Christina Schmid
Anfänge und Enden

Baguette

Beobachtung: Wer in Frankreich ein Baguette kauft, muss sofort ein ein Stück davon abbrechen und essen. So gesehen bei zwei jungen Damen, die kurz hintereinander den Laden verließen.

Markéta ist zurück aus Prag. Schön, nicht mehr allein in der Wohnung zu sein. Nach einer achtstündigen Autofahrt kratzt sie all ihre Energie zusammen, um den Abend – wie per Mail verabredet – mit mir zu verbringen. Sie zeigt mir das Ergebnis einer zweijährigen Recherche, ein Buch über konzeptionelle Literatur in Zentraleuropa: »Třídit slova / Literatura a konceptuální tendence 1949–2015«. Sie erklärt und übersetzt mir ein paar der Texte und Konzepte:

Alle Wörter der Odyssee alphabetisch sortiert und wieder zu einem Buch gebunden.

Alle Schrift einer Straße auf einem Plakat komprimiert.

Ein Fahrplan, dessen Ortsnamen durch Körperteile ersetzt wurden.

Texte, die ausschließlich aus Fußnoten bestehen.

Texte, von denen nur noch die Satzzeichen übrig sind.

Steffi neulich: „Glaubst du immer noch, dass die Zeit springt, wenn du durch Türen gehst?“

Vélhop!

Mein Rad ausprobiert, Freiheit gespürt.

Coquille d’escargot

Wir erkunden das leerstehende Haus gegenüber. Die Zimmer sind über die Etagen schneckenhausförmig hintereinander angeordnet. Unten gibt es ein kleines Restaurant mit überdachter Terrasse. Als Gäste vor der Tür stehen, bewirten wir sie spontan mit dem Wenigen, das die Küche noch zu bieten hat, vor allem das Geschirr ist rar. Jakob fängt an zu kochen, setzt sich dann aber doch lieber auf die Terrasse zu den Gästen. Also übernehme ich und versuche, das Allerlei aus Kohl und Nüssen zu retten. Plötzlich steht der Sohn der Hausbesitzer im Raum und sucht nach Dingen, die wir längst verlegt haben. Wir lassen uns nichts anmerken, servieren, kassieren und gehen unauffällig davon.

La page

Aus George Perecs Träume von Räumen: »Ich bewohne mein Blatt Papier, ich statte es aus, ich durchlaufe es. Ich lasse weiße Stellen, Zwischenräume (Sprünge im Sinne von Unterbrechungen, Durchgängen, Übergängen). Ich schreibe auf den Rand. Ich beginne eine neue Zeile. Ich verweise auf die Fußnote¹. Ich nehme ein neues Blatt. […] So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, mit aufs weiße Papier gebrachten Zeichen. Den Raum beschreiben: ihn benennen, ihn abstecken, wie jene Hersteller von Portolankarten, die die Küsten mit Hafennamen, den Namen von Kaps und kleinen Buchten vollschrieben, bis die Erde am Ende nur noch durch ein fortlaufendes Textband vom Meer getrennt war.«

1) Ich liebe die Verweise auf Fußnoten, selbst wenn ich dort nichts Besonderes zu vermerken habe.

Im Kapitel »Das Schlafzimmer« behauptet Perec, sich an alle Räume bzw. Betten zu erinnern, in denen er je geschlafen hat. Von Raumbeschreibungen erhofft er sich Zugang zu weiteren Erinnerungen: »Es liegt mit Sicherheit daran, dass der Raum bei mir so wirkt wie eine Madeleine bei Proust (unter dessen Zeichen dieses ganze Projekt selbstverständlich gestellt ist)«.

un / une – deux | heaven ≠ sky

Croissants gekauft – zwei, um Fehler zu vermeiden (un / une – deux). Im Atelier gefrühstückt. Nebenan ein Schrei-Seminar. Im Atelier du Livre vorbeigeschaut, Hélène meine Bücher präsentiert – auf Englisch, das sie besser spricht als versteht. Zu Mittag meine ersten Schritte über den Fluss, Quiche aux légumes. Im Flur vor meiner Tür hockt, sitzt und steht eine Zeichenklasse in drei Etagen. Nachmittags offizieller Atelierbesuch, meine Bücher präsentiert (heaven ≠ sky). Abends einsam gefühlt, eingekauft, etwas verlaufen.

Ici et là

Früh aufgewacht, über Anfänge nachgedacht. Anfangen war einfacher, als wir alle am Anfang standen, neu waren. Aufs Neue beweisen wollten, wer wir sind, den Anderen und uns selbst. Fangen wir an, erfinden wir uns neu. Fangbereit für alles Neue, das kommen mag. Hier bin ich neu.

À propos

Über oder Für?
Über überhöht sich, schaut aber hin.
Für schenkt, wo es nichts braucht.

Livre

Une lettre
Un mot
Une phrase
Un paragraphe
Une page
Un livre

Lieu

à propos d’une chambre
à propos d’un appartement
à propos d’une maison
à propos d’une rue
à propos d’un quartier
à propos d’une ville

Temps

par minute
par heure
par jour (ou nuit)
par semaine
par mois
par année

réorganisé

Chronologisch
Alphabetisch
Geografisch
Thematisch
Farblich

17.10.2016 – 13.01.2017
A – Z
N 48° 34' 54.731", O 7° 45' 31.867"
Buch, Ort, Zeit
Blau, Weiß, Rot

Le cube

Ateliereinrichtung: Zwei Tischplatten, vier Böcke, zwei Stühle, ein durchgesessener Sessel, ein Hocker als Beistelltisch, ein hoher Hocker, um aus dem Fenster zu schauen, ein Sockel neben der Tür, unter dem Nagel für meine Jacke. Der Rest kann raus oder in die Nische nebenan. Den Schreibtisch stelle ich so, dass ich die Riesigkeit des Raums nicht sehe. Da sitze ich nun. Vor mir eine hohe, weiße Wand. Und ein weißes Blatt. Was tun mit all dem Weiß?

The Blue Room

Ankunft in Strasbourg. Vor der Akademie überfällt mich eine unendliche Müdigkeit, die sich wie Nebel zwischen mich und die Stadt legt. Atelierbesichtigung und weiter zur Wohnung: Wohnzimmer, Küche und Bad (ein Traum in beige – wie daheim), vier Gästezimmer. Das mit der roten Aufschrift »The Blue Room« wird meins. Traumloser Mittagsschlaf.

Skype

[25.09.15 14:45:09] 5ee9a0
[25.09.15 14:52:37] 06d8bd
[25.09.15 14:54:17] 01e9bb
[25.09.15 14:55:25] 00ffcc
[25.09.15 14:56:31] 03eabc
[25.09.15 14:57:46] 04e0b4

»Das Leben, dieser Luxusdampfer.«

Im Zug

Sagt: »EU, Schuld, Hitler, Stalin, Putin, Kretschmann, Italiener, Türken, seit 3 Generationen, Erdogan, Es hat kei Wert …«

Je weniger sie sagt, desto wertvoller jeder einzelne Buchstabe. Und sei es nur ein »VlG Mama«.

Das mag ich:
Mit dem Fahrrad über lose Pflastersteine holpern.

Die Welt in ja und nein, gut und böse, schwarz und weiß – keine Graustufen oder Farbnuancen, und schon gar keine Überraschungen.

»Punk. Ich will Punk machen. Punk ist Alkohol, Sex, Drogen und Politik.«

Strickmuster

Wandertag mit treuloser Tomate, der das Leben noch viel enger gestrickt wird als mir. Ich falle durch die Maschen und verfange mich beim Kletterversuch zum Faden, um ihn selbst weiter zu stricken im chaotischen, aber authentischen Muster meiner Launen.

Den äußeren Einwirkungen oder den inneren Auswirkungen ausgeliefert.

Das Kapital

Erst am Boden,
jetzt über der Heizung –
verknittert.