Und die Sonne streichelt mein Gesicht, der Wind die Haare.
»Die dürfen das einfach so bei jedem!«
Ich soll nicht mehr schlafen
Wie ich immer schlief
Eingekringelt zum Kind
Schlaflos gebettet in Kissen
Erwarte ich dich
Auf der Besucherterrasse
Erzähle dem Kind Flugzeuge
Bis du strandest
Um viertel nach elf
Wo ich schon träumte
Empfangen zu werden
Pommes ruft das Kind
Unser Lachen knistert
Goldene Möwe kurz vor Orient
Wo ich schlafen will
Wie ich noch nie schlief.
Ungelenker Augenflirt mit Maske, schöne Augen. Darf ich mal sehen, wie dein Mund aussieht? Was für ein Beruf! Soll so wehtun, oder? Und so gut! Du schließt die Augen und atmest, ich dann auch. Vielleicht lasse ich beim nächsten Besuch Contessas Herzaufkleber mit Pfeil auf der Liege zurück.
Das Herz kam mit dem ersten Liebesbrief vor 31 Tagen. Jetzt etwas ramponiert, von unserem kleinen Amor, der es überall hinklebt und dann in ein Buch, aus dem es einer Freundin in den Schoß fällt und sie zur Geliebten macht. Das Herz darf wandern, von einem zum andern, und wieder zurück an mich! Und an den, der es fand und mir schickte.
Kann es in echt so gut sein wie in Gedanken?
Briefchen voll Mut, die wir uns unter der Decke schreiben. Lieber Briefchen zustecken, als der Gegenwart trauen, die nicht geschrieben ist. All die Sätze aus unserem Telefonat – alles weg, bis auf dein Ächzen, wenn du dich vom Stuhl erhebst, und deshalb nicht hörst, wie ich sage: Wie gut, dass ich mit meinem Protagonisten telefonieren kann.
Schau mich nicht so an.
– Aber er ist gefährlich.
Kann gut sein.
– Geh nur, wenn er dir gut tut.
Ich öffne etwas in den Menschen.
– Und was machst du damit?
Mich verstecken.
– Betschwester nennt er dich.
Und dann wieder so was!
– Warum tut er das?
Frag Hera. Oder die Dämonen.
– Daher deine Angst.
Habe ich sie gesehen?
– Gespürt.
Alles sagen bricht den Bann!
– Und die Liebe?
Erstickt mit deinem Blick.
– Schade eigentlich.
Weil du alles mitliest.
– Darum schaue ich so.
Schau nicht so.
– Du solltest mal schlafen.
Bis der Winter vorbei ist.
– So lange!
Fängt erst in vier Tagen an.
– Ausgerechnet.
Nicht gerechnet.
– Sonst hättest du später gebucht.
Kann noch stornieren.
– Willst du?
Nein.
– Warum nicht?
Croissants.
– So einfach geht das?
Und Geburtstagsgeschenk!
– Wieder keins von mir.
Macht nichts.
– Doch.
Nicht so schauen!
– Sei bitte vorsichtig.
Immer.
– Naja.
Fast immer.
– Danke für dich.
Ach du.
– Ach wir!
Wir Großartigen!
– Soll er mal so sehen.
Danke für dich.
Die gelben Tomaten aus meinem Traum stehen noch da. Soll ich?
Wenn ich nicht die bin
die du dachtest zu kennen
wenn ich nicht ich bin
durch dich
wenn ich ich bin
nur anders für dich
und du gehst jetzt
liebst du nicht mich.
Wenn du nicht bist
den ich dachte
nie kennen zu können
wenn du nicht du bist
durch mich
wenn du du bist
nur anders für mich
und ich bleib jetzt
liebe ich dann dich?
Lio: Kleine Leben.
Große Leben.
Viele Leben!
Lio: Mehr Leben!
Wo bist du Leben?
Kein Leben.
Inszenierung: Gleichzeitiges Ankommen zweier gegenüberliegender Bahnen, freudiges Parallellaufen am Bahnsteig, schnell die Treppe hinauf, meinen Arm bei dir eingehakt, dir die Kurzversion meiner neusten Lebendigkeit erzählt, während du mich wegkundig und gerade noch rechtzeitig zum zweiten Rang führst.
Ich bringe mal eben ein Kind zur Welt und laufe anschließend allein durchs Krankenhaus, in dem keine anderen Türen, Menschen oder Personal zu finden sind, nur lange Gänge mit Fenstern und grüne Pflanzen überall. Ich will etwas zu essen für uns auftreiben, gehe über braune Felder Richtung Dorf, auf halber Strecke kehre ich um. Ich weiß, ich sollte liegen, das Blut tropft in Stücken aus mir heraus, ich stoppe es mit Tüchern in Petras Bad, das auch Schlafzimmer und Küche ist. Auf dem Tisch steht ein riesiger Topf mit festgewordenem Brei.
Raus mit deiner Lust, in alle Richtungen! Schreib deiner Frau. Schreib die Postkarten. Sei mir bloß nicht treu. Mehr aus den guten Zeiten, und wieder rein, lieber Jean.
Eine Kutsche mit Bett, in dem ich mit Clara und Hanna liege, sie hält in eurer Wohnung, lachend hilfst du Iris hinauf auf unsere Deckenburg, um dich dann noch rasch stilvoll an die Bar zu setzen, an der du eingesammelt werden willst. Dann sitzen wir alle fröhlich in eurem Bad herum, das dunkel gefliest ist, vielleicht grün und orange, wie in Omas Haus aus den Siebzigern. Bis etwas bei mir nicht stimmt. Ich frage, ob ich kurz allein sein und nachschauen darf, ihr geht raus. Zu meinen Füßen liegt ein Haufen Schleim, sieht aus wie eine dicke Qualle, dazu glibberige Teile eines Skeletts, dehnbare Spiralen. Du kommst zurück, um nach mir zu sehen. Tapfer sammelst du alles ein und findest eure alten Backförmchen darin, die du eh nie mochtest, die aus Leinen (oder Frottee?) mit blauen Bordüren magst du lieber. Funktionieren die denn? Aber ja, sagst du, werden gleich bestellt.
Anfang Dezember habe ich grüne Minitomaten aus dem Hochbeet an unserer Loggia geerntet, eine Schüssel voll, und sie seither mit einem Apfel in ihrer Mitte nachreifen lassen, jetzt sind sie gelb. Im Traum schaue ich gedankenverloren aus dem Fenster und snacke nebenbei diese Tomaten, nachdem die halbe Schüssel leer ist ist, fällt mir ein, dass sie giftig sind.
Lio und ich sind auf seinem kleinen Holzroller unterwegs im großen Verkehr. Wir rasen durch Tunnel, Autoaufzüge, eine Schotterpiste hinab und schließlich durch einen Fluss, in dem wir fast nicht nass werden in unseren Matschhosen. Am Ende des Parcours erwartet uns Kathi, um unser Wochenende in den Bergen abzusagen – sie fühlt sich krank und Vroni ist zu beschäftigt mit ihrer Website als Mama.
Wir planen ein Literaturfest in einer Art Freilichtmuseum, eine Schleuse hinter Maschendraht führt in eine andere Zeit, ein knarzendes Haus ganz für meine Textinstallation. Wochenlang vorbereitet, am Ende gekürzt auf eine Schatulle mit Postkarten, von Lio bekrakelt, und Briefen von dir. Damit sitze ich auf dem uralten Bett, als die ersten Gäste eintreffen: Der tapsige Nachbarsjunge, den ich freundlich auf Knien begrüße, meine Mama mit ihrem fragenden Blick, und du, mit blondierten Haarspitzen. Du setzt dich aufs Bett, ich kann nicht mehr denken, mein Gesicht hinter dem Vorhang meiner Haare verborgen suche ich heimlich deine Hand. Jemand schiebt mir noch kurz die Verantwortung für die Suppe unters Bett, ich müsse sie ja nur anschalten. Dort brodelt sie also vor sich hin, bis sie explodiert und von der Decke auf mein Bett tropft als orangene Tupfen. Das wars mit Texten in weißer Bettwäsche, auch die Ersatzdecke liegt halb im Topf.
Ich traue mir so wenig wie dir. Dabei schreibst du mir die Angst weg mit deiner Orangenmarmelade um den Mund.
Leichtes Mädchen, läufst davon, bergauf auf Pfaden deiner Kindheit, vorbei am Schlittenhügel, ohne Schnee, Nebel über den Wiesen, durch den Wald über den verwurzelten Weg, bei dem Papa für uns Prinzessinnen immer von Kutschen sprach, zum Lieblingsplatz: Die Bank mit Blick ins Donautal.
Können wir nicht auf E-Mails umsteigen? Diese postalischen Wartezeiten sind ja kaum auszuhalten in der heutigen Zeit. Der Briefkasten freut sich indessen über seine Verzauberung. Schlaflos lese ich wieder deinen Brief und krieche in deinen Traum.
Als Genre: Sehr offen sein, eins werden mit dem Text, noch näher ran als im Gedankenspiel des Essays.
Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.
Liebe ist, was Liebe tut.
Eine Kombination aus Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe und Vertrauen.
Bell Hooks: Alles über Liebe
›Wir‹ bleibt beweglich,
ein Traum mit Schloss,
eine Heimat auf Zeit.
Der Luxus eines vollen Terminkalenders, um den du mich beneidest. Mal tauschen für einen Tag?
Ich frage nach meiner Schulter und bekomme eine Diagnose für meine ganze Generation, die sich (laut Orthopädin) Visionen bastelt und, wenn sich was nicht erfüllt: heult. Statt mir die Röntgenbilder meiner krummgesessenen Knochen zu erklären, schrumpft sie mich mit der Standpauke einer Sportlehrerin zur wütenden Zehnjährigen: Sie sind nicht mehr jung, kaufen Sie sich ein Rudergerät! Zum Abschied eine Umarmung (Hä?) und ein Zettel: 1 km Rudern, 10.000 Schritte, 1 h Radfahren. Aber wohin?
Du umarmst wie ein Brett und tanzt wie ein Soldat, deine Sprache will leicht sein, doch dann wieder: Sokrates.
In deiner Handschrift lese ich Freunde, wo du Fremde schreibst.
Ich
Mein
Hupaupa = Hubschrauber
Hatsi = Taxi
Miin = Kamin
Blumblum = Luftballon
Wie gut man die Welt sortieren kann.