gehen. Eine Baggerschaufel wirft eine Ladung Sand über mir ab, meine Beine sind so tief eingegraben, dass ich nicht aufstehen kann. Ein blonder Junge hilft mir beim Ausgraben meiner Beine und zeigt mir einen grün bewachsenen Unterstand, hier sitzen wir geschützt vor Sonne, Wind und Sandangriffen. Anfangs bin ich noch genervt, er redet etwas viel und lacht die ganze Zeit. Später nehme ich seine Hand, er passt auf mich auf.
Im Traum sitzen wir wartend in einem Schloss. Frühstück wird serviert und wir essen, erst gelangweilt, dann voller Interesse. Es gibt ein Brot, das aus alten Brotscheiben neu zusammengebacken ist, außen mit Schokolade und gehackten Pistazien verfeinert, innen recht kross wie Zwieback. Die Bediensteten sprechen aufgebracht miteinander. Obwohl wir die Sprache nicht verstehen, bemerken wir ihren Unmut darüber, dass wir die Brötchen und Croissants nicht angerührt haben. Wir wechseln auf ein Sofa und bewerfen uns mit Früchten aus Stoff, ich versuche mit den Aprikosen zu jonglieren, klappt nicht. Wir nehmen uns Kuchen auf die Hand und machen einen Spaziergang durch den Park, nur Clara und Georg bleiben zurück und fallen übereinander her.
Im Traum kümmert sich die Nachbarin aus der Wohnung nebenan um unsere, während wir weg sind. Als wir zurückkommen, hat sie mit ihren Kindern die Wohnung besetzt und sämtliche Vorräte verkocht, denn in den Läden gibt es nichts mehr. Ihre Kinder toben durch die Räume und finden allerhand Kram, den sie unbedingt behalten wollen. Sie lacht uns aus und du sagst, da siehst du, wie wichtig eine gute Vorratshaltung ist.
Traum von einem Segeltörn, bei dem Christoph erst mal das Boot umwirft und damit auch mich samt Handy und Geldbeutel ins Wasser schubst. Es dauert, bis das Boot wieder aufgerichtet ist. Musste das sein? Ja, sagt Christoph, denn jetzt wissen wir, wie das geht. Wir legen an und schlendern über eine Insel voller Menschen und Attraktionen. Ich bin nackt und habe mein Handtuch vergessen. Wir kommen an überfüllten Stränden vorbei und in einer Höhle mit Wasserfall, vor dem die Leute Schlange stehen, um in seinem Heilwasser zu duschen. Unser Ziel ist ein quietschbuntes Hotel, an dessen Pool sich eine braungebrannte Frau mit Zitrone einreibt. Ich lege mich auf einen Liegestuhl, du musst kurz weg und kommst nicht wieder. Die Frau telefoniert und berichtet lautstark vom Fencheltee, den sie gerade trinkt, der tut ihr so gut, sagt sie, und von einem Trick mit Mullbinden um einen Korken, der im Mund des Mannes bei ihr Orgasmen auslöst. Nur wie sie den präparierten Korken anschließend wiederbekommt, weiß sie noch nicht. Ich will ihrem Telefonat nicht länger zuhören und gehe zur Rezeption, die wie eine Felsenfestung inszeniert ist. Ein Typ ruft mit verstellter Piepsstimme hinauf, bis der Rezeptionist hinunterschaut und seinen Kollegen auslacht. Ich frage ihn, ob mein Mann eventuell schon eingecheckt hat, und komme mir vor wie im Film, wenn die Ehefrau ungelegen ins Hotelzimmer platzt. Raum Ipanema, Nummer 20. Und wie komme ich da hin? Er braucht lange für seine Wegbeschreibung, die einmal über die Insel führt. Ob ich das finde? Und ob du dann noch da bist?
Im Traum bekomme ich per Post eine Einladung zu einem Radiointerview. Ich versäume, den mehrseitigen Einladungstext zu lesen und bin etwas überrumpelt vom Thema: Es geht um Gene und Gendefekte, wozu ich nun wirklich gar nichts sagen kann. Statt mich vorzustellen steigt die Moderatorin mit der Frage ein, wie es für mich sei, mit dem Lukas-Syndrom zurechtkommen zu müssen. Ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht und improvisiere: Falls sie darauf anspiele, dass ich immer wieder Neues mache, statt bei meinem Beruf zu bleiben, das sei bei mir nunmal so angelegt und für mich auch völlig stimmig. Die vielen Berufsbezeichnungen nutze ich nur als Erklärung für diese Mischung, die keinen Eigennamen hat. Sie schüttelt fassungslos den Kopf und stoppt das Interview. Ich gehe duschen in einem Bad, das eigentlich nur ein Waschbecken hat, doch wenn ich mich ganz klein mache, wird der Wasserhahn zur Dusche. Was ziehe ich an? Im ganzen Zimmer liegen meine Kleider verstreut. Noch nicht ganz angezogen werde ich von einem Interviewpartner abgeholt, der mich fröhlich darauf hinweist, dass es ja nur Radio ist und somit egal, was ich trage.
Auf einer Reise durch China überredest du mich, in einem Elektroladen ein kleines teures Gerät in die Verpackung eines großen Billiggeräts zu stecken und mitzunehmen. Wenig später sind wir auf einer Party und werden von einer Polizistin verhört. Ich lüge für dich und mache dir Vorwürfe im Badezimmer. Du weißt selbst nicht, warum du das gemacht hast. Versehentlich lassen wir auch noch einen transparenten Bauhelm und einen Gesichtsschutz aus Plastik mitgehen. Sie werden uns kriegen, hier ist doch alles videoüberwacht.
Im Traum ein Einkauf in Fridingen, der Laden ist wie ein Markt aufgebaut. Am Gemüsestand probiere ich mich durch die essbaren Blumen und nehme alle Gemüsesorten mit, die ich noch nicht kenne. An der Kasse wird Antonija ein Strafzettel ausgestellt, weil sie keine Maske hat – das gibt einen Strafpunkt in Flensburg, wo sie nun nicht mehr nur für Autofahrer verantwortlich sind. Ich drehe noch eine Runde durch den Laden – Hefe gibt es immer noch nicht. Ich treffe Oma, die es nicht mehr aushält und endlich mal wieder selber einkaufen gehen will. Wir beobachten zwei, die sich an den Zwiebeln bedienen, direkt hineinbeißen und vom Ladenbetreiber noch ein paar Reste zugesteckt bekommen. Ich habe einen Tretroller und rolle schon mal vor, um dann an der Ampel wieder auf Oma zu warten. Sie hat den Weg zu sich nach Hause vergessen, wir gehen durch den Flur ihres Nachbarn, der aus dem Keller guckt. Oma quatscht sich fest, ich rolle weiter und warte vor Ihrer Haustür.
Im Traum finden wir ein Haus und ziehen testweise ein – mein Zimmer hat eine bogenförmige Fensteröffnung ohne Scheibe, könnte kalt werden. Veronika erzählt aus ihrem Leben, in dem auch immer wieder mal Zeit für das Kloster war. Noch heute kehrt sie einmal jährlich zurück in ihre Stammzelle. Wir öffnen eine Truhe mit kleinen Kostbarkeiten wie historische Kronkorken und hübsch bedruckte Metalldöschen, die nach und nach fotografiert und projiziert werden. Als es mir zu langsam geht, versuche ich es mit mehreren Gegenständen pro Bild. Die Kompositionen und Arrangements werden ein Erfolg, bejubelt vom Publikum.
Im Traum ein schwimmendes Haus, darunter Schwäne, zwei davon sind tot oder aus Keramik. Zum Sterben kehren Schwäne an ihren Geburtsort zurück, lernen wir in einer Doku.
Im Traum ein Buffet mit Nüssen, geformt wie Tetraeder, und etwa fünf Zentimeter groß, ganze Tabletts mit Feigen von frisch bis getrocknet, Himbeertörtchen. Ich kann nicht aufhören alles zu probieren, während nebenan mein Chor probt. Ich habe meine Noten verlegt.
Im Traum Tipps zur Geburtsvorbereitung: Atemübungen mit Zeichnungen, die auf der Rückseite des Papiers weiteratmen. Oder atmend aus Ton Figuren modellieren, möglichst organisch.
Im Traum nehmen zwei Jungs hinter meinem Rücken mein Gepäck auseinander und machen sich darüber lustig. Als ich es bemerke, mache ich ihnen eine Szene, kleinlaut packen sie alles wieder ein. In der Zwischenzeit bereitet sich alles vor auf einen großen chinesischen Tanz. Raumteiler werden zur Seite geschoben und die Treppe, auf der ich stehe, wird elegant im Boden versenkt. Ich erklimme die Stufen und bin auf Höhe des Bodens, kurz bevor der Deckel sich schließt. Die Parade ist beeindruckend und wir Zuschauer werden durch den Saal geschoben. Ich tanze mit einem Mädchen, das seine Schuhe verloren hat. Alle Schuhe, die hier rumliegen, sind ihr zu klein. Im Nebenraum gibt es ein Buffet, an dem wir ewig anstehen. Als ich dran bin, gibt es keine Teller mehr, doch Naomi hat sich so viel aufgetan, dass ich bei ihr mitessen darf. Nun brauche ich mein Gepäck, das überall verstreut ist. Zwei Koffer, Rucksack, Schlafsack, Isomatte, große Mappe, Tasche mit Proviant. Ich überrede den Busfahrer dort anzuhalten, wo die beiden Jungs von vorhin auf mich warten – pflichtschuldig helfen Sie mir beim Tragen. Die neue Haltestelle finden auch die anderen Passagiere praktisch, sie wird in den Fahrplan aufgenommen.
Im Traum suchen sich Naomi und Matthias das schönste Zimmer aus, Sie haben das kleinste Gepäck, doch hunderte Nägel dabei, mit denen sie eine Wand zum Igel machen. Das sieht spannend aus. Nur dass das Zimmer kein richtiges Bett hat, merken sie erst nachts.
Mich zu berühren ist für dich in etwa wie Fußball zu kommentieren – völlig außerhalb deiner Vorstellung davon, wer du bist und was du kannst und willst. Wie das Telefonieren. Ich habe mich in deinen innersten Kreis eingeschlichen. In den Favoriten deines Telefons stehen deine Omas, deine Mama und vielleicht noch dein Bruder, dann ich. Wie habe ich das geschafft? Indem ich dir das Gefühl gab, es ginge nur um dich. Der Narziss in dir fühlte sich geschmeichelt, zwang sich anfangs noch und seit es Routine ist, fehlt etwas, wenn mein abendlicher Anruf ausbleibt. Unsere Telefonate sind anders, Corona kommt kaum vor, wir bewegen uns in einer anderen Zeit. Vier Tage noch. Mir fallen keine Fragen mehr ein. Drehen wir es doch heute mal um: Was willst du wissen?
Im Traum liegen wir gemeinsam unter einer Decke, beide nackt, beide im Halbschlaf, beide im Wissen, dass nein. Und doch finden sich unsere Körper auch ohne uns, deine Hände auf meiner Haut, im Schlaf, forschend, ohne Ziel. Du findest es spannend, wie sich ein weiblicher Körper anfühlt und ich bin überrascht über deinen. Ums Handgelenk trägst du einen blauen Skarabäus mit roter Schnur.
Im Traum eine Zugfahrt durch China, vor dem Fenster die Großbaustelle einer werdenden Stadt mit bunten Rohren und abstrakte Formen, die ich unbedingt fotografieren will. Auch Bäume mit rosa Blüten, halb vom Nebel verschluckt. Doch mein Handy streikt, kein Bild wird abgespeichert. Im Hotel angekommen suchen wir die Rezeption und finden sie im Keller, der Eingang ist so niedrig, dass wir gebeugt hinuntersteigen. Hinter dem Tresen keine Chinesen, auch nicht in der Armee – alles Amerikaner, die hier die Stellung halten. Später sitzen wir in einem überschmückten Raum mit Glitzerelementen, die ich auf eine Schnur auffädle, um hier wenigstens ein bisschen aufzuräumen. Wir decken die Tische in mehreren Räumen für ein großes Fest, zu dem niemand kommt. Wir verteilen die Kuchen unter den Helfern und ich juble jedem ein paar Dinge unter, die ich nicht mehr haben will.