Im Traum kommst du, um mich zu wecken, küsst mich auf den Mund. Ich schrecke auf, kann mich nicht bewegen – ich träume noch. Stimme des Erzählers: »Die Leute machen weiter, jeden Tag, denn die Geschichte muss ja weitergehen.« Ich sehe ein Kinderbuch über eine Welt, etwas mittelalterlich, mit Markt und Stadtmauer. Ein Kind fragt immerzu: »Und wie geht die Geschichte weiter?« Alle tun komische Dinge, die nicht zueinander passen, da jeder seine eigene Geschichte schreibt, ohne auf die Geschichten der anderen einzugehen. Alle reden durcheinander. Geschichten in Geschichten und niemand, der uns das Erzählen lehrt. Wer erzählt, ist verantwortlich für das Durcheinander hier.
Meine Ausstellung steht und ist eröffnet. Sie ist leicht zu übersehen, unscheinbar am Rand platziert. Wieso verstecke ich die Dinge so? Vielleicht weil auch meine Sehen so ist? Alltägliche Beobachtungen, nicht inszeniert. Klein, leise und ruhig, im Schatten oder Halbschatten. Schon lustig, die Kunst: Man taucht ab, macht, legt hin, lädt ein – alle kommen, schauen und nicken.
Der Bundestag beschließt die Ehe für alle. Clara macht mir spontan einen Antrag, ich sage sofort ja. Du stehst daneben – amüsiert und auch etwas verschreckt, zumal wir gleich allen erzählen, dass wir verlobt sind. Trauung in Konstanz, in der Kapelle, die meinem Papa so gefällt. Dann mit dem Schiff raus auf den See, ein Fest auf dem Wasser, die Nacht in Bregenz. Und dann leben wir am Bodensee, genau zwischen Konstanz und Bregenz, auf einer eigens für uns aufgeschütteten Insel, in einem Haus, das du für uns entwirfst. Wir adoptieren dich und Sabine wird Trauzeugin, die den Junggesellinnenabschied organisiert – garantiert ohne Eierlikör, Alkohol aus Spritzpistolen und Kartoffelsalat in Plastikeimern. Wir tragen Kleider, ich in blau, Clara in pink. Oder doch ein rosa Anzug? So streichen wir dann auch unser Haus mit Holzwerkstatt und Atelier in blau und rosa.
Lieber mit Justyna am Feuer, lieber neue Leute mit Geschichten von einem Tag in Polen mit drei Heiratsanträgen in einer Familie, einer davon auf einem Ameisenhaufen. Ja! Und ein jubelnder Sprung in den Fluss, auf der Flucht vor den Ameisen.
Im Traum ein Mord oder Selbstmord. Ich habe damit zu tun, weiß aber nicht, was passiert ist. Ich irre durch die Universität auf der Suche nach Spuren, die ich verwischen will. Eine Trauerrede im Hörsaal, nur Männer in schwarzen Anzügen, daneben ein Theaterstück von Studierenden. Als Kulisse steht da ein Lastwagen, ich setze mich ins Fahrerhaus und verfolge die Handlung, als könnte sie mir sagen, was passiert ist. Auf meinem Bauch entdecke ich Fußnoten, zu jedem Leberfleck eine. Du setzt dich zu mir auf den Fahrersitz und schaukelst, bis die Kulisse wackelt und die Karosserie nach vorne wegklappt. Wir sitzen im Rampenlicht, die Schauspieler spielen einfach weiter. Ich will nicht gesehen werden, flüchte in unsere Wohnung – sie ist winzig und von dunklen Tüchern verhangen. Muffige Geheimnisse liegen in der Luft, die Nachbarin heult, stürzt die Treppe hinab, du gehst und schaust nach ihr. Bei mir sind Steffis Kinder, auf die ich aufpassen soll, auch Amelie und Vincent. Alle wollen meine Aufmerksamkeit, doch ich fühle mich verfolgt. Die Kinder haben Hunger, da fällt mir ein: Es gibt eine Kantine, die gratis die Reste eines Luxushotels anbietet. Man soll anfangs zumindest vorgeben, Spenden zu wollen. Es gibt Berge an Kuchen, Törtchen und Waffeln, aber nur noch winzige Teller. Ich lade mir meinen so voll, dass ich ihn kaum tragen kann. Auf dem Weg vom Buffet zu den Tischen verliere ich einen Brownie, einen Käse-Kirschkuchen und eine vor Zucker triefende belgische Waffel. Der ganze Boden liegt voller Kuchen, mein Teller ist leer. Ich gehe zurück zum Buffet und finde nur neue Kuchen: Rhabarber mit Baiser-Bergen, verbrannte Reste. Auch die schlage ich mir auf den Teller und verliere sie auf dem Weg zum Tisch, an dem die Kinder sitzen, mit großen Augen und knurrenden Bäuchen. Das unfreundliche Personal (wie die Kuchen aus dem Hotel aussortiert) schaut mich vorwurfsvoll an, liest die Kuchen vom Boden auf und stellt sie zurück ans Buffet. Ein Anschein von Schlaraffenland, die Behauptung von Großzügigkeit, aber am Ende doch nur leere Teller und ein verklebter, krümeliger Boden. Und eben ein Mord, an den ich mich nicht erinnern kann.
Kein Tag ohne Schreiben, dem Denken wegen. Das Papier ist mein Zuhause, da bin ich ich. Jeden Tag neu.
Der Traum ist bunt und laut, gewaltsam und schön. Männer, Frauen, verwischt – reduziert auf ein Gesicht, das wie ein Mahnmal vor mir schwebt. Als ich aufwache, krabbeln überall Ameisen.
Alles verkaufen und verschenken, nur ein Rucksack und los. Oder liegt es am Sommer, dass ich die Dinge, Bücher und Wollsachen nicht mehr verstehe?
Ein Hochbett mit guter Aussicht auf die Blumenwiese, die damals noch kein Wohngebiet war. Wand und Decke aus Holz mit Astlöchern, in denen ich Tiere sah. Neben dem Kopfkissen an der Wand ein Bildchen, ich glaube gestickt von Mama. Sie hatte ein paar so Schätze, eine hübsche Nadeldose (die hat sie heute noch) und Metallplättchen mit Glasblumen, selbstgemacht, nur wie? Unter dem Hochbett mein Puppenhaus mit elektrischem Licht und Klingel, es hat mal Mama und ihrer Schwester gehört. Opa baute mir den dritten Stock dazu: Kinderzimmer und Bad. Vom Taschengeld kaufte ich mir Polly Pocket, noch kleinere Welten. Und gegenüber der Kaufladen, auch von Mama geerbt. Jetzt mit Holzgemüse (vielleicht auch erst später, als es der Laden meiner Schwester war). Mein Schreibtisch hatte vorne so ein rundes Fach für Stifte und einen roten Stuhl. Immer lief ein Hörspiel rauf und runter. Dazu habe ich gemalt und mir selbst Geschichten erzählt. Oder den Barbies Kleider genäht, Villen aus Lego gebaut und Gärten angelegt. Und jedem Besuch musste ich es zeigen: Mein Zimmer, meine Welt.
»Kunst macht genauso müde wie andere Jobs, oder noch viel müder, weil nie klar sein wird, wieso man das tut. Das muss man selbst wissen.«
Etwas Magie in meinem Zimmer: An der Wand zwei Regenbögen und ein Sonnenfleck. Das will ich immer einfangen und wie einen Schatz aufbewahren.
Ich sehe anderer Leute Kinder und schaue nicht die Kinder an, sondern die Eltern – aus der Kind-Perspektive.
Miserabel geschlafen, die dritte Nacht in Folge. Seit ich von Serotoninmangel gehört habe. Nun liegt sogar ein Druck auf meiner Schlafqualität.
Stickige Luft im Wartezimmer. Das Fenster unterteilt die Komplexität der Welt in einzelne Ausschnitte. Jeder für sich genommen scheint verständlich, wie jeder Moment für sich genommen erträglich ist. Ich schaue auf einen Fensterausschnitt, vorne ein altes Dach, dahinter eine neue Fassade, oben ein Stück Himmel. Neun Fenster, neun Ausschnitte. Ich mag diese Aufteilung der Welt, Fensterblicke. Details statt das große Ganze. So ist es auch mit meinen Grundsatzfragen – die kleinen Beobachtungen retten mich vor dem großen unfassbaren Ganzen.
Dieser Typ, der mir alle paar Jahre über den Weg radelt oder läuft oder plötzlich dasteht und guckt – als ob er mich immer mal wieder daran erinnern wollte, dass ich mich nicht erinnern kann. Als ob er wüsste, wer ich bin und wer ich nicht war, als ich ihn küsste und kurz darauf ging und einen Anderen mit nach Hause nahm. War das überhaupt er? Oder hatte ich mir den Kuss nur gedacht, als ich ihn bei einer anderen Party tanzen sah? Von dort kam ich nicht mehr nach Hause, es war zu spät. Ich fragte einen harmlos aussehenden Jungen, ob ich bei ihm schlafen könne. Ich wusste nichts über ihn, folgte ihm zu seiner Wohnung, bekam ein großes weißes T-Shirt und legte mich in sein Bett. Ich wachte früh auf und nahm den Bus, nur weg, nichts wie weg. Wer war ich? War ich überhaupt? Ich kannte hier niemanden und niemand kannte mich. Hinter mir war alles zusammengebrochen, alle wollten weg, also ging auch ich. Nur wohin? Und wie sollte es weitergehen? Ich war einsam, ohne Heimat, Liebe, Halt und so sehr auf der Suche. Dann fand ich das große Nichts. Das Vergessen. Ein Loch in meiner Erinnerung. Manchmal krabbelt dieser Typ dort heraus. Vielleicht will er mir sagen, wie es dort ist, in diesem Loch, in dem ich ihn einfach so habe stehenlassen, um kurz etwas zu holen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar so gemeint. Oder jemand hat schräg geguckt und mich erkannt, ich wollte kein Gerede. Oder ich ahnte, dass er gerade dabei war, sich zu verlieben, mich zu verhexen und dann zu gehen. Vorher ging ich. Doch er geht nicht. Taucht ab und zu auf und guckt. Dieser schiefe Mund, immer in Bewegung, als wüsste seine Zunge nicht wohin mit sich. Nächstes Mal frage ich ihn, was damals war, ob was war, ob mein eigentliches Leben genau dort in diesem Loch weiterging, während ich hier draußen danach suche.
Das Leben wird also langsamer mit 31. Man geht nicht mehr aus und merkt es nicht einmal. Nur wenn eine Freundin kommt, die man schon 12 Jahre kennt, oder immer noch nicht. Man leert eine Flasche Wein und lacht wie früher. Und dann? Man spricht von dreimonatigem Fernweh, dem man keine Reise entgegensetzt, sondern ein aalglattes Portfolio, zu dem weder Werber noch Architekten nein sagen können. Für wen will man arbeiten? Will man überhaupt arbeiten? Und was tun, wenn nicht? Hinschmeißen, Esandersmachen, Panik.
Draußen dreht sich das Karussell weniger schnell.
Wandertag mit treuloser Tomate, der das Leben noch viel enger gestrickt wird als mir. Ich falle durch die Maschen und verfange mich beim Kletterversuch zum Faden, um ihn selbst weiter zu stricken im chaotischen, aber authentischen Muster meiner Launen.
Im Traum lässt du mich kurz aus den Augen, verschwindest einmal mehr im Gebüsch, als ich Tommy treffe. Er ist auch schon früher an den See gereist, bevor der ganze Chorrummel hier losgeht. Er zeigt mir ein paar Schaukeln in den Bäumen über dem Wasser. Ich folge ihm und mag seinen Rücken. Wir gehen schwimmen. Ich klettere auf eine der Schaukeln und Tommy hängt sich an meine Beine. In der großen Runde setze ich mich neben ihn, du schleichst um uns herum. Als ich aufwache im Traum, hast du deinen Gürtel um unser beider Hüften geschnallt und ich habe einen dicken Fisch im Mund. Ich hole ihn raus und esse ihn langsam.
»Klepp schlägt zeitweise Stunden mit dem Entwerfen von Stundenplänen tot… Nur wahre Faulpelze können arbeitssparende Erfindungen machen.«
»Es ist aber das Verhältnis der Erwachsenen zu ihren Uhren höchst sonderbar und kindisch in jenem Sinne, in welchem ich nie ein Kind gewesen bin. Dabei ist die Uhr vielleicht die großartigste Leistung der Erwachsenen. Aber wie es nun einmal ist: im selben Maß, wie die Erwachsenen Schöpfer sein können und bei Fleiß, Ehrgeiz und einigem Glück auch sind, werden sie gleich nach der Schöpfung Geschöpfe ihrer eigenen epochemachenden Erfindungen. Dabei ist die Uhr nach wie vor nichts ohne den Erwachsenen. Er zieht sie auf, er stellt sie vor oder zurück, er bringt sie zum Uhrmacher, damit der sie kontrolliere, reinige und notfalls repariere. Ähnlich wie beim Kuckucksruf, der zu früh ermüdet, beim umgestürzten Salzfäßchen, beim Spinnen am Morgen, schwarzen Katzen von links, beim Ölbild des Onkels, das von der Wand fällt, weil sich der Haken im Putz lockerte, ähnlich wie beim Spiegel sehen die Erwachsenen hinter und in der Uhr mehr, als eine Uhr darzustellen vermag.«
»Angenehm langweilig und unbeschwert albern.«
»Durch eine infame Architektur um einen lohnenden Ausblick gebracht, schaute ich mir nur noch den Himmel an und fand schließlich darin Genüge. Immer neue Wolken wanderten von Nordwest nach Südost, als hätte jene Richtung den Wolken etwas Besonderes zu bieten gehabt.«
Günter Grass: Die Blechtrommel