Im Traum besichtige ich mit Papa ein Hotelzimmer für demnächst. Dann ziehen sich alle um für die Oper, ich bleibe wie ich bin und gehe schon mal vor zum Bahnsteig, der von Autos umtost ist – zwar alles hübsche Oldtimer in Bonbonfarben, doch unheimlich laut in diesem schwarzen Tunnel. Ein Paar mit Kind macht es sich auf einer Picknickdecke gemütlich. Das kleine Mädchen fragt mich, ob ich mich dazusetze und ihr erzähle, wer ich bin. Wir schauen auf den Verkehr wie auf ein Meer, bis meine Eltern und meine Schwester kommen – alle in rosa Ballkleidern, auch Papa.
Im Traum steht ein Mann im hautengen lila Sportoutfit mit pinkem Stirnband und Tennisschläger auf einem Surfbrett im Wasser und liefert sich mit dem Publikum einen vierundzwanzigstündigen Schlagabtausch. Eine riesige halbtransparente Kugel wabert zwischen ihnen hin und her und gerät immer wieder in Wasserlöcher, aus denen sie nach einigen Minuten wieder rauskatapultiert wird. Ich beobachte das vom Fenster aus, bis sich die Landschaft draußen zu bewegen beginnt und ein riesiger Campingplatz mit bunten Wohnwägen am Fenster vorbeizieht. Vor einem blauen Wohnwagen steht ein Polizist, er hält uns an. Vom Fahrersitz aus erklärt ihm Papa, wie das funktioniert, dass unser Auto, scheinbar fahrerlos, hinter uns herfährt. Papa hat da so ein Gerät, das exakt die Bewegungen des Lenkrads nachvollzieht, die er im Wohnmobil macht. Sowas hat der Polizist noch nie gesehen, er steigt ein und fährt eine Runde mit.
Naomi macht bei einem Flohmarkt mit und ist etwas enttäuscht, wie wenig sie für den Schmuck bekommt, auf den sie mal monatelang gespart hat. Warum sie ihn jetzt verkauft, verrät sie uns nicht. Du und ich schauen uns das Gebäude an, eine Schule, die früher mal ein Bahnhof war. Aus den Bergen führen steile Schienen direkt auf die Mensa zu. Ein ehemaliger Schüler erzählt uns von seiner Befürchtung, die Schule könnte irgendwann einfach losrollen. Er führt uns herum und unterhält sich vor allem mit dir. Er nähert sich dir langsam und küsst dich. Ich halte deine Hand, du bist nervös, dann küsse ich mit. Jetzt ist auch der andere nervös, aber auch freudig überrascht. Geht doch.
Im Traum bin ich zu Besuch in deinem Hamsterrad. Du hast zu tun, aber das macht nichts, ich bin eh gleich eingeladen zu einer Geburtstagsfeier in einem Club. Du bist gerade am Duschen, als ich los muss. Auf dem Herd habe ich noch zwei pochierte Eier stehen, was mir erst einfällt, als die Wohnungstür ins Schloss fällt. Ich klingle dich aus dem Bad, du öffnest mir, ein Handtuch um die Hüfte. Plötzlich haben wir doch Zeit füreinander und essen die Eier, die sich zu Würfeln geformt haben, sie schmecken gut. Deine Mitbewohnerin leistet uns Gesellschaft, ihr beide habt auch Lust auf den Club. Auf dem Weg dorthin verliere ich euch und finde mich in einem Keller wieder. Ich entdecke noch ein zweites Kellergeschoss und frage, ob dort mein Verlag einziehen darf. Der grummelige Besitzer gibt zu bedenken, dass es im Sommer recht dampfig werden kann hier am See. Endlich bin ich im Club, alle sind verkleidet und tanzen, immer wieder werden mir bunte Pillen angeboten, aber die brauche ich nicht. Als ich euch wiederfinde, seid auch ihr verkleidet und im Gesicht voller Glitzer. Du bist schöner denn je.
Der Traum diktiert mir den genauen Wortlaut der Sätze. Die Müdigkeit in mir sträubt sich, doch die Worte wiederholen sich so eindringlich, dass ich zu Stift und Notizbuch greife und mitschreibe:
Wie wunderbar ist das Leben, wenn die Ränder der Tage sich zur Zeit hin öffnen. Man sagt sich, ich sei einer, der den Ball halten solle, statt ihm auszuweichen. Eine Sinfonie klingt durch den Nebel des Waldes, in dessen Mitte unser Schloss steht. Dazu mischen sich die Klänge der Orgel aus den Katakomben. Ein Mann mit Schnauzbart packt seine Gitarre aus, sie ist ganz kompakt, ich darf sie für ihn stimmen. Im Saal finde ich eine Tür zu einem Nebenraum, dort sitzt eine Gruppe Asiaten und wartet. Sie sind aus Taiwan. Als ich gerade anfange sie zu verstehen, blinkt plötzlich ein Blaulicht auf dem Hof. Sie wissen, was das heißt: Das Virus ist da, vielleicht. Das soll jetzt untersucht werden, doch erst mal unsere Autos: Sie benötigen Fotos der Fahrzeuge, dazu Steckbriefe. Wir antworten mit der Nebelmusik, die im feuchten Morgenlicht über das Tal zum nächsten Hügel schwebt.
Schreib mit, jetzt passiert was, dafür hast du dich all die Jahre vorbereitet, das Einigeln geprobt. Die Welt ist krank und bleibt zu Hause. Noch genießen wir den Ausnahmezustand, die verordnete Verlängerung des Winters in den Frühling hinein. Hausarrest. Weil alle zu Hause sind, seien wir jetzt verbundener als zuvor, heißt es. Ich frage dich, ob wir uns dennoch sehen, du hast keine Angst und kommst gern. Verbunden in Zeiten des abnehmenden Programms. Berlin und Frankreich sind abgesagt und Griechenland ist verschoben. Meine Augen weinen, zu viel gelesen und geschrieben, kein Weitblick mehr.
Bald bin ich durch mit deinem Buch. Zwischen Seite 414 und 415 der Abdruck von Sandkörnern im Falz. Zwei Seiten später rieseln sie mir auf den Bauch.
Deine vierundneunzigjährige Oma lässt sich von Corona nicht aufhalten und sicher nicht das Einkaufen abnehmen, sie hat ja schon ganz andere Krankheiten überlebt. Ich überlege, ob ich meinen Nachbarn anbieten soll, für sie einkaufen zu gehen, aber ihr Sohn wohnt ja auch noch im Haus. Der für heute geplante Besuch meiner Omas wird erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben. Also passt mein Lebensstil ganz gut zu den Empfehlungen: Ich bleibe im Bett mit deinem Buch ›Abbitte‹, das mich erst einlullt und dann schrecklich leiden lässt: An einem heißen Sommertag erfindet ein dreizehnjähriges Mädchen eine Geschichte, die zur Lüge wird und mindestens drei Leben zerstört. Jetzt Teil zwei, es ist Krieg. Vom Buch wandert mein Blick in die Nachrichten, die ich sonst so gut zu ignorieren weiß. Eine Deutschlandkarte mit steigenden Zahlen an Infizierten und eigentlich wie immer: Lob für Merkels Ruhe und Tadel für Trumps Ignoranz. Im Postfach regnet es Absagen: Keine Chorproben, kein Klassentreffen, kein Workshoptag zum Wohnprojekt. Irgendwie fühle ich mich erleichtert. Vielleicht doch ganz gut, Dinge noch nicht erledigt zu haben, Urlaubsplanung, Geldanlage, Kinderkriegen. Ob gut, ob schlecht, wer weiß das schon? Ansonsten: Wilde Knutscherei im Stehen (was sich überraschend jugendlich anfühlt) in der Küche, die nun nach fast einem Jahr so richtig eingeweiht ist.
»Das Stimmungsschicksal vernetzter Gesellschaften, die den dosierten Umgang mit ihren Affekten noch nicht beherrschen, ist die Verstörung, die sich bis zur Panik steigern kann.«
Bernhard Pörksen: Panik, live auf Sendung
Im Traum bin ich sauer auf dich. Du erzählst mir vom Küssen und lässt mich warten bei einem Wochenende in den Bergen. Dreimal wechsle ich das Zimmer und meine Kleider, trage sogar Ohrringe, irgendwie möchte ich doch besonders sein für dich. Mama macht Kuchen und Torten, die überall im Haus rumstehen. Ich bin versucht zu naschen, einmal angefangen stopfe ich drei Hände voll in mich rein und rede mir ein, das war ja nur ein Rest, so unförmig wie der ist. Am Ende erfahre ich, dass es noch eine zweite Unterkunft gibt und du dort übernachten willst. Na klar, ich bin dir zu viel und du übernimmst jetzt sogar mein Schreiben, das ich in einem Schrank verloren habe. Die Schränke sind geflochten aus Weidenzweigen und stehen zwischen den Tischen und Stühlen im Speisesaal. Alles ist gedeckt für das große Fest, nur du drückst dich.
Du fehlst mir, dabei kenne ich dich kaum. Du bist unerreichbar, habe ich dich darum ausgesucht? Ein weiterer Einsiedler in meiner Sammlung. Ist das jetzt Liebeskummer oder die Traurigkeit über das Vergangensein der zeitlosen Zeit, in der ich mich nur um mich selbst drehen durfte? Mein Mann hätte heute meine Hilfe gebraucht und ich war nicht da, als er ohne Schlüssel vor unserer Tür stand. Ich saß im Vortrag und wollte nicht erreichbar sein, wenigstens für eine Stunde abgetaucht. Er kam derweil bei Anja unter, machte Papierflieger und Maultaschen für Carla. Als ich ihn dort abhole, ist er noch sauer, will eine Entschuldigung von mir. Ich war nicht da. War ich jemals da? Bin ich sonst nicht immer da? Will ich immer da sein? Stell dir drei Tage vor, an denen das Telefon nicht mehr aufhört zu klingeln. Ich werde für meine Geduld bezahlt, für mein Zuhören, Erklären, Beschwichtigen, fürs Durchhalten. Der Druck vor dem Druck. Als das Werk vollbracht ist, wird der Empfang abgesagt. Corona zwingt uns in die Isolation. Erzählst du mir mehr vom Mönchsein?
Drei Mädchen sitzen am Kindertisch und spielen Abendessen, die eine hört nichts, die andere sieht nichts und die dritte schweigt. Wir sind Gäste bei einem feierlichen Empfang und später im Eis am Meer. Wir sind zu dritt, der Mann geht etwas zu nah ans Wasser, wir sorgen uns um ihn. Kurz darauf kommt eine so große Welle, dass wir alle im eiskalten Wasser treiben. Wo ist die Prinzessin? Sie plant ihren großen Auftritt, als alle schon denken, sie sei erfroren. Später bringen wir ein kleines Mädchen zu Bett, auf ihrem Nachttisch stapeln sich Tupperdosen mit Essensresten, die da unbedingt bleiben sollen.
Sie sagt, ich solle mir gut überlegen, ob ich wirklich nochmal das Gleiche machen möchte in blau und grün. Ich will zurück zu den Pflänzchen im Gewächshaus, in die Wärme ohne Gegenwind.
Das Wetter heute ist doch mal wieder wie gemacht für uns zwei!
Traum. Oder Träume? Oft erinnere ich mich an zwei Geschichten, doch nie an ihre Reihenfolge.
In einem Getränkemarkt versuche ich kurz vor Dienstschluss Bier und Wein zu bekommen. Am Eingang strömen mir so viele Menschen entgegen, dass ich kaum reinkomme in das Geschäft. Drinnen sind nur Büros. Ein netter Mann gibt mir, was ich möchte, auch Cola in Riesenflaschen. Ich versuche die Kisten an meinem Fahrrad zu befestigen, es kippt ständig um. Nun muss ich mich entscheiden: Fahrrad oder Getränke. Immer wieder schleiche ich um das Gebäude und auch hinein, auf der Suche nach Kabelbindern oder etwas, das mir ermöglicht, beides zu transportieren. Da schließt sich das Rolltor fürs Wochenende, ich bin gefangen und weder ich noch die Getränke werden rechtzeitig zur Party zu Hause sein.
Meine Eltern sind zu Besuch in meinem winzigen Zimmer. Sie sind so müde, dass wir überlegen, ob sie hier irgendwo übernachten können. Decken und Kissen habe ich genug, nur die Matratze ist viel zu schmal. Mama schaut sich um und alles ganz genau an. Es gibt viele Klappschränke und einen Schrank als Bad, wie in einem Wohnmobil. Die Zimmerdecken sind niedrig und die Wände dicht beklebt mit bunten Aufklebern, darunter eine Tapete, die so stark gemustert ist, dass sie fast einfarbig wirkt.
Übst du gerade?
Spielst du mir was vor?
Warum hast du keine Zeit für mich?
Die kleine Lene war zu Besuch und hat mir ihren quengeligen Ton dagelassen.
Guten Morgen Traumfrau, schreibst du und damit ist der Traum, den ich schon im Halbschlaf festhalten wollte, endgültig weg. Natürlich meinst du meine Träume. Und doch mag ich die Doppeldeutigkeit unserer Korrespondenz – ein zielloses Unterfangen zweier Menschen, die doch nie zueinander finden werden.
Am liebsten am Boden, am Verkriechen und Verstecken. Meinen Tanzbegriff ausweiten aufs Liegen.
»Wer hat jemals was von senkrecht gesagt?«
»Die Vorliebe für Miniaturen ist bezeichnend für einen ordnungsliebenden Geist, ebenso aber auch die Neigung zur Geheimniskrämerei.«
»Waren alle Menschen so lebendig wie sie selbst? … Zwei Milliarden Stimmen, und jeder einzelne fand seine Gedanken gleichermaßen wichtig, stellte gleich große Ansprüche ans Leben und hielt sich, genau wie alle anderen, für etwas Besonderes, dabei war eigentlich niemand etwas Besonderes. Ertrinken möchte man in seiner eigenen Bedeutungslosigkeit.«
»In einer Geschichte brauchte man sich bloß etwas zu wünschen, man musste es nur niederschreiben, und schon gehörte einem die Welt.«
»Der Preis für selbstvergessene Tagträumerei war immer aufs neue dieser Augenblick der Rückkehr, dieses erneute Sich-Wiedereinfinden in das, was zuvor gewesen war und nun noch ein wenig schlimmer schien.«
»Gab es denn nichts anderes im Leben, nur drinnen und draußen? Konnte ein Mensch nicht auch woandershin?«
»… war es doch ein verlässlicher Grundsatz, daß nichts je so geschah, wie man es sich vorstellt, weshalb ihr dies als wirksame Methode galt, das Allerschlimmste schon einmal auszuschließen.«
Ian McEwan: Abbitte
Ich lese in deinem Buch, das du am Strand gelesen hast. Es riecht anders als meine und anders als neue Bücher, auch anders als die Bücher aus der Bibliothek oder aus den Kisten unserer Nachbarschaft, und ganz anders als das Buch, das meine Oma neulich ausgemistet hat – wenn ich darin lese, bin ich bei ihr und fühle mich wohl. Vielleicht ist es ihr Waschmittel, das alles um sie herum so riechen lässt. Wie wohl meine Bücher riechen? Sich selbst riecht man ja nicht. Papier fängt Düfte ein und vermischt sie mit den Geschichten.
Die Idee kam mir vor ein paar Wochen unter der Dusche. Und eben dort lasse ich sie jetzt wieder los. Sie gurgelt noch im Abfluss:
»Willst du es nicht wenigstens mal mit mir versuchen?«
Wieso? Du bist nicht innovativ, wurde mir gestern gesagt, vom Direktor persönlich. Du machst mir nur Arbeit, die keinen interessiert, vielleicht nicht mal mich.
»Ich werde aber wiederkommen, jedes Mal wenn du duschst, dir die Hände wäschst oder trinkst. Und wenn du schwimmst. Auch wenn die Heizung plätschert oder rauscht wie ein Wasserfall, bin das ich. Ich bin überall, wo Wasser ist.«
Und ich bin überall, nur nicht bei mir. Lässt du mich jetzt bitte in Ruhe duschen?
Im Traum hält Matthias einen Vortrag mit musikalischer Begleitung von Gabi und Josh – sie spielt Cello und er Klavier in einer Wahnsinnslautstärke und Energie. Wir wechseln die Räume und setzen uns in Klokabinen, jeder für sich, alle diskutieren miteinander über die dünnen Trennwände hinweg. Die Kabinen werden zum Nachtquartier, manche besuchen sich gegenseitig und feiern bis spät. Zusammen mit Simona schlage ich die Zeit tot bis zum Beginn der ersten Chorprobe, die sich immer weiter nach hinten verschiebt. Es ertönt eine Bohrmaschine als Lärmskulptur.
Klein und naiv fühle ich mich nach dem Telefonat mit diesem lauten Mann, der mir rät, zu zivilem Ungehorsam anzustiften.
Diese Woche lebe ich in einer Welt aus Zahlen. Euros und Stunden, zu viele, zu teuer. Hochstaplerin im Dienst bis spät. Da ist dann kein Platz mehr für Nettigkeit.
Die Mücken in unserer Wohnung – fast habe ich mich an sie gewöhnt. Kohabitation. Am liebsten kommt eine zu mir ins Licht, wenn ich lese oder einen Film schaue, dann krabbelt sie zwischen den Zeilen und Szenen herum.
Im Traum sitze ich in einem Vortrag und kann mich nicht konzentrieren. Neben mir ist eine so begeistert von der ganzen Veranstaltung, dass sie es mir ständig sagen muss. Sie wechselt zwischen den verschiedenen Bühnen hin und her, die Kleinkunst fasziniert sie. Die anderen im Publikum bereiten ihre nächsten Projekte vor und hören nicht zu. Alle senden, kaum jemand empfängt. Keiner will mehr sehen, aber alle gesehen werden. Ich stehe und gehe zwischen gedankenversunkenen Zuschauern umher. Zurück in meiner Bankreihe sagt die von vorhin: »Toll, oder?«
Besuch von Anastasia, die uns Fotos zeigt von ihrem Haus auf Lefkada. Da wollen wir hin, da gehen wir hin, im Mai! Sie zeigt uns ihre Strände und eine versteckte Bucht mit weißen Felsen, weißem Sand und türkisblauem Wasser. Dorthin führt ein versteckter Pfad mit 300 Stufen. Nun ja, wohl nicht mehr ganz so versteckt, Google kennt ihn schon. Am höchsten Punkt der Insel eine kleine Kirche mit Rundblick, im Tal eine Flusswanderung mit Wasserfall. Ich träume mich schon mal dorthin, ans Ionische Meer. Io, Tochter des Flussgottes Inachos und eine der Geliebten des Gottes Zeus.
Zum ersten Mal von dir geträumt, nun also auch nachts: Du durchwanderst eine Wüste und findest einen Fisch, der japsend am staubigen Boden liegt. Du hilfst ihm auf und nimmst ihn mit. In der Zeitung liest du von Udo Lindenberg und wirst gedanklich er. Jemand sieht mich in deiner Kirche, wie ich dich anschmachte, während du spielst. Ich stelle mich zwischen die Orgelpfeifen, dir gegenüber, ganz nah. Du improvisierst, bis Wasser aus den Pfeifen rinnt, erst in kleinen Bächen, dann als Wasserfall, der uns von der Empore spült, ins Kirchenschiff. Jetzt japsen wir und dein Fisch schwimmt munter davon.
Ja, weiterträumen ... bis mich der Aktivschläfer neben mir aus meinem Traum kickt. Nicht nur einmal, nein – erst zuckt er beim Einschlafen, als gerade ein Waldschrat mit zotteligem Bart seinen Kopf schief hält und mich um die Ecke ins Traumland zieht. Dann muss er aufs Klo und versetzt die Matratze in einen Wellengang, als schliefen wir auf einem Wasserbett. Zwei Atemzüge später atmet er so laut, dass kein Träumen mehr möglich ist. Oder doch: Til Schweiger erzählt von seinen Büchern, meine sind schöner. Dann dotzt sein Hintern gegen meinen und der Traum – eben noch alles, was wichtig war – ist unwiederbringlich weg. Sonntag, 6:23 Uhr. Beim Träumen unterbrochen zu werden, macht mich wütend. Da werden mir Geschichten geklaut und mit ihnen das Vergnügen, sie im Halbschlaf zu notieren und später vielleicht zu tippen und dir zu schicken.
Ich schleiche mich in die Kirche und lausche deiner Orgel, deinem Orchester. Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.
Warum du? Geht das einfach so wieder vorbei und das Leben weiter? Ich sei immer in Bewegung, immer tut sich was, so dein Eindruck, der mir gefällt. Und weil mir im Leben dann doch zu wenig passiert, klammere ich mich an die Träume mit ihrem wechselnden Du.
Traum von einer Silvesternacht, in der wir die Zeit vergessen. Erst um 0:37 Uhr frage ich Anja, wie spät es ist. Wir liegen uns auf dem Sofa gegenüber, teilen uns eine Decke und sprechen über Ziele fürs neue Jahr, uns fallen keine ein. Die anderen feiern nebenan, wir räumen kurz auf, gleich kommen noch mehr Gäste. Die kleine Carla ist putzmunter und isst Rosinen. Kai steht vor der Tür, fürs Klassentreffen. Später in der Nacht sind wir viele und bereit, ein Verbrechen aufzuklären. Eine Gruppe und einer allein, zur Tarnung.