Christina Schmid
Anfänge und Enden

Stehpulte

Traum von Georgs neuem Zimmer und Clara, die ihm beim Einrichten hilft. Auch ich packe mich mit an, trage Bretter raus, arrangiere eine Sammlung an Stehpulten und gebe zu bedenken, dass niemand, nicht mal Georg, so viele Vorträge hält, dass er zu jedem einen anderen Tisch mitbringen muss. Das meiste wird dann doch behalten, das Ausmisten auf später verschoben, denn Georgs Verwandtschaft steht vor der Tür und will bewirtet werden.

Schülerstreich

Im Traum treffe ich eine Frau in hellgrauer Kutte mit wunderschönem Gesicht, alterslos. Ich setze mich zu ihr und weiche nicht mehr von ihrer Seite. Selbst als Schüler die Hallen fluten und klar wird, die Lehrer müssen raus – Schüler an die Macht, zumindest für einen Tag Schülerstreich. Vor der ruhigen Aura ihrer Rektorin haben sie Respekt, auch vor mir, die ich so entschlossen neben ihr sitze und lausche. Ich begleite die Nonne nach draußen. Sie spricht vom Ende der Sechzigerjahre, als sie nach Indien in ein Kloster ging, dabei lächelt sie in die Ferne der österreichischen Landschaft.

Wir feiern hier in einer Scheune eines der vielen Feste, die ein großes ersetzen sollen. Zu Gast sind auch zwei Frauen mit seltsamen Auswüchsen am Hals, wie fleischige Bärte, mit Haut. Das bringe das Kinderkriegen mit sich, zumindest bei Mädchen, erst nach Jahren bilde es sich zurück. Sie zeigen mir ihre Tricks, wie sie es in der Kleidung verstecken. Das funktioniert gut, daher hatte ich so etwas vorher noch nie gesehen. Da spricht auch keine drüber, sagen die Frauen und schütteln sich lachend. Sie tanzen, verstecken nichts mehr.

Nun feiern schon die Nächsten mit großer Tafel, an der noch Platz für uns ist. Du setzt dich ans andere Ende, möchtest nicht stören. Ich winke dich zu mir und du kletterst umständlich über den fein gedeckten Tisch und die Beine der tafelnden Gäste.

In der Nähe steht ein Baum, darunter eine Picknickdecke, auf der ich Anja zu erkennen glaube. Ich gehe hin, sie ist es und begrüßt mich, als hätten wir uns nicht vor Jahren sondern gestern erst gesehen. In ihrem Nacken erscheint ein Baby und noch eines, sie winden sich um sie wie Würmchen um ein Turngerät. Anja beachtet sie kaum und spricht lässig weiter über ihre Zeit in Schweden und München.

Bionade

Im Traum sehe ich von Weitem Dennis, er will gerade gehen. Am Ausgang fange ich ihn ab und wir verabreden uns, wir haben uns Jahre nicht gesehen. Zum Abschied küsse ich ihn, wir lachen, er geht zu seinem Date und ich gehe wieder rein. Drei Tage Feiern haben ihre Spuren hinterlassen. Jemand baut verschiedene Bionade-Sorten zu einer Flasche zusammen, unter Gejohle wird versucht daraus zu trinken. Der Boden klebt. In einer ruhigen Ecke spreche ich mit Bettina, dann verschwindet sie in einem Zelt, in dem ihr neugeborenes Baby weint. Nach unserem Fest lassen wir alles stehen und liegen und gehen einfach los. Jedes Mal wenn wir kurz nach Hause kommen, sind wir überrascht, dass es noch immer so aussieht, als wäre die Party gerade erst vorbei. Dann gehen wir wieder.

Südafrika

Traum von einer Reise durch Südafrika. Ein Bus schlängelt sich auf engen Straßen durch die Berge, bis er in einer Kurve neben einem großen Haus stehen bleibt. Wir beschließen dort zu übernachten. Es gibt einen Grusel-Parcours, den ein Großteil unserer Gruppe gleich ausprobiert, ich erst später. Kurz bevor er schließt, gehe ich zur Kasse und krame in meinem Geldbeutel nach Kleingeld, es reicht nicht ganz, also gibt mir eine Frau eine Münze dazu, dann kann es losgehen. Ich soll unbedingt die Tür hinter mir schließen, sagt mir die Kassiererin zum Abschied. Ich stehe im ersten Raum vor zwei Türen, entscheide mich für die rechte und finde mich in einem Sitzungssaal wieder, der Tisch steht voller Torten. Als ich am nächsten Tag wiederkomme, merke ich, dass ich die Tür nicht geschlossen habe. Jetzt geht sie nicht mehr zu, der Raum dahinter hat sich ausgedehnt.

Hefezopf

Im Traum habe ich dann doch Tobi geheiratet, um nicht zu viel Druck in die Beziehung zu dir zu bringen. Die Steuerersparnis dient Tobi und mir als Stipendium. Du und ich feiern trotzdem, als Hochzeitsgeschenk bekommen wir Hüte. Ich trage ein dunkelrotes Kleid mit Glitzer und einer passenden Schürze. Du bestellst Brot und bekommst jedes Mal einen kleinen Hefezopf in die Hand gedrückt. Du drehst und wendest ihn, betrachtest ihn von allen Seiten, um dann doch nach einem großen Laib Bauernbrot zu verlangen. Das wiederholt sich täglich. Die beiden Verkäuferinnen scheinen es nicht zu merken und versuchen es immer wieder mit dem Hefezopf. Ich liege neben Tobi, wir schauen uns an und wissen nicht so recht, was wir davon halten sollen, dass wir jetzt also verheiratet sind.

Nähe und Wärme

Traum von einem Gespräch an einem langen Tisch, am anderen Ende sitzt Demian, er lässt mich an seinen Drink nippen. Als ich mich über Stuttgart beschwere, meint Simon pragmatisch: Konzentriere dich auf deine Projekte und auf das, was dir wirklich wichtig ist, dann ist der Ort zweitrangig.

Zuvor in New York ein Treffen mit Mehmet, den ich kaum wiedererkenne. Er wirkt mager und verwahrlost, als hätte er zu viele Stunden allein am Computer verbracht. Wir sitzen im Kreis im Matratzenlager einer WG, die sich gerade auflöst. Sie sagen, hier gibt es zu wenig Privatsphäre, da ist es egal, wie gern man sich hat und wie sehr man sich nach Nähe und Wärme sehnt.

Talstation

Im Traum setzt sich ein Afrikaner neben mich, er erzählt mir von seiner Flucht nach Deutschland und von seinen Plänen. Ich will ihm meine Telefonnummer geben, da kommt eine Schulklasse angelärmt und lässt sich um uns nieder. Die Lehrer beschweren sich über die Verhältnisse und Umgangsformen, die Kinder schauen in alle Richtungen und fühlen sich nicht angesprochen. Ein Schüler will mich unbedingt etwas fragen. Als wir alle gleichzeitig den Saal verlassen, verliere ich im Gedränge die Orientierung. Ich finde mich in der Gondel einer Seilbahn wieder, auf dem Weg zur Talstation, wo mich ein Mädchen über Design ausfragt. Ich habe ihn verloren und weiß nicht mal seinen Namen, murmle ich nur. Ach, vergiss Milo, sagt das Mädchen, meint aber ihren Mitschüler und nicht meinen neuen Freund.

Samtvorhang

Im Traum wehen lange schwere Samtvorhänge in blau und dunkelrot oder pink aus deinem Fenster nach draußen. Dahinter schläfst du bis in den Mittag hinein. Ich bin schon unterwegs, habe allerdings vergessen zu packen und sage dir am Telefon, was wir für unsere Wanderung alles brauchen. Wir verschieben die Abfahrt immer weiter, bis es dunkel ist. Im Salon klebt einer eine Zeichnung an die Wand, sie zeigt ihn selbst als stolzen Absolventen mit dicken grinsenden Büchern im Arm. Darunter steht: Morgen bitte keine Bücher binden, sofern es keine Abschlussarbeiten sind. Florina schaut vorbei, wir sind sprachlos.

Bunker

Im Traum ziehe ich mit Tobi los, um die Stadt zu erkunden. Wir entdecken einen Laden mit Badewannen zum Testen. Wir beschließen, dort eine Pause einzulegen. Wir sitzen in zwei Bottichen, die sich beide plötzlich umdrehen und den Raum fluten. Unsere seitlich abgelegten Kleider sind völlig durchnässt, also nochmal zurück ins Hotel. Dort wird gerade mein Zimmer geputzt, ich überrede den jungen Mann, dass ich kurz rein darf. Im Park komme ich an einer riesigen Muschel vorbei, sie dient einem beachtlichen Teil unserer Reisegruppe als Wind- und Sonnenschutz. Ich frage in die Runde, ob jemand mitkommen mag. Tobi kann ich nicht mehr finden und Hexe verbringt die Zeit lieber hier im Garten, sie hat keine Lust auf Stadt. Die Jungs schließen sich mir an. Wir besuchen einen Bunker und entdecken Geheimtüren, hinter denen Arbeiter in gelben Anzügen Wände verschieben. Da dürfen wir nicht rein, tun’s aber trotzdem und versuchen zu verstehen, wozu diese Räume dienen. Dann ertönt eine Sirene, die Türen schließen sich, wir schaffen es gerade noch nach draußen, wo die Arbeiter uns ausschimpfen.

Monster

Traum von einem Ausflug zu einer Waldhütte mit drei Brüdern, ihrer kleinen Schwester und mir. Ich lenke ein Wohnmobil, das so hoch ist, dass es kaum unter den Ampeln durch passt. Gruselige Monster tauchen auf, erschaffen von den Brüdern, die ein Jahr in der Hütte verbracht hatten und sich dort gegenseitig mit diesen Kreaturen »beschenkten«. Ein spaßiger Krieg, der zur Routine wurde und sich nicht mehr bändigen lässt. Eines der Monster ist ein riesiges Auge, das nur besänftigt werden kann, wenn es Happy Birthday vorgesungen bekommt.

Verwandtschaft

Im Traum ein Termin beim Notar mit der Familie, davor Kaffee und Kuchen mit allen. Kurz vor Aufbruch fragt mich meine Oma, ob ich mein Gepäck gleich mitnehmen will. Gute Idee, denke ich und renne in mein Zimmer. Dort sieht es aus, als hätte ich wochenlang nicht aufgeräumt, keine Chance hier schnell zu packen, die anderen warten. Also bleibe ich wohl noch ein paar Tage und sage Basel ab. Vor dem Haus die wartenden Autos und Diskussionen, wer wo mitfährt. Beim Notar dann ein großes Hallo mit noch mehr Familie, alle wollen ihren Anteil und sind neugierig auf die Nachricht aus dem Jenseits. Als ich meinen Mantel ausziehe, stelle ich erschreckt fest, dass ich dein gelbes Comic-T-Shirt trage, das mit den Flecken. Neben mir sitzt Verwandtschaft, die ich kaum kenne, sie kennen zumindest mein Buch. Dann geht es los. Der Notar hustet und witzelt und ich verstehe nicht, wie viel ich nun bekommen soll.

Gärtner

Traum von einer Fotografie an der Wand: In einer Kirche werden alle Gärtner geehrt. Dort stehen meine Eltern und meine Omas – außer Ihnen gärtnert niemand mehr. Sie wohnen in einer überdimensionierten Villa mit allerlei Zwischengeschossen und Geländern. Gerade zurück von einer Weltreise will ich gleich wieder weg.

Mäuseschlitten

Im Traum eine Verfolgungsjagd auf drei kleinen Schlitten, wir sind Mäuse oder sowas, jedenfalls klein und schlau und schnell – nur nicht ganz so schnell wie unser Verfolger auf seinem motorisierten Gefährt. Am Ende siegt die Schläue: Wir nehmen eine Route durch den Wald. Er bemerkt nicht, wie ihm von unten ein Auto entgegenkommt, aus der Ferne hören wir es krachen.

Haifischbecken

Im Traum vermisse ich meine Kamera und sehe sie zufällig in einem Film über Haie unter Wasser. Jochen hat den Film gedreht. Am Telefon ist er kurz angebunden, er muss los. Am nächsten Tag wieder. Ich gehe trotzdem zu seinem Atelier unterm Dach einer alten Fabrik, das nur über eine Außentreppe erreichbar ist. Dort arbeiten auch andere Künstler, am Eingang stolpere ich fast über frisch glasierte Tonschalen. Jochen muss wieder los und wimmelt mich ab, dafür treffe ich Britta, die nicht weiß, wie es weitergehen soll. Ständig erhält sie Briefe von jüngeren Versionen ihrer selbst. Der neuste fordert sie auf, einem Abendessen in ihrem alten Kinderzimmer beizuwohnen. Sie war seit Jahren nicht dort und hat etwas Angst, also begleite ich sie. Auf dem Weg dorthin treffen wir die kleine Britta und weitere – alle plappern durcheinander. Die zwölfjährige beste Freundin sitzt apathisch am Tisch, als wüsste sie schon vom Streit, der viele Jahre später zur Auflösung des gemeinsamen Unternehmens führt. Alle reden auf die ältere Britta ein, stellen bohrende Fragen, wollen verstehen, wo das alles hinführen soll. Sie fragt zurück, wie es überhaupt soweit kommen konnte. Vergessen wäre besser.

Mit jedem Geräusch reißt du Fetzen aus dem Traum, der mich noch nicht gehen lassen will. Meine Kamera ist noch immer dort und ich kann doch Britta nicht alleine lassen zwischen all den Blondinen. Schlimmer als Schwestern, man selbst. Anklagend, vorwurfsvoll, verständnislos, ungeduldig. Netter zu sich selbst sein, das wär doch mal gut.

Geschenk

Im Traum schenke ich Papa einen Ausflug nach Passau zu einer Ausstellung mit Übernachtung – allerdings nur für eine Person. Als ich nachfrage, wie es ihm gefallen hat, ist er erst freundlich und nickt, besinnt sich dann und sagt ganz ehrlich, dass er das Geschenk nicht verstanden hat und auch so schon genug alleine unterwegs ist. Recht hat er. Ich zahle ihm die Rechnung plus Schmerzensgeld.

Salz

Im Traum probiere ich mich durch einen Markt voller Kulinaritäten. An einem Stand mit zig Sorten Salz in weiß, grau, rosa und gelb kaufe ich Steinsalz und lasse es schon am nächsten Stand stehen. Du bist schon länger da, dir ist schlecht. Wir treffen Christian, er lehnt an einem Brückengeländer mit Blick auf den Fluss, um kurz darauf vertrieben zu werden von einem Filmteam, das einen Sänger für arte interviewt. Christian erzähle ich von den vielen Träumen, in denen er in den letzten Jahren aufgetaucht ist. Ich rede zu viel. Er hört zu und sieht noch immer aus wie mit zwanzig.

Strand

Im Traum erwache am Strand, die Sonne im Gesicht. Über mir eine weiße Brücke, die im Nichts endet, erst wenn ich den Kopf bewege, verlängert sie sich. Eine optische Täuschung? Könnte auch mit meiner Brille zu tun haben. Ich liege zu nah am Wasser, langsam kommt die Flut. Ich klemme mir meine Decke und Tasche unter die Arme, nur die Schuhe kann ich nicht mehr tragen, ich komme gleich zurück, um sie zu holen. Bei den Häusern lehnt mein Fahrrad, dessen riesigen Korb ich belade, während ich meine einsamen Schuhen am Strand nicht aus den Augen lasse. Neben ihnen liegt nun auch mein Schlauchboot, das ich ja auch noch unterbringen muss. Mama schlägt vor, das Boot hier anzuschließen und es später abzuholen. Wenn sie wüsste, was hier nachts mit den Banden los ist – das Boot würde zerstochen werden. Sie zuckt mit den Schultern und radelt schon mal vor. Durch ein Fenster sehe ich eine Frau träge auf dem Sofa lümmeln. So ist das hier, man steht erst auf, wenn die Sonne nicht mehr brennt. Nachts hatte ich versucht, in einem leeren Eckhaus unterzukommen, doch die Bruchbude war nichts für mich, darum der Strand. Der entfernt sich immer weiter, je näher ich ihm komme.

Albanien

Traum von einem Urlaub in Albanien mit einer Aussicht, die das Auge kaum fassen kann. Eine Panoramaaufnahme zeigt Natur, Stadt, Meer, Felsen, Grün und Schnee. Tatsächlich beginnt es zu schneien, während meine Schwester und ich auf Liegestühlen schlafen. Die Flocken sind nicht kalt, eher neutral. Wir fahren nach Süden, die Pfeile auf den Straßen wechseln ständig zwischen Links- und Rechtsverkehr hin und her. An der Südspitze erwartet uns ein Schiff mit schmalen Kabinen – Julias Unterkunft von vor zwei Tagen. Sie hat noch Proviant, wir picknicken zwischen Dusche und Bett.

Raketen

Traum von einem Fest mit Raketen, ein historisches Gebäude brennt ab. Mama möchte los, Micha und ich bleiben noch auf ein Klogespräch zum Thema ›Wie arbeiten?‹. Derweil fährt mein Rucksack samt Laptop versehentlich im Auto meiner Eltern weg. Eine Lampe wird mithilfe eines Flaschenzugs an der Decke installiert, darunter tanzt die Festgesellschaft, die mir plötzlich völlig fremd ist. Ich bekomme eine Rechnung serviert, soll mein Essen bezahlen und verschwinden. Nur kurz setze ich mich zu Martin und frage ihn, ob er bei unserem Fest auch alleine kochen würde für hundert Gäste. Er nickt und schüttelt den Kopf.

Rutschbahn

Im Traum treffe ich Christian, nach Jahren zum ersten Mal. Er tippt mir auf die Schulter und wir gehen ein Stück zusammen über den Campus seiner neuen Uni. Er sieht aus wie damals, halblange rote Haare, kein Bart. An einer Ecke bleibt er stehen, um sein Rad aufzuschließen, daneben hängt ein Plakat mit seinem Kopf und eine Einladung, die direkt auf sein Gesicht geheftet ist. Ich erinnere mich: Von hier aus hat er mir ein Foto geschickt, das ist sein Platz. Er steigt auf sein Rad, fährt einen kunstvollen Bogen nach unten, ich sehe ihm von einer Art Balkon aus zu. Er deutet auf einen Treppenturm, den ich nehmen soll, wir treffen uns wohl unten. Der Turm ist höher als gedacht, und es gibt zwar Stufen, doch die sind so steil, dass ich schon beim Hinschauen Höhenangst bekomme. Eine Frau, von ihren Freunden angefeuert, klettert vorsichtig hinunter und flucht leise vor sich hin. Ich sehe eine blaue Rutsche, die auch nach unten führt. Allerdings gibt es so viele Kurven und Abzweigungen, dass ich nicht weiß, ob ich noch richtig bin. Ich lande auf einer Zwischenebene und krabble weiter auf ein Förderband. Das war falsch: Hinter mir hupen zwei Kinder in Einsitzern, kurz darauf die Eltern in einem Zweisitzer. Wohl auch Touristen aus Deutschland, sie sind ebenso ratlos wie ich, wohin dieses Band führt und wo ich aussteigen könnte. Es befördert mich immer weiter weg von Christian. Dabei wollte ich das bunte Treppen- und Rutschengeflecht doch unbedingt noch für dich fotografieren! Sicher gibt es davon schon tausend Bilder im Internet, hatte ich vorhin gedacht. Jetzt da ich wach bin, bedaure ich, dass ich im Traum nicht fotografieren kann.

Hochzeitsvorbereitungen

Traum von Hochzeitsvorbereitungen, Glitzerkleidsuche und einer WG-Besprechung für eine Demo. Später stehe ich nackt und selbstbewusst in einer Gemeinschaftsdusche voller exotischer Grünpflanzen, wo ich meinen Sandkastenfreund Thomas treffe. Und wie schon mit 13 muss ich ihm sagen, dass das mit uns nichts wird, obwohl wir schon im Kindergarten geplant hatten, dass wir mal heiraten und einen Bauernhof haben werden.

Zirkusschaukel

Im Traum gehe ich zur Aufführung meines Chores und werde spontan für die Inszenierung eingeteilt. Sie brauchen drei Leute, die während des gesamten Konzerts schaukeln. Was sie mir nicht verraten: Meine Schaukel schnellt nach oben, wenn ich nicht beide Seile festhalte. Eigentlich vorgesehen für den Höhepunkt passiert mir das schon während des Auftakts. Ich schnelle nach oben in die Spitze des Zirkuszelts – und das mit meiner Höhenangst! Als es dann wirklich soweit sein soll, verheddern sich die Seile in der Kulisse, ich hänge auf halber Höhe über der Entwirrung, die von Veronika dirigiert und von den Darstellern improvisiert wird. Noch nie habe ich schaukelnd solch ein Durcheinander verursacht und dabei so viele Blicke auf mich gezogen. Geblendet vom Licht versuche ich Haltung zu bewahren und bin froh, ausnahmsweise mal keinen Rock zu tragen.

Kaputt

Im Traum ein Arztbesuch, ich möchte wissen ob ich schwanger bin. Die Frau tastet mich ab, wühlt in mir herum und macht es kaputt. Ich bin stinksauer, sie versteht die Aufregung nicht und zuckt mit den Schultern. Sollen wir halt ein neues machen. Ob das nochmal klappt?

Plüsch

Traum von einer Atelierausstellung in einer Kunstakademie. Ich bespiele einen Container, in dem ich Essen immer wieder neu komponiere. Dazwischen liegen gesammelte Drucksachen, ausrangierte Inspiration meiner Grafikerfreunde. Rund um den Container steht Schrott und ein Klettergerüst, auf dem Fabian Kunststücke macht. Das Essen kommt gut an, die Tische werden immer chaotischer, ich sortiere und ordne neu, bis ich erschöpft auf einen Hocker sinke. Zwei Erstsemester stellen sich neben mich und fragen mich über das Studium aus. Der Kleine rechts von mir streichelt mich am Arm, an der Schulter, am Hals. Er ist wirklich sehr klein, aber interessant. Sein Kommilitone tut es ihm gleich und streichelt mein linken Arm, recht unbeholfen. Wie schütteln wir ihn ab und wo gehen wir hin, um in Ruhe weiterzumachen? Ich springe auf, bitte die beiden, dies und jenes umzuräumen und schicke sie in verschiedene Richtungen. Dem Kleinen gehe ich nach, zeige ihm den Weg zur Außentreppe, die nach oben in mein Zimmer führt. Wir fallen auf das Sofa, umgeben von einem Berg aus Kuscheltieren – die nächste Kunstaktion, erkläre ich knapp und vergrabe mich im knallbunten Plüsch.

Spiralen

Im Traum eine Wanderung in schwerem Geschmeide, danach ein Empfang und Oper. Wer kam denn auf diese Kombination? Die Nachbarn. Und doch meldet sich ein Großteil der Belegschaft für diesen Ausflug an. Die Tafel, an der gespeist werden soll, besteht aus einem Holztisch und in den Boden eingelassenen Holzpflöcken als Hocker, alles steht schief auf der freien Wiese am Hang, unbrauchbar für Sekt in Gläsern. Im Wirtshaus nebenan ist noch ein schlauchiges Nebenzimmer frei, wir ordnen die Tische neu an und dann doch wieder zurück. Die Nachbarn tragen elegante Kleider mit zartem Halschmuck, der sich optisch von einem Hals zum nächsten fortsetzt, wie Spiralen, die sich um Häuser winden und in den Kleidern wiederfinden. Meine Schwester bestellt Kir Royal für alle, obwohl wir noch verkatert sind. Deine Kollegen stoßen dazu, Daniel und Ferdi in glitzernden Radlerhosen, für die Demo, die gleich beginnt. Eine Choreografie langsamer Schritte, alle stehen im gleichen Abstand zueinander und staksen so uniformiert den Berg hinab. Ich schaue zu und kenne den Zweck der Demo nicht. Ich frage eine der Veranstalterinnen, die mich fassungslos zurückfragt, ob ich das wirklich nicht gehört hätte – in den Medien sei seit Wochen nichts anderes. Ich gestehe, dass mich Nachrichten zu sehr mitnehmen und ich sie daher meide. Sie holt aus und gib mir eine Zusammenfassung der Geschehnisse, ich nicke betroffen. Dann müssen wir schnell los zur Oper. Eigentlich wissen wir schon jetzt, dass zehn Minuten für den Weg nicht reichen, wir werden den Anfang verpassen und bis zur Pause vor verschlossenen Türen warten müssen. Die Treppe ist so überfüllt, dass wir über die Geländer steigen und in unseren langen Kleidern außen weiterklettern. Noch fünf Minuten, einmal durch die ganze Stadt.

Overall

Im Traum besuche ich Kasia in ihrer Hütte auf dem Berg. Statt ihrer Kunst nachzugehen, kümmert sie sich dort um drei Puppen. Du holst mich ab und setzt mich auf deinen Rücken, du rennst mit mir den Berg hinauf, so schnell, dass wir zwei Radfahrer überholen und fast abheben. Du lässt mich los und rennst weiter, ich rudere mit den Armen, mache Schwimmbewegungen und schwebe dir langsam hinterher. Da steht Paul in einem roten Overall und spritzt eine Fassade ab. Ich frage ihn, was er da macht. Er sagt, er habe seinen Job verloren, ihm ist ein großer Fehler unterlaufen, er möchte nicht darüber reden. Ich warte an der Straßenkreuzung, bis er fertig ist. Ich will ihn fragen, wohin er jetzt geht. Er schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, biegt um eine Ecke und ist plötzlich weg – wie vom Erdboden verschluckt. Ich renne hin und her und rufe: Paul! Paul! Paul? Wo bist du?

Eiswasser

Im Traum packe ich einen weißen Transporter voll mit meinen Sachen, die sich in den letzten Wochen angehäuft haben. Als ich fertig bin, stelle ich ihn in die Garage. Wir fahren erst nach dem Abschlussfest am Samstag los. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich jemand daran zu schaffen macht, das Gefährt rollt langsam los, ich springe auf und versuche, die Fahrerin aufzuhalten. Hinten drin sitzt eine Gruppe junger Frauen – Sozialarbeiterinnen, wird mir gesagt, als würde dies das »Ausleihen« meines Mietwagens entschuldigen. Ich erzähle von meinem ehrenamtlichen Engagement der letzten Wochen, alle sind unbeeindruckt. Beim Besuch der Lebenshilfe werde ich still und bewundere, wie aufopferungsvoll die Frauen hier täglich für die Menschen da sind. Sie lachen und trinken Schnaps. Die Fahrerin erzählt mir von ihrem familiären Schicksal: Als die Tochter verkündete, sie wolle weg und Kunst studieren, habe sich der Vater ins Eiswasser gelegt. Er hätte gerettet werden können, doch er sagte nur danke und tauchte ab.

Schwarzwasserhütte

Hüttenschlaf mit verzerrten Fratzen, Symbolen, Fischgräten im Schutzhelm, von einer Form in die andere fließend. Kein Zeichner kommt mit bei der Geschwindigkeit, in der sich alles ändert – Themen, Farben, Kulissen.

Clara und Philipp packen ihre Sachen. Aus dem Fenster des Frühstücksraums schaut ein Kind, in der Nähe Kuhglockengeläut, vor mir die aufgehende Sonne und schattige Berge. Ich hänge noch zwischen Traum und Tag, im Wissen, dass der Traum das eigentliche Leben ist, aufregend und wirr.

Lichtschacht

Im Traum muss mein Uropa raus aus seinem Haus. Sein ganzes Leben hat er dort gewohnt, jetzt wird es abgerissen. Nana plant einen Sitzstreik, denn das dürfen wir uns nicht bieten lassen – zumal wir nicht wissen, wohin mit ihm. Wir selbst haben testweise ein Haus geplant und bauen lassen: Ein riesiger Lichtschacht in der Mitte sorgt für Tageslicht in allen Etagen. Es gibt kleine Wohnungen, Einzelzimmer, Gemeinschaftsräume und Arbeitsplätze. Alles aus Holz, nur unter der Treppe liegt Teppich – du schüttelst den Kopf darüber. Sonst ist es ein gutes Haus, aber wer weiß, ob wir es uns jemals leisten können. Im Garten steht ein großer Baum, zwischen den Ästen sitzt mein Papa mit Säge. Die Leiter steht zu weit entfernt, ich bin nicht schnell genug, also springt er und lässt sich auf alle Viere ins Gras plumpsen. Sylvia lädt uns ein zu einer alternativen Stadtführung in Feuerbach. Ich bin zu spät dran, auf dem Weg zur Bahn hält jemand mein Rad fest – es ist Sylvia, die ihre eigene Veranstaltung schwänzt. Stattdessen gehen wir zurück zu unserem Haus, das jetzt von Festivalbesuchern besetzt ist. Heute tanzt jeder auf einer anderen Party.

Erdrutsch

Traumversatzstücke: Ein rotes Silberpapier auf dem großen Zeh, bewundert von den Damen aus der Nachbarschaft. Eine Wiese, regennass und voller Picknickdecken. Vortanzen, Abwarten, krabbelnde Kinder. Ein Erdrutsch im Schlamm. Ein riesiger Saal mit gigantischem Kronleuchter, einstürzende Decke, die den Blick auf die Sterne freigibt. Ich falle nach oben in die Nacht.