Christina Schmid
Anfänge und Enden

Sollbruchstelle

Im Traum besteigen wir ein Flugzeug aus Beton, mittig ist eine Sollbruchstelle eingebaut, ein leerer Raum aus Holz. Dahinter fehlen die Nummern von zig Sitzen. Wieder am Boden holen wir uns Tassen mit heißer Chili-Milch, die wir schlürfen. Frau Pavlik-Huber wird schon beim Anblick rot wie das Getränk, ihr Rock kratzt und ihre Jacke aus Filz. Wir erzählen vom Haus im Garten, du begeistert, ich resigniert. Man lässt es uns nicht lieben.

Exil

Im Traum sind wir in der Schweiz, wo das Einchecken in Züge so ganz anders funktioniert als hier. Überall laufen Schaffner herum und fragen uns, ob wir das schon einmal gemacht haben. Nein? Aha. Nur wie es geht, verraten sie uns nicht. Das erklärt uns eine Exilschweizerin mit hübschem Schal, die uns die Stadt zeigt und einen Zug nach dem anderen verpassen lässt.

Kinderschuhe

Ankunft in einem Hotel aus braunen Kellerabteilen. Der Hotelier schiebt uns die Wände der Zimmer zurecht und lacht. Erinnert sich daran, wie absurd oft ich angerufen habe, um alles abzuklären für unseren Besuch aus China: Ein Fabrikant von Schuhen, die ich bewundere. Aber nur für Kinderfüße, behauptet er. Warum passen sie mir dann? Mein Schrank ist voll davon! Er ist verwirrt und stammelt, vielleicht werden sie für Europa auch in groß hergestellt?

Faltboot

Im Traum bewohnen wir ein Haus am schwarzen, dickflüssigen Meer. Wir falten uns ein Riesenplakat zum Boot, das schneller wegschwimmt, als ich den Strand aufräumen und loslassen kann.

Laune

Im Traum eine Party, das Leben in einer WG, von der ich schon 2011 gehört hatte. Nur gute Laune und Lust die ganze Zeit! Und Zwangsneurosen, man kennt sich. Sie zeigen mir das Bad, das ich kaum sehe vor lauter Büchern im Studierzimmer aus dunklem Holz, in dem alle ein eigenes Schreibtischchen haben. Im Bad steht eine Reihe englischer Waschmaschinen aus buntem Plastik (sehen aus wie Boxen zum Transport von Hunden oder anderen Haustieren), die am besten funktionieren, wenn die Wäsche drei Tage darin liegen bleibt und dann muffig ganz eng auf Stangen gewickelt wird. Versehentlich wird Glitzer durch den Raum auf die Kunst und alles geföhnt. Demian huscht durch die Räume und verschwindet wieder, so mache ich es auch. Am Telefon will ich Sarah alles erzählen, doch es klingelt und jemand kommt im Halbdunkel auf Knien herein, vielleicht Laurenz, er schmiegt sich an mich und ich mich an ihn, was ihn überrascht. Wir legen uns auf die Sofalandschaft im Wintergarten mit Blick auf ein schiefes Haus am Hang. Ich zeige ihm alles: Die Pools mit den schönen Frauen in absichtlich verrutschten Bikinis, das Buffet unter der Glaskuppel und die schummrige Bar, wo alle so tun, als würden sie mich kennen, als gehörten wir selbstverständlich dazu.

… während Jakob von schwebenden Steinen aus Kratern, abstürzenden Flugzeugen und Experimentiercamps von Aliens träumt. Medienunterhaltung zur Verdummung der Untersuchungsobjekte und Rebellion durch Vorspielen falscher Traditionen und Fälschung von Stuhlproben mit Zigarettenstummeln und frischem Obst.

»Ich werde Ihnen eine Bestätigung der Eskalation senden.«

Gekämmt

Man macht das Bett, kämmt sich und tut so, als wäre alles in Ordnung. Ist es nicht, nach so einer Nacht. Jetzt in der Zacke, die Sonne erklimmt die Ränder des Kessels und leuchtet. Wie schön ist eigentlich diese Stadt von oben!

Zerzaust

Auf der Bühne im Literaturhaus steht Corinna, verkleidet als Geschäftsmann, sie lästert gekonnt, wie ihr lang und breit erzählt wurde, was mir alles passiert. Pointe: Interessiert keinen. Um sie herum installieren zerzauste Studentinnen eine Wand als analoge Dropbox: leere Flaschenkisten, die das Publikum im Laufe des Abends füllen soll.

Meeresfrüchte

4:13 Uhr, dem Traum verpflichtet, den mir Lios unaufhörliches Weinen freilegt. Im Traum wohnt Marion nur zwei Häuser von unserem entfernt im Paradies mit warmen Pools unter Palmen, Buffets und Obst überall. Lio wird uns dort schreiend abgeliefert, er hört nicht mehr auf. Marion hatte gerade angefangen, sich uns anzunähern, ich zögere noch, dann quengelt Maila und wir kochen doch, Meeresfrüchte oder so. Beim Spaziergang durchs Dorf höre ich zwei Passantinnen über die 4D-Oper sprechen, mir wird schon vom Teaser schlecht: Ungefragt werde ich in immer noch unfassbarere Höhen katapultiert und wieder fallengelassen, und schnell wieder hoch, ich sehe über die Berge die Alpen, und wieder freier Fall, mein Bauch rebelliert. Zurück im Paradies wate ich durch einen Teich, der immer tiefer wird, ich trage eine geborgte Hose aus Leder, die trocken bleibt und am Tisch von so Outdoortypen bewundert wird. Wäre sie meine, würde ich sie den ganzen Urlaub tragen. Auf dem Tisch stehen Heidelbeeren, mit denen wir uns bewerfen, zur spontanen Wiederaufführung unserer Baum-Installation. Lio weint noch immer, wir können nicht mehr. Jakob gibt auf und geht mit ihm raus.

Und die Sonne streichelt mein Gesicht, der Wind die Haare.
»Die dürfen das einfach so bei jedem!«

Strand

Ich soll nicht mehr schlafen
Wie ich immer schlief
Eingekringelt zum Kind
Schlaflos gebettet in Kissen
Erwarte ich dich
Auf der Besucherterrasse
Erzähle dem Kind Flugzeuge
Bis du strandest
Um viertel nach elf
Wo ich schon träumte
Empfangen zu werden
Pommes ruft das Kind
Unser Lachen knistert
Goldene Möwe kurz vor Orient
Wo ich schlafen will
Wie ich noch nie schlief.

Thera

Ungelenker Augenflirt mit Maske, schöne Augen. Darf ich mal sehen, wie dein Mund aussieht? Was für ein Beruf! Soll so wehtun, oder? Und so gut! Du schließt die Augen und atmest, ich dann auch. Vielleicht lasse ich beim nächsten Besuch Contessas Herzaufkleber mit Pfeil auf der Liege zurück.

Das Herz kam mit dem ersten Liebesbrief vor 31 Tagen. Jetzt etwas ramponiert, von unserem kleinen Amor, der es überall hinklebt und dann in ein Buch, aus dem es einer Freundin in den Schoß fällt und sie zur Geliebten macht. Das Herz darf wandern, von einem zum andern, und wieder zurück an mich! Und an den, der es fand und mir schickte.

Briefchen

Briefchen voll Mut, die wir uns unter der Decke schreiben. Lieber Briefchen zustecken, als der Gegenwart trauen, die nicht geschrieben ist. All die Sätze aus unserem Telefonat – alles weg, bis auf dein Ächzen, wenn du dich vom Stuhl erhebst, und deshalb nicht hörst, wie ich sage: Wie gut, dass ich mit meinem Protagonisten telefonieren kann.

Loop

Schau mich nicht so an.
– Aber er ist gefährlich.
Kann gut sein.
– Geh nur, wenn er dir gut tut.
Ich öffne etwas in den Menschen.
– Und was machst du damit?
Mich verstecken.
– Betschwester nennt er dich.
Und dann wieder so was!
– Warum tut er das?
Frag Hera. Oder die Dämonen.
– Daher deine Angst.
Habe ich sie gesehen?
– Gespürt.
Alles sagen bricht den Bann!
– Und die Liebe?
Erstickt mit deinem Blick.
– Schade eigentlich.
Weil du alles mitliest.
– Darum schaue ich so.
Schau nicht so.
– Du solltest mal schlafen.
Bis der Winter vorbei ist.
– So lange!
Fängt erst in vier Tagen an.
– Ausgerechnet.
Nicht gerechnet.
– Sonst hättest du später gebucht.
Kann noch stornieren.
– Willst du?
Nein.
– Warum nicht?
Croissants.
– So einfach geht das?
Und Geburtstagsgeschenk!
– Wieder keins von mir.
Macht nichts.
– Doch.
Nicht so schauen!
– Sei bitte vorsichtig.
Immer.
– Naja.
Fast immer.
– Danke für dich.
Ach du.
– Ach wir!
Wir Großartigen!
– Soll er mal so sehen.
Danke für dich.

Die gelben Tomaten aus meinem Traum stehen noch da. Soll ich?

Bleib

Wenn ich nicht die bin
die du dachtest zu kennen
wenn ich nicht ich bin
durch dich
wenn ich ich bin
nur anders für dich
und du gehst jetzt
liebst du nicht mich.

Wenn du nicht bist
den ich dachte
nie kennen zu können
wenn du nicht du bist
durch mich
wenn du du bist
nur anders für mich
und ich bleib jetzt
liebe ich dann dich?

Leben

Lio: Kleine Leben.
Große Leben.
Viele Leben!

Kleben

Lio: Mehr Leben!
Wo bist du Leben?
Kein Leben.

Oper

Inszenierung: Gleichzeitiges Ankommen zweier gegenüberliegender Bahnen, freudiges Parallellaufen am Bahnsteig, schnell die Treppe hinauf, meinen Arm bei dir eingehakt, dir die Kurzversion meiner neusten Lebendigkeit erzählt, während du mich wegkundig und gerade noch rechtzeitig zum zweiten Rang führst.

Kutsche

Eine Kutsche mit Bett, in dem ich mit Clara und Hanna liege, sie hält in eurer Wohnung, lachend hilfst du Iris hinauf auf unsere Deckenburg, um dich dann noch rasch stilvoll an die Bar zu setzen, an der du eingesammelt werden willst. Dann sitzen wir alle fröhlich in eurem Bad herum, das dunkel gefliest ist, vielleicht grün und orange, wie in Omas Haus aus den Siebzigern. Bis etwas bei mir nicht stimmt. Ich frage, ob ich kurz allein sein und nachschauen darf, ihr geht raus. Zu meinen Füßen liegt ein Haufen Schleim, sieht aus wie eine dicke Qualle, dazu glibberige Teile eines Skeletts, dehnbare Spiralen. Du kommst zurück, um nach mir zu sehen. Tapfer sammelst du alles ein und findest eure alten Backförmchen darin, die du eh nie mochtest, die aus Leinen (oder Frottee?) mit blauen Bordüren magst du lieber. Funktionieren die denn? Aber ja, sagst du, werden gleich bestellt.

Tomaten

Anfang Dezember habe ich grüne Minitomaten aus dem Hochbeet an unserer Loggia geerntet, eine Schüssel voll, und sie seither mit einem Apfel in ihrer Mitte nachreifen lassen, jetzt sind sie gelb. Im Traum schaue ich gedankenverloren aus dem Fenster und snacke nebenbei diese Tomaten, nachdem die halbe Schüssel leer ist ist, fällt mir ein, dass sie giftig sind.

Brief

Können wir nicht auf E-Mails umsteigen? Diese postalischen Wartezeiten sind ja kaum auszuhalten in der heutigen Zeit. Der Briefkasten freut sich indessen über seine Verzauberung. Schlaflos lese ich wieder deinen Brief und krieche in deinen Traum.

Liebe

Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.

Liebe ist, was Liebe tut.

Eine Kombination aus Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe und Vertrauen.

Bell Hooks: Alles über Liebe

Wir

›Wir‹ bleibt beweglich,
ein Traum mit Schloss,
eine Heimat auf Zeit.

Luxus

Der Luxus eines vollen Terminkalenders, um den du mich beneidest. Mal tauschen für einen Tag?

Diagnose

Ich frage nach meiner Schulter und bekomme eine Diagnose für meine ganze Generation, die sich (laut Orthopädin) Visionen bastelt und, wenn sich was nicht erfüllt: heult. Statt mir die Röntgenbilder meiner krummgesessenen Knochen zu erklären, schrumpft sie mich mit der Standpauke einer Sportlehrerin zur wütenden Zehnjährigen: Sie sind nicht mehr jung, kaufen Sie sich ein Rudergerät! Zum Abschied eine Umarmung (Hä?) und ein Zettel: 1 km Rudern, 10.000 Schritte, 1 h Radfahren. Aber wohin?

Leicht

Du umarmst wie ein Brett und tanzt wie ein Soldat, deine Sprache will leicht sein, doch dann wieder: Sokrates.

Wortschatz 2

Ich
Mein

Hupaupa = Hubschrauber
Hatsi = Taxi
Miin = Kamin
Blumblum = Luftballon