Geträumt von einem Familientreffen unter blühenden Bäumen. Die Omas und Opas sitzen schon lange da, als wir verspätet ankommen. Ich klettere in die Bäume zu einer Party meiner Schulklasse und schicke die falschen Bilder in die Gruppe, sie lassen sich nicht mehr löschen. Die Jungs saugen an ihren Zigaretten, um endlich keine Bubis mehr zu sein. Ein Gänsemarsch durch verrauchte Gänge, als sich Thomas P. von hinten an mich schmiegt und in sein Atelier schiebt. Er wirft Teller mit Goldrand zu Scherben. Dann zündet er ein Stöckchen an, schiebt es sich zwischen die Zähne und bläst mir den Rauch in den Mund. Ich schließe die Augen, fahre Achterbahn durch schwarzweiße Muster und will unbedingt wach bleiben in diesem wunderbaren Rausch.
Paarfindung im Sechzigerjahre-Sommerferienlager, bis nur noch einer übrig ist: Der Dicke mit den reichen Eltern. Am letzten Tag geleitet mich mein Partner zur Anlegestelle am Fluss. Ich bin adrett gekleidet, das schulterlange Haar brav frisiert und mit einer Spange zusammengehalten. Er reicht mir seinen Arm, und schreitet mit schnellem Schritt durch den sonnenwarmen Nachmittag. Er fragt nervös, was die Eltern wohl zu unserer Liaison sagen werden – doch soweit kommt es gar nicht. Als die Fähre anlegt, wird ihm ein Wisch gereicht, der uns das Betreten versagt. Der Dicke lacht fies, doch damit kommt er nicht durch, ich zische Gemeinheiten, bis er weint. Die Fähre legt trotzdem ohne uns ab, die Eltern lassen sich nicht blicken und uns einfach da.
In der Küche bläst sich die Spülmaschine auf wie ein ausgebeultes Kissen, sie gluckert und poltert. Wir schließen die Tür, da hören wir einen Knall – das Rohr ist geplatzt. Die Tapete ist jetzt grau gesprenkelt und die Wand voll mit Wasser. Das Wohnzimmer ist geschrumpft, auch die anderen Räume werden immer enger. Anfangs finden wir das noch gemütlich, dann fühlen wir uns bedrängt von wachsenden Pflanzen und Polstern. Wir nehmen unsere Decken und ziehen ins Gartenhaus. Kann es sein, dass der Berg näher rückt? Bald ist das Fenster ganz verdeckt und die Tür geht nicht mehr auf.
Im Traum verkaufst du unser Bauernhaus mitten im Nirgendwo an eine russische Großfamilie, sie lärmt begeistert durch die Räume. Erst als der Notar schon weg ist, fällt mir wieder ein, dass wir nur dann verkaufen, wenn wir das kleine Schlösschen dahinter wirklich bekommen. Wie konnten wir diese Klausel nur vergessen! Ich mache dir Vorwürfe im Gewächshaus, bis ich merke, dass ich träume. Lachend zeige ich dir die lustigen Details des Traums und ziehe dich zum Schloss. Du verschwindest in einem der drei versteckten Eingänge – nur in welchem? Im ersten Gang schwirren Hornissen, sie stechen mir einen Plan aufs Bein. Dieser führt mich durchs Gebäude in Karins Jugendzimmer, Anna ist auch da. Nur wo bist du? Draußen schreit unser Kind, das von der russischen Familie schwungvoll übers Gras gezogen wird, obwohl es doch einfach nur schlafen will.
Ich erwache im Garten eines Hotels vom Frühstücksgeklapper der wachen Gäste. Ich sehe Marion beim Yoga und will zurück in den Schlaf. Warum bloß haben wir uns kein Zimmer genommen? Ich stolpere über unsere Koffer und über dich in deinem Schlafsack, hinein in eine prunkvolle Halle und weiter durch wellige Gänge mit rotem Teppich und gelbgeblümten Tapeten. Ich falle hin, stehe mühsam wieder auf und schleppe mich zur Rezeption, wo ich erkläre, dass ich nun doch ein Zimmer will. Der junge Direktor freut sich, dass die Rechnung dann aufgeht. In meinen Taschen suche ich nach Geld und finde nur deine paar Münzen, es reicht gerade so. Ich bekomme einen schweren Schlüssel, aber keine Erklärung, wo das Zimmer dazu liegt. Es gibt vier Türme mit Wendeltreppen zu unzähligen Türen, mir wird schwindlig, ich sinke auf die weichen Stufen und schlafe weiter.
Im Traum erzählt ein alter Mann sein Leben, in dem er schon als Kind verloren ging. Jahrelang suchte er nach seinen Wurzeln und fand Brüder, die nun tattrig neben ihm am Tisch sitzen. Ich lausche gebannt und will mitschreiben. Nicht nötig, sagt einer der Brüder und zeigt auf das Kartenspiel vor uns, das jede Etappe dieser Suche dokumentiert. Ich fotografiere den Spielplan ab.
Später liege ich in einem flachen See mit weißem Sand, der das Wasser milchig macht. Von weit weg höre ich Gelächter und Stimmen, die mich meinen. Ein Mann in roter Badehose schwimmt mir nach, ich tauche ab und umkreise schwarzes Totholz, umgefallene Bäume, die ihre Äste und Wurzeln wie Skulpturen in den nebelweißen Himmel strecken.
Wir sind zu Gast in der Wohnung von Jochen, der doch Angst vor Gästen hat. Er ist unterwegs, daher gehts vielleicht. Du lässt mich träumen und kochst derweil für weitere Gäste, die ich noch ankündigen muss. Ich telefoniere im Garten mit meinen Eltern, die spontan vorbeischauen wollen, als Constantin und Iris mit Kindern über die Hecke winken. Es fehlen noch Zutaten, also nehme ich ein Taxi zum Markt. Durchs Autofenster zeigen drei zerzauste Jungs auf die Holzkröte in meiner Hand, sie haben den Stab dazu. Ich steige aus und sie ein, der Kleinste sitzt am Steuer und fährt los. Meine Handtasche ist noch im Wagen, ich renne schreiend hinterher. Nach und nach werfen sie meine Sachen auf die Straße, Geldbeutel, Schlüssel, Handy, das beim Aufprall zersplittert, zuletzt die leere Tasche. An einer Brücke lehnt eine Tüte mit Gewürzen, daneben große Quader aus Brot ohne Rinde. Ein Mann lacht mich an, singt Rezepte und wuchtet die Zutaten auf seinen Anhänger. Seine runde Frau sitzt bis zum Bauch in einem Berg aus gekochtem Reis, den sie in Schüsseln füllt und verkauft, nebenbei fragt sie ihn ab für seine Kochprüfung.
Im Traum waten wir zwischen Holzwänden japanischer Badehäuser durch einen Bach, der mit jedem Schritt tiefer und schneller wird. Für unser Kind auf deinem Arm ist das Wasser zu kalt, du hältst es über deinen Kopf. Am Hafen steigen wir mit den Füßen auf Modellbau-Boote und umkreisen eine Boje. Vom Piratenschiff fallen Schnapsfläschchen neben uns ins türkisblaue Wasser, David sammelt so viele wie möglich ein, bevor sie versinken. Dabei macht er Wellen, die uns fast umwerfen. Das Wasser um die Boje wird fest, das Eis trägt uns und die kleinen Boote eignen sich auch als Schlittschuhe.
Beim Pizzaessen in einer Strandhütte frage ich Sebastian nach seiner Ehe, er lacht traurig und schüttelt den Kopf über all die Bilder darin. Julia kaut genervt, sie wäre jetzt lieber auf einer anderen Party, doch zwei Freunde schreiben, dass sie ihren reservierten Platz einnehmen wollen.
Im Traum parken wir vor einem Fenster, zum Spaß winke ich hinein und erkenne Fabian, der da gerade eingezogen ist. Er kommt raus, wir gehen was trinken, die Gruppe wächst und wird lauter mit jedem Glas. Ich sehe nur ihn und fotografiere Details durch einen durchsichtigen Plastikwürfel, bis er mal kurz in einem Kulturzentrum verschwindet. Die Halle mit neongrünem Boden steht zum Verkauf, du entwirfst schon Grundrisse. Der langhaarige Moderator nimmt mich mit aufs Dach, wo auch Fabian sitzt und verschwitzte Rockstars über eine Röhre nach unten auf die Bühne rutschen, angefeuert durch Girlanden aus Motivationssprüchen. Das Licht geht aus, nur ich bin noch da. Ich eile zur Rutsche, die jetzt mit dem Mikrophon verriegelt ist, verrostet und mit Moos bewachsen. Ich zwänge mich in die Röhre, die immer enger wird, ich stecke fest.
Im Traum wandern wir zum Meer, dort steht die Villa, in der wir die letzten Sommer verbracht haben. Sie hat neue Besitzer und Absperrbänder an den Toren, ich gehe trotzdem rein, will mich verabschieden von den schönen Räumen. Die neue Einrichtung verstellt das Treppenhaus und die Flure, auch die Salons sind viel zu voll. Ein weißhaariger Mann taucht auf, will mich verscheuchen. Seine Tochter drückt mir einen Wäschekorb in die Arme, flieht vor ihrem schreienden Baby und nimmt mich mit nach draußen in den Park. Sie führt mich zu einer Ansammlung von Villen und Palästen aus Stahl und Glas. Die meisten gehören ihrer Familie. Niemand ist zu Hause. Die Mittagshitze drückt, wir warten im Schatten eines Schirms.
Du hast gefragt, ob ich für dich mitträumen kann, schon stehen und liegen wir falsch im Leben halbschlafender Gestalten im Frack, die kaum vorankommen, bis sie wieder eingeschlafen sind. Ihr wacher Bruder scheucht sie mit Vertrag ins Rampenlicht. Wer wankt oder strauchelt, dem schließt er den Mund mit Reißverschluss. Rußverschmierte Köpfe mit verglühenden Augen, die zu viel gesehen und verstanden haben. Es wird eng und enger. Ich erwache in orange, eingepfercht zwischen Drehsesseln mit langbeinigen Frauen, deren Finger im Gesicht und überall diesen Film wohl so plastisch wirken ließen wie nie.
Geträumt von einem Spaziergang auf unserer neuen Straße, die uns an meine alte Straßenecke in Brooklyn und weiter nach Zürich führt. Clara stolpert voraus in einen Supermarkt, ich mit Kinderwagen hinterher. Mit jedem Schritt wird sie blasser, sie sackt mir in die Arme. Ich schreie nach Hilfe und Clara ins Gesicht, wie lange sie nichts gegessen hat. Eine Verkäuferin verdreht die Augen. Sie streckt mir ein Tablett mit einem Cent entgegen und zischt: Verschwindet! Da erst sehe ich, was sie sieht – den überladenen Kinderwagen und wie unförmig und verdreckt mein grauer Mantel ist. Ich ziehe ihn aus, darunter trage ich ein schickes Kleid. Fieberhaft suche ich im ganzen Laden nach etwas Essbarem für Clara und verliere Zeit zwischen Regalen voller Putzmittel, Cola und Schokocremes. Mein Kind babbelt fröhlich vor sich hin und ruft plötzlich: Orangensaft! Sein erstes Wort.
Im Traum lade ich spontan in unsere neue Wohnung ein. Mir folgt ein vielsprachig quasselnder Pulk bis vor die Tür, zu der ich keinen Schlüssel finde. Ich stochere mit einer winzigen Glühbirne in einem Treppenloch, bis die Fenster im Haus leuchten. Alle Türen öffnen sich, nur unsere nicht. Die Leute schauen sich derweil bei den Nachbarn um: Bücherstapel mit Pflanzen, orientalische Vorhänge und weiche Teppiche, eine Spielhöhle voller Kuscheltiere, im Flur ein riesiger Zeichentisch, an dem gleich gebastelt wird. Vom Haus führen vertunnelte Hängebrücken über einen Graben in die Stadt. Schaukelnd sitzen wir den Einheimischen gegenüber und drücken lachend unsere Füße gegen ihre. Auf der Klippe sehen wir einen verfallenen Anbau, der doch mein Atelier werden könnte. Da fällt der vermisste Schlüsselbund aus meiner Tasche durch ein Gitter in den Graben und versinkt im Schlamm.
Im Traum habe ich raue Flechten an den Fußsohlen. Wenn ich sie abkratze, wachsen sie sofort nach. Unterwegs auf superschnellen Rädern machen wir halt bei einem Kleiderladen, der durch eine Luke nach unten führt in ein Labyrinth aus schmalen Gängen, Treppen und Rutschen. Unser Kind klettert und freut sich über die vielen Spiegel, in denen sein Kopf viel zu groß und uralt aussieht. Panisch suche ich dich, renne entgegen der Laufrichtung der Pfeile, vorbei an Wachposten mit Trillerpfeife, verschanzt in kleinen Buden. Ich finde dich im schummrigen Schankraum, wo du ein rosa Getränk probierst. Du redest beruhigend auf mich ein, aber ich sehe deinen besorgten Blick für den kleinen Helmut Kohl auf meinem Arm.
Im Traum schaue ich auf die Uhr und mir fällt ein, dass genau jetzt unser Flug nach London startet. Ich suche unsere Flugtickets, die noch unausgedruckt im Datenmeer dümpeln. Wir sitzen am Rand eines blau leuchtenden Schwimmbeckens. Drei winzige Wasserwesen sollen uns eine Abkürzung zeigen, nur die eine mit Brille und blauer Dauerwelle schmollt und taucht ab. Sie sortiert ihre Handtasche und lässt sich nur mit bunten Sammelkarten überreden, uns zu begleiten. Auf dem Weg sehen wir unsere Freunde vor und hinter einem Schaufenster sitzen. Da will ich bleiben und doch nicht mehr weg.
Im Traum darf Sarah aus dem Publikum hinter die Kulissen des Musicals und sich ein Kostüm aussuchen. Während sie auf das riesige Kleid wartet, wird sie zu Clara und verdreht zwei Männern den Kopf. Der Visagist lässt sich besonders viel Zeit mit ihren kurzen, roten Haaren und der Tonmann rennt verzweifelt um seine schallgedämpfte Kabine herum. Er erzählt mir vom Fluss seiner Kindheit, den er jetzt andicken muss, weil er zu flüssig geworden ist. Und vom Brei, dem kleingeschnittene Hartplastikteile zugesetzt werden, damit er wie früher schmeckt. Dem Baby fehlt in dieser Version der Geschichte der Mund, es sieht aus wie ein angeschnittener Apfel.
Im Traum sollen wir wichtige Unterlagen besorgen und noch schnell Susannes alten neuen Freund vom Bahnhof abholen. Wir sind spät dran, daher überlässt uns Fätät seinen winzigen, weißen Geländewagen, der unter seiner Wohnung in einem Parkdeck steht. Wir finden keine Rampe, also holpern wir über eine Treppe nach unten ins Erdgeschoss und fahren durch die Gänge eines Architekturbüros bis zur Drehtür nach draußen. Der Freund soll zu Fuß nachkommen, wir düsen direkt zum Bürokomplex mit riesigem Treppenhaus ganz in Schwarz. Eine Kletterin seilt sich ab, Susanne und Michaela wollen gleich mitmachen und wärmen sich mit Dehnübungen auf. Die Treppen schwanken und werden zu steilen Rutschen aus Latex, eine fürchterliche Höhenangst packt mich und zieht mich nach unten. Wir fahren weiter und halten beim Friedhof, am Eingang stehen zwei Soldaten in uralten Uniformen, sie folgen uns mit drohendem Blick. Wir gehen schnell weiter, rennen in wirren Umwegen zurück zum weißen Auto und fahren ins Donautal. Neben dem Haus meiner Eltern entdecke ich im Felsen ein Loch mit ungeahnter Aussicht auf eine nie zuvor genutzte Badegelegenheit. Du wirfst mir ein Handtuch zu und springst von weit oben ins glitzernde Nass – herrlich.
Im Traum bin ich in den USA, um ein Schließfach aufzulösen. Es hat die Nummer 206 und eigentlich gehört es Alexandra. Es ist Teil eines Wohnprojekts, in dem Freunde von früher hausen, in gestapelten Holzkisten, fast ohne Tageslicht. Ich krieche in die Fassade und schaue durch Lamellen nach unten auf die futuristischen Straßen der Stadt. Im dunklen Gang verstellt mir einer den Weg, schubst mich in den Duschraum und lädt mich zur Abschlussfeier ein – es ist ein Befehl, keine Option. Den ganzen Abend heuchle ich Leichtigkeit und versuche den grinsenden Tanzpartner so zu hypnotisieren, dass er mich elegant und mit starker Hand führt. Ich gebe auf und hole die Kuchen aus meinem Schließfach. Überall sagen mir Leute Hallo, an die ich mich nicht oder nur dunkel erinnern kann. Meine ärgste Feindin trägt eine Clownsnase aus Karamell und lässt sich von mir zum endlich geschafften Abschluss umarmen. Mit missmutigem Blick packt sie Geschenke ihrer Geschwister aus, Eiswürfel kullern heraus. Ihr struppiger Vater schaut vielsagend und geht. Sie schlägt vor, dass wir jetzt alle zusammen duschen gehen.
Im Traum empfängt uns ein Kellner mit Kniefall, die Nase auf dem Teppich der großen Eingangshalle des Restaurants. Er überreicht uns eine Speisekarte aus Holz, mit Geheimfach für den Schlüssel zu unserem Tisch. Unser Baby ist schon größer als ich, sein Mund mehlverschmiert. Es wird aufgerufen und darf in der Backstube eine Himmelsleiter aus Teig formen. Ich male die Buchstaben H I M M E L auf das Schild, als plötzlich Tumult ausbricht – ein Überfall. Die nach dem Raubzug liegengebliebenen Geldscheine stopfen wir uns in die Jackentaschen und nehmen zur Tarnung Gefäße mit. Am Ausgang kontrollieren sie nur meinen Sauerkrauteimer mit Fleisch. Wir eilen möglichst unauffällig durch den dunklen Park Richtung Schrottplatz. Die Beute verstecken wir zuerst in einem kaputten Schließfach und dann doch in einem Kinderwagen voller Glühbirnen, der beim Schieben lustig klirrt.
Wenn mir mein Blog einfällt, erinnere ich mich an mich. Ich habe Heimweh.
– Wie ist das neue Ich? Das reale Ich?
Das reale Ich ist überfordert und nicht nett. In jeder Minute ohne Kind wie wahnsinnig am Arbeiten. Der Versuch, den zu schnell wachsenden Verlag in ein größeres Gefäß umzutopfen. Nachts am Pläne schmieden und Anträge schreiben für freie Projekte. Als hätte es nicht mehr viel Zeit. Als wärs bald vorbei.
– Jeder Tag ein Leben, oder?
Komische Leben sind das.
– Tauschen wir?
Geträumt von einem Foto, auf dem mein Gesicht durchrunzelt ist wie vielleicht mit 80. Ich sehe es in der Zeitung als Fotomontage neben den Gesichtern alter Politikerinnen, die besser gepudert sind als ich.
Beim Fest fragt mich Wolfgang nach meiner Hochzeit und geht, als alle drumherum eifrig davon erzählen, weil ich mich kaum erinnern kann. Ich gehe auch. Im Keller werden Fladen gebacken, mit Dörrfrüchten und viel Honig. Der Konditor wickelt mein Baby damit ein – als Proviant, sagt er – und legt es zum Trocknen in ein schaukelndes Segelboot voller Seile. Und wie bekomme ich das Gebäck wieder ab?
»… oder der schwere dunkelbraune Schreibtisch aus der Designsteinzeit, an dem mein Vater immer noch jeden Tag von morgens bis abends sitzt und seine Übersetzungen macht und am friedlichsten wirkt.«
»Wir wohnen, wie wir gelebt haben. Das ist es, was ich sagen wollte. Und wir leben, wenn uns das Glück nicht verlässt, immer so gut, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, jetzt schon die schönen Erinnerungen von morgen sind.«
Maxim Biller
Jemand sprach heute von einem Phänomen namens Stillheimer, wie schrecklich. Dann jongliere ich mal weiter mit meiner Aufmerksamkeitsspanne von drei Minuten.
»… eröffnet uns die Digitalisierung die Möglichkeit, auf mehreren Zeitebenen gleichzeitig zu stagnieren.«
Sophia Fritz: Die Abwesenheit der Zuversicht
Im Traum suche ich im ganzen Haus nach einem ungestörten Ort, um meinen Traum aufzuschreiben. Die Räume haben keine Türen oder nur halbe, überall ist jemand und quatscht mich an. Das Bett der Großeltern steht in einem Wintergarten voller Pflanzen, zwischen den Kopfkissen zwei weiße Wärmflaschen wie Schwäne aus Porzellan. Oma will mich endlich sprechen, doch ich eile weiter, den Zettel mit dem Traumversatzstück in der Hand. Im Flur liegen die Vorfahren mumifiziert auf der Couch und unten ist ein Fest, wo meine Tante mal eben ein drittes Kind zur Welt bringt, ihr Sohn ist bei ihr und wischt sich die Freudentränen weg. Am Tisch sitzt der strohblonde Lorenz sich selbst gegenüber, einmal frisiert und einmal nicht. Dein Chef beschwert sich über die Tafel hinweg über die mangelnde Servicequalität im Online-Handel, ich denke an die unversendeten Mails und Bücher und setze zur Gegenrede an, vielleicht zu laut. Doch der Traum, der Traum, wie war der noch? Weg.
Im Traum entdecke ich ein Kinderkochbuch auf dem Laubengang zu einer Wohnung, umgeben von Familien und Grün. Wir wohnen woanders, im Erdgeschoss mit Blick ins verdorrte Flachland. Nach dem Aufwachen gehe ich in die Küche, wo sich einer seinen Kaffee kocht – erst da fällt mir wieder ein, dass wir uns die Küche mit ihm teilen. Ich verschwinde ins Bad. Wo ist das Baby? Eben war es noch auf meinem Arm, jetzt liegt es am kalten Küchenboden, der Mund zum tonlosen Schrei verzerrt, keine Augen mehr. Panisch hebe ich es hoch und presse es an mich, sein Gesicht kommt zurück. Wir schauen aus dem Fenster, der Mitbewohner auch. Dort rennt der zerzauste Sloterdijk, in der Hand eine qualmende Pfanne voller Wurst.
»Das war der eigentliche Unterschied, dachte Ferguson. Nicht zu wenig Geld oder zu viel Geld, nicht was jemand tat oder nicht tat, nicht ein größeres Haus oder ein teureres Auto, sondern Ehrgeiz.«
»… ein Mädchen, das weder normal noch nicht normal war, sondern heiß und furchtlos, und das genau wusste, mit welcher einzigartigen Persönlichkeit es von Geburt an ausgestattet war …«
» … eine griesgrämige, fahrige Frau, die zu sehr mit den Kleinigkeiten des Alltags beschäftigt war und nicht kapierte, dass einem das Leben durch die Finger rinnen konnte, bevor man überhaupt zu leben begonnen hatte …«
»Wie dein lieber Freund Edgar Allan Poe einmal einem aufstrebenden Schriftsteller riet: ›Unerschrocken sein – viel lesen – viel schreiben – wenig veröffentlichen – Distanz halten zu den Kleingeistern – und nichts fürchten‹.«
»… und an jenem Punkt seiner Reise zum Erwachsenendasein strebte er für die Zukunft lediglich an, … ›der Held seines eigenen Lebens‹ zu werden.«
»… denn wenn ein Buch ›so‹ sein konnte, wenn ein Buch ›so‹ auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte …«
»… da die alten, vorhersehbaren Abläufe nicht mehr galten, wusste man vom einen Tag auf den anderen immer weniger, was passieren würde. Ferguson genoss dieses neue Gefühl der Ungewissheit. Alles mochte im Umbruch sein, und manchmal herrschte das reinste Durcheinander, aber wenigstens war es nicht langweilig.«
»Du musst so viel lernen wie du kannst, … dann musst du’s wieder vergessen und was du nicht vergessen kannst, wird die Grundlage deiner Arbeit bilden.«
»Leer … nicht so, als stünde man allein in einem Raum ohne Möbel, sondern im Sinne von ausgehöhlt … wie eine Schwangere nach der Geburt. Nur war es in diesem Fall eine Totgeburt, ein Säugling, der sich niemals verändern, wachsen oder laufen lernen würde, denn Bücher lebten nur so lange in einem, wie man sie schrieb, und sobald sie herauskamen, waren sie verbraucht und tot.«
»Du willst die Welt nicht neu erfinden, Archie, du willst sie verstehen, damit du auf ihr Leben kannst.«
»… die selbstauferlegte Verpflichtung, sich im Verhältnis zu anderen zu definieren und der Verlockung zu widerstehen, ausschließlich für sich zu leben …«
»Ja, genau, er hatte es gut, und was war das doch für eine großartige und schöne Welt, wenn man bloß nicht so genau hinsah.«
Ein Juli mit Archie Ferguson in vier Versionen.
Paul Auster: 4 3 2 1
Im Traum schafft es mein Vater als Hochzeitsfotograf, dass ich als Braut auf keinem einzigen Bild zu sehen bin.
Im Traum eine politische Kundgebung, bis eine vom Balkon aus ruft, im Kaufhaus habe es einen Raub gegeben. Das warst du. Ich habe dich dort allein gelassen zwischen chaotischen Regalen voller Hosen, die du nicht anprobieren wolltest. Wie zur Bestätigung schießt jemand drei Löcher in die Wand: Das erste qualmt, das zweite pafft Ringe in die Luft, das dritte bläst eine Rauchspirale durch den Saal.