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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: Stuttgart

Rikscha

Im Traum bereite ich eine Rundmail an unsere Hochzeits­gäste vor, in der Muster­vorlage sitzen seltsamerweise Bilder von griechischen Skulpturen, die Ausschnitte so gewählt, dass vor allem Penisse und Venus­hügel zu sehen sind. Die Bilder kann ich später ersetzen, nach der Familien­feier. Als mich Justus anruft und verwirrt nach dem Datum der Hochzeit fragt, dämmert mir, dass sich die Mail automatisch verschickt hat und zwar an den ganzen Verteiler. Unver­zeihlich. Ich gehe los und treffe Justus auf einer Rikscha, wir werden durch Stuttgart geradelt. Keine Gelegenheit, meinen Fehler zu erklären. Ich wühle in meinem Geldbeutel zwischen ausländischen Geldscheinen und finde glücklicherweise noch einen Zehner, um die Rikscha-Radlerin zu bezahlen.

Soldaten

Im Auto ein aufge­kratzter Matthias, der von seiner Jagdaus­bildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzer­fahrer, während der Rest der Welt Sonntags­spaziergang machte, in bunten Kleidern.

Kreidespur

Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Haupt­straße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrer­seite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschen­lampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stunden­kilo­meter sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.

Zu weit unten

Als ich den Papiermüll runter­bringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handge­schriebenen Zettel, den ich wieder­erkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgen­dämmerung aufs Papier gekrakelt, im Lande­anflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papier­tonne kleben. Ausge­rechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.

Auf links gedreht

Im Traum ein neues Schlaf­zimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.

Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitge­brachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stock­werke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleide­möglichkeit.

Vermissen

Ich vermisse dich, obwohl du da bist. Ich vermisse uns, wie wir sind, wenn wir Zeit haben.

Stehpulte

Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.

Mit Socken zu Weihnachten kann man der Generation Knöchelfrei wohl eher keine Freude machen.

»Für mich hatte diese Korre­spondenz die ursprüngliche Qualität von etwas, das seinen Zweck nur in sich selber findet.«

Eulàlia Bosch in: I send you this Cadmium Red ...

Kennst du eine Abkürzung zum Eigentlichen?

Fugengewächs

Fugengewächs

Fugengewächs

Fugen­gewächs

Pink auf Grün

Plötzlich kommt Wind auf und zerrt am Laub der Bäume, vertrocknete Blätter wirbeln durch die Luft. Nebenan wird ein Fenster­laden aufge­klappt, er knallt gegen die Wand. Eine Hand mit pink lackierten Nägeln rangelt mit dem zweiten, der Wind hält minutenlang dagegen. Welch ein Bild, pink auf grün, passend zu den Blüten auf dem Fenster­brett.

»Er wollte noch an etwas denken, doch dann rutschte er im weichen Nebel aus, landete sanft und sank in einen Schlaf.«

»Wenn unsere Augen doch fortgehen könnten, während wir schuften, denkt er. Wir würden arbeiten und sie würden solange über Berg und Tal ziehen.«

Andor Endre Gelléri: Die Großwäscherei

Linie#13

Freitag­nach­mittag, auch den Linien ist es zu heiß – allen, darum erwische ich noch eine, die eigentlich längst weg wäre und noch eine, die ebenfalls verspätet eintrifft. Draußen steht wartend ein Flamingo im weißrosa Kleid mit beein­druckend hohen Stöckel­schuhen. Drinnen gibt es nur noch Stehplätze im Gang. Ich finde einen Sitzplatz auf dem Boden, in der Gepäck­ablage zwischen zwei Rücken­lehnen. Als Kind hätte ich diese Höhle geliebt! Meine Aussicht ist begrenzt auf behaarte Männer­beine mit nackten Füßen in Flip-Flops und Nadel­streifen zu Lackschuhen. Dafür sitze ich ungestört und störe auch nicht das Geschiebe der Passagiere, die samt Koffer, Rucksack und Reise­tasche unbedingt weiter müssen, von hinten nach vorne oder von vorne nach hinten. Bis jeder feststeckt und zwangs­läufig bleibt, wo er ist.

Linie#11

Und immer wieder Linie 1. Als würde ich Fahrt um Fahrt von vorne beginnen – stets die gleichen Wege. Im Vierersitz nebenan ein Gespräch über die bevor­stehende Hallen­hochzeit bei 32 Grad. Der Mann in Anzug und Fliege konzentriert sich darauf, sich möglichst wenig zu bewegen, um nicht zu zerfließen. Die Freundin hält ihre Hand über seine glänzende Frisur, um zu spüren, ob er dampft. Die drei Damen tragen luftige Blumen­kleider zu knall­roten Lippen, lange Ohrhänger und Glitzer-Pömps. Nur die großen Rucksäcke passen nicht dazu. Eine der drei soll fotografieren, dabei kann sie das doch gar nicht professionell. Ein Hund ist auch einge­laden – Empörung über mangelndes Feingefühl – zu wenig Auslauf und die armen Allergiker. Selbst Harriet hat ihr Baby abgegeben, wäre ja auch zu anstrengend. Und dann noch die zerstrittenen Familien, das kann ja heiter werden.

Zwei neue Neben­sitzerinnen, die atemlosen Sorgen einer Mutter über ihren Sohn: Er möchte sich ihrem Tempo anpassen nur wie soll das gehen er hat einfach noch nicht die Richtige gefunden sie ist Jahre jünger und hat ihm spontan erklärt dass sie ihn mag weil er so anders ist er mag sie auch wenn nur die Schul­frage geklärt wäre er macht drei Kreuze dass er die Mathe­lehrerin los ist aber wie soll es weiter­gehen. Die Mitreisende nickt nur, der Sitznachbar drückt die Stöpsel tiefer ins Ohr. Nächster Halt: Goldberg.

Bis Böblingen starre ich auf die Gleise. Faszinierend, wie schnell die Augen von einem Fixpunkt zum nächsten springen.

In einer Tasche ein Kläffen. Nein. Wuff. Nein. Wuff. Nein. Daneben drei Oberstufen­schüler mit kurzge­schorenen Haaren und Zeugnissen in der Hand. Sie zeigen sich gegen­seitig ihre Beurteilungen, einer liest vor: Stets pünktlich, zuver­lässig, vorbildlich. Gelächter, ein Gemisch aus Häme, Neid und Anerkennung.

Linie#10

Regen­tropfen malen Linien­muster auf die Scheibe. Vertikal und diagonal nach links unten. Einer steigt ein, dem fehlt die Nase, statt­dessen ein flaches Pflaster über dem Schnurrbart. Und um die Ecke plötzlich ein neues Gebäude, Linien­struktur aus Stahl­streben.

Linie#9

Und wieder Linie 2. Die Hitze steht zwischen Anzügen und neben nackten Armen und Füßen, die auf Koffern liegen. Einer sagt: Vier Jahre keinen Urlaub, dann drei Wochen Stuttgart.

Linie#8

Ich trage einen überdimensional großen silbernen Teller unter dem Arm. Von vorne und hinten gesehen eine Linie, von links und rechts ein Kreis.

Nebenan geht es um Kosenamen: Eine Beziehung, in der dir nach ein paar Wochen immer noch nichts einfällt – ein schlechtes Zeichen. Nie im Leben wäre sie auf ›Augen­weide‹ gekommen, jetzt findet sie es übelst lustig. Aber nicht in der Öffentlichkeit! Fünfzig Mal ›Schatz‹ an einem Abend, das nervt doch.

Beim Anfahren verselb­ständigt sich mein auf dem Boden abgestellter Kreis, klappernd rollt er rückwärts, dann wieder vorwärts, bis mein Fuß ihn bremst und gegen die Wand drückt, bis wiederum der Fuß kribbelt und krampft.

Den da in der weißer Latzhose kenne ich doch irgend­woher. Gedanklich gehe ich alle Läden des Viertels durch und werde fündig: Dem gehört das Farben­geschäft. Immer wieder verwirrend, Laden­inhaber außerhalb ihres Ladens zu sehen. Daneben eine elegante ältere Dame mit goldenem Armreif, der den halben Unterarm umfasst.

Meinen silbernen Kreis gebe ich ab, der war nur ausge­liehen.

briques en chemin

briques en chemin

stylo-plume

stylo-plume

Linie#5

Die sieben Minuten Fußweg schaffe ich in vier, wenn ich renne – was ich immer muss, weil mir, egal wieviel Zeit ich habe, kurz vor dem Losgehen noch etwas so Wichtiges einfällt, wie die Spülmaschine auszu­räumen (das reicht noch gut), die Blumen zu gießen (ach, immernoch genug Zeit), die Fenster­läden zu schließen (jetzt sollte ich aber los) und dann doch noch die Zähne zu putzen (oh, jetzt aber wirklich). Die Schuhe binde ich im Aufzug, während ich mit wenigen Klicks meine Fahrkarte kaufe und hoffe, dass unser WLAN bis ins Erdge­schoss reicht oder dass das mobile Netz diesmal recht­zeitig übernimmt. Die Fahrkarte konnte nicht herunter­geladen werden. Also renne ich, schwer bepackt, den Blick und die Finger auf dem Smart­phone, die klackernden Schuhe verfluchend (dass sie so unbequem sind, hatte ich vergessen) den Berg hinab, bis mich ein weißwolliger Hund begeistert oder verstört, aber vor allem laut anbellt und bremst. Jetzt bin ich so richtig wach. Noch zwei Rolltreppen voller müder Menschen (Entschuldigung, darf ich bitte durch), dann unten, gerade noch recht­zeitig, Linie 1, die Türen noch offen, geschafft. Wie immer.

Vier Minuten Umsteigezeit von Gleis drei auf Gleis acht. Treppab, Treppauf, Warten.

Zwei Linien­scharen aus Hochspannungs­leitungen. Die einen parallel, die anderen diagonal zu uns. In Wellen, von Mast zu Mast.

Die Umgebungs­karte empfiehlt mir Luftlinie und behauptet zwei Minuten Fußweg – von Treppen, Gedränge, dem Umweg um die Baustelle und einer roten Ampel weiß sie nichts. Ich renne durch Pfützen, das Wasser spritzt in alle Richtungen, die Uhr ging vor, Linie 4 steht noch da und nimmt mich mit.

Einer mit Sicherheits­nadel am Hut und Ringen an Nase und Ohr fischt nach Fahrgeld in seinem überweiten Hosenbein und in den überhohen Schnür­stiefeln. Ein Loch in der Hosen­tasche, schnieft er entschuldigend. Er rüttelt am Stoff und braucht drei Halte­stellen, bis die Münzen über den Boden nach hinten kullern.

Telenovela zu halb geschenkten Johannis­beeren.

Jetzt musst du Bier gucken und Fußball trinken.

Linie#4

In Linie 6 hält einer ein Brett, Fabian R. steht da drauf, geometrische Buchstaben, sorgfältig ins Holz gefräst. Ein übergroßes Namens­schild für einen übergroßen kleinen Jungen in Schreinerhose. Seine Hände halten sich am Brett, während er einschläft. Sein Kopf kippt immer wieder ruckartig nach vorn, bald auch das Brett und mit ihm der junge Mann und vielleicht auch sein Sitz und bergauf dann auch die ganze Linie 6.

Linie#3

Linie 2, wie immer zu spät. Ein ›Immer‹ dürfte ich mir gar nicht erlauben, gehöre ich doch nur für zwei mal drei Tage zur pendelnden Arbeiterschaft, die ich von außen als einge­schworene Gemeinschaft sehe – ein leicht spürbares Wir im morgendlichen Schweigen und Blickeaus­weichen. Ich gehöre nicht dazu, bin Touristin im Linien­verkehr. Linie 2 zuckelt also gemächlich durchs fette Maigrün, meine Augen trinken gierig davon, welche Pracht! Für einen Moment ist der Weg das Ziel. Dann, im Tunnel, kurz vor ihrem Ziel, wird sie noch langsamer. Und immer noch laang­saaaammee­eerrrrr. Ich versuche sie gedanklich anzuschieben und rede ihr gut zu: Komm schon, nicht stehen­bleiben, es ist nicht mehr weit, gleich sind wir da, nur beeile dich, bitte beeile dich, wenigstens ein bisschen. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, rollt langsam aus und bleibt erst stehen, als aller Schwung weg ist und auch Linie 74. Ich sitze fest, im sonnen­warmen Nirgendwo.

Der Reiz des Verspeisens von Nasen­popeln hat sich mir schon als Kind nicht erschlossen. Tatsächlich soeben gesehen, schräg gegenüber in der Linie 74. Immerhin sind sie dann aufge­räumt.