»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«
Peter Stamm: Agnes
Schwitzendes Bild mit 5 Sieben
»Der Prozess des Kunstschaffens konfrontiert eine Gesellschaft mit sich selbst. Die Kunst bringt Dinge ans Licht. Sie erleuchtet uns. Sie durchdringt unsere anhaltende Dunkelheit. Sie beleuchtet das Herz unserer eigenen Finsternis und sagt: Na, siehst du?«
»… eine sprachsprühende Feier der Freundschaft und der Literatur, dieser beiden lebensrettenden Anker.«
R E N T E
E R N T E
Abends lese ich in meinem Tagebuch von 2015 und stoße auf ein Zitat von Knausgard, dem nur Essays und Tagebücher sinnvoll erscheinen. – Aus einer Stimme, »einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?«
Aus George Perecs Träume von Räumen: »Ich bewohne mein Blatt Papier, ich statte es aus, ich durchlaufe es. Ich lasse weiße Stellen, Zwischenräume (Sprünge im Sinne von Unterbrechungen, Durchgängen, Übergängen). Ich schreibe auf den Rand. Ich beginne eine neue Zeile. Ich verweise auf die Fußnote¹. Ich nehme ein neues Blatt. […] So beginnt der Raum, nur mit Wörtern, mit aufs weiße Papier gebrachten Zeichen. Den Raum beschreiben: ihn benennen, ihn abstecken, wie jene Hersteller von Portolankarten, die die Küsten mit Hafennamen, den Namen von Kaps und kleinen Buchten vollschrieben, bis die Erde am Ende nur noch durch ein fortlaufendes Textband vom Meer getrennt war.«
1) Ich liebe die Verweise auf Fußnoten, selbst wenn ich dort nichts Besonderes zu vermerken habe.
Im Kapitel »Das Schlafzimmer« behauptet Perec, sich an alle Räume bzw. Betten zu erinnern, in denen er je geschlafen hat. Von Raumbeschreibungen erhofft er sich Zugang zu weiteren Erinnerungen: »Es liegt mit Sicherheit daran, dass der Raum bei mir so wirkt wie eine Madeleine bei Proust (unter dessen Zeichen dieses ganze Projekt selbstverständlich gestellt ist)«.
»Die Tonkunst ist ähnlich wie die Wortkunst im Gegensatz etwa zur Malerei oder Bildhauerei eine Zeitkunst.«
»Schumann benutzte ein verkehrt eingestelltes Metronom. Seine irreführenden Zeitangaben mußten später richtiggestellt werden.«
Zwei Aufgaben des Lebensumfangs:
Deinen Kreis immer mehr einschränken und immer wieder nachprüfen, ob Du Dich nicht irgendwo außerhalb deines Kreises versteckt hältst.
ZZ 94
Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg.
Was wir Weg nennen, ist Zögern.
HAL 22
»Als die Stehl ihm gar – ungefragt – mitteilte, dass sie ein Werk über Deutschland zu schreiben gedenke, fragte er schroff: ›Wozu?‹ – Die Stehl hatte hierüber nicht nachgedacht und blieb die Antwort schuldig.«
Wolfgang Hildesheimer: Lieblose Legenden
Gefunden in der Bismarckstraße, Stuttgart
Karl Ove Knausgård
»Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt.«
Samuel Beckett, Endspiel
»Gottseidank weiß mein Zettelkasten nichts von Ordnungsprinzipien und Selbstverlorenheiten. Ihn zu durchstreifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurchforsteten Dschungel. Was sich beim Durchstreifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolkenbildung und Erinnerungsregen.«
Alissa Walser, zitiert in: Zettelkästen, Maschinen der Phantasie
»Ach lass – […] : Es ist Nichts so eilig, daß es nicht durch Liegenlassen noch eiliger würde !«
Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder
»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt : Vorgesetzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorgesetzter zu sein !«
Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder
»Zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich diese Welt: die Ordnung und die Unordnung.«
Paul Valéry, zitiert in: Claude Simon, der Wind
Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien
»Klepp schlägt zeitweise Stunden mit dem Entwerfen von Stundenplänen tot… Nur wahre Faulpelze können arbeitssparende Erfindungen machen.«
»Es ist aber das Verhältnis der Erwachsenen zu ihren Uhren höchst sonderbar und kindisch in jenem Sinne, in welchem ich nie ein Kind gewesen bin. Dabei ist die Uhr vielleicht die großartigste Leistung der Erwachsenen. Aber wie es nun einmal ist: im selben Maß, wie die Erwachsenen Schöpfer sein können und bei Fleiß, Ehrgeiz und einigem Glück auch sind, werden sie gleich nach der Schöpfung Geschöpfe ihrer eigenen epochemachenden Erfindungen. Dabei ist die Uhr nach wie vor nichts ohne den Erwachsenen. Er zieht sie auf, er stellt sie vor oder zurück, er bringt sie zum Uhrmacher, damit der sie kontrolliere, reinige und notfalls repariere. Ähnlich wie beim Kuckucksruf, der zu früh ermüdet, beim umgestürzten Salzfäßchen, beim Spinnen am Morgen, schwarzen Katzen von links, beim Ölbild des Onkels, das von der Wand fällt, weil sich der Haken im Putz lockerte, ähnlich wie beim Spiegel sehen die Erwachsenen hinter und in der Uhr mehr, als eine Uhr darzustellen vermag.«
»Angenehm langweilig und unbeschwert albern.«
»Durch eine infame Architektur um einen lohnenden Ausblick gebracht, schaute ich mir nur noch den Himmel an und fand schließlich darin Genüge. Immer neue Wolken wanderten von Nordwest nach Südost, als hätte jene Richtung den Wolken etwas Besonderes zu bieten gehabt.«
Günter Grass: Die Blechtrommel
»Fernsehen, davon war die Rede, Fernsehen als Instrument der Bewusstseinsindustrie und überhaupt Kunst im technischen Zeitalter, insbesondere Fernsehen, dazu kann jeder etwas sagen, ausgenommen Gantenbein mit dem Mund voll Banane.«
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
»Das Projekt eröffnet eine andere, heterogene Parallelzeit – die Zeit einer gewollten und gesellschaftlich legitimierten Einsamkeit.«
Boris Groys: Die Einsamkeit des Projekts
»Das Buch mit den in uns eingegrabenen, nicht von uns selbst eingezeichneten Charakteren ist unser einziges Buch.«
Marcel Proust
»Die Vergangenheit ist immer neu. Sie verändert sich dauernd, wie das Leben fortschreitet … Die Gegenwart dirigiert die Vergangenheit wie die Mitglieder eines Orchesters.«
Italo Stevo
»Denn nicht wenigen scheint es, als käme die Gegenwart sich selbst abhanden.«
Hanno Rauterberg: Das große Leuchten
DIE ZEIT No 17
»… eine Allegorie dieses schillernden Umwegs, das formvollendete Pamphlet der spielerischen Sublimation.«
Ingeborg Harms: Die Zauberlehrlinge machen Party
DIE ZEIT Nr. 12/2013
»Die Gewissheit, dass alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen.«
Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel
»Sie hat (so könnte ich mir denken) in einer verzweifelten Laune etwas beschlossen, die Laune ist weg, die Verzweiflung nicht, der Entschluss muss vollstreckt werden zwecks Selbstachtung; sie trinkt –«
»Ich probiere Geschichten an wie Kleider.«
»Alles unverändert: nur ist es nicht gestern, sondern heute. Warum ist es immer heute?«
»Er wollte ins Museum gehen. Um nicht in der Welt zu sein. Allein und jenseits der Zeit wollte er sein.«
»Ob sie noch schlief?
Sie hatten einander versprochen, keine Briefe zu schreiben, nie, sie wollten keine Zukunft, es war ihr Schwur:
Keine Wiederholung –
Keine Geschichte –
Sie wollten, was nur einmal möglich ist: das Jetzt …«
»Noch gab es für sie keine Wiederholung auch nur der Tageszeit. Kein gestern, kein heute, keine Vergangenheit, keine Überwindung durch die Zeit: Alles ist jetzt.«
»Er wusste nicht was machen gegen die Zukunft, die mit dem Erinnern schon begann.«
»Die Zeit, die uns immerfort überholt, Vergangenes in jeder Bagatelle.«
Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein