Zum Inhalt

Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Queue

Das mag ich: »Hi Christina, nice to meet you! Oh, you will go to Denver? We are from Denver! You could meet our friends there! … – Hey, this is our friend Christina, we just met her, she's awesome! She will travel through Amerika …«

Und so plant sich meine Reise weiter in der Warte­schlange zum Konzert, für das ich ein übriges Ticket ergattern kann: ManMan und Yeasayer – der Drummer wohnt in unserem Haus und seine Musik läuft bei uns rauf und runter.

Spring

New York riecht nach Frühling, die Bäume blühen, Vögel zwitschern, die Melodie des Eiswagens tönt durch die Straßen und die New Yorker machen Mittags­pause im Park. Und ich verbringe die Tage und Nächte im Keller, lasse die Plotter auf Hochtouren laufen, schneide Berge von Papier zurecht (wieviele Bäume muss ich wohl pflanzen, um diese Exzesse wieder gutzu­machen?) und produziere auf Hochtouren Proto­typen für poster, postcards, stationery, bags, boxes, brochures und presen­tation boards.

Neuer Rekord: Im Office von 8 AM bis 3:30 AM. Dann mit dem Taxi nach Hause.

Family Time

Ihr kommt gerade recht zum Pillow Fight am Union Square, alles ist voller Federn. Dann Jetlag, also bringe ich euch ins Hotel und gehe spontan zum Konzert von Digitalism in die Webster Hall. Die Fans kreischen zu laut und der Fisch im Aquarium neben der Bar sieht auch etwas depressiv aus. Also nach Hause, Oster­brunch vorbe­reiten.

Dann kommt es doch anders, ein Typ steht etwas verzweifelt vor unserer verschlossenen Haustür, er will zu einer Party in den dritten Stock und lädt mich dazu ein. Ein riesiger Raum mit zehn Bewohnern, ganz pur, nichts renoviert und irgendwo gibts wohl auch Zimmer. In diesem Haus ist jedes Stockwerk anders. Der Typ weiß mir allerlei Tipps über das Reisen mit dem Zug durch die USA. Die Dimensionen werden mir erst klar, als Pete Europa auf Amerika legt.

Die Woche mit meiner Familie ist mit Abstand die anstrengendste, seit ich hier bin. Ich zeige ihnen alles: Meine Lieblingsorte, verschiedene Viertel, Läden, Restaurants und natürlich die Touri-Highlights, die ich selbst noch nicht kenne: Rocke­feller Center, Flatiron Building, Financial District, mit der Staten Island Ferry vorbei an der Statue of Liberty, Central Park, MoMA, Shopping in Soho und der Upper East Side, Gallery hopping in Chelsea, Restaurants im West Village, in der Lower East Side, in Greenich Village … Ich ziehe zu Ihnen ins Hotel mit gigantischen Matratzen, einer doppel­köpfigen Dusche und Aussicht auf den Times Square aus dem 31. Stock.

Das Fazit der Eltern: Beein­druckend, aber so laut und all die Menschen … Kein Wunder leben hier alle in ihrer eigenen kleinen Blase, mit Sound­track aus dem iPod auf den Ohren und in der Subway die Nasen hinter Buchseiten versteckt. Zurück in die Ruhe, Naturpark Donautal.

Erst jetzt fällt mir auf, wie laut es hier ist.

13

Kein Skyscraper in New York hat einen dreizehnten Stock.

Very

Ja, es gibt mich noch. Auch wenn ich mich schon lange nicht mehr von Kopf bis Fuß gesehen habe, der Spiegel in der WG ist zu klein. Die Geschichten schreibe ich nur noch im Kopf, die Tage und Erlebnisse ziehen vorbei, ohne dass ich ein Foto mache. Dabei passiert hier doch immer was.

Viel zu tun bei Pentagram: Bobby’s Burger Palace braucht Verpackungen für Hamburger, Fries, Fingerfood, Soft-Drinks und Napkins. Das Museum of Art and Design will Tüten und Kisten in allen Größen für den Museumsshop. Der Annual Report muss zu Channel Thirteen (zwanzig Blocks westlich von hier und es regnet New Yorker Regen – ich brauche dringend Gummi­stiefel). Dies und das muss hier und dort hin. Das muss geklebt, gecuttet, gescannt, fotografiert, gedoub­blecheckt werden. Bevor der Fotograf fürs Portfolio fotografieren darf, sollen Vorfotos vom gewünschten Bildaufbau gemacht werden. Für Meetings braucht man Kaffee, Tee, Milch (non fat, fat reduced, half-half, whole oder organic?) die fünf gängigen amerikanischen Zucker­sorten, Früchte­teller, Muffins, Croissants und Cookies vom Edelkon­ditor, Orangensaft – und bitte alles im richtigen Layout drapiert. Was wäre Pentagram ohne seine Praktikanten?

Trotz langer Arbeitstage gewöhne ich mich an Feier­abend­pro­gramm. Bei einer Recherche nach Illustratoren und Cartoonisten für das Redesign des Atlantic Magazins, stoße ich auf eine Veran­staltung in einem kleinen Buchladen: Die beiden Verfasser von ›Monseur Jean‹, einem berühmten französischen Comic-Charakter, sind aus Paris angereist, um den New Yorker Comicfans (haupt­sächlich selbst Cartoonisten) zu erzählen, dass sie wirklich ALLES zusammen zeichnen und schreiben. Und ich bin nun im Besitz meines ersten Comic­buchs.

Im sonntäglich überfüllten Guggenheim Museum bleiben Matt und mir (beide notorische Zuspät­kommer) 40 Minuten für eine überkitschige Autoex­plosion in der Eingangs­halle und tolle Spreng­stoff­kunst von Cai Guo-Qiang.

Endlich ist das Justice Konzert, das ich in Berlin verpasst hatte. Ich weiß nicht, wie oft ich Pete auf dem Weg nach den Tickets frage – am Ende verliert er sie doch. Das Gute an Online­tickets: Wir können sie nochmal ausdrucken, im Copyshop. Glück gehabt, das Konzert ist großartig, trotz der Sitze um uns herum.

Am Samstag gleich zum nächsten Konzert ins Studio B zu Fixed und Cut Copy.

Ich träume noch auf Deutsch, mit Ausnahme einer Horror­nacht, in der alle auf Englisch auf mich einreden und ich nichts, gar nichts mehr verstehe. Aber es gibt ja Wecker und in unserer WG gleich drei, die jeden Morgen um die Wette klingeln und jeder hört die anderen mit dem Wachwerden kämpfen.

Table!

Mit rotem Tape klebe ich meine Forderung an die Wand: Table! Der friendly Reminder wirkt, Pete und Martin gehen zu ›Eikia‹ und kaufen uns endlich einen Tisch. Platz für Whiskey zu Monopoly.

Stefan Sagmeisters Ausstellung hat ihren letzten Tag. Bei der Vernissage waren die hunderte Bananen an der Wand noch grün, jetzt sind sie braun und verströmen ihr volles Aroma in den Ausstellungs­räumen. Der Meister ist sogar da und lässt sich auf Öster­reichisch inter­viewen.

Yusuke und ich beschließen, dass japanisches Essen super wäre und er für mich Nudel­suppe kocht. Lecker! Nur die Stäbchen und das japanische Schlürfen liegen mir noch nicht. Ich muss trotzdem mal nach Japan.

Bei einem Spaziergang durch den kleinen Park neben der Brooklyn Bridge sehe ich den Sonnen­untergang und in der Ferne die Freiheits­statue, winzig klein.

Die Arbeits­woche startet ruhig und endet stressig – am Freitag­abend soll ich länger bleiben. Dann kommt es anders und ich habe spontan ab halb neun frei. Matt hat zwei Konzert­karten und ich noch 20 Minuten, um im Niesel­schnee zum Bowery Ballroom zu kommen. Dort spielen Anna Ternheim, El Perro del Mar und Lykke Li. Ganz wunderbar. Danke Matt!

Sonntags­dienst: Um 2 PM soll ich einen Fotografen im neuen New York Times Building treffen. Meine Aufgabe besteht darin, »I’m from Pentagram« zu sagen und für zwei Stunden beim Shooting dabei zu sein. Dokumentiert wird das Leitsystem und das Logo an der Fassade. Inter­essant, die verschiedenen Arbeits­plätze der Journalisten zu sehen – unglaublich in welchem Chaos manche Menschen arbeiten.

Anschließend finde ich irgendwo Energie für die neue Ausstellung im MoMA: Color Chart – eine Boden­arbeit aus buntem Tape, die perfekte Kunst für mich!

Ribbit

Wieder Party im verrückten Künstlerhaus. Rubulad heißt es, wie ich jetzt weiß. Das Thema diesmal: Leap Before You Look – dress froggy. Also gut: Ribbits für alle und für mich ein Krönchen, mal sehen, welchen der Frösche ich küssen mag. Die Party ist großartig, sie haben einfach drüber dekoriert, noch mehr als beim letzten Mal, die ganze Decke hängt voll, hinter jeder Ecke eine andere Welt, anderes Licht, andere Musik, verkleidete Menschen, die Leute sind verrückt und ich auch. Im Rausch des Abends will ich alles festhalten, mitschreiben, verirre mich in den Zwischen­geschossen, über Leitern aufs Dach, verliere meine Freunde. Als ich sie gefühlte Stunden später von weitem tanzen sehe, finde ich sie doof. Pete sammelt mich ein, er will mich heimbringen, ich will bleiben, doch ich kann nicht mehr sprechen, habe die Garderoben­nummer verloren. Pete kämpft um meine Jacke, das dauert ewig, doch Zeit, die gibts nicht mehr für mich. Ich schaffe es bis zwei Meter vor unsere Wohnungstür, dort bleibe ich sitzen. Von Prinzessin zu Kröte. Weil ungeküsst?

Washington D.C.

Zum Presidents’ Day fahren Pete und ich raus aus New York nach Washington D.C.
Der Bus startet in Chinatown und vier Stunden später kommen wir im Fake-Chinatown Washingtons an.

Lustige Wände in der Metro-Station, die sehen hier alle so aus. Kein Gebäude darf höher gebaut werden als das Capitol, so ist es von überall zu sehen. Das Wasser­becken kenne ich aus Forrest Gump. Pete erklärt mir Amerika und seine Geschichte.

Plötzlich ist es Frühling und so warm, dass alle in T-⁠Shirts zwischen dem Weißen Haus, dem Lincoln Memorial und dem Jefferson Memorial herum­laufen. Wir legen uns ins Gras und blinzeln in die Sonne. Es ist Februar!

Der Nachmittag bringt Regen. Ein schöner Ausflug, erholsam und lehrreich. Washington als Stadt ist etwas langweilig, umso glücklicher sind wir nachts zurück in New York City.

Sugar Clouds

Essen­gehen in New York ist großartig: Alle Speisen dieser Welt in einer Stadt! Diesmal: Japanisch. Matt bestellt einen ganzen Tisch voller kleiner Teller und Schüsseln. Und als Nachtisch gibt es für jeden einen Becher rosa Zucker für die Cotton Candy Machine. Das Ergebnis taufe ich Sugar Clouds.

Ewige Sonne

Freitags treffe ich mich mit Matt im Apple Store, wo wir uns den dünnsten Laptop der Welt in echt anschauen. Sharon und Yusuke stoßen dazu, beide haben in Los Angeles gelebt, bis ihnen die ewige Sonne auf den Keks ging und sie nach New York gezogen sind. Gemeinsam gehen wir nach Little Italy für die beste Pizza der Welt, wie behauptet wird. Zum Nachtisch gibts Nachtisch bei ›Rice to Riches‹ und alles ist lustig, was man auf den Fotos nicht sieht.

Wir besuchen Cassie bei ihrem Zweitjob im East Village: Coat Checking in einer Salsa Bar. Normalerweise verbringt sie ihre Zeit neben den Jacken, Mänteln und Taschen damit, die tanzenden Paare zu zeichnen. Trotz oder wegen der Musik und des Publikums haben wir einen super Abend.

Am Samstag ein paar Sonnen­strahlen. In Williamsburg entdecke ich den Beakon’s Closet und zum Dinner treffe ich Matt: Heute Thailändisch und Vegan. Ich sollte nicht immer vom Essen erzählen, aber das ist in New York das größte Vergnügen! Noch passe ich in meine Hosen.

Wir wollen zu einem Konzert ins BAM, wo wir Matts Freunde in der Warte­schlange treffen. Wir kommen nicht mehr rein. Ein Glück, denn unsere Alternative ist so unglaublich großartig, verrückt und magisch, dass ich sofort eine weitere Nacht in diesem Art Loft durch­tanzen will. Die Party findet nur einmal im Monat statt. Wie das Haus wohl im Normal­zustand aussieht? Alles ist voll mit wilder Deko – heute zum Thema Valentine’s Day.

More nightlife, please!

Sesame Street

Intensive Tage mit der Sesam­straße. Ich soll mir überlegen, was in der Spiel­zeugwelt Amerikas fehlen könnte und werde zum Fotografieren in den Toys“R”Us am Times Square und in Spielzeug- und Kinderbuch-Abteilungen verschiedener Großketten geschickt. Die Verkäuferinnen dort tun mir leid: Von morgens bis abends dudelt hier Kinder­musik aus allen Ecken. Unglaublich, wieviele Sesam­straßen­regale es hier bereits gibt, nun also noch mehr. Innerhalb von zwei Tagen stampfen wir zehn neue Produkt­ideen aus dem Boden – und sei es nur eine neue Verpackung für Straßenmal­kreide mit Elmo drauf.

Für die Eröffnungs­party der neuen Ausstellung im museum­ofsex ›sexin­design – design­insex‹ am Donnerstag darf ich mal kurz Pause machen. Es gibt dort wirklich ein paar fast nackte, mit Tape beklebte Leute und unter den Gästen inter­essant aufge­brezelte New Yorker. Nach einem Glas sparkling wine und einem Rundgang durch die Sexwelt muss ich zurück zur Arbeit und in Photoshop die neuen Produkte in den Läden platzieren. Um eins habe ich dann Feier­abend. Im Office ist noch einiges los, die anderen Teams arbeiten fast täglich so lang – was ist denn das bitte für ein Leben?

Endlich zu Hause wird das mit dem wohlver­dienten Schlaf leider nichts. Auch meine Mitbe­wohner waren bei der Eröffnung im museum­ofsex (dank mir standen sie auf der Gäste­liste) und Pete hat den perfekten Ort genutzt, um eine Frau mit nach Hause zu nehmen. Das geht dann so die ganze Nacht, auf Spanisch.

Um Punkt 9 Uhr geht es für mich weiter mit der Sesam­straße. Seit dem Anschiss nach der ersten Woche habe ich gelernt pünktlich zu kommen.

»Keep going, it’s bigger than we are.«

Circles and Squares

Die Arbeitstage verbringe ich bis spät abends im Büro am Bildschirm oder im Bastel­keller mit Modellbau für das Leitsystem im Brooklyn-Stadion, einer Schrift aus Kreisen und Quadraten (das war nicht meine Idee) und Archivierung: DVD rein, Projekt brennen, dreimal kopieren, Label drucken. DVD rein, ... und so den ganzen Tag.

Unsere Köchin bei Pentagram lässt keinen Anlass aus, einen riesigen Kuchen als Nachtisch für alle bereit­zustellen. Und weil gerade kaum jemand Geburtstag hat, gibt es jetzt unglaublich süßen Kuchen anlässlich von Mardi Gras / Fat Tuesday. Gestern waren außerdem Wahlen und Wahltag ist dienstags, damit auch ja niemand Zeit hat seine Stimme abzugeben.

Ballett und Superball

Endlich Freitag und Feier­abend, es schüttet, aber egal: Ausflug mit Matt und seinen Freunden zum Whitney Museum, das ist Freitag­abends gratis, und so stehen 100 schwarze Regen­schirme vor dem Eingang zur Kunst. Anschließend gehen wir Ukrainisch essen und von dort kugelrund nach Hause.

Melissa ist ausge­zogen, also habe ich jetzt mein eigenes Zimmer. Martin hat sich übers Wochenende zum Snowboarden verkrümelt. Pete und ich sind fleißig und planen die Wohnung um. Erst mal brauchen wir Möbel: Einen Ping Pong- und Dining Table in einem! Und Stühle und ein Trampolin und einen Boxsack, vielleicht einen Whirlpool … Und wenn wir fertig sind, gibts eine Party. Wahrscheinlich meine Abschieds­party, aber daran mag ich jetzt überhaupt gar nicht denken.

Abends treffen wir Matt beim Studio B in Brooklyn, dort ist so viel los, dass wir uns einen Club in Green­point suchen und eine Gay-Party im Galapagos finden. Drei Drinks sind zwei zu viel, Pete bringt mich heim.

Keine Ausrede für einen verkaterten Sonntag auf der Couch. Cassie und ich haben Karten fürs New York City Ballet, dem Pentagram kürzlich ein neues Erscheinungsbild verpasst hat. So kamen wir drauf.

Als Kontrast­pro­gramm erlebe ich danach meinen ersten richtig amerikanischen Abend mit Cassies Freunden, einem Berg Fingerfood und Superball. Football ist ein seltsames Spiel, ganz oft kommt Werbung, so wird mir nicht langweilig.

Couchpotatoes

Meine Roommates werden demnächst von der Couch aufge­gessen oder von einem ihrer Wii-Games verschluckt. Apropos Wii – es gibt einen neuen Star im Wii-Bowling: Nach nur drei Games halte ich den neuen Strike-Record!

Am Samstag kann ich Pete überreden, sich ausnahmsweise von der Couch zu trennen und mit mir nach Chelsea zu fahren, zu einer Ausstellung der handge­zeichneten Karten von Paula Scher. Nach drei weiteren Galerien genehmigen wir uns in einem rosa-mint-grünen Café mit rosa gekleidetem Männer­personal den süßesten Cup Cake ever, der uns einen unglaublichen Energie­schub verpasst. Wir durch­wandern halb Manhattan, bis wir in der First Avenue zwischen zahlreichen knallig-bunten indischen Restaurants das Birthday-Restaurant finden. Am Nachbar­tisch behauptet tatsächlich jemand Geburtstag zu haben: Tausend Lichter­ketten blinken, aus den Lautsprechern tönt ›Happy Birthday‹ mit indischem Akzent und jeder bekommt eine Kugel Eis mit Wunder­kerze.

Nach dem Dinner ist immer noch genügend Energie übrig, also geht unser Spaziergang weiter. Eine Gruppe äußerst düsterer Gestalten in einer dunklen Ecke eines kleinen Parks liefert uns die beste Erklärung für den Ausdruck ›mindfuck‹: Sie spielen Schach.

An der nächsten Ecke entdecken wir ein Aquariums- und Fisch­geschäft und in der Straße vor der Williamsburg Bridge jedes erdenkliche amerikanische Fastfood-Restaurant Tür an Tür. Für die Überquerung der Brücke brauchen wir fast eine halbe Stunde und danach sind wir dann auch äußerst glücklich über die Couch, von der sich Martin seit unserem Aufbruch nicht getrennt hat.

Team

Mit der Arbeits­woche geht auch Matts Praktikum bei Pentagram zu Ende. Er wird mir fehlen. An seinem Arbeits­platz neben der Treppe zum Bastel­keller komme ich täglich mehrfach vorbei und er grinst immer so vergnügt.

Zur Abschieds­feier gehen wir in die Bar direkt neben dem Büro, die mir bislang überhaupt nicht aufge­fallen ist. So lerne ich endlich die Praktikanten aus den anderen Teams besser kennen. Kai aus meinem Team erzählt mir, dass eigentlich kaum jemand länger als eineinhalb Jahre bei Pentagram arbeitet, dass unser Chef Michael Bierut immer berühmter wird und zwischen all den Meetings, Inter­views und Workshops an der Yale School kaum Zeit für das Team und schon gar nicht für die Praktikanten bleibt. Auch inter­essant: Die Partner und ihre Teams bringen unter­schiedlich viel Geld in die Kasse, die unter allen aufge­teilt wird. Leitsysteme bringen Geld, Kultur­pro­jekte weniger, dafür mehr Prestige. Sehr verschieden sind auch die Arbeits­weisen innerhalb der Teams. Unsers ist wohl am besten organisiert, jeden Morgen um 9 Uhr sind alle pünktlich da. Andere Teams fangen irgendwann zwischen 10 und 11 an und bleiben bis nachts im Büro. Das Team von Paula Scher, deren riesiger Hund neben ihrem Schreib­tisch wacht, geht kollektiv zum Lunch und Gerüchten zufolge hat sie ihre Angestellten am liebsten auch am Wochenende zu Hause um sich. Irgendwann findet sie auch noch Zeit für ihre Kunst, die ich mir morgen anschauen will.

Cony Island

Pete und ich machen einen Ausflug nach Cony Island. Außer uns beiden kommt bei dem eisigen Wind niemand auf die Idee, die alten Achter­bahnen im Winter­schlaf zu besuchen. Nur in Nathans Hotdog-Bude ist was los. Hier findet jährlich ein weltbe­rühmter Fress­wett­bewerb statt. Der Rekord liegt bei 51 Hotdogs in zwölf Minuten – wir belassen es bei zwei pro Person.

Germany?

»… Where in Germany? … Oh, the south! Is it near Munich and Schloss Neuschwan­stein? I was in Frankfurt … Berlin – I’ve never been there … Black Forrest? Oh yes, nice – that’s awesome!«

Wie klein good old Germany von hier gesehen ist, zeigt mir die riesige Amerika­karte in unserer WG – alle bisherigen Mitbe­wohner haben darauf ihre Herkunft markiert. Unten ist ganz klein eine Weltkarte abgebildet, mein Klebe­punkt deckt ganz Europa ab.

Sparklers

Als ich Freitag­nacht in unserem von Melissas Umzugs­kisten belagerten Zuhause ankomme, tritt Pete etwas zerknittert aus seinem Zimmer. Er findet eine Flasche Whiskey, Eiswürfel gibts auch und meine Wunder­kerzen vom verkorksten Silvester liegen noch auf dem Küchen­tisch, also feiern wir spontan Silvester nach. Happy 2008!

museumofsex

Zwischen­zeitlich habe ich etwa drei Regen­wälder an Papier gecuttet, zehn Dosen Sprüh­kleber versprüht und zwanzig Rollen Tape aller Art verklebt. Zur Abwechslung darf ich diese Woche Bilder für das museum­ofsex in Photoshop zurecht schneiden … Ich will keine Orgien und Fessel­spielchen auf meinem Bildschirm, schon gar nicht wenn permanent Leute vorbei­gehen und grinsend Kommentare abgeben. Am Donnerstag ist dann eine Party im Museum und Gerüchten zufolge sollen die Angestellten dort nackt rumlaufen. Ich werde berichten.

Home

Am Sonntag ziehe ich nach Brooklyn in die Jefferson Street. Ich suche mir eine Verbindung mit nur zweimal Umsteigen – woher hätte ich auch wissen können, dass manche Subway-Stationen am Sonntag geschlossen sind? Am Ende muss ich fünfmal umsteigen, Koffer und Tasche über viel zu viele Stufen schleppen, bis der Gurt meiner Reise­tasche kracht und ich fix und fertig bei Pete und Martin ankomme (der Muskel­kater in meinen Armen hält sich bis jetzt). Die beiden zeigen mir die Nachbarschaft: Industriell, viele Lofts, auch die Evergreen Avenue ist alles andere als grün. In einem Restaurant überreden mich die beiden, etwas typisch Amerikanisches zu probieren: Meatloaf, aha.

Momentan wohnt noch Melissa in Martins künftigem Zimmer und Martin in meinem und ich schlafe provisorisch für die ersten beiden Wochen im Gästebett. Anders als die anderen Schlaf­kojen ist es nur mit einem Vorhang vom riesen­großen Wohnzimmer abgetrennt und die Matratze ist unglaublich hart. Melissa wird in zwei Wochen ausziehen und wohl einen großen Teil der Möbel mitnehmen. Sie sammelt alles aus den Siebziger­jahren, so sind auch Kaffee­maschine, Toaster, Geschirr und Gläser von damals. Außerdem kocht sie leidenschaftlich gerne und laut Pete nie zweimal das Gleiche. Die ersten beiden Abende bin ich mit meinem Käsebrot ganz schön neidisch, heute darf ich mitessen: lecker.

In der WG nebenan findet gerade eine Bandprobe statt, Punkrock … ab elf wird’s dann netterweise still.

That’s awesome!

… sagt hier jeder ständig, weil ja alles soo großartig ist. Vor allem Sara sagt es gern – mit ihr bin ich am Samstag ins MoMA und das ist nun wirklich großartig und voll mit Kunst und Design, fast zu viel für einen Tag. Im Museum treffen wir zwei Kollegen von Pentagram, Samstags ist MoMA-Tag. Danach wollen meine Beine nicht mehr, also setze ich mich in einen Bus, um mir von dort aus die Fifth Avenue anzuschauen. Bei der Houston Street steige ich aus und gehe spontan ins Kino. Noch in der Warte­schlange weiß ich nicht, welchen Film ich sehen will, als mich eine Frau mit wunderbar französischem Akzent anspricht. Ihrer Empfehlung folge ich gern: ›The Diving Bell and the Butterfly‹. Französisch mit englischem Unter­titel verstehe ich besser als gedacht. Die Handlung berührt mich sehr, ich muss an Opa denken. Die Französin stammt aus Paris, sie erzählt, dass sie überall in Manhattan Schau­fenster dekoriert. Ihre neuste Tapete bei Prada ein paar Straßen weiter schaue ich mir gleich an.

Kiss me

Kiss me at first sight or should I laugh because my life is missing?

Mein erster englischer Kühlschrank­magnet­wörtersatz.

Am Samstag­mittag spaziere ich los: Vorbei an den Gebäuden der Columbia University, zahlreichen Denkmälern irgend­welcher Freiheits­kämpfer und dem Morning Side Park (der nachts gefährlich sein soll) bis zum Central Park. Nach zwei Stunden zwischen Joggern, Bikern, Pärchen, Herrchen, Frauchen, Hündchen (mit Jäckchen) und struppigen Kötern, Müttern mit Gelände­kinder­wägen, Baseball trainierenden Vätern und Söhnen, schnatternden Enten im halb zugefrorenen Gewässer, vielen neugierigen Eichhörnchen (Squirrels) und entspannten, freundlich grüßenden Spazier­gängern, habe ich den Park mit seinen 340 Hektar dann fast durch­quert und mir eine Hot Chocolate mit Triple Chocolate Cookie verdient.

Bei Einbruch der Dunkelheit gehe ich zum Empire State Building. Bis ich oben bin, muss ich mich in 15 Schlangen einreihen, mich durch­checken lassen, fürs Erinnerungsfoto vor Green­screen in die Kamera grinsen, sämtliche Extras mehrfach ablehnen, zweimal Aufzug fahren, um dann im Andenkenshop zu landen. Draußen dann die unglaubliche Höhe von 86 Stock­werken. Während der langen Warterei lerne ich drei Mädels kennen, die zwar schon immer in New York wohnen, nun aber zum ersten mal hier oben sind. Sie zeigen mir die markanten Punkte von Manhattan.

Work

Die ersten zwei Tage bei Pentagram liegen hinter mir. Das Büro ist in einem ehemaligen Bankge­bäude, das auch mal ein Nachtclub war, in der Fifth Avenue direkt gegenüber vom Madison Square Park. Im Keller gibt es noch zwei alte Tresor­türen, eine Material­bibliothek und den riesigen Modell­bautisch – dort fühle ich mich gleich wohl. Auch sonst mag ich’s: Alles ist gut organisiert, das Material­lager gefüllt, die Anzahl der Drucker und Plotter lässt mich den Kopf schütteln und dienstags bis donnerstags kocht die Köchin healthy Lunch für alle, was sich ein bisschen nach Design-Camp anfühlt. Meine Aufgaben beschränken sich bislang auf Basteln und Türen in Architektur­plänen zählen – die FIT Fashion School ein paar Straßen weiter braucht Türschilder und ein neues Leitsystem. Wer weiß was noch kommt. Die Subway scheint hier direkt unter dem Gebäude durch­zufahren, im Keller und im ersten Stock dröhnt es alle paar Minuten. Besonders gemein ist der neue Teppich: Sobald ich ein paar Schritte durchs Büro gehe, muss ich beim Berühren des nächsten Tischs damit rechnen, einen elektrischen Schlag zu bekommen – Autsch!

Loft

Als ich mich am Diens­tag­abend für das Minizimmer in der gemütlichen Miniwohnung des ruhigen, netten, schwulen, spanischen Kochs inklusive zweier Minihunde in Queens entscheide, kommt seiner­seits keine Rückmeldung mehr. Vielleicht hatte ich erwähnt, dass ich Hunde nicht so mag. Dafür stehen nun zwei Loftbe­sichtigungen in Brooklyn an.

Loft Nummer eins: Industrie­halle, riesengroß, be»wohnt« von drei Produkt­designern, die den Großteil des Stock­werks als Werkstatt nutzen und lustige Möbel bauen. Die Heizung etwas unter­dimensioniert, die Bäder im Original­zustand von damals … zu krass für mich, also weiter.

Eigentlich will ich zu Fuß zur nächsten Wohnung, doch es weht ein furchtbar eisiger Wind und ich bin ziemlich allein auf den Straßen, also nehme ich die Subway. Als ich dann völlig durch­gefroren und fertig dort ankomme, öffnen mir zwei nette Jungs die Tür zu einem gemütlichen Loft und machen mir erstmal einen Tee. Hier endet meine Wohnungs­suche, in 10 Tagen ziehe ich nach Bushwick zu Pete und Martin. Mein Schlaf­zimmer dort ist ein fensterloser Schuh­karton mit Bett und Kleider­stange, der Wohnraum riesig, hell und voller weicher Sofas. Das Beste ist der Blick vom Dach auf Manhattan.

Silvester … am Times Square

Ich wollte da ja nicht hin. Stunden in der Kälte, kein Sekt, kein Feuerwerk. Die Kugel platzt, Konfetti prasselt über die Köpfe, wir sehen es auf der Leinwand. Ein paar Funken sprühen, alle jubeln für zwei Minuten, fallen sich in die Arme und schon setzt sich die riesige Menschen­masse in Bewegung. Sie suchen nach der Party des Jahres, aber die gibt es nicht, nicht an diesem Abend. Nächstes Jahr bitte ganz unspektakulär, zu zweit Feuerwerk gucken und mit Sekt anstoßen. Happy new year!

Nachher eine Zimmer­besichtigung in Queens: »gay latin chef easy going & respectful to all.« – na denn.

Morgen ist mein erster Arbeitstag bei Pentagram, ich bin gespannt. Und etwas aufgeregt.

Big

Es schläft sich wunderbar im Queensize-Bett aus fünf überein­ander gestapelten Matratzen. Meinen ersten Morgen in New York verbringe ich damit, mir die Stadt lesend näher­zubringen. Erst mittags traue ich mich aus dem Haus. Alles so groß, riesengroß … und ich fühle mich ein kleines bisschen einsam zwischen den überdimensionierten Wolken­kratzern und Menschen­massen. Verwirrt setze ich mich in einen roten Touri-Doppel­deckerbus, der mich durch Lower Manhattan schaukelt.

Morgen kommt Besuch aus meinem Heimatdorf, dann wird Silvester gefeiert. Hoffentlich nicht am Times Square, da war es mir heute schon zu voll.

Guten Rutsch!

Ich bin da!

3:45 Uhr: Aufstehen, Anziehen, Koffer ins Auto schleppen, los. Der Flug startet im leuchtenden Morgen von Stuttgart und landet kurz danach im nebeligen Zürich. Das Gepäck und ich haben 40 Minuten für den Umstieg – knapp, aber es klappt. Und dann wieder hoch in die Luft und über den großen Teich.

Es hat was, Manhattan langsam im diesigen Sonnen­schein auftauchen zu sehen. Noch eine Brücke und noch ein Tunnel und schon bin ich mitten im Gewusel aus gelben Taxis und mit Tüten bepackten Menschen zwischen den Häuser­schluchten.

Schönes Zimmer im Studenten­wohnheim der Columbia University, inklusive Abenteuer­dusche, die völlig unver­mittelt in alle Richtungen losbrausen kann. Es ist recht laut hier. Ich weiß nicht, ob das der Wind ist, der um die Häuser pfeift, oder die Autos vom Broadway. Kalt ist es übrigens gar nicht: 9 Grad Celsius. Oder 48 Grad Fahrenheit.

Blöd dass ich aus der Wohnung schon bald wieder weg muss, aber um die Zimmer­suche komme ich wohl nicht herum.

Erst mal schlafen. Bald mehr!