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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog: Stuttgart

Schwimmturnier

Im Traum tauchst du eine Unter­wasser-Bahnstrecke entlang, um noch recht­zeitig zum Schwimm­turnier deines Büros zu kommen. Ich habe meinen Laptop im Hotel vergessen, rufe an und frage ob er noch da ist. Ist er, aber leider etwas nass.

Authentizität

Ich höre einen Podcast zu Authentizität, während ich Wäsche zusammenlege und die Küche schrubbe. Und dann noch einen über häusliche Gewalt – nirgendwo ist Frau gefährdeter, Mann übrigens auch.

Sommersprossen

Im Traum besucht mich Rafael – ja, der aus der Abi-Zeit. Wir spazieren durch die Altstadt und er legt seinen Arm um mich. Verheiratet bin ich und doch gefallen mir seine Sommer­sprossen wie damals. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ein feines Netz aus Falten, das sieht auch er, doch er schaut mich an, als wären wir wieder achtzehn. Er erzählt von seiner Schwester, die noch bevor sie wusste, dass sie schwanger ist, ihren Beruf als Sonder­schul­päd­agogin gegen was Schickes mit viel Geld einge­tauscht hat. Das Kind hat von Anfang an bestimmt, das es eine reiche und schicke Mutter haben möchte. Sie fügt sich.

Explosion

Im Traum bin ich zu Gast in Lenas und Janas Ferienhaus und versuche es aufzu­räumen. Alles ist aus dunklem Holz, wie aus einer anderen Zeit, bis auf den Roboter, der den Boden saugt. Plötzlich riecht es nach Gas, ich sehe eine kleine Flamme auf dem Tisch, eile nach oben und entgehe der Explosion.

Überraschungsreise

Im Traum nochmal eine Überraschungs­reise von Sarah und Christian, diesmal nach New York, Last Minute für neunzig Euro. Statt uns die Stadt anzuschauen, hängen wir in unserer Unter­kunft ab und in einem Laden, dessen Besitzer Aaron kennt und mir stapelweise meiner Bücher abkaufen will. Ich habe Angst vor den Versand­kosten in die USA. Im Haus suche ich einen Moment für mich, um auf der Bettkante rumzu­rutschen, doch alle Wände zu meinem Zimmer haben Türen, ständig kommt jemand rein. Die Mission hinter unserer Reise habe ich noch nicht verstanden, irgendwas mit Würmern in Logos. Ich frage, ob wir Zeit haben, um Pete zu treffen. Auf einem Display steht, dass Patrick mir eine Nachricht geschrieben hat, doch da das Handy am Netzstecker der Kamera hing, ist diese Nachricht jetzt auf der Kamera und nicht mehr lesbar. Na toll.

Morgenlicht

Im Flur wird das Licht angeknipst, ich höre es durch die Wand, dann rollt der Aufzug aufwärts. Wie früh die Welt aufsteht, obwohl es noch so dunkel ist. Im Osten zeigt sich erstes Licht hinter den Wolken, Ein Blau-Lila-Orange im Schwarz des Morgens. Im Haus gegenüber erwachen die Küchen­fenster, ein Schatten mit Tasse stellt sich ans Fenster­brett. Ganz oben ist Licht in allen Fenstern, verschiedene Licht­temperaturen, die meisten davon zu weiß.

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

Großes Rot und kleineres Blau, gefaltet

ernsthaft und absichtlich:
privat, unbeholfen, harmlos und niedlich.

Gehäuse

»Die Urform allen Wohnens ist das Dasein nicht im Haus, sondern im Gehäuse. Dieses trägt den Abdruck seines Bewohners. Das neunzehnte Jahrhundert war wie kein anderes wohnsüchtig. Es begriff die Wohnung als Futteral des Menschen und bettete ihn mit all seinem Zubehör so tief in sie ein, daß man ans Innere eines Zirkel­kastens denken könnte, wo das Instrument mit allen Ersatz­teilen in tiefe, meistens violette Sammet­höhlen gebettet, daliegt. Für was nicht alles das neunzehnte Jahrhundert Gehäuse erfunden hat: für Taschen­uhren, Pantoffeln, Eierbecher, Thermo­meter, Spiel­karten – und in Ermangelung von Gehäusen Schoner, Läufer, Decken und Überzüge.«

Walter Benjamin: Das Passagen-Werk

Knick

Ein gutes Buch zu Ende zu lesen ist wie ein Knick. Selbst wenn ich das Buch noch einmal lesen sollte, werde ich diese Worte nie wieder so lesen können, wie beim ersten Mal. Es gibt kein Zurück in diesen Moment. Manchmal ahne ich das schon beim Lesen, dann markiere ich mir die Seite unten mit einem winzigen Knick, zu dem ich später zurück­kehre, nach ein paar Tagen oder Wochen ohne neues Buch an meiner Seite. Oft sind es Textstellen zu eben jener Unwieder­bringlichkeit des Jetzt.

Auch ins Leben mache ich manchmal solch einen Knick: Wenn ich schreibe.

Minimal­beob­achtungen.

Die andere Seite

Es ist Herbst geworden. Wie gerne wäre ich die Autorin, die im französischen Sommer kurz angeklopft hat und sich Geschichten zutraute. Doch da ist auch diese andere Seite in mir, die lieber aufräumt, einge­kauft und kocht, Steuer und Abrechnung macht, als sich einen Kunsttag in der Woche oder eine Kunst­stunde am Morgen zu erlauben. Die lieber Daten von 2003 bis 2019 sortiert, als etwas Neues zu wagen. Die lieber eine Neuauflage eines zehn Jahre alten Buchs produziert, das nun den Keller und die Gedanken blockiert.

Dorftratsch

Im Traum heiratet deine Oma Frida ihre beste Freundin. Lenas Heirat mit Jana hat sie ermutigt, endlich auf sich zu hören, und nicht mehr auf den Dorftratsch. Hochzeit mit 89 und ich bin nicht dabei. Ich bin so mit mir selbst beschäftigt, dass ich die Einladung nicht richtig lese und mir denke, es geht um einen gewöhnlichen Geburtstag, den ich ja ruhig mal verpassen kann, wenn es mir doch gerade einfach nicht gut geht. Gleich­zeitig verpasse ich den Kuchen und du wirst bei der Hochzeit nach meinem Verbleib gefragt. Frida ist untröstlich, dass ich nicht komme – das kann ich nicht mehr gut machen. Und ich? Schaue derweil aus dem Fenster und mache nichts, endlich mal nichts.

Murmel

»Ich steckte meine Kugel in die Tasche und ließ meine Hand darin. Und plötzlich brauste ein Gedanke in meinem Kopf …
Was, wenn meine Kugel aus dem kanadischen Automaten vielleicht gar keine Murmel war, sondern dieser Planet?«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Eisfabrik

»Mein Vater kaufte sich einen weißen VW-Bus mit einer lauten Hupe, die drei verschiedene Töne spielen kann. Damit hupt er die ersten zwei Takte von ›Im Frühtau zu Berge‹, dann ist Schluss. Einmal habe ich ihn gefragt, warum es gerade dieses Lied sein müsse, und er antwortete, dass es Appetit auf Eis mache. Der Haupt­grund sei jedoch, dass Frühtau, ach Frühtau, ein Wort sei, das eigentlich selbst eine Eissorte sein müsse. Und daraufhin ging er in den Keller und schuf eine neue Eissorte, die er ›Frühtau‹ nannte, ein Quitten­sorbet. Später komponierte er auch eine Sorte für burnout­gefährdete Deutsch- und Englisch­lehrer. Sie besteht aus Kumquats, Dörrpflaumen und gerösteten Mandeln, die ein bisschen angebrannt sein müssen, und heißt ›Plusquam Parfait‹.
…

Mein Vater fährt immer dann mit dem Eiswagen herum, wenn er Lust dazu hat, selbst im Winter. Die Leute kaufen sein Eis auch in der kalten Jahreszeit. Auf Anfrage kreiert er Sorten für bestimmte Menschen oder Anlässe. Das ist teuer, aber es gibt trotzdem eine Menge Leute, die gern eine Eissorte haben wollen, die nach ihnen benannt ist. So viele Dinge werden nicht nach einem benannt. Für das meiste muss man tot sein und für den Rest reich.
…

Das Eis meines Vaters ist anders als andere Eise, die man sonst so bekommt. Die Sorten haben Namen wie ›Schulfrei‹, ›Freude‹ oder ›Schöner Götter­funken‹. Aber es gibt auch düstere Sorten wie ›Melancola‹, ›Mathe-Eis‹ und ›Kummer­speck‹. Er hat Eis für jeden Tag in der Woche. Montags gibt es Sauren Apfel, dienstags Zartbitter, mittwochs Grieß­breis und donnerstags Rhabarber­kucheneis mir Baiser. Die Wochen­end­sorten sind zwanzig Cent teurer. Das Freitagseis besteht aus eine Kugel Schoko­vanille mit Pfann­kuchen­streifen darin und einem Geheimnis. Das heißt, innen in der Kugel versteckt er eine kleine Überraschung. Meistens ist es etwas zu essen, ein Kaugummi, ein Schokopfeffer­minz­taler oder ein Karamell­bonbon. Doch hin und wieder ist es etwas anderes, ein runder Kiesel, eine Muschel oder ein gestreiftes Schneckenhaus. Jeden­falls muss man dieses Eis sehr langsam essen.

Das Samstagseis birgt zwar keine Überraschungen, ist aber dafür eine Riesen­monster­kugel Fiordilatte mit rosaroter Himbeer­sahne­haube. Sonntags gibt es Mandeleis mit Meersalz in der Konzentration menschlicher Tränen. Das Sonntagseis enthält kaum noch Wasser, sondern ist eher wie kaltes Marzipan. Dieses Eis gibt es auch – mit jahres­zeit­lichen Variationen – an höheren Festtagen wie Ostern (mit Hefekranz­stückchen), Pfingsten (mit rosa Pfeffer) und den Advents­sonn­tagen (mit Apfel, Nuss und Mandelkern). Aller­dings heißt es an den Feier­tagen ›Kyrieleis‹. Alle Tages­eis­kugeln kann man ausschließlich an ihren jeweiligen Wochen­tagen erhalten.

Mein Vater denkt sich auch Eissorten aus, die er nur in Kombination verkauft. ›Stadt­land­fluss‹ zum Beispiel besteht aus drei Kugeln, nämlich ›Stadt‹ (Gin und Tonic), ›Land‹ (Milch und Honig) und ›Fluss‹ (Wasser­minze). Die Sorte ›Freiheit und Abenteuer‹ besteht aus jeweils einer Kugel wildem Thymian und einer aus Pistazie-Sambal. Es gibt außerdem eine Sorte, die heißt ›Vorfrühling‹ und besteht aus Waldmeister und Jasmin. Eine andere heißt ›Sommer‹, ein Blutorangeneis, unter das er die gelben, orangenen und roten Blüten­blätter von Ringel­blumen mischt. ›Herbst‹ macht er aus Birne in Rosen­wasser und ›Winter‹ aus Sternanis und Kokosmakronen­krümeln. Alle vier Kugeln zusammen kosten so viel wie drei, denn die Jahreszeit, die gerade ist, gibt es gratis dazu.«

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts

Amrita

»Die Menschen … können nur im Hier und Jetzt leben, dafür sind sie geschaffen, aber aus irgend­einem Grund denken sie ständig an Vergangenes oder machen sich Sorgen um Zukünftiges. Das kommt mir so komisch vor, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, diese Gedanken rauszu­lassen, nämlich Geschichten zu schreiben. Ich glaube, indem ich allerlei Sachen über verschiedene Leute aufschreibe, kann ich mir allmählich immer klarer über das werden, was ich selber fühle.«

»Man versteht die selbst­ver­ständlichsten Sachen nicht, solange man nicht mindestens einen so kraft­vollen Sonnen­untergang gesehen hat. Wir lesen eine Million Bücher, sehen eine Million Filme, küssen den Liebsten eine Million Mal, bis wir endlich begriffen haben: Den heutigen Tag gibt es nur ein einziges Mal.«

»Paß auf, daß du nicht alles so überstürzt wie ich, hörst du! Schau dir das Essen an, das Mutter für dich kocht, den Pullover, den sie für dich kauft. Schau deinen Klassen­kameraden ins Gesicht, sieh hin, wenn ein Haus in deiner Nachbarschaft abgerissen wird, sieh dir alles genau an. … Daß der Himmel blau ist, zum Beispiel, oder fünf Finger an jeder Hand sind, daß man Vater und Mutter hat, daß man Grüße mit unbekannten Leuten auf der Straße tauschen kann – es ist, wie seinen Durst mit frischem Wasser zu stillen. Man muß jeden Tag trinken, um weiter­zuleben. Das ist mit allem so. Wenn man nicht trinkt, verdurstet man irgendwann und stirbt, genauso ist das. Weil man nicht getrunken hat, obwohl genug Wasser da ist.«

»Als Kind habe ich es immer so traurig gefunden, wenn der Abend nahte. … Die Dunkelheit verdeckte die Zukunft, und der Sonnen­schein des nächsten Tages schien unglaublich fern. Die Zeit kam mir dicht­gedrängt vor … Kinder haben immer ein untrügliches Gespür dafür, ›daß es das Jetzt nur dieses eine Mal gibt‹. Ihre Arme und Beine wachsen so schnell, daß sie fast das Knarren hören können, deshalb weiß ihr Körper einfach instinktiv, daß es mit dem Jetzt genauso sein muß.«

Banana Yoshimoto: Amrita

Spiegel

Du musst nicht in jeden Spiegel schauen, der dir ins Auge fällt. Starke Frauen, geht voran als Teil unserer suchenden und fragenden Generation. Ich backe solange Brot und schaue aus dem Fenster dieser etwas zu kleinen Wohnung in dieser komischen Stadt, die ich zu lieben mir vorge­nommen habe. Reisen geht ja auch nicht für immer.

Romantische Ruine

»Die als verfallene Ritter­feste gebaute Löwenburg bekommt bald ihren zerbombten Hauptturm zurück.«

Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne mehr in meinem E-⁠Mail-Postfach als bei dir.

Sabrinas schönste Sprichwörter, Teil 3

Sie wollte uns über den Tisch führen.
Zurück zum Text.
Ins kalte Messer laufen lassen.
Zwei Gänge runter­schrauben.
Um das Pferd von Hinten aufzu­rollen.
Ständig kommt man ins Hinter­treffchen.
Dafür ist zu viel Porzellan den Bach runter­gegangen.
Ich fühl mich wie die Prinzessin unter der Erbse.
Das reicht ja für keinen müden Finger.
Dann können wir jetzt auch gleich den Löffel in den Sand werfen.

Nähe

»Glück ist, im Fremden die Nähe zu finden, die man bei Freunden manchmal gar nicht mehr sieht. Oder sich nicht zu sehen traut.«

Blätterdach

Blätterdach

Matt

»… He even came to my thirtieth birthday party in Oakland that doubled as performance art, where I demanded that everyone wear white and that no one speak. In the video of it, Matt is the star, master of commu­nicating through silence—playful, reverent, and true. This is how I will remember him.«

Ivy Johnson, thank you for sharing this memory.

Treppentanz

Treppentanz

Timeline

Matt ist gestorben, schreibt mir Cassie. Es dauert, bis ich die Nachricht verstehe. Ich versuche im Internet heraus­zufinden, was passiert ist. Ein Verbrechen oder ein Unfall, vielleicht beides. Erst war er vermisst, dann fand man seinen Rucksack und später, ganz woanders, seinen Körper. Wie manisch schaue ich meine alten Fotos durch und seine Bilder auf Facebook und Instagram der letzten Jahre. Das ist alles, was bleibt, eine Timeline. Am nächsten Tag ist sie gelöscht.

Den letzten Kontakt hatten wir vor zwei Jahren, als ich in New York war und er in Hongkong. Wir haben uns immer wieder verpasst. 2008 waren wir Praktikanten bei Pentagram, gleich an meinem ersten Tag haben wir uns angefreundet. Bei Matt fühlte ich mich wohl, er war geduldig mit meinem holprigen Englisch, wir lachten zusammen über meine Wortschöpfungen. Ich mochte seine ruhige freundliche Art, seinen Humor und seinen offenen Blick auf die Welt. Gemeinsam besuchten wir Ausstellungen und probierten uns durch New Yorks Restaurants, er nahm mich mit zu Konzerten, durch ihn lerne ich die Stadt und viele spannende Menschen kennen. Er stellte mir seine Lieblings­musik zusammen, der Sound­track zu meiner vierwöchigen Reise mit dem Zug durch die USA. Am Tag meiner Abreise zurück nach Deutschland begleitete er mich zum Flughafen. Auf dem Weg dorthin fiel mir auf, dass ich das Ticket falsch gelesen hatte und ich meinen Flug verpassen würde. Matt blieb ruhig und half mir beim Umbuchen, gar kein Problem. Danke, Matt. Für jeden Moment mit dir.