Ich schaufle Geschichten in mich rein, ohne große Pausen, mit Vergnügen am Traumtanzen zwischen den Worten. Kurz vor der Ankunft im Schloss ist der Urlaub im Buch zu Ende. Der letzte Satz bringt mich zum Schmunzeln: »Boobs would be cool.«
Jillian Tamaki, Mariko Tamaki: This One Summer
Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorgenommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.
»Die als verfallene Ritterfeste gebaute Löwenburg bekommt bald ihren zerbombten Hauptturm zurück.«
Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne mehr in meinem E-Mail-Postfach als bei dir.
Sie wollte uns über den Tisch führen.
Zurück zum Text.
Ins kalte Messer laufen lassen.
Zwei Gänge runterschrauben.
Um das Pferd von Hinten aufzurollen.
Ständig kommt man ins Hintertreffchen.
Dafür ist zu viel Porzellan den Bach runtergegangen.
Ich fühl mich wie die Prinzessin unter der Erbse.
Das reicht ja für keinen müden Finger.
Dann können wir jetzt auch gleich den Löffel in den Sand werfen.
»Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.«
»Das mag nach ›Schuster, bleib bei deinen Leisten‹ klingen. Aber es heißt vor allem, dass es zuletzt keine Literatur ohne persönliche Erfahrung geben kann.«
Es fehlt nichts.
»… He even came to my thirtieth birthday party in Oakland that doubled as performance art, where I demanded that everyone wear white and that no one speak. In the video of it, Matt is the star, master of communicating through silence—playful, reverent, and true. This is how I will remember him.«
Ivy Johnson, thank you for sharing this memory.
Vor mir liegt eine Woche am See. Die Tulpen duften, draußen das Ufer voller Vögel, nebenan der neue Nachbar, der immer etwas zu laut spricht. Etwas zu laut ist es in mir drin seit einigen Tagen und etwas zu still bin ich. Ich möchte es immer noch stiller, bis hin zum Stillstand, den ich dann nicht mehr ertrage. Mit den Gedanken und Erinnerungen an Matt kam mir auch meine überdrehte Seite wieder in den Sinn. Reisen, Menschen, Ausstellungen, Essen, Lachen, Mitschwimmen in diesem spannenden Leben.
Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet herauszufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.
Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblingsmusik zusammen, der Soundtrack zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.
Im Traum bereite ich eine Rundmail an unsere Hochzeitsgäste vor, in der Mustervorlage sitzen seltsamerweise Bilder von griechischen Skulpturen, die Ausschnitte so gewählt, dass vor allem Penisse und Venushügel zu sehen sind. Die Bilder kann ich später ersetzen, nach der Familienfeier. Als mich Justus anruft und verwirrt nach dem Datum der Hochzeit fragt, dämmert mir, dass sich die Mail automatisch verschickt hat und zwar an den ganzen Verteiler. Unverzeihlich. Ich gehe los und treffe Justus auf einer Rikscha, wir werden durch Stuttgart geradelt. Keine Gelegenheit, meinen Fehler zu erklären. Ich wühle in meinem Geldbeutel zwischen ausländischen Geldscheinen und finde glücklicherweise noch einen Zehner, um die Rikscha-Radlerin zu bezahlen.
Im Wind bemalt ein Baum die Holzwand einer Scheune.
Im Naturhoroskop bin ich ein Apfelbaum.
Klappernder Fensterladen dem Wind, draußen ist alles weiß. Heute geht es nach Hause, nach drei Tagen im österreichischen Schnee, in denen zu viel gesagt wurde. Es war laut und emotional, jede Nuance der Stimmungen am Tisch sickerte in mich ein. Ich bin zu durchlässig für diese Art der Kommunikation. Und es schmerzt mich, wenn du in Schussfeuer gerätst.
Im Auto ein aufgekratzter Matthias, der von seiner Jagdausbildung berichtet und von seiner Zeit als Soldat. Davon kann auch Thomas erzählen: Er war Panzerfahrer, während der Rest der Welt Sonntagsspaziergang machte, in bunten Kleidern.
Abends dann noch so ein surrealer Moment: Blinkendes Blaulicht auf der Hauptstraße, lachende Jungs am Straßenrand und ein auf der Fahrerseite liegendes Auto mitten auf der Fahrbahn, umkreist von einer Kreidespur. Polizisten leuchten mit Taschenlampen in die parkenden Autos. Wie schafft man es, bei maximal fünfzig Stundenkilometer sein Auto auf die Seite zu legen? Ich muss weiter, habe kaum Zeit zu gucken und vergesse später, zu schauen, ob die Kreidespur noch da ist.
Als ich den Papiermüll runterbringe, sind die grünen Tonnen frisch geleert, bis auf einen handgeschriebenen Zettel, den ich wiedererkenne: Mein Brief an Fabian, in der Morgendämmerung aufs Papier gekrakelt, im Landeanflug auf Zürich, wo er mich abholen sollte. Sehnsüchtige Gedanken an unsere Körper auf Papier, die da am Boden der Papiertonne kleben. Ausgerechnet. Hat sie etwa jemand extra so platziert, um mir nochmal zu zeigen, was ich da wegwerfe? Ein Stück Leben, zu weit unten, um es zu retten oder zu Konfetti zu verarbeiten, unleserlich zu machen für meine Nachbarn. Vielleicht bleibt es dort kleben. Vielleicht liegen die anderen Blätter auf den Böden der anderen Tonnen. Ich schaue nicht nach und werfe den restlichen Müll einfach so oben drauf.
Im Traum ein neues Schlafzimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.
Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitgebrachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stockwerke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleidemöglichkeit.