Der Traum diktiert mir den genauen Wortlaut der Sätze. Die Müdigkeit in mir sträubt sich, doch die Worte wiederholen sich so eindringlich, dass ich zu Stift und Notizbuch greife und mitschreibe:
Wie wunderbar ist das Leben, wenn die Ränder der Tage sich zur Zeit hin öffnen. Man sagt sich, ich sei einer, der den Ball halten solle, statt ihm auszuweichen. Eine Sinfonie klingt durch den Nebel des Waldes, in dessen Mitte unser Schloss steht. Dazu mischen sich die Klänge der Orgel aus den Katakomben. Ein Mann mit Schnauzbart packt seine Gitarre aus, sie ist ganz kompakt, ich darf sie für ihn stimmen. Im Saal finde ich eine Tür zu einem Nebenraum, dort sitzt eine Gruppe Asiaten und wartet. Sie sind aus Taiwan. Als ich gerade anfange sie zu verstehen, blinkt plötzlich ein Blaulicht auf dem Hof. Sie wissen, was das heißt: Das Virus ist da, vielleicht. Das soll jetzt untersucht werden, doch erst mal unsere Autos: Sie benötigen Fotos der Fahrzeuge, dazu Steckbriefe. Wir antworten mit der Nebelmusik, die im feuchten Morgenlicht über das Tal zum nächsten Hügel schwebt.
Im Traum bin ich sauer auf dich. Du erzählst mir vom Küssen und lässt mich warten bei einem Wochenende in den Bergen. Dreimal wechsle ich das Zimmer und meine Kleider, trage sogar Ohrringe, irgendwie möchte ich doch besonders sein für dich. Mama macht Kuchen und Torten, die überall im Haus rumstehen. Ich bin versucht zu naschen, einmal angefangen stopfe ich drei Hände voll in mich rein und rede mir ein, das war ja nur ein Rest, so unförmig wie der ist. Am Ende erfahre ich, dass es noch eine zweite Unterkunft gibt und du dort übernachten willst. Na klar, ich bin dir zu viel und du übernimmst jetzt sogar mein Schreiben, das ich in einem Schrank verloren habe. Die Schränke sind geflochten aus Weidenzweigen und stehen zwischen den Tischen und Stühlen im Speisesaal. Alles ist gedeckt für das große Fest, nur du drückst dich.
Drei Mädchen sitzen am Kindertisch und spielen Abendessen, die eine hört nichts, die andere sieht nichts und die dritte schweigt. Wir sind Gäste bei einem feierlichen Empfang und später im Eis am Meer. Wir sind zu dritt, der Mann geht etwas zu nah ans Wasser, wir sorgen uns um ihn. Kurz darauf kommt eine so große Welle, dass wir alle im eiskalten Wasser treiben. Wo ist die Prinzessin? Sie plant ihren großen Auftritt, als alle schon denken, sie sei erfroren. Später bringen wir ein kleines Mädchen zu Bett, auf ihrem Nachttisch stapeln sich Tupperdosen mit Essensresten, die da unbedingt bleiben sollen.
Traum. Oder Träume? Oft erinnere ich mich an zwei Geschichten, doch nie an ihre Reihenfolge.
In einem Getränkemarkt versuche ich kurz vor Dienstschluss Bier und Wein zu bekommen. Am Eingang strömen mir so viele Menschen entgegen, dass ich kaum reinkomme in das Geschäft. Drinnen sind nur Büros. Ein netter Mann gibt mir, was ich möchte, auch Cola in Riesenflaschen. Ich versuche die Kisten an meinem Fahrrad zu befestigen, es kippt ständig um. Nun muss ich mich entscheiden: Fahrrad oder Getränke. Immer wieder schleiche ich um das Gebäude und auch hinein, auf der Suche nach Kabelbindern oder etwas, das mir ermöglicht, beides zu transportieren. Da schließt sich das Rolltor fürs Wochenende, ich bin gefangen und weder ich noch die Getränke werden rechtzeitig zur Party zu Hause sein.
Meine Eltern sind zu Besuch in meinem winzigen Zimmer. Sie sind so müde, dass wir überlegen, ob sie hier irgendwo übernachten können. Decken und Kissen habe ich genug, nur die Matratze ist viel zu schmal. Mama schaut sich um und alles ganz genau an. Es gibt viele Klappschränke und einen Schrank als Bad, wie in einem Wohnmobil. Die Zimmerdecken sind niedrig und die Wände dicht beklebt mit bunten Aufklebern, darunter eine Tapete, die so stark gemustert ist, dass sie fast einfarbig wirkt.
Im Traum hält Matthias einen Vortrag mit musikalischer Begleitung von Gabi und Josh – sie spielt Cello und er Klavier in einer Wahnsinnslautstärke und Energie. Wir wechseln die Räume und setzen uns in Klokabinen, jeder für sich, alle diskutieren miteinander über die dünnen Trennwände hinweg. Die Kabinen werden zum Nachtquartier, manche besuchen sich gegenseitig und feiern bis spät. Zusammen mit Simona schlage ich die Zeit tot bis zum Beginn der ersten Chorprobe, die sich immer weiter nach hinten verschiebt. Es ertönt eine Bohrmaschine als Lärmskulptur.
Im Traum sitze ich in einem Vortrag und kann mich nicht konzentrieren. Neben mir ist eine so begeistert von der ganzen Veranstaltung, dass sie es mir ständig sagen muss. Sie wechselt zwischen den verschiedenen Bühnen hin und her, die Kleinkunst fasziniert sie. Die anderen im Publikum bereiten ihre nächsten Projekte vor und hören nicht zu. Alle senden, kaum jemand empfängt. Keiner will mehr sehen, aber alle gesehen werden. Ich stehe und gehe zwischen gedankenversunkenen Zuschauern umher. Zurück in meiner Bankreihe sagt die von vorhin: »Toll, oder?«
Zum ersten Mal von dir geträumt, nun also auch nachts: Du durchwanderst eine Wüste und findest einen Fisch, der japsend am staubigen Boden liegt. Du hilfst ihm auf und nimmst ihn mit. In der Zeitung liest du von Udo Lindenberg und wirst gedanklich er. Jemand sieht mich in deiner Kirche, wie ich dich anschmachte, während du spielst. Ich stelle mich zwischen die Orgelpfeifen, dir gegenüber, ganz nah. Du improvisierst, bis Wasser aus den Pfeifen rinnt, erst in kleinen Bächen, dann als Wasserfall, der uns von der Empore spült, ins Kirchenschiff. Jetzt japsen wir und dein Fisch schwimmt munter davon.
Ja, weiterträumen ... bis mich der Aktivschläfer neben mir aus meinem Traum kickt. Nicht nur einmal, nein – erst zuckt er beim Einschlafen, als gerade ein Waldschrat mit zotteligem Bart seinen Kopf schief hält und mich um die Ecke ins Traumland zieht. Dann muss er aufs Klo und versetzt die Matratze in einen Wellengang, als schliefen wir auf einem Wasserbett. Zwei Atemzüge später atmet er so laut, dass kein Träumen mehr möglich ist. Oder doch: Til Schweiger erzählt von seinen Büchern, meine sind schöner. Dann dotzt sein Hintern gegen meinen und der Traum – eben noch alles, was wichtig war – ist unwiederbringlich weg. Sonntag, 6:23 Uhr. Beim Träumen unterbrochen zu werden, macht mich wütend. Da werden mir Geschichten geklaut und mit ihnen das Vergnügen, sie im Halbschlaf zu notieren und später vielleicht zu tippen und dir zu schicken.
Traum von einer Silvesternacht, in der wir die Zeit vergessen. Erst um 0:37 Uhr frage ich Anja, wie spät es ist. Wir liegen uns auf dem Sofa gegenüber, teilen uns eine Decke und sprechen über Ziele fürs neue Jahr, uns fallen keine ein. Die anderen feiern nebenan, wir räumen kurz auf, gleich kommen noch mehr Gäste. Die kleine Carla ist putzmunter und isst Rosinen. Kai steht vor der Tür, fürs Klassentreffen. Später in der Nacht sind wir viele und bereit, ein Verbrechen aufzuklären. Eine Gruppe und einer allein, zur Tarnung.
Traum von einem Besuch im Schwarzwald bei Sarahs Wohnprojekt. Ein Gespräch mit Ihrer Bankberaterin und dem Architekten, dabei wollte ich nur mal schauen. Alle trinken Bier und noch eins, ich bleibe beim Wasser und bin müde. Vor mir liegt eine lange Fahrt. Die Handys sind alt und haben keinen Empfang, so kann ich nicht schauen, wann der Bus abfährt. Ich soll noch bleiben und etwas essen vom Zuckerbuffet.
Im Traum entdecken wir einen langen Wurm in der Brotschublade. Wir räumen sie komplett aus, da ist noch etwas: ein blau schimmernder Tausendfüßler, der in der Mitte breit ist wie ein Fladen. Er krabbelt auf eine große Knospe und verschwindet darin. Du rufst mich oder ich dich, wir können uns nicht hören. Du ziehst an einem Faden, der in die geschlossene Blüte führt und wirst ohnmächtig. Das Gift des Tausendfüßlers.
Im Traum falle ich samt Rucksack ins Hafenwasser. Die Bootsbesitzer lachen mich aus und helfen mir erst raus aus dem brackigen Nass zwischen den Booten, als ich schreie. Es ist Freitagnachmittag und sie wollen schleunigst raus auf den See. Ich hole den Laptop aus dem Rucksack, seine Tastatur ist jetzt stark gewellt, doch er tut noch. Tropfend trotte ich heim. Schmutziges Geschirr stapelt sich am Straßenrand, da fällt mir unsere Küchenbaustelle wieder ein, spülen dürfen wir derweil beim Nachbarn. Ich trage einen Stapel Teller zur Treppe. Der Teppich, der Boden und auch die Schränke sind dort so verklebt, dass ich alles stehen lasse und gehe. Ich tropfe noch immer.
Im Traum wohnt Georg in einem Wohnmobil, im Parkdeck über einem Einkaufszentrum. Clara gibt uns eine kleine Führung und lässt durchblicken, wie enttäuscht er ist, dass die versprochene Aussicht ins Grüne jetzt betonverbaut ist. Das Fenster seiner Schlafkoje zeigt direkt auf den Eingang zum Kaufhaus, täglich strömen Menschenmassen darauf zu und alle schauen rein. Auch Max und Vroni berichten von ihrer Hausrenovierung: Sie beschließen, das Dach anzuheben und ringsum ein Fensterband einzusetzen, so wird alles höher und heller.
Nach dem Aufwachen erzähle ich meinem Architekten davon, er entgegnet:»Verrückt, was heute alles geht.«
Im Traum bin ich zu Gast bei Thomas Gottschalk, in seinem Domizil am Wasser. Er empfängt mich in der riesigen Garage, dort stehen ein Gefährt mit unheimlich großer Ladefläche und ein Motorrad. Ich soll ihn interviewen, er flirtet lieber. Ich folge ihm durch lange weiße Gänge, vor den Fenstern nur blauer Himmel und weit unten das Meer. Er zeigt mir seine Kunstsammlung, Skulpturen in obszönen Formen. Eine roboterhafte Bedienstete schaut abwechselnd nach ihm und einem leeren Kinderbett, das sie gedankenverloren hin- und herwiegt.
Er fragt mich, ob ich mein Rad dabeihabe, wir könnten eine Tour entlang der Küste machen. Ich kam mit dem Bus, also nehmen wir sein Motorrad – bis kniehohes Wasser die Fahrbahn überschwemmt. Wie das geht, am Steilhang über dem Meer? Die Felswände sind glatte Wasserflächen, wie riesige Spiegel, die Sonne blendet aus allen Richtungen. Wir waten weiter, ich falle hin und die Strömung reißt mich Richtung Klippe, er greift nach meiner Hand und hilft mir auf.
Nach unserem Ausflug schaut er nach seiner Roboterin. Sie wiegt noch immer das Kinderbett, darin nun ein Berg Penne mit Tomatensoße, sie fallen beide hinein, er stopft sich voll mit Nudeln und vernascht sie gleich mit.
Geträumt vom Philosophen, der mir stolz das Ergebnis seiner neusten Umräumaktion präsentiert: Das Aquarium weg vom Fenster, dafür hat dort jetzt ein Stall für Kleinvieh Platz, es raschelt im Stroh.
Dann mein erster Tag im neuen Büro: Drei Schreibtische und eine Liegelandschaft aus mehreren Betten. Die Tische sind belegt, also bleiben mir die Betten, die ich ans Fenster schiebe. So mag ich arbeiten, liegend und mit Ausblick auf einen weitläufigen englischen Garten. Wenn nur die anderen nicht wären. Können die Schreibtische auch weg?
Liegemöbel sind ein Thema in meinen Träumen. Mag am Schlafen liegen.
Traum von Austern, in denen kleine langbeinige Monster wohnen. Glücklicherweise lasse ich anderen den Vortritt, die wissen, wie man die essen muss, um nicht von innen gegessen zu werden.
Ich beziehe eine Wohnung mit rotem Samtteppich, die Fenster schauen auf die Altstadt. Ich möchte alles umstellen, doch die Vermieterin rät mir, es erst mal so zu lassen, wie es die letzten hundert Jahre gewesen ist. Auch das Kleid, das ich trage, sieht aus wie vor hundert Jahren. Nun denn, probiere ich das mal aus, neue Perspektive. Immerhin – ein Fahrradabstellplatz direkt hinter dem Haus.
Im Traum treffe ich Madame Moneypenny und ich weiß schon alles, was sie über Geld zu sagen hat. So dauert es, bis wir ein Thema finden, das auch sie wirklich interessiert. Ernährung! Und ihre Schuhe, die sehr elegant sind und zu denen sie feine türkisfarbene Strümpfe trägt. Im Schrank sucht sie nach Kaffee, der neben der Brühe steht – das belustigt sie täglich aufs neue. Ich erzähle von New York, sie wittert genau dort in meiner Biografie einen Knick, womöglich hat sie recht.
Im Traum lädt mich meine ehemalige Klassenkameradin Judith überraschend zu ihrem dreißigsten Geburtstag ein. Ich bin etwas irritiert, dass sie erst jetzt dreißig wird, Jahre nach mir. Waren wir nicht alle ein Jahrgang, Dezemberkinder? Dich darf ich auch mitbringen. Als wir ankommen, ist noch kaum jemand da, nur die Familie, Freunde trudeln nach und nach ein. Judith begrüßt uns kurz und muss dann weiter, wir schauen uns um. Der Gasthof ist etwas altmodisch, doch schön vorbereitet. Plötzlich Gejohle und Applaus, ein Gast klärt uns auf: Heute feiern wir Judiths Hochzeit. Die Vorbereitungen sind ein Schauspiel für sich und gleichen einer mühsam einstudierten Choreografie: Der Bräutigam macht Soundcheck mit seiner Band, Stühle werden gerückt und Betten hereingetragen, die Trauung soll im Liegen stattfinden. Der Raum wird abgedunkelt und ich merke, dass ich meine Sonnenbrille trage und die normale Brille nicht mehr finde, also unscharf oder dunkel. Die Zeremonie zieht sich: Freundinnen und Tanten tragen theatralisch Texte vor, dazwischen zahlreiche Auftritte des Bräutigams mit seiner Band, Judith lacht die ganze Zeit, etwas verkrampft. Du gehst zwischendurch raus, die Band ist nicht so deins und Theater schon gar nicht. Dann sehe ich Matthias, der eben erst angekommen ist. Das Programm ist zwar noch in vollem Gange, wir fallen uns trotzdem in die Arme und ich weiß wieder, dass seine Umarmungen die besten sind. Wir lassen uns dann auch nicht mehr los und gehen Arm in Arm durch den Raum, um meine Brille zu suchen. Er erzählt, dass er auch kaum noch Kontakt zu Judith hat und sie sich nur meldet, um zu streiten. Da kommt sie angerannt und gibt Matthias im Vorbeigehen die Hand. Ihr Mann schmettert ein letztes Stück, dann ist es überstanden.
Die Brille finde ich erst nach dem Klingeln des Weckers wieder, da wo sie hingehört, auf dem Nachttisch.
Im Traum kollidiert ein spontan angesetztes Chorprobenwochenende mit Naomis Besuch, der mir wichtiger ist. Also schwänze ich die Probe am Freitag und stoße erst Samstagfrüh dazu. Alles ist anders als die Proben zuvor: die Rhythmen, die Aussprache, die Texte, ich komme nicht mehr mit. In der Pause sollen wir die Zimmer aufräumen, zu denen man nur gelangt, wenn man über einen Turm aus aufeinandergestapelten Hockern auf den Schrank springt und dann durch eine Deckenluke klettert. Ich erinnere mich an derlei Aufstiege aus meinen Träumen – das nervt mich so sehr, dass ich gleich wieder abreisen will. Irgendwie schaffe ich es dann doch nach oben. Die Zimmer sind teilweise dermaßen verwüstet, dass nur noch ein Hochdruckreiniger und Renovierung helfen können. Ich konzentriere mich auf die Balkone, deren Bepflanzung wir etwas stutzen sollen und ich versehentlich komplett zurückschneide. Das vormals grün eingewachsene Haus ist nun kahl, die Erntehelfer auf den Feldern ringsum sind entsetzt. Wir gehen zurück in den Gewölbekeller und proben weiter. Jede halbe Stunde fährt ein Bus, der mich von hier wegbringen könnte. Ich verstehe nicht, wieso ich dann doch bleibe.
Im Traum bewohnen wir Sarahs Haus, nachdem sie sich für das Nomadenleben entschieden hat. Es hat so seine Eigenheiten, Schlupflöcher in Wänden, ein tropfsteinhöhlenartiges Bad – generell eher eine Höhle als ein Haus. Dann steht sie vor der Tür und erklärt mir, was ich noch nicht weiß. Zum Beispiel der Typ, der immer vor der Tür herumlungert: Er will hier rein, um im Flur zu pupsen und dann wieder zu gehen. Wenn wir ihn nicht einlassen, kackt er uns vor die Tür.
In der Nachbarschaft wohnt meine Schwester, die wir besuchen, als sie gerade eine Party vorbereiten will. Ihre Gäste sind schon da, alle zwei Köpfe kleiner als sie, doch sie kommt nicht durch, die Arme voller Käse, der ihr jeden Moment zu entgleiten droht. Ich dränge mich durch die kleinen Gäste, um ihr einen Teil abzunehmen, dann fällt alles runter und wird zertrampelt.
Traum und Träume, ineinander verschlungen, wie unsere sechs Beine. Meditation, sagt der Guru, doch wir füßeln und schauen, wie weit wir so gehen können. Ein Junge, gerade mal zwanzig, Marco um die fünfzig, dazwischen ich. Es geht von mir aus, sachte und doch zielstrebig, nur wohin? Wir sehen ein Ritual, das uns Rätsel aufgibt: Ein Mann und eine Frau, die ein Mann sein könnte unter der Perücke, zwischen ihnen eine Fratze aus der Parallelwelt, in der wir nun sitzen. Wir sind alle im Rausch. Ein Tempel oder ein Zelt, das wir abbauen, während wir noch drin sind. Der schwere Stoff drückt uns zu Boden, wir kriechen durch die Farben, Orange und Rottöne. Nach der Meditation gehe ich zu meinem Bett im Schlafsaal, strecke mich darauf aus und überlege, ein Kleid anzuziehen, es ist heiß. Marco schaut mich an, verwundert über meine Initiative vorhin, fasziniert. Die anderen sitzen schon im Gartenkreis: Der Guru, die mit der Perücke, du und alle, die nicht von der Parallelwelt verschluckt wurden. Durch Meditation kamen wir hierher und die bringt uns auch schneller zurück, als uns lieb ist.
Ich hatte die Wahl: Ein Jahr lang Abendschule oder eben so richtig Schule in Vollzeit, dafür nur ein paar Wochen. Ich sitze in der zweiten Reihe, bis zur großen Pause geht alles gut. Dann zeigt mir einer ein Video über die Auswirkungen von Juckpulver, er lacht fies, das Pulver muss hier überall verstreut sein. Ich sehe meine Haut schon blühen und spiele die Alterskarte: Ich bin 33 und will einfach nur meine Ruhe haben, klar?
Nebenbei kellnere ich in einem Restaurant. Der Chef ist streng, doch er mag mich und lässt mich hin und wieder außergewöhnliche Rezepte ausprobieren: Ein Eigelb im Heißgetränk, er leckt seine Finger ab und schaut mich an. Der Pianist lädt mich auf ein Getränk ein, ich bestelle ein Klavierstück, das alle zum Zuhören zwingt. Er vertont die Geräusche im Raum, reagiert auf Geschirrgeklapper, Gemurmel, Räuspern, Lachen – ein Klangteppich als Echo, das langsam verstummt. Alle hören zu, Echo der Stille. Mit den Tasten mein Herz erobert.
Im Traum tauchst du eine Unterwasser-Bahnstrecke entlang, um noch rechtzeitig zum Schwimmturnier deines Büros zu kommen. Ich habe meinen Laptop im Hotel vergessen, rufe an und frage ob er noch da ist. Ist er, aber leider etwas nass.
Im Traum besucht mich Rafael – ja, der aus der Abi-Zeit. Wir spazieren durch die Altstadt und er legt seinen Arm um mich. Verheiratet bin ich und doch gefallen mir seine Sommersprossen wie damals. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein feines Netz aus Falten, das sieht auch er, doch er schaut mich an, als wären wir wieder achtzehn. Er erzählt von seiner Schwester, die noch bevor sie wusste, dass sie schwanger ist, ihren Beruf als Sonderschulpädagogin gegen was Schickes mit viel Geld eingetauscht hat. Das Kind hat von Anfang an bestimmt, das es eine reiche und schicke Mutter haben möchte. Sie fügt sich.
Im Traum bin ich zu Gast in Lenas und Janas Ferienhaus und versuche es aufzuräumen. Alles ist aus dunklem Holz, wie aus einer anderen Zeit, bis auf den Roboter, der den Boden saugt. Plötzlich riecht es nach Gas, ich sehe eine kleine Flamme auf dem Tisch, eile nach oben und entgehe der Explosion.
Im Traum nochmal eine Überraschungsreise von Sarah und Christian, diesmal nach New York, Last Minute für neunzig Euro. Statt uns die Stadt anzuschauen, hängen wir in unserer Unterkunft ab und in einem Laden, dessen Besitzer Aaron kennt und mir stapelweise meiner Bücher abkaufen will. Ich habe Angst vor den Versandkosten in die USA. Im Haus suche ich einen Moment für mich, um auf der Bettkante rumzurutschen, doch alle Wände zu meinem Zimmer haben Türen, ständig kommt jemand rein. Die Mission hinter unserer Reise habe ich noch nicht verstanden, irgendwas mit Würmern in Logos. Ich frage, ob wir Zeit haben, um Pete zu treffen. Auf einem Display steht, dass Patrick mir eine Nachricht geschrieben hat, doch da das Handy am Netzstecker der Kamera hing, ist diese Nachricht jetzt auf der Kamera und nicht mehr lesbar. Na toll.
Im Traum heiratet deine Oma Frida ihre beste Freundin. Lenas Heirat mit Jana hat sie ermutigt, endlich auf sich zu hören, und nicht mehr auf den Dorftratsch. Hochzeit mit 89 und ich bin nicht dabei. Ich bin so mit mir selbst beschäftigt, dass ich die Einladung nicht richtig lese und mir denke, es geht um einen gewöhnlichen Geburtstag, den ich ja ruhig mal verpassen kann, wenn es mir doch gerade einfach nicht gut geht. Gleichzeitig verpasse ich den Kuchen und du wirst bei der Hochzeit nach meinem Verbleib gefragt. Frida ist untröstlich, dass ich nicht komme – das kann ich nicht mehr gut machen. Und ich? Schaue derweil aus dem Fenster und mache nichts, endlich mal nichts.
Im Traum packt Julia ihren Koffer, sie muss los, spricht von einer Insel, auf die sie am Wochenende fliegt. Ich kann mir meinen obligatorischen Kommentar zur Klimabilanz nicht verkneifen. Sie wird sauer, schnappt sich ihr Bobby-Car und lässt sich zur Bushaltestelle rollen. Mir tut es leid, so möchte ich mich nicht von ihr trennen, ich laufe ihr hinterher, erwische ihren Bus gerade noch so. Sie drückt mir wirsch ihr Bobby-Car in die Hand und meint: Danke, dann kannst du ja an der nächsten Haltestelle raus und damit zurückfahren. Doch der Bus hält nicht. Nicht bis zum Studentenwohnheim, vor dem wir dann gemeinsam stehen und nicht reinkommen vor lauter Menschen, die ein- und ausgehen oder vor dem Eingang herumlümmeln. Irgendwann schaffen wir es dann doch im Julias WG. Aus dem Bad kommt eine Mitbewohnerin, sie ist nackt und ignoriert uns. Ich versuche, Julia zu umarmen, doch ich komme nicht an sie ran – zu viel zu tun, die Schule, die Reise. Also schaue ich mir eine Serie an. Dann klingelt mein Wecker den ich kurz ausmache, um weiterzuschauen – es klappt. Die Sendung handelt von meiner Hochzeit, den Vorbereitungen und dem fürchterlichen Chaos danach. Eine Biene sticht mich in meine Handfläche. Als ich dann doch aufwache, freue ich mich dass der Stich nur ein Traum war.
Im Traum bereite ich eine Rundmail an unsere Hochzeitsgäste vor, in der Mustervorlage sitzen seltsamerweise Bilder von griechischen Skulpturen, die Ausschnitte so gewählt, dass vor allem Penisse und Venushügel zu sehen sind. Die Bilder kann ich später ersetzen, nach der Familienfeier. Als mich Justus anruft und verwirrt nach dem Datum der Hochzeit fragt, dämmert mir, dass sich die Mail automatisch verschickt hat und zwar an den ganzen Verteiler. Unverzeihlich. Ich gehe los und treffe Justus auf einer Rikscha, wir werden durch Stuttgart geradelt. Keine Gelegenheit, meinen Fehler zu erklären. Ich wühle in meinem Geldbeutel zwischen ausländischen Geldscheinen und finde glücklicherweise noch einen Zehner, um die Rikscha-Radlerin zu bezahlen.
Im Traum ein neues Schlafzimmer, in dem die alten Pflanzen ihre Blätter hängen lassen und neue Bäume von Bienen umschwärmt sind. Auf jeder Biene sitzen mehrere kleine Wespen, es brummt und ich zieh mir die Decke über den Kopf.
Kurz darauf ein Spaziergang mit Clara. Es ist warm, doch nicht warm genug, um ohne Strümpfe zu sein und ohne Schuhe. Nach einigen Metern ziehe ich die mitgebrachten Socken an und muss feststellen, dass von den drei Paar Schuhen nur noch zwei einzelne da sind. Ich gehe ein wenig zurück, finde einen und stelle fest, dass auch mein Kleid auf links gedreht ist – wieso hat Clara nichts gesagt? Ich stelle mich in einen Hauseingang, fühle mich beobachtet, also betrete ich das Haus und den Aufzug. Der fährt mit mir hoch und runter, ohne anzuhalten. Die Beschriftung der Stockwerke verrät mir, ich bin in der Caritas. Auch keine geeignete Umkleidemöglichkeit.