Natürlich träume ich von dir, wenn ich in deinem Bett schlafe. Wir fahren Auto, jeweils allein. Wir bewerben uns an den selben Schulen, werden abgelehnt. Wir stehen nebeneinander auf Gruppenfotos, ohne einander zu kennen oder jemals wirklich begegnet zu sein. Wir sehen uns nicht, wenn wir uns sehen. Wir träumen und leben aneinander vorbei.
Zwei Lehrer stehen neben dem Treppenaufgang und platzieren eine Stellwand, damit sich niemand verläuft. Lachend stellen sie fest, dass der Gang viel zu breit ist, um ihn abzusperren. Ich frage sie nach dem Weg. Tür reiht sich an Tür, eine steht offen und Carsten davor. Verwundert fragt er: „Was soll denn hier unterrichtet werden? Das Zimmer ist voller Betten!“ Laura und Heike stürmen hinein und hüpfen von Bett zu Bett. Die beiden kuscheln sich eng aneinander und in die Decken, bis Laura auf den Plattenteller rutscht und sich dreht, dass ihre Haare fliegen. Ich denke an die 2000 Euro Kaution, die jede von uns zahlen musste, und behaupte, die Rolle der Aufseherin liege mir am besten. Mit mahnendem Zeigefinger stelle ich mich mitten in den Raum, scharfe Zurechtweisungen bellend. Peinlich, wie gut ich das kann. Eigentlich steckte ich lieber mit den beiden unter der Decke, aber da ist kein Platz für mich, für niemanden. Lauras fliegende Haare sind ansteckend, die elektrische Ladung knistert auf meinem Kopf.
Diese Angst, dass irgendwer dahinter kommen könnte, dass ich nichts kann, dass er es allen erzählt, dass es dann vorbei ist. Was dann noch bleibt, ist eine Zukunft, in der ich nichts mehr machen darf (oder muss), von dem ich denke, dass ich es nicht kann.
Die Spiegelkugel schaukelt im Wind und wirft Lichtpunkte aufs Gras. Wo fängt man an, wenn die Tage eines ganzen Monats dem Vergessen überlassen wurden? Hier und Jetzt oder wieder im Gestern, das an Glanz verliert, sobald man darüber schläft? Ich rücke eine Stufe abwärts, dem Sonnenstreifen nach, und überlege, wie Leben geht.
Bayrische Stellen aus Oma Heidis Kochbiografie:
Wos woitsn ia do? D’Heidi hod koa Zeit, die muas oaboiten. Hermann, des moch ma ned. Mei, des is obr vui Geid. Mei Heidi, der Moa woa net so voam Krieg. Mei Heidi, wos hama dem ois gwünschd. I hob de Himme auf de Welt. Geh her da. Brauchst nadierlich scho a guads Essn. Heidi, hoast du scho Hai hergricht fia moagn Fria? – Mei, hob i no net. Hoi-Stoll. Deandl. Gunkeln. I muas owai oaboiten. Hots dem Deandl wieda Hoar gflochtn, muss se wieda schreibn. Wos woitsn ia doh, wo kimmtsn ia her, wer seidsn ia? Joa und? Wo gherstn du hi? Mit der brauchst dich fei net anfreunden, die ist evangelisch Mei, mir kimme doch des Deandl net so weit fuad lossn, do seng ma nimma dazue. I kimm von der Metzgerei Wurz und mecht bei eana die Pergament-Düten abholn, die bsteillt woan sand. Sigstes Hermann, etz hama die Schererei. Des wirst sehn. Mei, des hand doch Luthrische! Mechtst du den Moa heiratn? Die Heidi hod en Freind, en Schwob! Mei Heidi, wos verlongst uns do ob! Des kima mir doch goa ned leisten, wos du do mechst. Verlobung, des kenne mir joa goa ned. Joa mei, wenn aich des glongt. Des muss ma ned, mocht ma ned, braucht ma ned. Heidi, i mog mit dir und mim Frieder geh! Worum host denn du koan Bruada ned? Mei, des is hoid a Lutrischer. Bajuwaren. Joa, wos hobds n ia zwoa vor? Hermann, du wiast di no wundern, aber mei Geid findst du net. Joa, ma woas ned, wos fia a Zeit kimmt, dann simmer froh dran. Blau und weiß kariert mit Herzerl drauf. Sterbbeidl. Gestern host du verkaufa derfa und haid derf i verkaufa. Obhaideln. Schweinderl. Du deafst es ned auslossn, gell, hoids fest, hoits joa fest! Loss ned aus! Deafst ned auslossn! Doss ma a Kaibe hoaltn konn. Nojoa, do kimma a nix dafia. Joa Heidi, woaßt du denn ned, doss wia die Zwiebel vorher andämpfen? I wos des scho, doss ia des so mocht.
»Als die Stehl ihm gar – ungefragt – mitteilte, dass sie ein Werk über Deutschland zu schreiben gedenke, fragte er schroff: ›Wozu?‹ – Die Stehl hatte hierüber nicht nachgedacht und blieb die Antwort schuldig.«
Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden
Gefunden in der Bismarckstraße, Stuttgart
Aus einem kleinen Riss in meiner linken Handfläche fallen rote, klebrige Quader, alle gleich groß, etwa einen Zentimeter lang, dazwischen ein größeres Dreieck. Die letzten ziehe ich vorsichtig heraus, bis nur noch ein kleines Eck aus dem Riss ragt. Das sei Lobe, sagt Naomi, ein Blutplasma, das manchmal ausfällt, ausgelöst von Allergien. Fasziniert und angeekelt zugleich spielt sie mit den glitschigen Klötzchen. Ich fege sie mit der Hand vom Tisch in den Müll. Das hatte ich noch nie. Liegt es an diesem Haus? Mitten im Nirgendwo, umgeben von Landschaft – wenn nur die große Straße nicht wäre. Man hört sie nur, sieht sie nicht, denn vor den Fenstern stehen Mauern, nur durch das Glasdach fällt Licht. Ich suche den Raum mit den Fäden, knipse alle Lichtschalter an und aus, bis sich die Leute in der Küche beschweren. Ich finde die Ziehharmonika-Konstruktion, an der die Fäden früher hingen. Kein Platz mehr für solche Spielereien, die Konstruktion wird jetzt als Wäscheständer genutzt. Früher hing sie an der Decke, die Fäden reichten bis zum Boden und füllten den ganzen Raum. Man konnte darin tauchen, erinnert sich Georgs Vater, der nun auch hier lebt. Allen im Haus erzähle ich von den Klötzchen, der Riss ist schon fast verheilt. Der Mitbewohner kommt rein, er war beim Frisör und sieht jetzt doof aus.
Was macht dieser große, großartige, zu Großem bestimmte Mann hier?
Wie kommt es, dass er mich überhaupt sieht?
Ich zeige ihm meinen Laden, der ihm viel zu klein wäre.
Was ich erst sehe, als er kniet.
Die Nachbarn meiner Eltern haben sich in Wien eingemietet, wo wir sie besuchen. Ringsherum stehen Betonklötze, eine Fernsehanstalt ohne Fenster, Büros. Die Wohnung selbst gleicht einem Labor, eine Pritsche mit abwaschbarem Bezug, schwere Plastikvorhänge als Raumteiler, kein Fenster. Ich mache mir die Finger schmutzig an einem schwarzen, klebrigen Klumpen, doch es gibt keine Küche, kein Bad, kein Waschbecken, an dem ich mir die Hände waschen könnte. Ich wische sie an meinem hellblauen Pullover ab, wo das ölige Zeug abperlt und zu kleinen Krabbelkäfern wird. Ich versuche, dir Zeichen zu geben, etwas stimmt hier nicht, doch man tut alles, um uns abzulenken. Eine junge Frau verführt uns, oder wir verführen sie, denn plötzlich ist sie nackt. Sie verliert die Kontrolle über sich, dabei sollte sie uns kontrollieren. Sie ignoriert die Anweisungen ihres Chefs von nebenan. Ich streiche über ihren glatten, weißen Rücken und finde eine winzige Nadel in der Haut. Ich ziehe sie raus und weiß, dass sie uns gilt. Ich manipuliere den Plan, den ich nicht durchschaue. Man befiehlt uns, uns anzuziehen für eine Fahrt mit dem Aufzug in den nächsten Stock. Ich lasse mir Zeit, stelle mich absichtlich blöd an, gebe dir Zeichen, versuche dich zu warnen. Wir werden in den Aufzug geschubst, er fährt aufwärts, biegt ab, gleitet am Dachfirst entlang und weiter durch die Stadt. Ich frage, ob eine Wohnung mit so weit auseinanderliegenden Zimmern nicht unpraktisch sei. Immerhin der Eingang sei zentral und zudem müsse man froh sein, in Wien überhaupt eine Wohnung zu finden. Der gläserne Kasten hält an einer Ampel, wir werden entführt.
Karl Ove Knausgård
Ein Holzschrank mit drei großen Schubladen, am Waldrand neben dem Haus. In der obersten Schublade finde ich Papiere, meine Papiere in allerlei Farben. Bald werden sie sich wellen, vergilben, unbrauchbar sein. Wie kamen sie hierher? In der mittleren Schublade liegen Briefe, Erinnerungen, Herzen. Alles ist durcheinander. Hast du sie durchgesehen? Hast du den Brief an dich gefunden? Mich gefunden? Hast du verstanden? In der untersten Schublade lagert dein Holz.
Vor dem Schrank im Gras liegt ein Strauß Plastikblumen, täuschend echt, aber viel zu schön. Du bist noch nicht zurück, sitzt auf einem Dach und hämmerst. Also gehe ich die knarrende Treppe hinauf zu deinem Haus, um eine Vase zu suchen. Ich finde nur den Krug, den wirst du brauchen, sobald du zurück bist. Ich fülle ihn mit Wasser und stelle die Blumen hinein. In diesem Moment verwelken sie und hängen müde ihre Köpfe über den Rand. Die Treppe knarrt unter schweren Stiefeln, ich fühle mich ertappt.
Wieso lagere ich meine Dinge hier – alles, was mich daran erinnert, wer ich war? Ich kam hierher, um mich in den Dingen zu spiegeln, um mich zu sehen. Folgst du mir? Was siehst du? Und warum versteckst du dich? Auch ich verstecke mich, hinter unübersehbaren Farben, hinter knalligem Prunk, der mich wie ein Wirbelsturm umgibt und vor der Ruhe da draußen schützt.
Noch immer das welke Kraut in der Hand suche ich nach dem Abfalleimer. Gibt’s hier nicht. Darum liegt die Wiese voll mit Dingen, die zu Blumen werden, wenn man sie nur lässt.
Ich spiele mich
Sobald jemand guckt
Dann lache ich und rede
Als sei alles gut
Sobald ich allein bin
Bleibt nur das Grinsen
Und ich bin weg
Der alte Mann räumt die mit großer Schrift beschriebenen Papierbögen zur Seite. Die Geschichte eines Mädchens, wie er sie sich zusammengereimt hat – und er hat an sie geglaubt. Er riskierte sein Priesteramt und seine Freiheit im Westen, um sie zu retten. Getarnt als Polizist verfolgte er die feine Gesellschaft in ihrem Wagen ohne Verdeck. Hände hoch, und alle wurden festgenommen, bis auf das Mädchen, das in der Mitte auf dem Rücksitz saß. Das Mädchen war ich, die ich jetzt in der Tür stehe und den alten Mann umarme, in Tränen aufgelöst, schluchzend. Mich, wie ich dort auf dem Papier stehe, hat er erfunden und damit meine eigentliche Geschichte ausradiert. Ein wenig kann ich seine Enttäuschung darüber verstehen, dass ich nur ich bin und nicht die Anna, wie er sie herbeigeschrieben hat. Er versucht sich aus meiner Umarmung zu befreien, denn in der Tür steht jetzt die Nachbarin, kopfschüttelnd über den alten Priester in den Armen eines Mädchens.
Ich spaziere die Straße entlang, Andreas im Schlepptau. Er ist zuvorkommend, höflich, blind vor Liebe für mich. An der Tür zu meinem Wohnheim angekommen fällt mir ein, das Licht ist kaputt. Kurzerhand repariert er dies und jenes, während ich die Treppe nach oben steige. Meine WG ist unter dem Dach, zweistöckig, darunter eine weitere, aus der lautes Lachen lockt. Ich trete ein, stelle mich vor als die, die schon vor Monaten eingezogen, aber erst jetzt wirklich da ist. Die Frauen nennen mir ihre Namen, die ich nicht verstehe. Ich solle sie wiederholen und mir besser gleich merken, meint die eine mit gemeinem Blick. Schwarze Locken rahmen ihr finsteres Gesicht. Hinten auf dem Sofa kuschelt ein Pärchen. Sie ruft herüber, dass sie oben im Zimmer neben meinem wohne. Ich fühle mich nicht unwohl, trotz der eigenartigen Aggression im Raum. Die Frisuren der Frauen sind anders, fast futuristisch, die Räume, die Möbel und das Licht dagegen wie in dem historischen Roman des Priesters. Anna heiße ich hier. Hinter mir steht plötzlich Andreas, der alles repariert und sogar das Treppenhaus nass gewischt hat. Seine blonden Löckchen, sein freundliches Gesicht und seine aufrechte Haltung machen einen guten Eindruck bei den Frisuren am Tisch. Doch er folgt mir nach oben in mein Zimmer, wo ich vier Betten für die Nacht vorbereite. Zwei Freunde von Andreas betreten die WG und strecken sich gleich auf den Matratzen aus. Andreas schaut mich an, will etwas sagen, oder auch nicht. Er will mich. Von nebenan ist ein Wimmern zu hören, ein Kind. Ich gehe rüber und schaue nach. Ein kleines Mädchen im Schlafanzug sitzt aufrecht im Bett. Sie fragt nach ihrer Mama. Sie ist unten, sage ich. Soll ich sie rufen? Nein, das ist gut, sagt sie und ordnet ihre Kuscheltiere neu an. Gute Nacht, sage ich und verschwinde im Bad. Ruhe, ein Spiegel. Ich sehe mich zum ersten Mal, sehe, dass meine Bluse zwar neu, aber altmodisch geschnitten und von grausamer Farbe ist. Ich lösche das Licht und taste mich zu meinem Bett. Andreas müsste da sein, vielleicht findet er mich.
Ist das Simon, der seinen Kopf auf Händen trägt? Und was ist das für ein Fenster? Ist er übergeschnappt oder einfach glücklich, so kopflos durch die Räume zu laufen? Mir hinterher, von mir weg. Dick ist er geworden und doch so elegant in schwarz und weiß, im Anzug mit Fliege. Ich lasse ihn stehen, seinen Kopf nehme ich mit.
»Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt.«
Traumkorrespondenz
Eine Geschichte in Träumen
Wenn man sich abends gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.
Plakat: Marina Gärtner
it’s mee gallery, Stuttgart
Scherben neben meinem Bett – das Wasserglas. Ich stelle mir vor, wie sich die Splitter vom Boden lösen, in meine Träume schleichen, über meine Finger auf meine Haut. Lieber liege ich wach und starre auf das scharfe Geglitzer zu meinen Füßen. Und wenn jemand reinkommt?
Du führst mich
Auf ein Schlachtfeld
Das ich nie betreten wollte
Das ich verlassen hatte
Bevor es geschah
Ich ging einfach
Und doch trägt es
Meinen Namen
Ich erinnere mich nicht
Kann mich nicht erinnern
Vergesslichkeit oder Selbstschutz
Wenn das nicht das Gleiche ist
Amnesie der Liebe
Die bleibt
Nur ohne uns
Samuel Beckett, Endspiel
»Gottseidank weiß mein Zettelkasten nichts von Ordnungsprinzipien und Selbstverlorenheiten. Ihn zu durchstreifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurchforsteten Dschungel. Was sich beim Durchstreifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolkenbildung und Erinnerungsregen.«
Alissa Walser, zitiert in: Zettelkästen, Maschinen der Phantasie