… sagt hier jeder ständig, weil ja alles soo großartig ist. Vor allem Sara sagt es gern – mit ihr bin ich am Samstag ins MoMA und das ist nun wirklich großartig und voll mit Kunst und Design, fast zu viel für einen Tag. Im Museum treffen wir zwei Kollegen von Pentagram, Samstags ist MoMA-Tag. Danach wollen meine Beine nicht mehr, also setze ich mich in einen Bus, um mir von dort aus die Fifth Avenue anzuschauen. Bei der Houston Street steige ich aus und gehe spontan ins Kino. Noch in der Warteschlange weiß ich nicht, welchen Film ich sehen will, als mich eine Frau mit wunderbar französischem Akzent anspricht. Ihrer Empfehlung folge ich gern: ›The Diving Bell and the Butterfly‹. Französisch mit englischem Untertitel verstehe ich besser als gedacht. Die Handlung berührt mich sehr, ich muss an Opa denken. Die Französin stammt aus Paris, sie erzählt, dass sie überall in Manhattan Schaufenster dekoriert. Ihre neuste Tapete bei Prada ein paar Straßen weiter schaue ich mir gleich an.
Kiss me at first sight or should I laugh because my life is missing?
Mein erster englischer Kühlschrankmagnetwörtersatz.
Am Samstagmittag spaziere ich los: Vorbei an den Gebäuden der Columbia University, zahlreichen Denkmälern irgendwelcher Freiheitskämpfer und dem Morning Side Park (der nachts gefährlich sein soll) bis zum Central Park. Nach zwei Stunden zwischen Joggern, Bikern, Pärchen, Herrchen, Frauchen, Hündchen (mit Jäckchen) und struppigen Kötern, Müttern mit Geländekinderwägen, Baseball trainierenden Vätern und Söhnen, schnatternden Enten im halb zugefrorenen Gewässer, vielen neugierigen Eichhörnchen (Squirrels) und entspannten, freundlich grüßenden Spaziergängern, habe ich den Park mit seinen 340 Hektar dann fast durchquert und mir eine Hot Chocolate mit Triple Chocolate Cookie verdient.
Bei Einbruch der Dunkelheit gehe ich zum Empire State Building. Bis ich oben bin, muss ich mich in 15 Schlangen einreihen, mich durchchecken lassen, fürs Erinnerungsfoto vor Greenscreen in die Kamera grinsen, sämtliche Extras mehrfach ablehnen, zweimal Aufzug fahren, um dann im Andenkenshop zu landen. Draußen dann die unglaubliche Höhe von 86 Stockwerken. Während der langen Warterei lerne ich drei Mädels kennen, die zwar schon immer in New York wohnen, nun aber zum ersten mal hier oben sind. Sie zeigen mir die markanten Punkte von Manhattan.
Die ersten zwei Tage bei Pentagram liegen hinter mir. Das Büro ist in einem ehemaligen Bankgebäude, das auch mal ein Nachtclub war, in der Fifth Avenue direkt gegenüber vom Madison Square Park. Im Keller gibt es noch zwei alte Tresortüren, eine Materialbibliothek und den riesigen Modellbautisch – dort fühle ich mich gleich wohl. Auch sonst mag ich’s: Alles ist gut organisiert, das Materiallager gefüllt, die Anzahl der Drucker und Plotter lässt mich den Kopf schütteln und dienstags bis donnerstags kocht die Köchin healthy Lunch für alle, was sich ein bisschen nach Design-Camp anfühlt. Meine Aufgaben beschränken sich bislang auf Basteln und Türen in Architekturplänen zählen – die FIT Fashion School ein paar Straßen weiter braucht Türschilder und ein neues Leitsystem. Wer weiß was noch kommt. Die Subway scheint hier direkt unter dem Gebäude durchzufahren, im Keller und im ersten Stock dröhnt es alle paar Minuten. Besonders gemein ist der neue Teppich: Sobald ich ein paar Schritte durchs Büro gehe, muss ich beim Berühren des nächsten Tischs damit rechnen, einen elektrischen Schlag zu bekommen – Autsch!
Als ich mich am Dienstagabend für das Minizimmer in der gemütlichen Miniwohnung des ruhigen, netten, schwulen, spanischen Kochs inklusive zweier Minihunde in Queens entscheide, kommt seinerseits keine Rückmeldung mehr. Vielleicht hatte ich erwähnt, dass ich Hunde nicht so mag. Dafür stehen nun zwei Loftbesichtigungen in Brooklyn an.
Loft Nummer eins: Industriehalle, riesengroß, be»wohnt« von drei Produktdesignern, die den Großteil des Stockwerks als Werkstatt nutzen und lustige Möbel bauen. Die Heizung etwas unterdimensioniert, die Bäder im Originalzustand von damals … zu krass für mich, also weiter.
Eigentlich will ich zu Fuß zur nächsten Wohnung, doch es weht ein furchtbar eisiger Wind und ich bin ziemlich allein auf den Straßen, also nehme ich die Subway. Als ich dann völlig durchgefroren und fertig dort ankomme, öffnen mir zwei nette Jungs die Tür zu einem gemütlichen Loft und machen mir erstmal einen Tee. Hier endet meine Wohnungssuche, in 10 Tagen ziehe ich nach Bushwick zu Pete und Martin. Mein Schlafzimmer dort ist ein fensterloser Schuhkarton mit Bett und Kleiderstange, der Wohnraum riesig, hell und voller weicher Sofas. Das Beste ist der Blick vom Dach auf Manhattan.
Ich wollte da ja nicht hin. Stunden in der Kälte, kein Sekt, kein Feuerwerk. Die Kugel platzt, Konfetti prasselt über die Köpfe, wir sehen es auf der Leinwand. Ein paar Funken sprühen, alle jubeln für zwei Minuten, fallen sich in die Arme und schon setzt sich die riesige Menschenmasse in Bewegung. Sie suchen nach der Party des Jahres, aber die gibt es nicht, nicht an diesem Abend. Nächstes Jahr bitte ganz unspektakulär, zu zweit Feuerwerk gucken und mit Sekt anstoßen. Happy new year!
Nachher eine Zimmerbesichtigung in Queens: »gay latin chef easy going & respectful to all.« – na denn.
Morgen ist mein erster Arbeitstag bei Pentagram, ich bin gespannt. Und etwas aufgeregt.
Es schläft sich wunderbar im Queensize-Bett aus fünf übereinander gestapelten Matratzen. Meinen ersten Morgen in New York verbringe ich damit, mir die Stadt lesend näherzubringen. Erst mittags traue ich mich aus dem Haus. Alles so groß, riesengroß … und ich fühle mich ein kleines bisschen einsam zwischen den überdimensionierten Wolkenkratzern und Menschenmassen. Verwirrt setze ich mich in einen roten Touri-Doppeldeckerbus, der mich durch Lower Manhattan schaukelt.
Morgen kommt Besuch aus meinem Heimatdorf, dann wird Silvester gefeiert. Hoffentlich nicht am Times Square, da war es mir heute schon zu voll.
Guten Rutsch!
3:45 Uhr: Aufstehen, Anziehen, Koffer ins Auto schleppen, los. Der Flug startet im leuchtenden Morgen von Stuttgart und landet kurz danach im nebeligen Zürich. Das Gepäck und ich haben 40 Minuten für den Umstieg – knapp, aber es klappt. Und dann wieder hoch in die Luft und über den großen Teich.
Es hat was, Manhattan langsam im diesigen Sonnenschein auftauchen zu sehen. Noch eine Brücke und noch ein Tunnel und schon bin ich mitten im Gewusel aus gelben Taxis und mit Tüten bepackten Menschen zwischen den Häuserschluchten.
Schönes Zimmer im Studentenwohnheim der Columbia University, inklusive Abenteuerdusche, die völlig unvermittelt in alle Richtungen losbrausen kann. Es ist recht laut hier. Ich weiß nicht, ob das der Wind ist, der um die Häuser pfeift, oder die Autos vom Broadway. Kalt ist es übrigens gar nicht: 9 Grad Celsius. Oder 48 Grad Fahrenheit.
Blöd dass ich aus der Wohnung schon bald wieder weg muss, aber um die Zimmersuche komme ich wohl nicht herum.
Erst mal schlafen. Bald mehr!