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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Apfelernte

Apfelernte

Apfel­ernte – Apfelmus, Apfel­kuchen und 1100 Liter Apfelsaft

and she’s so busy being free

Urlaub

Paula wirft ihren Hund Bonsai ins Wasser und lässt ihr Marien­käferboot mit Apfel­familie auf der Saale schwimmen.

Technik­ver­weigerung und Wünschelrute: Architektenpaar auf Fahrrädern an der Elbe.

ich denke also bist du

deine Hände streicheln alles glatt, schlichte Sachlichkeit, unendliche Schönheit, klare, fein geschwungene Kurven, in weichem Grau. Grau, wieso Grau? Bilder, unfassbare Bilder, keine Farbmuster­explosionen, wie sonst, doch auch sie verschwinden, sobald ich sie bemerke, die Visionen, die du für mich modellierst.

»Möglichkeits­menschen leben in einem feinen Gespinst von Dunst, Einbildung, Träumerei und Konjunktiven.«

Nanne Meyer

Dunkel (November 2004 – April 2010)

Faszinierend traurige Augen, lange dunkle Mäntel, lange Haare und Nieten überall. Tiefgründiges Dunkel. Aber ich träumte von Farben.
– Die nicht.

Später, seiten­lange Briefe, stunden­lange Gespräche und der schwüle Sommer im Halbdunkeln einer Halbbe­ziehung. Ich wollte raus.
– Er nicht.

Die Farben eines Sommers in neuer, strahlender Zweisamkeit – schleichend von einem dunklen Herbstgrau verschluckt. Das Grau blieb bei ihm.
– Ich nicht.

Sonnen­strahlen im Herzen, Farben vor Augen und Träume im Kopf. Endlich.
– Nur ich.

So fand mich einer, mitten im Winter, der eine, dachte ich. Das Dunkel lag hinter ihm, die Einsamkeit war seine Freundin. Ich wollte näher, mehr, alles.
– Er nicht.

So verlor ich mich, mitten im Sommer, und ihn. Das Dunkel, so ist das also. Die Einsamkeit, ich ertrug sie nicht. Kalt. Farblos. Leer.
– Ich?

Die Einsamkeit rettete mich, behutsam, Schritt für Schritt, aus den Tiefen des Dunkels. Am Ende wartete der Frühling. Sonnen­strahlen, Farben, Träume. Wieder­gefunden.
– Ich.

Unverfänglich positiv

Sie steht auf und geht. Gerade wird ein Herz ausge­schüttet – Zuviel für sie. Für mich auch. Und so höre ich nicht zu. Ein anderes Gesprächs­thema muss her. Was mir einfällt sind unter­haltsame Zweifel, allge­meine Probleme und persönliche Katastrophen. Unver­fänglich positiv sind höchstens schönes Wetter und gutes Essen.

Samthandschuhe

Burn Out, Psychose, Depression. Sie hat die Sache erkannt, benannt und in eine Schublade gepackt. Nein, besser gleich in eine Kiste zum Mitnehmen, Pflegen, Loswerden. Sie ist uns allen voraus und überlegen, ein Opfer der Umstände, Zeit, Gesellschaft. Dass auch ich meine Zweifel habe, gilt nicht. Denn mir geht es ja gut. Ihr geht es schlecht. Dann packe ich also mal wieder meine Samthand­schuhe aus. Etwas verstaubt sind sie, nach all der Egozentrik nach dem Absturz nach der Selbst­aufgabe nach der absoluten Liebe. Ja, früher hatte ich sie immer bei mir, die Samthand­schuhe mit genügend positiver Energie für die faszinierend tiefgründigen Depressionen dieser Welt.

weg da
da —
— weg
da! der weg
weg damit

einfach
ohne
extra

mit —
— machen
— dabei
— ohne

lebens­ent­würfe

statt
zu
leben

dahin
dorthin

wem gehört das?

hier

1.
2.
3.

l.
ll.
lll.

a)
b)
c)

Ein Tag, ein Leben

Die Schule absolvieren die Menschen am späten Vormittag, die Liebe ist nur ein Augen­blick, Schwangerschaft und Geburt eine Sache von Minuten. Alles rast vorbei, nichts wiederholt sich, denn »die Hölle, das ist die Wieder­holung«. Als Benny sich in Gini verliebt, will er aber in eben diese Hölle versetzt werden. Er will, ganz romantisch, die Ewigkeit. Aber …

A. F. Th. van der Heijden: Ein Tag, ein Leben

Manchmal macht es mich wahnsinnig, dass das Leben eine Baustelle ist und bleibt.

»In Wahrheit ist jede Wahrnehmung schon Gedächtnis. Die reine Gegenwart ist das unfassbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.«

Henri Bergson, Materie und Gedächtnis.
Entdeckt bei Haruki Murakami: Kafka am Strand.

Bus zum Killesberg

Zwei Sitzreihen weiter vorne führt ein Mann aufge­bracht Selbst­gespräche. Kurz vor dem Aussteigen dreht er sich spontan zu mir um, sieht mir mit stechendem Blick in die Augen und verkündet mit theatralischer Stimme: »Renate Farn hat ihr liebstes Spielzeug, an dem sie ihre perversesten Fantasien ausleben konnte, verloren! Nämlich mich. Kennen Sie Renate Farn? Nein? Seien Sie froh!«

Die Bustür öffnet sich und der Mann schreitet mit energischen Schritten in die Abend­dämmerung.

»Lieber mit dem Boden auf den Füßen und mit dem Kopf in der Luft.«

Kistenkrieg

Kisten über Kisten. Bastelkram ohne Ende. Allerlei Papier. Noch mehr Papier. Und Staub, überall! Ausge­trocknete Stifte. Leere Sprüh­dosen. Acryl­farben. Weiße Leinwände. Blöcke mit Aktzeichnungen aus dem ersten Semester. Das Studium fällt aus ungeordneten Ordnern (sortiert wird bestimmt später). Klamotten und Schuhe, die ich nicht mehr mag und trotzdem nicht wegwerfen kann. Durch­löcherte Strumpf­hosen in allen Farben. Plastik­schmuck. Postkarten. Juhuu: 20 Euro in einer Weihnachts­karte! Flyer. Faltblätter. Ansichts­material. Andenken. Viel zu viele Bücher. Romane. Design­bücher. Comics. Kochbücher. Bilder­bücher. Zeitschriften. Die CDs meiner Jugend. Noch mehr Staub. Alte Fotos, lieber nicht anschauen. Eintritts­karten. Kalender der letzten Jahre. Angefangene Skizzen­bücher. Veraltete Listen. Kabel­salat. Stoff für den Traum vom Nähen. Knöpfe. Alte Schreib­maschine mit meter­langen Kurznach­richten auf Kassen­rolle. Kuckucksuhr und eine Kassette von Papa. Benjamin Blümchen rettet den Kinder­garten. Wählscheiben­telefon, das ja eigentlich nicht so ganz mir gehört. Kaputte Disco­kugel. Seifen­blasen­maschine. Und Briefe.

Und Briefe

»Ich habe es sehr genossen mit Dir zusammen diesem Frage­zeichen aus dem Weg zu gehen.«

»Ein bunter Film, und du hast mir einen kleinen Vorrat an Farbe da gelassen. (…) Als ob deine Droge nicht mehr wirkt.«

»Ich träume von einer nicht müden Christina neben mir … in irgend­einer Zukunft.«

»Für mich ist alles wie vorher. Es war halt nur so ein gefühlsmäßiges Probieren. Schwer zu beschreiben. Aber es war echt nichts weiter.«

Nichts weiter. Oh Mann. Weiter­packen.

Abenteuer

»Du wirst lachen, aber ich hab Dich heute morgen schon besucht. Nein echt! Heute in aller Frühe ist nämlich etwas sehr Seltsames passiert. Ich habe so gegen Mitter­nacht angefangen, an einem Layout zu arbeiten. Dann, so gegen halb vier Uhr früh, hab ich ein paar Bier getrunken und dann noch die Flasche Wodka vollends geleert und dazu richtig ausge­lassen Musik gehört. War eigentlich cool. Was dann weniger cool war: dass ich irgendwann ein paar Stunden später unter der Treppe im Treppenhaus aufge­wacht bin. Ich hatte nur eine Unterhose an und wusste auch gar nicht, wie ich da hinge­kommen bin. Ich bin zu meiner Wohnungstür gelaufen und hab sie aber verschlossen vorge­funden. Also hab ich mich wieder unter die Treppe verzogen und hab überlegt. Es wäre ja irgendwie peinlich, wenn mich jetzt ein Hausbe­wohner so antreffen würde, fast nackt ... Ich bin irgendwie auf die fixe Idee gekommen, dass es das beste wäre, zu Dir zu gehen, weil ich dachte, Du könntest mir bestimmt weiter­helfen. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, barfuss und in einer weißen Unterhose mit blauen Streifen. Es hat geregnet, aber es war nicht kalt. Und das Komische war, dass mich die meisten Leute, die mir auf dem Weg begegnet sind, gar nicht angesehen haben. Aber ganz normal fanden sie’s bestimmt nicht. Ich bin so zehn vor neun bei Dir angekommen, aber da warst Du leider schon weg. Ich hab noch so anderthalb Stunden vor Deiner Tür gesessen und wusste nicht, ob Du noch kommst. Nachdem ich die Kaserne durch­sucht habe nach irgend­etwas Nützlichem, hab ich beschlossen, bei Hannes’ WG vorbei­zugehen, um mir etwas Geld und ein paar Klamotten zu leihen. Leider war er nicht da, sein Mitbe­wohner auch nicht. Anschließend bin ich noch mal zu Dir, aber Du warst immer noch nicht zuhause. Also bin ich in das Hotel neben der Kaserne gelaufen und hab mir ein Taxi kommen lassen und den Schlüssel­dienst gerufen. Der Taxifahrer fand das alles ziemlich komisch, hat mir aber geglaubt. Und er hat die Heizung voll aufge­dreht, netter hilfs­bereiter Typ. Daheim bin ich meiner Nachbarin begegnet und sie war ganz bestürzt, dass ich hier so halbnackt rumhänge. Ich hab sie gebeten, den Trockenraum aufzu­schließen, dass ich mir da ne Jogginghose holen kann. Hab ich dann auch gemacht. Und dann hab ich drei Stunden auf dem Parkplatz auf den Schlüssel­dienst gewartet. Schließlich hab ich mich entschieden, einen anderen Notöffnungs­dienst anzurufen. Der ist dann vor einer halben Stunde gekommen und hat meine Wohnungstür aufge­brochen. Ich bin so froh, jetzt wieder hier zu sein. Es war echt ne Horrorshow und manchmal wars auch lustig, ich bin mit meiner Unterhose durch den Regen gelaufen und hab gelacht, und manchmal haben die Leute, die mir begegnet sind, auch gelacht, aber irgendwie war es extrem bedrohlich, so ausge­liefert und mittellos zu sein. Ich bin so froh, dass es vorbei ist. Und ich bin total dehydriert, ausge­hungert und müde, aber das musste ich Dir einfach zuerst erzählen. Und jetzt werde ich mich wieder herstellen.«

»Bist du dir bewusst darüber, dass Du ein reißender Strom sein kannst?«

»Und dann ist es immer so, dass meine Eltern und ich uns erst wieder anein­ander gewöhnen müssen. Das ist so ne Mischung aus Euphorie und Empörung auf beiden Seiten, schwer zu beschreiben.«

Goodbye

Schöne Abschieds­party, fast alle sind da und haben Spaß. Am nächsten Morgen fehlen die Videos auf meiner Kamera, vielleicht besser so. Mein Englisch kam mir plötzlich so gut vor. War das so?

Meine letzte Woche in New York verbringe ich tagsüber bei Pentagram und nachts am Computer, bis das Buch über mein Praktikum hier und in Berlin fertig ist. Der Freitag nach einer durch­gemachten Nacht ist etwas vernebelt mit Team-Lunch und viel zu viel Goodbye.

Jetzt ist Montag, in vier Stunden geht mein Flug. Für 30 Tagen durch die USA: Seattle, Portland, San Francisco, Yosemite National Park, Monterey, Big Sur, Los Angeles, Grand Canyon, Santa Fe, Denver, Chicago und (für weitere fünf Tage) New York. Und dann zurück nach Germany.

Matt hat mir den Sound­track zu meiner Reise zusammen­gestellt und auf meinen iPod gepackt. Der große Rucksack steht bereit, Jesse wartet schon auf den Einzug in mein Zimmer und der Computer freut sich auf vier Wochen Pause.

Also los!

Käsespätzle

Cassie war im deutschen Restaurant Lorelei und es gab Käsespätzle. Daraufhin üben wir die deutsche Aussprache von »ich liebe Käsespätzle« und »lecker«.

Es ist Sonntag­abend, viel zu spät, mein Bett schreit schon ganz laut, doch meine Listen rauben mir den Schlaf. Neben meinem Fulltimejob habe ich mir vorge­nommen, mein Buch übers Praxis­semester anzugehen. Außerdem gilt es, freie Betten in Los Angeles, Denver und Chicago zu finden. Nebenbei möchte ich so viel wie möglich von New York sehen, bevor es in zwei Wochen schon losgeht. Zwei Wochen. Ich will nicht weg aus dieser großartigen Stadt.

Die Nachfolgerin für mein Zimmer ist schon da: Jesse aus Denver. Sie und Pete haben dort einen gemeinsamen Freund, den soll ich unbedingt treffen. In San Francisco werde ich mir das Office von Pentagram anschauen und in Monterey habe ich schon eine Schlaf­gelegenheit. Und so füllen sich die vier Wochen.

Am Samstag geht es zum Brunch in eines meiner Lieblings­restaurants. Ausdrücklich kein Fastfood, daher kommen wir viel zu spät nach Queens, Yelena ist etwas sauer, dass wir nur eine Stunde für die Kunst im PS1 haben. Dabei heißt die Ausstellung ›Take your time‹ und für Olafur Eliasson braucht man die auch – wunderbar!

Ich geh ja gleich schlafen. Nur noch kurz die Einladung für meine Goodbye Party am Samstag rausschicken: An alle Leute, die ich in vier Monaten kennen­gelernt habe. Mal sehen, wer sich auf den Weg zu uns nach Bushwick macht.

Candlelight

Nach einem langen Dienstag steige ich müde und hungrig die vier Stock­werke zu unserer Wohnung hoch, schließe die Tür auf und … huch! Alles voller Kerzen. Meine Mitbe­wohner sitzen nicht wie gewöhnlich schweigend an ihren Bildschirmen, sondern am vom Kerzen­licht erleuchteten Tisch. What happened?
»It's Energy Saving Day.«

Mir war bis dahin nicht bewusst, dass Amerikaner so etwas haben und ich bin tief beein­druckt. Als ich den Kühlschrank öffne und nicht einmal dort das Licht brennt, finde ich das doch übertrieben. Das Eis schmilzt ja schon! Da kommt die Wahrheit ans Licht (oder ins Dunkel): Jemand hat vergessen die Strom­rechnung zu bezahlen, also wurde uns der Strom abgestellt. Eigentlich ganz schön so für einen Abend: Flackerndes Kerzen­licht und Pete mit seiner Gitarre. Nur kochen geht heute nicht.

The Met

Am Sonntag gehe ich mit Pete und Brian ins Metro­politan Museum, riesige Menschen­trauben stehen auf der Treppe vor dem Eingang. Ich träume immer öfter von Stille und Leere – Wüste wäre gut.

Die Kunst ist gigantisch und das Museum so groß, dass wir nicht mal die Hälfte schaffen. Da muss ich nochmal hin, unbedingt. An den Bildern von Chuck Close können wir nur noch vorbeirennen – wahrscheinlich waren wir zu lange bei den Ägyptern, Griechen und Römern, bei der afrikanischen und indianischen Kunst und in der permanenten Sammlung der Moderne. Auch das Dach mit Blick über den Central Park verpassen wir leider.

Frühlings­spaziergang und dann zum Carnegie Deli, dort teilen wir uns einen Fleischberg und das größte Käsekuchen­stück der Welt.

Chess

Am Mittwoch kann ich mich vor acht aus dem Office schleichen und mir die Abschluss­aus­stellung an der Parsons Design School anschauen. Anschließend gehe ich mit Brian (Architekt bei Pentagram) ins Fat Cat mit Livemusik, Billiard, Ping Pong, Scrabble und Chess. Die englischen Schach­figuren heißen von nun an Jumper, Runner, Tower und Farmer und Brian schreibt ein Lied drüber.

Am Freitag ist Rinas letzter Tag bei Pentagram, nach Feier­abend gehen wir ins East Village zur teamüber­greifendem Arbeits­klima-Analyse überarbeiteter Praktikantinnen und Freelance­rinnen. Schön, die Mädels mal außerhalb des Büros zu sehen.

Chocolate

Unser Nachbar zeichnet traurig drein­blickende Gestalten, die ab heute im Kleider­laden seiner Freundin in der Lower East Side zu sehen sind. Die Eröffnung feiert er mit einem Chocolatier, dessen Kreation alles übertrifft, was ich bisher an Schokolade probiert habe (und das ist nicht wenig). Die Party ist komisch, aber nun kenne ich Fritz – in rosa Netzstrümpfen. Er hat mal in meinem Zimmer gewohnt.

Superflat

Am Samstag gehe ich ins Brooklyn Museum zu Murakamis grinsenden Blumen. Faszinierend, wie aggressiv mich das macht. Vor dem Museum treffe ich Yelena von Pentagram. Sie hat freien Eintritt zum Botanical Garden für sich und ihre Gäste, spontan gehe ich mit.

Wie gut das tut: Grünes Gras, blühende Kirsch­bäume, ein Duftgarten, Gewächs­häuser mit exotischen Pflanzen, ein chinesischer Garten, ein Teich mit Fischen und ein Bach mit plantschenden Enten. Nach dieser Portion Ruhe verstören mich die lauten Straßen. Diese Stadt ist so laut, Dauer­beschallung, immer und überall.
I need a break.

Abends gehe ich mit Pete und unserem Nachbarn zur ›Peace of Pizza Party at Glass­lands‹ – da gibt es Farbe und Wände zum Bemalen, jetzt habe ich Farbspritzer auf den Klamotten, wie früher. Ich vermisse Pinsel und Farbe, könnte ich doch mal wieder versuchen.