Christina Schmid
Anfänge und Enden

Skype

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»Das Leben, dieser Luxusdampfer.«

Im Zug

Sagt: »EU, Schuld, Hitler, Stalin, Putin, Kretschmann, Italiener, Türken, seit 3 Generationen, Erdogan, Es hat kei Wert …«

Je weniger sie sagt, desto wertvoller jeder einzelne Buchstabe. Und sei es nur ein »VlG Mama«.

Das mag ich:
Mit dem Fahrrad über lose Pflastersteine holpern.

Die Welt in ja und nein, gut und böse, schwarz und weiß – keine Graustufen oder Farbnuancen, und schon gar keine Überraschungen.

»Punk. Ich will Punk machen. Punk ist Alkohol, Sex, Drogen und Politik.«

Strickmuster

Wandertag mit treuloser Tomate, der das Leben noch viel enger gestrickt wird als mir. Ich falle durch die Maschen und verfange mich beim Kletterversuch zum Faden, um ihn selbst weiter zu stricken im chaotischen, aber authentischen Muster meiner Launen.

Den äußeren Einwirkungen oder den inneren Auswirkungen ausgeliefert.

Das Kapital

Erst am Boden,
jetzt über der Heizung –
verknittert.

Zeitkunst

»Die Tonkunst ist ähnlich wie die Wortkunst im Gegensatz etwa zur Malerei oder Bildhauerei eine Zeitkunst.«

»Schumann benutzte ein verkehrt eingestelltes Metronom. Seine irreführenden Zeitangaben mußten später richtiggestellt werden.«

Im Brummen der Flugzeugmotoren meine ich den Gesang meines Chores zu hören. Ein unendlich gedehntes Prosit der Gemütlichkeit in allen Tonlagen zugleich.

St. Petersburg

St. Petersburg

Spiegelkabinett

Nach dem Urlaub falle ich zurück in mein Loch. Zweifel drücken mich morgens zurück in die Federn und verjagen mich schneller aus meinem Schaufenster als ich mit der Arbeit beginnen kann. Herrje, hört das denn nie auf? Oder erst wenn ich ein Kind habe? Oder am Bodensee wohne? Oder Kunst mache? Oder schreibe? Oder nur noch koche und backe? Oder allen Ballast von mir schüttle und aus einem kleinen Rucksack lebe, nirgendwo zu Hause, überall daheim? Das ist keine Achterbahn mehr, das ist ein Spiegelkabinett ohne Ausgang.

Verflucht

Plötzlich schlägt mir eine Kälte entgegen. Ein Kommentar auf Facebook entlarvt meine tiefsten Ängste, ich fühle mich ertappt. »Ihr verfluchten Nachmacher!!!!!« schreit da einer. Mein Bauch verkrampft sich, ich will ins Bett und nie wieder aufstehen. Oder zumindest heiß duschen.

Was meint er genau? Das Logo, das sich mit Abstand betrachtet als eine Mischung der Logos zweier Designschulen interpretieren ließe? Oder meint er die Website, deren Menü dem meiner Lieblingswebsite ein wenig zu sehr gleicht? Die andere Schrift, die neue Bildsprache, die Bespielung des Logos – sind das nicht genug »neue« Elemente für ein eigenständiges Erscheinungsbild?

Geht das überhaupt, etwas Neues zu erschaffen, wenn man doch von allen Seiten beeinflusst wird? Sind unsere Ausdrucksmittel nicht viel zu limitiert, um uns nicht ständig – versehentlich oder unbewusst – gegenseitig zu kopieren? Und warum ist das schlimm?

Weil es wohl mal wieder ums Ich geht, um Identität. Als ich bemerkte, dass meine kleine Schwester sich heimlich meine Klamotten auslieh, fühlte ich mich in meinem Stil (wenn man das, was ich mit 17 trug, als Stil bezeichnen möchte) kopiert. Nicht mehr eigenständig, besonders, ich. Ich hätte es auch als Kompliment verstehen können.

Und wer kennt das nicht: einen tollen Entwurf aufs Papier gebracht zu haben, nur um kurz darauf festzustellen, dass das so oder so ähnlich schon vor hundert Jahren entworfen wurde. Mein Freund erzählt gerne, dass er in seinem ersten Semester den Klappstuhl neu erfunden hat. Alles schon da gewesen, die Farben, die Formen, das Rad.

Die Kopie ist in unserem Kulturkreis verpönt, Nachmacher werden geächtet. Nun komme ich aber seit geraumer Zeit auf nichts Neues, Eigenes – aus lauter Angst, etwas falsch zu machen. Wann hat das angefangen? Als ich merkte, dass ich zu wenig weiß? Als ich keinen Strich mehr zustande brachte, ohne mindestens bei fünf Anderen zu schauen, wie die das machen? Aus Faulheit? Aus Angst. Doch welche Angst ist größer: Der Kopie verdächtigt zu werden oder den Fehler zu riskieren? Beides bleibt wohl keinem erspart, der nicht im Bett bleibt. Im Kopieren lerne ich von anderen, im Fehlermachen von mir selbst.

Kurze Zeit später stellt sich heraus, dass der Kommentar gar nicht uns galt. Immerhin hat er mir ein paar Gedanken beschert.

Wasserschaukel

Im Traum lässt du mich kurz aus den Augen, verschwindest einmal mehr im Gebüsch, als ich Tommy treffe. Er ist auch schon früher an den See gereist, bevor der ganze Chorrummel hier losgeht. Er zeigt mir ein paar Schaukeln in den Bäumen über dem Wasser. Ich folge ihm und mag seinen Rücken. Wir gehen schwimmen. Ich klettere auf eine der Schaukeln und Tommy hängt sich an meine Beine. In der großen Runde setze ich mich neben ihn, du schleichst um uns herum. Als ich aufwache im Traum, hast du deinen Gürtel um unser beider Hüften geschnallt und ich habe einen dicken Fisch im Mund. Ich hole ihn raus und esse ihn langsam.

Kids

Ich lese mit einer freundlichen Stimme im Ohr, während der Rest der Welt brüllt. Egoismus und Kälte schlagen uns im Flugzeug entgegen, äußerst nett hingegen der in Costa Rica lebende und in Deutschland geborene Engländer neben uns. Er weiß, was von amerikanischen Airlines zu erwarten ist: Keine Filme, kein Essen, es sei denn du zahlst. Nicht mal die Stewardess muss mehr freundlich sein. Immerhin organisiert sie uns dann doch zwei Plätze nebeneinander mit den Worten: »Kids, there are two seats in 34, A and B.« – Kids, nice. Jung und verliebt, immer noch, auch wenn du Pampers trägst und Apfelmus schlürfst – ohne dich wär alles nichts.

Paradies

Wir sitzen im Paradies und spielen Familie, bis wir uns nicht mehr sehen. Jeder verstrickt in seiner Rolle, bis wir eigene Wege gehen. Fürsorge oder Vormundschaft, Mündigkeit oder Lethargie, Hängematte oder Touristenprogramm, karibischer Strand oder Stau im Regenwald.

Kopfüber

Im Traum ein Fest unter Bäumen, umzäunt von Buchstaben, die ich vor Jahren mitgestaltet habe. Meinen Gesprächspartner möchte ich darauf hinweisen, doch ich komme nicht zu Wort. Die Buchstaben drehen sich, werden zu magischen Zeichen, während wir uns tief in die Augen blicken. Du kommst von hinten angeschlichen, wirbelst mich tanzend im Kreis und küsst mich – der andere guckt ein wenig enttäuscht. Die Gäste klettern auf den großen Baum, hängen kopfüber an den Ästen und springen in Saltos zu mir herunter und rückwärts wieder hoch. Eine Nacht wie diese wird es nie wieder geben. Es ist warm, die Luft vibriert und alle fühlen sich stark, so verschrobenen sie auch sind. Bleib doch noch, es gibt noch so viel zu erzählen.

Der komische Kafka

Zwei Aufgaben des Lebensumfangs:
Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
ZZ 94

Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg.
Was wir Weg nennen, ist Zögern.
HAL 22