Erzieherin stellt fest:
Pablo liebt Maila, Maila liebt Lio und Lio liebt die Autos.
Wir haben den Tatortkommissar gesehen und ein paar Leute, die als Passanten verkleidet waren.
›Das Schweigen der Orangen‹ – so könnte meine Ausstellung heißen. Orangen rollen durch den Raum und halten den Mund, als sie auf den Boden geworfen und zermatscht werden. Reglos liegen sie auf den heißen Heizungsrippen und verströmen ihren Duft. Alle Orangen ausverkauft in der gesamten Region, am nächsten Tag fluten sie dann den Markt, Konsumkritik in Orange. Natürlich gibt es frischgepressten Orangensaft zur Vernissage.
Ein Changieren zwischen dem Gefühl, dass ihr alles zusteht und dem Zweifel, es nicht verdient zu haben.
Wie sehr die Welt der Familie bestimmend und doch rätselhaft bleibt.
Der Kalender sagt mir, dass dein Kind morgen erwachsen ist und nächste Woche auswandert für ein Jahr. Während ich weine, weil mein Kind nachts weint ohne mich und ich nächste Woche keine stillende Mutter mehr bin.
Kopf: Genug.
Bauch: Schon?
Brust: Aua.
Zur Ablenkung: Zwetschgen sammeln und Kuchen backen. Kommst du mal vorbei?
Wenn ich an dich denke, habe ich eine Begegnung im Kopf, warme Sommernacht in der Stadt und du sprühst und leuchtest und verkündest mit funkelnden Augen: Das ist mein Sommer! Das hat mich so beeindruckt, dass ich seither meinen Sommer erwarte. Vielleicht war der aber auch schon 2011, als alles begann – mein Glück, das ich vor lauter Gleichzeitigkeit zu oft übersehe. Danke, dass du mir deinen Blick darauf schenkst.
Als Gastgeschenk für die Familie meiner Braut trage ich vier Eier in den Händen, in verschiedenen Größen und Formen, winzig, kugelrund, fast plattgedrückt, eines davon ist roh. Mit kahlgeschorenem Kopf und wehender Perücke eile ich die Treppe zur Straße hinab und weiter in den Untergrund zur Bahn, die ich nicht finde, stattdessen einen Kraftraum voller Geräte. Wieder oben erwartet mich eine Rikscha im Federkleid mit buntbemaltem Faun, den ich immer nur von hinten sehe. Ich steige ein für eine Irrfahrt durch New York mit flüsternden Fragen, seine Buntheit färbt ab und mich ein. Wir geraten in eine Parade durch die teuerste Straße in einen Saal, eine Wendeltreppe führt zur Dachterrasse mit nächtlichem Garten, Andreas ist da und alle sind so bunt wie ich.
Man bekommt ein unbeschriebenes Blatt geschenkt und lässt das Blatt sich selbst beschreiben. Das Blatt nennt sich Meo. Um dem Amt zu beweisen, dass der Zweitname Thoje tatsächlich existiert, komponieren Thorsten und Jenny kurzerhand einem wahrscheinlich norwegischen Musiker ein Notenblatt – überzeugt.
Seit vier Jahren sind Vater und Sohn im Wohnmobil unterwegs, 66.000 Kilometer, davon 55.000 in Deutschland, immer abwechselnd entscheiden sie, wohin: Links, rechts, wieder links, da sieht es schön aus, Meo dirigiert sie zielsicher zum schönsten Stellplatz an der Lorelei.
Und Jenny? Superöko, acht Jahre vegan, Lotusgeburt, lange gestillt, dann über Nacht nicht mehr, wie Meo auch über Nacht aufgehört hat, Zucker zu essen und YouTube-Videos zu schauen, will er nicht mehr. Was ist passiert, will ich fragen, Halbwaisenrente hat er erwähnt. Später frage ich – Krebs in der Brust und schon überall.
Der Wohnmobilstellplatz ist belegt, doch sie haben ein Zelt – als Corona kam, für den Ernstfall gekauft, ein großes Tipi in Beige, von Meo ausgesucht. Zum Sonnenuntergang setze ich mich als Gartenzwerg in den Vorgarten, dort grast Meos imaginäre Kuh, die bei ihm ist, seit sie im aufgeräumten Haus der Großeltern mit Spielzeugverbot kistenweise imaginäre Spielsachen ausgekippt haben.
– Meo: Papa, wir brauchen noch meine Schlafsachen!
– Thorsten: Hab ich natürlich alles dabei, mein Sohn, ich bin doch Eventmanager.
– Gartenzwerg: Meo, dein ganzes Leben ist ein Event.
Mama
Papa
Eis (Eis, heiß, hell)
Na na (nein nein)
Oa (Ohr)
Sieße (Füße)
Lille (Brille)
Blom (Blume)
Lala (Musik)
Loller (Roller)
Brumm (Auto)
Nanena (Anhänger)
Bumm
=
Fallen
Runter
Kaputt
Öffnen
Schließen
Ausziehen
Mem
=
Essen
Trinken
Mehr
Krakn/Krako
=
Traktor
Bagger
Kran
Laster
Garten
Gurke
Karotte
Dadaa
=
Wasser
Walter
Tüta
=
Polizei
Feuerwehr
Krankenwagen
Müllabfuhr
Fahrzeuge mit blinkenden Lichtern
Das Kind saugt an mir am Rande dieser Party der Bücher dann geht es spielen und da steht er du bist doch, ja sagt er und ich lese in ihm offen fürs Wasser steht da und beim Streicheln verschwimmen die Seiten auf seinen glatten Rücken gedruckt oder tätowiert so scharf die Buchstaben verschwommen die Seiten durchsichtig übereinander schwimmend ich lese und streichle und er streichelt mich mit seinem Blick liest in mir das Kind schaut rein alles gut wir lesen nur ineinander fließen umeinander du bist also, ja sagt er und küsst meine Schultern und Arme er ist überall als wäre er Wasser wie schön leuchtet dieses Lesen und Baden in ihm ich will mitschreiben und halte fest was sich nicht festhalten lässt es fließt wir schweben im flüssigen Text der durchsichtig wird die Buchseiten auf seinem Rücken so schön so liegen wir da wissend dass ja und schon treiben wir auseinander ganz langsam bleib doch noch, ja aber nur als Buch das ich hier schreibe so liege ich im Wasser das mich umschmeichelt und wärmt wie die Decke an diesem Sommermorgen der mir Seiten schenkt flüssige Seiten die durchsichtig werden im Wasser flüssiges Buch die Buchstaben und Seiten verflüssigen geht das?
»Wenn etwas nicht gelingt, genügt es, daß man in ein anderes Zimmer geht.«
Wilhelm Genazino
»Die Wahrheit ist ein Schmetterling, sie landet einmal hier und einmal dort. Du jagst sie mit einem Netz, und wenn du sie fängst, bist du glücklich. Aber sie lebt nicht lange. Die Wahrheit ist ein zartes Ding.«
»Busbecqs Ansicht nach gab es im Leben zwei segensreiche Dinge – Bücher und Freunde –, deren Anzahl in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen sollte: viele Bücher, aber nur eine Handvoll Freunde.«
»Für alle Schüler dieser Welt – niemand hat uns gesagt, dass die Liebe die am schwersten zu erlernende Kunst ist.«
Elif Shafak: Der Architekt des Sultans
Im Traum entwickelt Simon ein Buch, bei dem jede Seite einzeln mit einem farbigen Kantenschutz beklebt werden muss, daraus wird ein Klassenprojekt am Fluss. Alle sind begeistert, vor allem Brian. Später probiere ich bunte Kreolen aus Glas von Mama und Oma, die ich trotz fehlender Ohrlöcher durchprobiere. Verfolgt von den Augen des Nachbarn schreite ich durchs gläserne Treppenhaus. Er soll mich sehen, auch wenn ich erst in zwei Tagen wieder da bin.
Im Garten plötzlich alles voller roter Beeren, Ketten aus Johannis, Tupfen aus Him. Dein kleiner Mund rot verschmiert, wie auch die Finger, die zupfen und füttern. Ein Sommerfest!
Ein Bistrotisch in der Landschaft, darauf eine rosa glänzende Handtasche mit Haifischzähnen als Reißverschluss. Ich greife hinein und angle mir ein Zitat von Soldaten, das sich abfällig gegen blutige Marinetage = Menstruation äußert. Feministische Skulptur im öffentlichen Raum, an der ich jahrelang achtlos vorbeiging. Ich frage Nelly Sachs: How long does it take to become a woman? A happy woman, I want to be happy. Sie antwortet mit kleinen Augen und silbernem Haar.
Traum von Lio und seinen Brüdern, die auch er sein könnten in verschiedenen Altern. Von der Galerie blicke ich auf eine Halle voller Sand, wo zwei Männer sich mal eben tot stellen; bis du da bist, ist die Szene vorbei. Die Kinder rennen auf uns zu, nur unseres sehe ich nicht. Clara sitzt auf gepackten Koffern und begleitet uns ein letztes Mal zum Strand, der schon fast weg ist, die Flut steigt und klettert die Treppen zum Schloss hinauf. Mein Schlüsselbund fällt ins Wasser, ich fische nach ihm und halte ihn noch fester als sonst. Wir umarmen Clara, bis Mahmoud sie abholt in seinem Jeep. Ich schließe die Tür, unter der schon Wasser nach innen dringt. Im Bett glimmt ein Lagerfeuer, das ich zudecken möchte, um es zu ersticken, ich traue mich nicht.
Das Schiff legt gleich an, wir sitzen an Deck, angelegt als künstliche Insel im schwankenden See, durch den nur ein halb überfluteter Steg ohne Geländer zum Ausgang führt. Neben mir schreibt Andrea in aller Ruhe ihr Notizbuch voll. Eilig packe ich Büroinventar und Küchenutensilien ein, meine Möbel müssen wohl dableiben. Ich schaue zurück und sehe das Kind im Wohnmobil. Ich brauche Hilfe beim Tragen, wo sind alle hin? Der schwimmende Christian hatte mich davor gewarnt, so viele Dinge hierher zu schaffen, jetzt fehlt auch er.
fc. ich cggggc buch. c c gc. ü p. p p p öä pö ö ü
Du schickst mir einen lilablauen Drachen als Antwort zu meiner Vorfreude auf kurz gemütlich. Entweder hast du minutenlang nach ihm gesucht oder ihn schon öfter verschickt. Sein blauer Schweif schlägt fröhliche Wellen im Wind. Eine dünne Schnur hält ihn fest, sogar doppelt. Dennoch: Ein bisschen Freiheit zwischen zwölf und zwei.
»… selbst stören mich die Einschlüsse nicht, eher die Fläche, die schnell markiert und irgendwie wie weg von den Händen flieht.«
Im Traum sind wir Vertraute, eigentlich. Bis sich beim Aufstieg zu deinen Gemächern die Treppen so zusammenschieben, dass mir nur der Aufzug zur Flucht nach unten bleibt. Draußen fällt mir ein Schraubglas aus der Hand, es kullert bergab und zerspringt auf einem Gitter aus Metall. Rote Flüssigkeit tritt aus und gerinnt zu zwei Klumpen, die sich in unterschiedliche Richtungen davonmachen.
Im Traum verlieren wir uns fast. Wir stecken fest in einem milchigen Nebel, in dem ich mich versehentlich anderweitig verliebe. Der Neue singt von mir als einer Frau, die ich nicht kenne. Erst als du auftauchst, wird mir klar: Mit dir teile ich nicht nur Ring, Kind und Zuhause, auch Jahre gemeinsamer Träume, die ich nicht loslassen will. Wer bin ich ohne sie? Wer sind wir ohne einander? Wir weinen und halten uns an der Hand, drücken sie immer wieder, zweimal – unser Zeichen.
»Es ist fast unmöglich, einen Tag nach einer solchen Nacht zu bestehen. Es ist, als gäbe es doch nichts anderes als das. Alles andere ist Ersatz. Wenn das so ist, war dieses Leben nicht viel wert.«
Martin Walser/ Cornelia Schleime: Das Traumbuch – Postkarten aus dem Schlaf
Im Traum versucht sich Clemens auf dem Weihnachtsmarkt mit eigenem Stand, er verkauft Bier, weiße Schaummäuse und ranzige Pommes in salzig und süß. Lisa probiert das süße Körbchen für 6 Euro und ahnt schon, dass es widerlich schmeckt. Doch die Werbung funktioniert: Sein Porträt auf gelblichem Knitterpapier zieht Leute an und Clemens macht das Geschäft seines Lebens. Noch viel wichtiger: Die Arbeit macht ihm Spaß!
Carla kreiert ein Kostüm, das sie zum Becher hochstülpen kann.