Christina Schmid
Anfänge und Enden

Reißverschluss

Du hast gefragt, ob ich für dich mitträumen kann, schon stehen und liegen wir falsch im Leben halbschlafender Gestalten im Frack, die kaum vorankommen, bis sie wieder eingeschlafen sind. Ihr wacher Bruder scheucht sie mit Vertrag ins Rampenlicht. Wer wankt oder strauchelt, dem schließt er den Mund mit Reißverschluss. Rußverschmierte Köpfe mit verglühenden Augen, die zu viel gesehen und verstanden haben. Es wird eng und enger. Ich erwache in orange, eingepfercht zwischen Drehsesseln mit langbeinigen Frauen, deren Finger im Gesicht und überall diesen Film wohl so plastisch wirken ließen wie nie.

Orangensaft

Geträumt von einem Spaziergang auf unserer neuen Straße, die uns an meine alte Straßenecke in Brooklyn und weiter nach Zürich führt. Clara stolpert voraus in einen Supermarkt, ich mit Kinderwagen hinterher. Mit jedem Schritt wird sie blasser, sie sackt mir in die Arme. Ich schreie nach Hilfe und Clara ins Gesicht, wie lange sie nichts gegessen hat. Eine Verkäuferin verdreht die Augen. Sie streckt mir ein Tablett mit einem Cent entgegen und zischt: Verschwindet! Da erst sehe ich, was sie sieht – den überladenen Kinderwagen und wie unförmig und verdreckt mein grauer Mantel ist. Ich ziehe ihn aus, darunter trage ich ein schickes Kleid. Fieberhaft suche ich im ganzen Laden nach etwas Essbarem für Clara und verliere Zeit zwischen Regalen voller Putzmittel, Cola und Schokocremes. Mein Kind babbelt fröhlich vor sich hin und ruft plötzlich: Orangensaft! Sein erstes Wort.

Hängebrücken

Im Traum lade ich spontan in unsere neue Wohnung ein. Mir folgt ein vielsprachig quasselnder Pulk bis vor die Tür, zu der ich keinen Schlüssel finde. Ich stochere mit einer winzigen Glühbirne in einem Treppenloch, bis die Fenster im Haus leuchten. Alle Türen öffnen sich, nur unsere nicht. Die Leute schauen sich derweil bei den Nachbarn um: Bücherstapel mit Pflanzen, orientalische Vorhänge und weiche Teppiche, eine Spielhöhle voller Kuscheltiere, im Flur ein riesiger Zeichentisch, an dem gleich gebastelt wird. Vom Haus führen vertunnelte Hängebrücken über einen Graben in die Stadt. Schaukelnd sitzen wir den Einheimischen gegenüber und drücken lachend unsere Füße gegen ihre. Auf der Klippe sehen wir einen verfallenen Anbau, der doch mein Atelier werden könnte. Da fällt der vermisste Schlüsselbund aus meiner Tasche durch ein Gitter in den Graben und versinkt im Schlamm.

Laufrichtung

Im Traum habe ich raue Flechten an den Fußsohlen. Wenn ich sie abkratze, wachsen sie sofort nach. Unterwegs auf superschnellen Rädern machen wir halt bei einem Kleiderladen, der durch eine Luke nach unten führt in ein Labyrinth aus schmalen Gängen, Treppen und Rutschen. Unser Kind klettert und freut sich über die vielen Spiegel, in denen sein Kopf viel zu groß und uralt aussieht. Panisch suche ich dich, renne entgegen der Laufrichtung der Pfeile, vorbei an Wachposten mit Trillerpfeife, verschanzt in kleinen Buden. Ich finde dich im schummrigen Schankraum, wo du ein rosa Getränk probierst. Du redest beruhigend auf mich ein, aber ich sehe deinen besorgten Blick für den kleinen Helmut Kohl auf meinem Arm.

Schallgedämpft

Im Traum darf Sarah aus dem Publikum hinter die Kulissen des Musicals und sich ein Kostüm aussuchen. Während sie auf das riesige Kleid wartet, wird sie zu Clara und verdreht zwei Männern den Kopf. Der Visagist lässt sich besonders viel Zeit mit ihren kurzen, roten Haaren und der Tonmann rennt verzweifelt um seine schallgedämpfte Kabine herum. Er erzählt mir vom Fluss seiner Kindheit, den er jetzt andicken muss, weil er zu flüssig geworden ist. Und vom Brei, dem kleingeschnittene Hartplastikteile zugesetzt werden, damit er wie früher schmeckt. Dem Baby fehlt in dieser Version der Geschichte der Mund, es sieht aus wie ein angeschnittener Apfel.

Umwege

Im Traum sollen wir wichtige Unterlagen besorgen und noch schnell Susannes alten neuen Freund vom Bahnhof abholen. Wir sind spät dran, daher überlässt uns Fätät seinen winzigen, weißen Geländewagen, der unter seiner Wohnung in einem Parkdeck steht. Wir finden keine Rampe, also holpern wir über eine Treppe nach unten ins Erdgeschoss und fahren durch die Gänge eines Architekturbüros bis zur Drehtür nach draußen. Der Freund soll zu Fuß nachkommen, wir düsen direkt zum Bürokomplex mit riesigem Treppenhaus ganz in Schwarz. Eine Kletterin seilt sich ab, Susanne und Michaela wollen gleich mitmachen und wärmen sich mit Dehnübungen auf. Die Treppen schwanken und werden zu steilen Rutschen aus Latex, eine fürchterliche Höhenangst packt mich und zieht mich nach unten. Wir fahren weiter und halten beim Friedhof, am Eingang stehen zwei Soldaten in uralten Uniformen, sie folgen uns mit drohendem Blick. Wir gehen schnell weiter, rennen in wirren Umwegen zurück zum weißen Auto und fahren ins Donautal. Neben dem Haus meiner Eltern entdecke ich im Felsen ein Loch mit ungeahnter Aussicht auf eine nie zuvor genutzte Badegelegenheit. Du wirfst mir ein Handtuch zu und springst von weit oben ins glitzernde Nass – herrlich.

Missmutig

Im Traum bin ich in den USA, um ein Schließfach aufzulösen. Es hat die Nummer 206 und eigentlich gehört es Alexandra. Es ist Teil eines Wohnprojekts, in dem Freunde von früher hausen, in gestapelten Holzkisten, fast ohne Tageslicht. Ich krieche in die Fassade und schaue durch Lamellen nach unten auf die futuristischen Straßen der Stadt. Im dunklen Gang verstellt mir einer den Weg, schubst mich in den Duschraum und lädt mich zur Abschlussfeier ein – es ist ein Befehl, keine Option. Den ganzen Abend heuchle ich Leichtigkeit und versuche den grinsenden Tanzpartner so zu hypnotisieren, dass er mich elegant und mit starker Hand führt. Ich gebe auf und hole die Kuchen aus meinem Schließfach. Überall sagen mir Leute Hallo, an die ich mich nicht oder nur dunkel erinnern kann. Meine ärgste Feindin trägt eine Clownsnase aus Karamell und lässt sich von mir zum endlich geschafften Abschluss umarmen. Mit missmutigem Blick packt sie Geschenke ihrer Geschwister aus, Eiswürfel kullern heraus. Ihr struppiger Vater schaut vielsagend und geht. Sie schlägt vor, dass wir jetzt alle zusammen duschen gehen.

Raubzug

Im Traum empfängt uns ein Kellner mit Kniefall, die Nase auf dem Teppich der großen Eingangshalle des Restaurants. Er überreicht uns eine Speisekarte aus Holz, mit Geheimfach für den Schlüssel zu unserem Tisch. Unser Baby ist schon größer als ich, sein Mund mehlverschmiert. Es wird aufgerufen und darf in der Backstube eine Himmelsleiter aus Teig formen. Ich male die Buchstaben H I M M E L auf das Schild, als plötzlich Tumult ausbricht – ein Überfall. Die nach dem Raubzug liegengebliebenen Geldscheine stopfen wir uns in die Jackentaschen und nehmen zur Tarnung Gefäße mit. Am Ausgang kontrollieren sie nur meinen Sauerkrauteimer mit Fleisch. Wir eilen möglichst unauffällig durch den dunklen Park Richtung Schrottplatz. Die Beute verstecken wir zuerst in einem kaputten Schließfach und dann doch in einem Kinderwagen voller Glühbirnen, der beim Schieben lustig klirrt.

Tauschen

Wenn mir mein Blog einfällt, erinnere ich mich an mich. Ich habe Heimweh.

– Wie ist das neue Ich? Das reale Ich?

Das reale Ich ist überfordert und nicht nett. In jeder Minute ohne Kind wie wahnsinnig am Arbeiten. Der Versuch, den zu schnell wachsenden Verlag in ein größeres Gefäß umzutopfen. Nachts am Pläne schmieden und Anträge schreiben für freie Projekte. Als hätte es nicht mehr viel Zeit. Als wärs bald vorbei.

– Jeder Tag ein Leben, oder?

Komische Leben sind das.

– Tauschen wir?

Gepudert

Geträumt von einem Foto, auf dem mein Gesicht durchrunzelt ist wie vielleicht mit 80. Ich sehe es in der Zeitung als Fotomontage neben den Gesichtern alter Politikerinnen, die besser gepudert sind als ich.

Beim Fest fragt mich Wolfgang nach meiner Hochzeit und geht, als alle drumherum eifrig davon erzählen, weil ich mich kaum erinnern kann. Ich gehe auch. Im Keller werden Fladen gebacken, mit Dörrfrüchten und viel Honig. Der Konditor wickelt mein Baby damit ein – als Proviant, sagt er – und legt es zum Trocknen in ein schaukelndes Segelboot voller Seile. Und wie bekomme ich das Gebäck wieder ab?

Erinnerungen von Morgen

»… oder der schwere dunkelbraune Schreibtisch aus der Designsteinzeit, an dem mein Vater immer noch jeden Tag von morgens bis abends sitzt und seine Übersetzungen macht und am friedlichsten wirkt.«

»Wir wohnen, wie wir gelebt haben. Das ist es, was ich sagen wollte. Und wir leben, wenn uns das Glück nicht verlässt, immer so gut, dass die Dinge, mit denen wir uns umgeben, jetzt schon die schönen Erinnerungen von morgen sind.«

Maxim Biller

Stillheimer

Jemand sprach heute von einem Phänomen namens Stillheimer, wie schrecklich. Dann jongliere ich mal weiter mit meiner Aufmerksamkeitsspanne von drei Minuten.

»… eröffnet uns die Digitalisierung die Möglichkeit, auf mehreren Zeitebenen gleichzeitig zu stagnieren.«

Sophia Fritz: Die Abwesenheit der Zuversicht

Freudentränen

Im Traum suche ich im ganzen Haus nach einem ungestörten Ort, um meinen Traum aufzuschreiben. Die Räume haben keine Türen oder nur halbe, überall ist jemand und quatscht mich an. Das Bett der Großeltern steht in einem Wintergarten voller Pflanzen, zwischen den Kopfkissen zwei weiße Wärmflaschen wie Schwäne aus Porzellan. Oma will mich endlich sprechen, doch ich eile weiter, den Zettel mit dem Traumversatzstück in der Hand. Im Flur liegen die Vorfahren mumifiziert auf der Couch und unten ist ein Fest, wo meine Tante mal eben ein drittes Kind zur Welt bringt, ihr Sohn ist bei ihr und wischt sich die Freudentränen weg. Am Tisch sitzt der strohblonde Lorenz sich selbst gegenüber, einmal frisiert und einmal nicht. Dein Chef beschwert sich über die Tafel hinweg über die mangelnde Servicequalität im Online-Handel, ich denke an die unversendeten Mails und Bücher und setze zur Gegenrede an, vielleicht zu laut. Doch der Traum, der Traum, wie war der noch? Weg.

Tonlos

Im Traum entdecke ich ein Kinderkochbuch auf dem Laubengang zu einer Wohnung, umgeben von Familien und Grün. Wir wohnen woanders, im Erdgeschoss mit Blick ins verdorrte Flachland. Nach dem Aufwachen gehe ich in die Küche, wo sich einer seinen Kaffee kocht – erst da fällt mir wieder ein, dass wir uns die Küche mit ihm teilen. Ich verschwinde ins Bad. Wo ist das Baby? Eben war es noch auf meinem Arm, jetzt liegt es am kalten Küchenboden, der Mund zum tonlosen Schrei verzerrt, keine Augen mehr. Panisch hebe ich es hoch und presse es an mich, sein Gesicht kommt zurück. Wir schauen aus dem Fenster, der Mitbewohner auch. Dort rennt der zerzauste Sloterdijk, in der Hand eine qualmende Pfanne voller Wurst.

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»Das war der eigentliche Unterschied, dachte Ferguson. Nicht zu wenig Geld oder zu viel Geld, nicht was jemand tat oder nicht tat, nicht ein größeres Haus oder ein teureres Auto, sondern Ehrgeiz.«

»… ein Mädchen, das weder normal noch nicht normal war, sondern heiß und furchtlos, und das genau wusste, mit welcher einzigartigen Persönlichkeit es von Geburt an ausgestattet war …«

» … eine griesgrämige, fahrige Frau, die zu sehr mit den Kleinigkeiten des Alltags beschäftigt war und nicht kapierte, dass einem das Leben durch die Finger rinnen konnte, bevor man überhaupt zu leben begonnen hatte …«

»Wie dein lieber Freund Edgar Allan Poe einmal einem aufstrebenden Schriftsteller riet: ›Unerschrocken sein – viel lesen – viel schreiben – wenig veröffentlichen – Distanz halten zu den Kleingeistern – und nichts fürchten‹.«

»… und an jenem Punkt seiner Reise zum Erwachsenendasein strebte er für die Zukunft lediglich an, … ›der Held seines eigenen Lebens‹ zu werden.«

»… denn wenn ein Buch ›so‹ sein konnte, wenn ein Buch ›so‹ auf Herz und Verstand und innerstes Weltgefühl eines Menschen einwirken konnte, dann war Romanschreiben mit Sicherheit das Beste, was man im Leben tun konnte …«

»… da die alten, vorhersehbaren Abläufe nicht mehr galten, wusste man vom einen Tag auf den anderen immer weniger, was passieren würde. Ferguson genoss dieses neue Gefühl der Ungewissheit. Alles mochte im Umbruch sein, und manchmal herrschte das reinste Durcheinander, aber wenigstens war es nicht langweilig.«

»Du musst so viel lernen wie du kannst, … dann musst du’s wieder vergessen und was du nicht vergessen kannst, wird die Grundlage deiner Arbeit bilden.«

»Leer … nicht so, als stünde man allein in einem Raum ohne Möbel, sondern im Sinne von ausgehöhlt … wie eine Schwangere nach der Geburt. Nur war es in diesem Fall eine Totgeburt, ein Säugling, der sich niemals verändern, wachsen oder laufen lernen würde, denn Bücher lebten nur so lange in einem, wie man sie schrieb, und sobald sie herauskamen, waren sie verbraucht und tot.«

»Du willst die Welt nicht neu erfinden, Archie, du willst sie verstehen, damit du auf ihr Leben kannst.«

»… die selbstauferlegte Verpflichtung, sich im Verhältnis zu anderen zu definieren und der Verlockung zu widerstehen, ausschließlich für sich zu leben …«

»Ja, genau, er hatte es gut, und was war das doch für eine großartige und schöne Welt, wenn man bloß nicht so genau hinsah.«


Ein Juli mit Archie Ferguson in vier Versionen.
Paul Auster: 4 3 2 1

Hochzeitsfotograf

Im Traum schafft es mein Vater als Hochzeitsfotograf, dass ich als Braut auf keinem einzigen Bild zu sehen bin.

Rauchspirale

Im Traum eine politische Kundgebung, bis eine vom Balkon aus ruft, im Kaufhaus habe es einen Raub gegeben. Das warst du. Ich habe dich dort allein gelassen zwischen chaotischen Regalen voller Hosen, die du nicht anprobieren wolltest. Wie zur Bestätigung schießt jemand drei Löcher in die Wand: Das erste qualmt, das zweite pafft Ringe in die Luft, das dritte bläst eine Rauchspirale durch den Saal.

Angefangene Geschichten ohne Ende.

Meerblick

Im Traum besichtigen wir eine Wohnung mit Meerblick. Im Aufzug fährt eine Kellerratte mit, sie huscht in die Wohnung, übers Parkett der Räume und lenkt mich ab. Ich sperre sie ein. Als ich die Tür wieder öffne, kommt sie als helle Schlange mit aufrechtem Kopf wieder raus und wird zum Skorpion. Das Meer hier ist eine bedrohlich wogende Brühe, das Haus nur für den Sommer gebaut. Also nein.

Nebenzimmer

Im Traum treffe ich ihn auf einer Geschäftsreise durch Fernost in einem Restaurant. Am Tisch meiner Reisegefährten ist kein Platz mehr für mich, so setze ich mich an seinen. Er bestellt Speisen, die so anders sind, dass alles um ihn zu leuchten beginnt. Seine Geschichten duften, sein Körper glänzt, ich will ihn behalten und stelle ihn ein.

Meine Dienerschaft weiß um die Querelen im Familienunternehmen, so lädt sie mich und ihn und meine Labor-Assistentin wie jeden Tag zur Mittagszeit ein, im Nebenzimmer Platz zu nehmen. Nur eines ist anders: Sein Blick gilt nicht mehr mir, sondern ihr, die ich kurzerhand für unbestimmte Zeit auf Forschungsreise ins Exil schicke. Sein verliebtes Lächeln erstarrt, er schießt mit kalten Blicken auf mich.

Snacknudeln

Snacknudeln

Verloren

Ein Treffen wie ein Schachspiel: Jeder Zug birgt Gefahren, die ich versuche zu erahnen, nur gibt es keine Regeln und verloren haben wir uns längst.

Auf Probe

Kindheit durchgespielt, Jugend getestet, Beruf ausprobiert, Ehe gewagt und mich als Mutter versucht. Als wäre dieses Leben eine Probe und nicht schon die Aufführung – die einzige übrigens.

Ein exemplarischer Mensch

Die zwölf Arbeiten des Verlegers

»Die Arbeit des Verlegers ist vor allem eine Suche … Der Wunsch, die flüchtige Gegenwart lesbar zu machen, ist sein Antrieb. Die Spur seiner Suchbewegung sind die Bücher, die entstehen. Jetzt und jetzt und jetzt.«

Jan Wenzel
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Lila

»Doch wir waren zwei sehr unterschiedliche Schwangere. Mein Körper reagierte mit Zustimmung, ihrer mit Widerwillen.«

»In den neapolitanischen Geschichten, die sie erzählte, gab es anfangs immer etwas Hässliches, Ungeordnetes, das später die Formen eines schönen Bauwerks, einer Straße, eines Monuments annahm, um dann wieder in Vergessenheit zu geraten, an Bedeutung zu verlieren, schlimmer zu werden, besser zu werden, schlimmer zu werden, in einem von Natur aus unvorhersehbaren Strom, der aus Wellen, Windstille, Sturzfluten und Kaskaden bestand.«

»Um irgendein Projekt auf die Beine zu stellen, das man mit dem eigenen Namen verband, musste man sich selbst lieben, und sie hatte es mir gesagt: Sie liebte sich nicht, liebte nichts an sich.«

»Es gibt diese Anmaßung bei denen, die sich zur Kunst und besonders zur Literatur berufen fühlen: Man arbeitet, als wäre man mit einem Amt betraut worden, aber eigentlich hat uns niemand je mit irgendwas betraut, wir selbst haben uns ermächtigt, Autoren zu sein, und dennoch sind wir bekümmert, wenn andere sagen: ›Was du da geschrieben hast, interessiert mich nicht, es ärgert mich sogar. Wer hat dir das Recht dazu gegeben.‹«

Ein vierwöchiger Sog – die Neapolitanische Saga von Elena Ferrante:
Meine geniale Freundin
Die Geschichte eines neuen Namens
Die Geschichte der getrennten Wege
Die Geschichte des verlorenen Kindes

Schwimminsel

Im Traum erwache ich in einem Schloss, in einem riesigen Bett, umgeben von Wänden aus Stein voller Stuck und raumgreifender Schnörkel. Draußen tobt das Meer. Wir sprechen über eine schwimmende Insel, die regelmäßig von einer großen Welle überrollt wird. So werden die pastellfarbenen Fassaden der schmalen Häuser immer enger zusammengeschoben. Bei einer Radtour sehe ich Pauls Freunde mit Kind. Ich frage, wie das so ist, die Mutter zuckt mit den Schultern, sie weiß es noch nicht. Sie zeigt mir ihr Haus, in dem noch Platz für uns ist. Es besteht nur aus Fluren und Treppen, die Waschbecken sind unpraktisch in Zwischengeschossen angebracht. Erst auf der dampfenden Straße bemerke ich meine im Schloss vergessenen Schuhe und starre auf ihre winzigen Füße in knallrotem Lack mit Plateau-Sohlen, die sich gut abheben vom heißen, schwarz glänzenden Teer.