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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Kleben

Lio: Mehr Leben!
Wo bist du Leben?
Kein Leben.

Oper

Inszenierung: Gleich­zeitiges Ankommen zweier gegen­über­liegender Bahnen, freudiges Parallel­laufen am Bahnsteig, schnell die Treppe hinauf, meinen Arm bei dir eingehakt, dir die Kurzversion meiner neusten Lebendigkeit erzählt, während du mich wegkundig und gerade noch recht­zeitig zum zweiten Rang führst.

Brei

Ich bringe mal eben ein Kind zur Welt und laufe anschließend allein durchs Krankenhaus, in dem keine anderen Türen, Menschen oder Personal zu finden sind, nur lange Gänge mit Fenstern und grüne Pflanzen überall. Ich will etwas zu essen für uns auftreiben, gehe über braune Felder Richtung Dorf, auf halber Strecke kehre ich um. Ich weiß, ich sollte liegen, das Blut tropft in Stücken aus mir heraus, ich stoppe es mit Tüchern in Petras Bad, das auch Schlaf­zimmer und Küche ist. Auf dem Tisch steht ein riesiger Topf mit festge­wordenem Brei.

Feigheit?

Raus mit deiner Lust, in alle Richtungen! Schreib deiner Frau. Schreib die Postkarten. Sei mir bloß nicht treu. Mehr aus den guten Zeiten, und wieder rein, lieber Jean.

Kutsche

Eine Kutsche mit Bett, in dem ich mit Clara und Hanna liege, sie hält in eurer Wohnung, lachend hilfst du Iris hinauf auf unsere Deckenburg, um dich dann noch rasch stilvoll an die Bar zu setzen, an der du einge­sammelt werden willst. Dann sitzen wir alle fröhlich in eurem Bad herum, das dunkel gefliest ist, vielleicht grün und orange, wie in Omas Haus aus den Siebzigern. Bis etwas bei mir nicht stimmt. Ich frage, ob ich kurz allein sein und nachschauen darf, ihr geht raus. Zu meinen Füßen liegt ein Haufen Schleim, sieht aus wie eine dicke Qualle, dazu glibberige Teile eines Skeletts, dehnbare Spiralen. Du kommst zurück, um nach mir zu sehen. Tapfer sammelst du alles ein und findest eure alten Backförmchen darin, die du eh nie mochtest, die aus Leinen (oder Frottee?) mit blauen Bordüren magst du lieber. Funktionieren die denn? Aber ja, sagst du, werden gleich bestellt.

Tomaten

Anfang Dezember habe ich grüne Minitomaten aus dem Hochbeet an unserer Loggia geerntet, eine Schüssel voll, und sie seither mit einem Apfel in ihrer Mitte nachreifen lassen, jetzt sind sie gelb. Im Traum schaue ich gedanken­ver­loren aus dem Fenster und snacke nebenbei diese Tomaten, nachdem die halbe Schüssel leer ist ist, fällt mir ein, dass sie giftig sind.

Parcours

Lio und ich sind auf seinem kleinen Holzroller unterwegs im großen Verkehr. Wir rasen durch Tunnel, Autoaufzüge, eine Schotter­piste hinab und schließlich durch einen Fluss, in dem wir fast nicht nass werden in unseren Matsch­hosen. Am Ende des Parcours erwartet uns Kathi, um unser Wochenende in den Bergen abzusagen – sie fühlt sich krank und Vroni ist zu beschäftigt mit ihrer Website als Mama.

Suppentopf

Wir planen ein Literaturfest in einer Art Freilicht­museum, eine Schleuse hinter Maschen­draht führt in eine andere Zeit, ein knarzendes Haus ganz für meine Textin­stallation. Wochenlang vorbe­reitet, am Ende gekürzt auf eine Schatulle mit Postkarten, von Lio bekrakelt, und Briefen von dir. Damit sitze ich auf dem uralten Bett, als die ersten Gäste eintreffen: Der tapsige Nachbars­junge, den ich freundlich auf Knien begrüße, meine Mama mit ihrem fragenden Blick, und du, mit blondierten Haarspitzen. Du setzt dich aufs Bett, ich kann nicht mehr denken, mein Gesicht hinter dem Vorhang meiner Haare verborgen suche ich heimlich deine Hand. Jemand schiebt mir noch kurz die Verantwortung für die Suppe unters Bett, ich müsse sie ja nur anschalten. Dort brodelt sie also vor sich hin, bis sie explodiert und von der Decke auf mein Bett tropft als orangene Tupfen. Das wars mit Texten in weißer Bettwäsche, auch die Ersatz­decke liegt halb im Topf.

Orangenmarmelade

Ich traue mir so wenig wie dir. Dabei schreibst du mir die Angst weg mit deiner Orangen­marmelade um den Mund.

Zu leicht

Leichtes Mädchen, läufst davon, bergauf auf Pfaden deiner Kindheit, vorbei am Schlitten­hügel, ohne Schnee, Nebel über den Wiesen, durch den Wald über den verwurzelten Weg, bei dem Papa für uns Prinzessinnen immer von Kutschen sprach, zum Lieblings­platz: Die Bank mit Blick ins Donautal.

Brief

Können wir nicht auf E-⁠Mails umsteigen? Diese postalischen Warte­zeiten sind ja kaum auszu­halten in der heutigen Zeit. Der Brief­kasten freut sich indessen über seine Verzauberung. Schlaflos lese ich wieder deinen Brief und krieche in deinen Traum.

Meditation

Als Genre: Sehr offen sein, eins werden mit dem Text, noch näher ran als im Gedanken­spiel des Essays.

Liebe

Der Wille, das eigene Selbst auszu­dehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.

Liebe ist, was Liebe tut.

Eine Kombination aus Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe und Vertrauen.

Bell Hooks: Alles über Liebe

Wir

›Wir‹ bleibt beweglich,
ein Traum mit Schloss,
eine Heimat auf Zeit.

Luxus

Der Luxus eines vollen Termin­kalenders, um den du mich beneidest. Mal tauschen für einen Tag?

Diagnose

Ich frage nach meiner Schulter und bekomme eine Diagnose für meine ganze Generation, die sich (laut Ortho­pädin) Visionen bastelt und, wenn sich was nicht erfüllt: heult. Statt mir die Röntgen­bilder meiner krumm­gesessenen Knochen zu erklären, schrumpft sie mich mit der Stand­pauke einer Sport­lehrerin zur wütenden Zehnjährigen: Sie sind nicht mehr jung, kaufen Sie sich ein Ruder­gerät! Zum Abschied eine Umarmung (Hä?) und ein Zettel: 1 km Rudern, 10.000 Schritte, 1 h Radfahren. Aber wohin?

Leicht

Du umarmst wie ein Brett und tanzt wie ein Soldat, deine Sprache will leicht sein, doch dann wieder: Sokrates.

Fremde

In deiner Handschrift lese ich Freunde, wo du Fremde schreibst.

Wortschatz 2

Ich
Mein

Hupaupa = Hubschrauber
Hatsi = Taxi
Miin = Kamin
Blumblum = Luftballon

Intelligenz

Wie gut man die Welt sortieren kann.

Kitaliebe

Erzieherin stellt fest:
Pablo liebt Maila, Maila liebt Lio und Lio liebt die Autos.

Passanten

Wir haben den Tatort­kom­missar gesehen und ein paar Leute, die als Passanten verkleidet waren.

Orangentraum

›Das Schweigen der Orangen‹ – so könnte meine Ausstellung heißen. Orangen rollen durch den Raum und halten den Mund, als sie auf den Boden geworfen und zermatscht werden. Reglos liegen sie auf den heißen Heizungs­rippen und verströmen ihren Duft. Alle Orangen ausver­kauft in der gesamten Region, am nächsten Tag fluten sie dann den Markt, Konsum­kritik in Orange. Natürlich gibt es frisch­gepressten Orangensaft zur Vernissage.

Alles

Ein Changieren zwischen dem Gefühl, dass ihr alles zusteht und dem Zweifel, es nicht verdient zu haben.

Wie sehr die Welt der Familie bestimmend und doch rätselhaft bleibt.

Alles hat seine Zeit

Der Kalender sagt mir, dass dein Kind morgen erwachsen ist und nächste Woche auswandert für ein Jahr. Während ich weine, weil mein Kind nachts weint ohne mich und ich nächste Woche keine stillende Mutter mehr bin.

Kopf: Genug.
Bauch: Schon?
Brust: Aua.

Zur Ablenkung: Zwetschgen sammeln und Kuchen backen. Kommst du mal vorbei?

Funkeln

Wenn ich an dich denke, habe ich eine Begegnung im Kopf, warme Sommer­nacht in der Stadt und du sprühst und leuchtest und verkündest mit funkelnden Augen: Das ist mein Sommer! Das hat mich so beein­druckt, dass ich seither meinen Sommer erwarte. Vielleicht war der aber auch schon 2011, als alles begann – mein Glück, das ich vor lauter Gleich­zeitigkeit zu oft übersehe. Danke, dass du mir deinen Blick darauf schenkst.

Federkleid

Als Gastge­schenk für die Familie meiner Braut trage ich vier Eier in den Händen, in verschiedenen Größen und Formen, winzig, kugelrund, fast platt­gedrückt, eines davon ist roh. Mit kahlge­schorenem Kopf und wehender Perücke eile ich die Treppe zur Straße hinab und weiter in den Unter­grund zur Bahn, die ich nicht finde, statt­dessen einen Kraftraum voller Geräte. Wieder oben erwartet mich eine Rikscha im Feder­kleid mit buntbe­maltem Faun, den ich immer nur von hinten sehe. Ich steige ein für eine Irrfahrt durch New York mit flüsternden Fragen, seine Buntheit färbt ab und mich ein. Wir geraten in eine Parade durch die teuerste Straße in einen Saal, eine Wendel­treppe führt zur Dachterrasse mit nächtlichem Garten, Andreas ist da und alle sind so bunt wie ich.