Christina Schmid
Anfänge und Enden

M

Das M auf meiner Tastatur hakt – was will mir das sagen?

»Mut darf haken, aber er schreibt sich trotzdem weiter.«

Soso, ChatGPT.

Neuanfang

Mein Notizbuch ist verschwunden und vielleicht braucht es genau das für einen Neuanfang. Ich schließe zwei Türen für etwas Abstand zur aufbrausenden Wut nebenan. Ruhe nach dem Sturm in unseren Bäuchen. Eine Nacht und einen Tag lagen wir flach in allen Betten, die diese Wohnung zu bieten hat. Das Frühstück grummelt noch nach. Nach dem Duschen ganz klar, eine Vision im Handtuch: Ein Zimmer für mich allein. (Anderes Buch)

Gedanklich trage ich hinein, was ich liebe: Nur Stifte, die funktionieren, nur schönes Papier, nur Bücher, die mir etwas bedeuten, mir Wege zeigen zu mir. Ein Bett zum Denken, die Träume an den Wänden, auf dem Tisch meine Papierwerkstatt, mit Drucker und Kamera endlich mal, trotz Angst vor Bilderflut.

Du sagst: In diesem Haus geht es nicht ums Außen, es geht um mich. Es ist eben nicht nur ein Zimmer, es sind vier, plus Treppen, Küche und Klo, die renoviert sein wollen, ein Dachboden für Gäste, dazu noch Keller und Garten – so groß! Das muss ich doch größer denken, so viel Platz steht mir nicht zu. Und ja, ich teile gern.

Schnitt

Das Schnitterinnenfest steht an und erinnert mich daran, dass ich den Schnitt setzen darf, der ansteht:

»Was ausgedient hat brenne, im Feuer der Verwandlung, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Der leere Raum. Wie gerne ich ihn zeige. Und gleich wieder fülle mit Plänen, anstatt ihn als Raum wirken zu lassen. Auf mich. Fülle ihn mit Kreisen, die sich noch fremd anfühlen, in denen ich reflektiert und selbstbewusst meine Pronomen aufsagen soll. Wen ich alles gelesen haben müsste, um zu verstehen, dass ich mich noch immer in den falschen Spiegeln suche. Please: Richtet hier im Haus einen Leseraum mit all euren Texten ein.

Ich habe mir Raum geschaffen im Kalender und fülle ihn wieder mit deinen vorgestrigen Texten und meinen, für die mir der Mut fehlt, die Klarheit und Ausdauer.

Ich muss uns nicht wieder aufwärmen.
Ich muss dieses Buch nicht schreiben.
Ich muss das Haus nicht retten.
Ich muss nicht deine Verlegerin sein.

Aber ich könnte. Und diese Möglichkeit macht mir Spaß.

Und jetzt?

Diese Kiste voller Briefe und mein Textmeer, das plötzlich wieder angeschaut werden will. Wenn ich kurz reinlese werde ich nur traurig über die fehlende Zeit für das uferlose Unterfangen, dieser Fülle an Material ein Buch (oder zwei) abzuringen.

Schnitt!

»Es ist das Fest, das uns oft am meisten herausfordert, weil wir uns so oft weigern, den Schnitt zu setzen, obwohl wir sehen, dass er ansteht.«

»Wir vertrauen dem leeren Raum, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Lavendel

Abendspaziergang in Zeitlupe mit Kind, von einem Gartentor zum nächsten, den steilen Weg zum Weinberg hinauf. Wir streicheln kleine Mooshügel an der Mauer, in der Ohren wachsen, grün und dick. Wir schreien gegen den Lärm der Lüftungsanlage: A-O-A-O-A-O. Wir üben SCH und SSS, haben Angst vor einem Hund, der nicht weiß, wie groß er ist. Es riecht nach Lavendel, verregnet, besonnt.

Buchstaben

Ich soll es genießen, dass die Kinder da sind, diese besondere Zeit, in der sie klein sind. Stattdessen nerven mich meine Hormone und die Frage, ob mit mir etwas (oder vieles) nicht stimmt. HSP, PMDS, ADHS – diese Buchstaben brauchen eine Diagnose. Hast du dir die Wörter im Glas angesehen? Deine Wörter. Fremdwörter, und doch fehlen sie hier. Zwischen den Ideen lauert mein Loch, in dem ich verschwinde, mich vergesse. – Da haben wir die Diagnose.

Zettel

Neulich im Traum: Auf einem Zettel ein Satz, der mir sagt, wie mein Buch beginnt, er handelt von uns, von unserem Ende, vom Anfang unseres Endes. Du musst dieses Buch nicht schreiben, sagt mir ein großer Mann, der mich dabei auf den Arm nimmt und wie ein Baby auf seine Hüfte setzt, meine Hände festhält und mich beruhigt. Immer wieder sagt er: Du musst dieses Buch nicht schreiben. Aber der Satz ist so gut! Er wiegt mich und hält mich fest – oder auf?

Halt

Halt im Chaos finden und in der Neugier den Kern.

Verkleiden

Verkleide mich weiter als die, die ich nie war.

Wolkenatlas

»Der Himmel blättert
im Wolkenatlas – seine
Seiten sind leer«

Gelesen im letzten Urlaubsmoment am Meer, im Schneckentempo …

Jan Snela: Ja, Schnecke, ja.

Herzrasen

Das Herz will mir was sagen, klopft wie wild, will mich warnen: Achtung, die sind gefährlich! Warum? Weil sie ganz genau wissen, wie sie dich aus dem Konzept bringen. Und das tun sie, um sich zu spüren.

Das Ich ist nun sie, die Dus kenne ich nicht.

Falter

Zwanzig Falter aus Papier. Kurz breite ich die Flügel aus in meinem Zimmer und falte mich schnell wieder ein, mache mich klein, bevor der Wirbelwind alles durcheinander bringt. Wieder schiele ich zum Haus im Garten und sehe meine Papierwerkstatt darin.

Habe ich dir das Haus schon gezeigt?
Komm mal vorbei!

Blitz

Ich lege meinen Kopf in die Ritze zwischen zwei Kissen, alle paar Atemzüge blitzt es darin. Meine Matratze, Decke und drei Kissen mischen sich zu einem grüngrauen Kompromiss um meinen kranken Körper, der sich nicht bewegen will, und doch ständig muss, auch das Baby ist krank. Stillen nach Bedarf, und der ist groß in dieser Nacht. Schnuller, Zudecken, Schnuller, Nähe, Schnuller, Abstand, Schnuller und wieder Stillen. Schlaf, bitte schlaf. Wenn es dann schläft, ist da noch mein Kopf, der nicht Nichtdenken kann. Im Fieber baut er mir unsere Ausstellung als mehrstöckige Geschichte auf Rädern. Wann immer ich wach bin, flüstern sich Uhrzeiten ins Geraschel von Bett und Papier. Mein Traum wird angezapft von einer dunklen Macht, die vom Baby nur eine Reihe kleinerer Hüllen und einen USB-Stick übrig lässt. Ich lausche jedem Atemzug neben mir und jedem Geräusch im Kinderzimmer nebenan. Immer waches Mutterhirn, Kranksein ist nicht vorgesehen.

Lücken

Mittwoch und wieder ist das Kind krank. Seine Fünftagewoche ist abgeschafft. Ich habe ja eh nur zwei konzentrierte Tage und für die Kunst sind höchstens die Lücken und Ränder vor­gesehen. Weil ich nicht raus will und kann aus unserem Offenen Buch, schaut es die Sendung mit der Maus. Orange!

Ich mag deine Orangen im Seidenpapier.

Gestern lag ein schwarzes Seidenpapier in einem Paket, das habe ich gefilmt.

Jetzt werde ich gebraucht, muss wieder raus aus meinem Fluss und bin frustriert.

Fehlende Anhänge

Skizze Kachelübergang
Maßstabssprünge
Orangenmaterialproben

Rohzustand

Am Montag fühlen sich meine Hände riesig, riesenhafte Pranken, die einen Klumpen Ton kneten.

Am Dienstag sagen wir uns alles und sehen uns gut. In diesen Tagen nehme ich mehr Raum ein, als ich mir zugestehe. Mittags lese ich in dem Buch mit dem seltsamen Geruch.

Am Mittwoch will das Kind zu Hause bleiben. Wir verbauen jeden einzelnen Duplo-Stein.

Am Donnerstag erledige ich alles, was sich mein Postfach für den Januar vorgenommen hatte und bisher unmöglich schien.

Am Freitag sprudelt es nur so aus mir heraus, schon morgens um vier, als mich das Baby weckt. Um sechs stehe ich auf, setze mich an den Schreibtisch und um neun sprudelt es weiter wie im Traum, als ich im Schwimmbad meine Bahnen ziehe, unter mir die Kacheln, quadratisch, nein rechteckig, nein beides – wo ist der Übergang? Dreimal verpasst. Bei der vierten Bahn halte ich die Luft an und gleite über die Linie.

Plötzlich ist alles klar und da: Der Boden ist voller Buchseiten, Puzzleteile aus den letzten Jahren fügen sich zusammen. Geomerie, Archi­tektur, Schatten, Licht, vergessen geglaubte Visionen rauschen durch mich hindurch. Es öffnet sich ein Spalt zu meinem Spielplatz in Straßburg voller Konzepte, die ich nicht zerdenken wollte. Plötzlich verstehe ich dich und den Rohzustand. Die Freude über deine Einladung in unseren Dialog ist wieder da, ich bin wieder da.

Klavier

Vielleicht erinnerst du dich:

Das kleinste Notenbüchlein der Welt: Ein Ton pro Seite, einer für dich, einer für mich und so weiter. Komponierst du das Stück? Dann mache ich das Buch.

Das Klavier bekommt ein winziges Notenbüchlein, ein Leporello, zwei mal zwei Zentimeter groß. Ich frage dich, ob es Bindebögen braucht. Du schickst mir zwei Interpretationen zurück. Die Melodie habe ich mir für das Kind überlegt, vor seiner Geburt.

Jetzt wartet es auf mich im Kindergarten, ich muss los und will nicht, seit Freitag schimpft es mit mir. Oh, diese Wut mit vier.

Erfüllung

Theo: Das darf ich nicht verraten, weil das ein Geheimnis ist, sonst geht meine Erfüllung nicht in Sicherheit.

Klick

Klick: Licht an
Klick: Licht aus
Klick: Licht wieder an
Klick: Aus

Bettgeraschel
Papiergeknüll
Knistersymphonie
Klavier?

Kissen

Wie klingt ein Bett aus Papier? Das Kissen mit Seidenpapier bezogen raschelt am Ohr und knistert noch nach, wenn der Kopf schon wieder weg ist, sein Abdruck bleibt. Deine Bilder schimmern hindurch, wie von einer Eisschicht zugedeckt, ungreifbar. Dann plötzlich ein Riss, aus dem Käfer krabbeln. Von einem schmalen Rand zum andern balanciert meine Aufmerksamkeit wie durch einen Nebel zu dir. Noch will
kein Traum zu mir.

Bis übers Ohr will ich bedeckt sein. Deckst du mich zu, liest du mir vor, siehst du den Schatten über uns? So wird der Raum zum Buch.

Wenn mein Kopf schon wieder weg ist, ist er wohl beim nächsten und übernächsten Essen. Orangene Suppe könnte es geben bei unserer Vernissage. Oder frisch gepressten Karotten-Apfel-Ingwer-Saft, wie heute hier.

Auszeit

Nächtelang erkläre ich Papa per Brief, was eine einsame Auszeit auslöst und warum wir lieber im Gespräch bleiben mit unserem Kind. Er will es nicht wissen. Und ich einfach in den Arm genommen werden. Er bestimmt auch.

Preisschild

Im Traum machst du Paula und Sascha ein Geschenk: Eine Schachtel mit Pralinen wie Kieselsteine zu einer philosophisch-geologischen Abhandlung, ein dünnes Heft. Du siehst, dass ich das Preisschild sehe, 447 Euro. Du wirst rot, nimmst die Schachtel wieder an dich und willst sie zurückgeben, wenn das noch geht. Kopfschüttelnd laufe ich durch den Raum zu Marlies und anderen stillenden Müttern am Boden zwischen Theaterproben. Dass ich obenrum nackt bin stört hier niemanden, nicht einmal mich.

Grasfrisur

Im Traum schwimmen wir durch eine Wasserlandschaft aus Kanälen, Strudeln und Becken, Mama redet ganz untypisch wie ein Wasserfall auf mich ein: Das geht doch nicht, so ein Lieben kreuz und quer. Vor uns schwimmt ein Typ, der sagt: In manchen Betten fühlt man sich eben wohler als in anderen. Auf seinem Kopf wächst grünes Gras in Büscheln, wild gemäht. Diese Grasfrisur bleibt mir tagelang im Kopf, bis ich sie jetzt endlich aufschreibe.

Klappkisten

Wer bin ich bloß geworden? Welche Teile von mir ich verloren habe, sehe ich in deiner Wohnung, als sei sie mein Spiegel: Schau, so frei und beweglich kann ein Leben eingerichtet sein.

Ina, Fragment in meinem Namen. Und ich? Entsetzt in deinem Archiv aus dreihundert Klappkisten direkt unter der Galerie. Fasziniert, wie du mit diesem Haus verwachsen bist.

Ist »Entsetzt« das richtige Wort?
Wertvolle Last.

Nöte

Stillen, alle zwei Stunden oder drei, maximal vier, länger bin ich nie allein, seit vier Monaten. Stillen, dann Stillliegen zwischen beiden Kindern. Das große hält bei jedem Atemzug die Luft an, um nicht einzuschlafen, und sagt: »Ich vergesse heute alles, was ich gut machen soll.« Zwei Stunden liegen wir schon wach im Dunkeln. Ich wünsche mir ein Gerät, das meine gedachten Sätze licht- und lautlos zu Zeilen schreibt, während ich hier so liegen muss, bis es gleichmäßig atmet und der Abend mir gehört. Und was mache ich damit? Jetzt Licht. Noch einmal deinen Brief lesen, der zwar mit mir am See war, doch dort wollte ich nur vergessen, mich weglesen, Trost finden: ›Other writers need to concentrate‹. Ich könnte dir das Buch schicken, bezweifle aber, dass dich die literarisierten Nöte schreibender Eltern so rühren wie mich.

Perlen

Im Traum ein Bergdorf mit Kriegsbaracke, ich will nicht weitergehen. Von oben sehe ich dich am Boden unter Wäschebergen glitschige Perlen entdecken, sie bewegen sich. Bestimmt übertragen sie Malaria oder etwas anderes. In meinem Bein steckt auch so eine Perle fest, ich kratze sie auf und weg. Draußen auf dem Platz essen wir sehr touristisch, der Lautsprecher knackt permanent, doch ich muss schreiben. Du siehst mich durch dein Glas mit Papier und Stift, nur da bin ich ich. Die halbe Nacht warte ich darauf, dass du das Baby wieder zu dir nimmst. Halboffener Schlaf, ohne Stift aus dem Traumland gekickt. Dieser Traum ist filmreif und wieder weg nach dem x-ten Stillen vom Baby und wieder Zudecken vom Kind. Was mir bleibt, ist dein verachtender Blick. Ja, ich war nochmal oben im Hotelzimmer, das jetzt deines ist. Ich sah deine Taschen vor dem Spiegel stehen, unausgepackt. Auf der Treppe kommen wir uns entgegen, du siehst mich misstrauisch an. Meinen Schuh und den Stift hatte ich dort vergessen, beteure ich und wedle damit. So verabschieden wir uns, der Traum und ich.

Orangenheizung

Nach einigem Stöbern fand ich das Bild vom Bild der Orangenheizung wieder, 2016 in einem Buch in Straßburg entdeckt. Was sich die Träume doch so merken, und was alles nicht.

Skizzenbücher voller Buchskizzen, seitenweise Zweiseiter träumen im Regal. Alle scannen und übereinanderlegen: verdichtetes Potenzial.

Treffen wir uns mal bei dir mit Papier?

Vom Text zum Bild

Du kommst mich besuchen in meinem Buch­traum, hier findest du dich. Du schimmerst zwischen den Zeilen hervor, spinnst feine Fäden von einem Fragment zum nächsten, zum Licht. Hier fallen mir deine Bilder ein. Ina! Fragment in meinem Namen. Und ich in deinen Bildern? Die ich nun sortieren will. Mein neues Du. Kein Zurück in den Text vom letzten Jahr. Er ist uns Material für neue Träume auf Papier, das knistert, knirscht und klingt. Wir reißen, schneiden, falten, knittern, knüllen, rollen uns ein. Schluss mit Papiertheorie, ran ans Material, rein in deine Bilder und raus aus dem Text. Und das Buch? Ein Traum. Nicht mehr. Mehr nicht.

Offenes Buch

Ich schreibe mich zu deinen Bildern.
Lege aus, was zu mir spricht.
Lese dich in meinen Texten.
Überschreibe mich an dich.
Wohin es uns noch blättert?