Im Auto ein aufgekratzter Matthias, der von seiner Jagdausbildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzerfahrer, während der Rest der Welt Sonntagsspaziergang machte, in bunten Kleidern.
Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Hauptstraße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrerseite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschenlampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stundenkilometer sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.
Als ich den Papiermüll runterbringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handgeschriebenen Zettel, den ich wiedererkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgendämmerung aufs Papier gekrakelt, im Landeanflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papiertonne kleben. Ausgerechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.
Im Traum ein neues Schlafzimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.
Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitgebrachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stockwerke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleidemöglichkeit.
Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.
Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.
Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.
»Für mich hatte diese Korrespondenz die ursprüngliche Qualität von etwas, das seinen Zweck nur in sich selber findet.«
Eulàlia Bosch in: I send you this Cadmium Red ...
Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?
Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fensterladen aufgeklappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fensterbrett.
»Er wollte noch an etwas denken, doch dann rutschte er im weichen Nebel aus, landete sanft und sank in einen Schlaf.«
»Wenn unsere Augen doch fortgehen könnten, während wir schuften, denkt er. Wir würden arbeiten und sie würden solange über Berg und Tal ziehen.«
Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei
Freitagnachmittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beeindruckend hohen Stöckelschuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäckablage zwischen zwei Rückenlehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männerbeine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadelstreifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reisetasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangsläufig bleibt, wo er ist.
Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevorstehende Hallenhochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumenkleider zu knallroten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch eingeladen – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.
Zwei neue Nebensitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schulfrage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathelehrerin los ist aber wie soll es weitergehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.
Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.
In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufenschüler mit kurzgeschorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegenseitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuverlässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.
Regentropfen malen Linienmuster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, stattdessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linienstruktur aus Stahlstreben.
Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.
Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.
Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augenweide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.
Beim Anfahren verselbständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.
Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgendwoher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farbengeschäft. Immer wieder verwirrend, Ladeninhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.
Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausgeliehen.
Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszuräumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fensterläden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdgeschoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal rechtzeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht heruntergeladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smartphone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch rechtzeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.
Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.
Zwei Linienscharen aus Hochspannungsleitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.
Die Umgebungskarte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.
Einer mit Sicherheitsnadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnürstiefeln. Ein Loch in der Hosentasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Haltestellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.
Telenovela zu halb geschenkten Johannisbeeren.
Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.
In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namensschild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.
Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als eingeschworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeausweichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linienverkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laangsaaaammeeeerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehenbleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnenwarmen Nirgendwo.
Der Reiz des Verspeisens von Nasenpopeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufgeräumt.
In Erwartung einer längeren Strecke habe ich es mir lesend und schreibend in der Linie 3 bequem gemacht. Fast so bequem wie heute früh im Bett (bis ich bemerkte, dass der Mann neben mir fehlt, er hat die Nacht im Büro verbracht, daher die außerordentliche Ruhe). Und fast so bequem wie wenig später der Zahnarztstuhl – wirklich sehr bequem, in allen Positionen (wäre da nur nicht das helle Licht und die meine Stirn kitzelnden langen Haare der professionellen Zahnreinigungskraft). Danach etwas unbequem: Ein schwarzer Badeanzug in der Umkleide, zu eng am Po, größer nur in grün, dann lieber nicht. Sehr bequem: Das Mittagessen steht schon auf dem Tisch, als ich zu spät komme. Nachsicht. Und dann Nachlässigkeit: Die Handtasche im Lokal vergessen, samt ungelesener Nachrichten. Zumindest deine hätte mich durchaus interessiert. Mein Glück: Die Tasche wurde gleich entdeckt und verwahrt, deine Nachrichten warten bis morgen auf mich. Vielleicht ist es, nach all der Aufregung, nun gerade deshalb so bequem. Keine Nachrichten, keine Aufregung. Huch, schon da!
Von wegen, keine Aufregung: Überstürzter Aufbruch (äußerst unbequem), meine Sachen geschnappt, raus aus Linie 3 und gerade noch rechtzeitig zur Linie 826 geschafft. Die holpert und verunmöglicht mir mein Schreiben. Sie zittert, wackelt und kurvt, so auch mein Stift.