Schwarz die Kleidung, die Schirme und auch die dicke Regenwolke über uns. Der erste Regen nach einer langen Reihe an Sonnentagen. Der Himmel weint mit.
Als Kurt uns vor dem Jahreswechsel das letzte Mal sah, weinte er beim Abschied. Dann wischte er sich die Tränen ab und winkte uns lachend auf seinen Stock gestützt mit einem weißen Taschentuch hinterher. Wie früher in Metzingen, als mein Vater noch klein war. Damals hatte Onkel Kurt immer ein Tischtuch geholt und gewunken, bis das Auto mit seinen Neffen um die Kurve bog.
Wie sie dann einfach endet, so eine Lebenslinie. Und was für eine: All die tragischen Umbrüche und mutigen Neuanfänge hätten für drei Leben gereicht. Ich lausche den Geschichten über den Lausbub, dessen Schabernack die DDR veranlasste, ihn mit 18 Jahren des Landes zu verweisen. Ein Dandy mit Stil, stets in Anzug und Krawatte, voller Frohsinn, Optimismus und Hilfsbereitschaft. Sein Vermächtnis: Denkt an mich, wenn ihr einem hilfsbedürftigen Menschen begegnet.
Der Friedwald, in dem wir Abschied nehmen, hängt voller Tropfen. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch das grüne Blätterdach. An den Buchen hängen Schilder mit Namen, bis zu zehn pro Baum.
Später im Waldhorn steht ein guter Freund aus Jugendzeiten auf und sagt: Wäre er hier, unser Hardy und euer Kurt, er wäre verwundert, wenn ich nichts sagen würde, darum sage ich jetzt was. Er würde nicht wollen, dass wir um ihn weinen. Statt Schwarz sollten wir Weiß tragen, die Farbe der Hoffnung und der Freude. Wir sollten gemeinsam feiern und uns freuen, dass er da war, und dass er war, wer er war.
Ich: Küchen und Schlafzimmer
Julia: Reisen und Essen
Mama: Sprüche und Schnörkel
Papa: Immobilien und Stereoanlagen
Am Abend radle ich zu Andrea, um ihr beim Kistenpacken zu helfen. Wir trinken Tee, kochen, plaudern und räumen zumindest die Küchenschränke aus. Wir machen drei Haufen: Einen für ihr Frühstück (mit so vielen Gewürzresten, dass wir herzlich lachen müssen), einen für Berlin und einen für mich: Schimmernde Liebesperlen, rosa Zucker, graues Salz und schwarzer Sesam.
Meine kalte Nasenspitze hält mich mal wieder vom Einschlafen ab.
Kosmetik, wo es einen Pflug bräuchte.
Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?
Traum von einem Theaterstück, zu dem wir mehrfach zu spät kommen. Bei der Dernière sehen wir zumindest den Schluss: Ein gedeckter Tisch mit rotem Essen, rote Bete, Traubensaft, Beeren – später in gelb, dann in weiß. Dazwischen schleichen Schildkröten, die von zwei kleinen blonden Mädchen in weißen Hemdchen durch den Raum gejagt werden. Die Rollen von Schauspielern und Publikum drehen sich um, das Publikum steht im Rampenlicht und wird von den Darstellern beklatscht. Darüber hängt ein Käfig mit müden Vögeln. Am Ende stellt sich heraus: Alles nur zu Werbezwecken für Käse.
Draußen wirbelt ein Sturm die Abendpläne durcheinander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windgeschützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebevollem Streicheln. Gitarren unterm Sternenhimmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.
Das Gefühl, dass ich es nicht ganz ernst meine mit dem, was ich tue.
Ich habe so große Lust, meine Träume zu tippen, meine Notizbücher und Fotos der letzten Jahre zu durchforsten, Momente auszugraben, etwas großes Ganzes daraus entstehen zu sehen.
Alles hängt mit allem zusammen. Alle Geschichten sind schon einmal dagewesen. Bei jedem Buch, das ich lese, gibt es diese Déjà-vus. Jedes neue Gesicht, in das ich schaue, ähnelt einem, das ich schon kenne. Das Leben besteht aus Wiederholungen das Immergleichen. Ist das gut? Oder soll ich raus aus diesem Kreis, der sich immer enger um mich legt? Ich will tiefer rein und näher ran an den Kern, der die Dinge im Innersten zusammenhält.
Sie hat ein Sternchen geboren, vorletzte Nacht.
Blau oder rotweiß gestreift zu schwarz, oder rosa zu schwarzweiß kariert?
Abends wiegen die Sorgen schwerer als morgens. War es vor den Morgenseiten nicht umgekehrt? Muss ich mich nun auch abends leer schreiben? Oder einfach immer weiterschreiben, den Stift nicht mehr absetzen, jeden Atemzug festhalten in einem immerwährenden Schreibfluss ohne Punkt und Komma mit Sprüngen in alle Richtungen unvermitteltselbstdielücken
zwischendenwörternweglassennurnoch
einflussausbuchstabenbisinalleewigkeit, Amen.
Geträumt von der Gestaltung eines Buchtitels mit Loch als Bauchnabel. Von einer Ausstellung mit Fotoshooting, Jonas als Model und Blitzanlage. Daneben Musik aus Kopfhörern, selbst komponiert. Ich kenne die Posen, mein Stift ist zerbrochen, mein Magen rebelliert.
»Der Prozess des Kunstschaffens konfrontiert eine Gesellschaft mit sich selbst. Die Kunst bringt Dinge ans Licht. Sie erleuchtet uns. Sie durchdringt unsere anhaltende Dunkelheit. Sie beleuchtet das Herz unserer eigenen Finsternis und sagt: Na, siehst du?«
Kisten über Kisten. Bastelkram ohne Ende. Allerlei Papier. Noch mehr Papier. Und Staub, überall! Ausgetrocknete Stifte. Leere Sprühdosen. Acrylfarben. Weiße Leinwände. Blöcke mit Aktzeichnungen aus dem ersten Semester. Das Studium fällt aus ungeordneten Ordnern (sortiert wird bestimmt später). Klamotten und Schuhe, die ich nicht mehr mag und trotzdem nicht wegwerfen kann. Durchlöcherte Strumpfhosen in allen Farben. Plastikschmuck. Postkarten. Juhuu: 20 Euro in einer Weihnachtskarte! Flyer. Faltblätter. Ansichtsmaterial. Andenken. Viel zu viele Bücher. Romane. Designbücher. Comics. Kochbücher. Bilderbücher. Zeitschriften. Die CDs meiner Jugend. Noch mehr Staub. Alte Fotos, lieber nicht anschauen. Eintrittskarten. Kalender der letzten Jahre. Angefangene Skizzenbücher. Veraltete Listen. Kabelsalat. Stoff für den Traum vom Nähen. Knöpfe. Alte Schreibmaschine mit meterlangen Kurznachrichten auf Kassenrolle. Kuckucksuhr und eine Kassette von Papa. Benjamin Blümchen rettet den Kindergarten. Wählscheibentelefon, das ja eigentlich nicht so ganz mir gehört. Kaputte Discokugel. Seifenblasenmaschine. Und Briefe.
»Ich habe es sehr genossen mit Dir zusammen diesem Fragezeichen aus dem Weg zu gehen.«
»Ein bunter Film, und du hast mir einen kleinen Vorrat an Farbe da gelassen. (…) Als ob deine Droge nicht mehr wirkt.«
»Ich träume von einer nicht müden Christina neben mir … in irgendeiner Zukunft.«
»Für mich ist alles wie vorher. Es war halt nur so ein gefühlsmäßiges Probieren. Schwer zu beschreiben. Aber es war echt nichts weiter.«
Nichts weiter. Oh Mann. Weiterpacken.
»Du wirst lachen, aber ich hab Dich heute morgen schon besucht. Nein echt! Heute in aller Frühe ist nämlich etwas sehr Seltsames passiert. Ich habe so gegen Mitternacht angefangen, an einem Layout zu arbeiten. Dann, so gegen halb vier Uhr früh, hab ich ein paar Bier getrunken und dann noch die Flasche Wodka vollends geleert und dazu richtig ausgelassen Musik gehört. War eigentlich cool. Was dann weniger cool war: dass ich irgendwann ein paar Stunden später unter der Treppe im Treppenhaus aufgewacht bin. Ich hatte nur eine Unterhose an und wusste auch gar nicht, wie ich da hingekommen bin. Ich bin zu meiner Wohnungstür gelaufen und hab sie aber verschlossen vorgefunden. Also hab ich mich wieder unter die Treppe verzogen und hab überlegt. Es wäre ja irgendwie peinlich, wenn mich jetzt ein Hausbewohner so antreffen würde, fast nackt ... Ich bin irgendwie auf die fixe Idee gekommen, dass es das beste wäre, zu Dir zu gehen, weil ich dachte, Du könntest mir bestimmt weiterhelfen. Also hab ich mich auf den Weg gemacht, barfuss und in einer weißen Unterhose mit blauen Streifen. Es hat geregnet, aber es war nicht kalt. Und das Komische war, dass mich die meisten Leute, die mir auf dem Weg begegnet sind, gar nicht angesehen haben. Aber ganz normal fanden sie’s bestimmt nicht. Ich bin so zehn vor neun bei Dir angekommen, aber da warst Du leider schon weg. Ich hab noch so anderthalb Stunden vor Deiner Tür gesessen und wusste nicht, ob Du noch kommst. Nachdem ich die Kaserne durchsucht habe nach irgendetwas Nützlichem, hab ich beschlossen, bei Hannes’ WG vorbeizugehen, um mir etwas Geld und ein paar Klamotten zu leihen. Leider war er nicht da, sein Mitbewohner auch nicht. Anschließend bin ich noch mal zu Dir, aber Du warst immer noch nicht zuhause. Also bin ich in das Hotel neben der Kaserne gelaufen und hab mir ein Taxi kommen lassen und den Schlüsseldienst gerufen. Der Taxifahrer fand das alles ziemlich komisch, hat mir aber geglaubt. Und er hat die Heizung voll aufgedreht, netter hilfsbereiter Typ. Daheim bin ich meiner Nachbarin begegnet und sie war ganz bestürzt, dass ich hier so halbnackt rumhänge. Ich hab sie gebeten, den Trockenraum aufzuschließen, dass ich mir da ne Jogginghose holen kann. Hab ich dann auch gemacht. Und dann hab ich drei Stunden auf dem Parkplatz auf den Schlüsseldienst gewartet. Schließlich hab ich mich entschieden, einen anderen Notöffnungsdienst anzurufen. Der ist dann vor einer halben Stunde gekommen und hat meine Wohnungstür aufgebrochen. Ich bin so froh, jetzt wieder hier zu sein. Es war echt ne Horrorshow und manchmal wars auch lustig, ich bin mit meiner Unterhose durch den Regen gelaufen und hab gelacht, und manchmal haben die Leute, die mir begegnet sind, auch gelacht, aber irgendwie war es extrem bedrohlich, so ausgeliefert und mittellos zu sein. Ich bin so froh, dass es vorbei ist. Und ich bin total dehydriert, ausgehungert und müde, aber das musste ich Dir einfach zuerst erzählen. Und jetzt werde ich mich wieder herstellen.«
»Bist du dir bewusst darüber, dass Du ein reißender Strom sein kannst?«
»Und dann ist es immer so, dass meine Eltern und ich uns erst wieder aneinander gewöhnen müssen. Das ist so ne Mischung aus Euphorie und Empörung auf beiden Seiten, schwer zu beschreiben.«