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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Ruinenhügel

Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veran­staltung Menschen­massen in den Garten. Nichts ist fertig vorbe­reitet – kein Waffelteig, kein frisch­gepresster Saft, kein aufge­brühter Liebes­zauber, auch nicht die Räume im Brombeer­schloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marien­hospital, zerstören leerstehende Gebäude­teile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wasser­massen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.

Tropf

Ich salze meine Suppe mit Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen.

Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen und esse sie dir weg.

Free to work

»One paints when there is nothing else to do. After everything else is done, has been taken care of, one can take up the brush. After all the human social needs, pressures are accounted for. Only then can we be free to work.«

Ad Reinhardt

Das wichtigste aller Bücher würdigen: das Notizbuch.

Anrufung der Riesin

»… wie ich immer wieder auf dem Boden sitzen geblieben bin, den Kopf voller Träume über die Sterne, aber im Körper ein Scharlatan­wissen, das besagte: zu weit weg, nicht zu erreichen, nicht für dich.«

»Es stimmt, dass so viel Schmerz aus den Strukturen stammt, dass sie es sind, die ihn erzeugen. Und es stimmt auch, dass ich mich teilweise in diesem und anderem Schmerz einge­richtet habe, dass ich ihn angenommen und zu meiner Sache gemacht habe. Nicht nur, dass ich mich vor allem über diesen Schmerz verstanden habe, sondern auch darüber verstanden werden wollte.«

»Nie würde ich sagen, dass mit einem liebe­vollen Verhältnis zu mir selbst alle Probleme gelöst würden. Diese einseitige Geschichte von Selbst­liebe ist auch nur ein weiterer Scam unserer verrohten Strukturen, weil es bei Liebe natürlich auch um Responsivität und Resonanz geht, um Berührung im weitesten und offensten Sinne, um Zusammen­leben. In einer liebes­armen Gesellschaft, in der unser Mitein­ander von Wettbewerb, von Vereinzelung und Verelendung, von Überlebens­kampf definiert wird, sind die Rufe nach Selbst­liebe viel zu oft nichts anderes als die Rufe nach Verpanzerung. Ein Oneway­ticket in die Abschottung, wo eigentlich tentakuläres Agieren notwendig wäre. Aber auch ein Tinten­fisch muss mal seine Noppen putzen und es ist wichtig für mich, mich daran zu erinnern, dass es einen Spielraum gibt.«

»… eine der unver­wandten Mütter meines Herzens. Ich will mich zwischen ihren Füßen nieder­lassen mit meiner ganzen lädierten Erbärmlichkeit, meiner schmal­lippigen Ernsthaftigkeit, bodenlosen Witzlosigkeit. Ich möchte meine Frigidität hier ausbreiten, meine Sprachlosigkeit mitbringen, meine Seltsamkeit, mein übersprudelndes Sprechen, meine überbordende Freude, mein überdrehtes Lachen. Lass mich meine Hysterie nieder­legen, und meine unstillbare Lust, meine brennende Scham, meinen schweren Kopf, die leichten Gedanken, die süßen, die bitteren. Das Gesagte, das für immer Verschwiegene, alle Geheimnisse, die ich niemals aufdecken werde, niemals aufdecken will, weil nicht in jedem Aussprechen eine Katharsis steckt, weil manches verborgen bleiben darf.«

»Ich weiß, welche Sehnsucht dieses Bild in mir anspielt: die Sehnsucht nach einer ungebrochenen Mutter. Ich werde dieser Gesellschaft nie ihre traurigen Mütter verzeihen, diesen anhaltenden Schmerz, der Weiblichkeit bedeutet, und der immer deutlich spürbar war, in den Bewegungen, dem Welt- und Selbst­ver­ständnis, den Gesten und Worten meiner Vorfahrinnen.«

Lisa Krusche: Anrufung der Riesin

Was mich interessiert

»Klammern, die sich öffnen, und in ihnen: Welten.

Mich inter­essieren Randbe­merkungen, Einwürfe, Apropos. Neben­sächliches, das zu Haupt­sache wird wie das Abwasser im Schacht.

Eine bestimmte Art, Verwirrung zu stiften.

Schachtel­sätze, die in –, oder besser: gar nicht enden.

Episoden, zwischen denen ein Kind gefüttert, eine Ananas, umgetopft wird, wie die Ananas, die früher im Zimmer meiner Klavier­lehrerin stand. Wie sie in Tränen ausbrach, als ihr Auto auf den Schrott musste, Fiat Panda, erste Generation, und sie schilderte mir jede darin unter­nommene Reise, und – das hatte ich immer gefragt – wie die Noten­berge im Kofferraum dorthin gekommen waren, Blatt für Blatt. Das Zittern ihres kleinen Fingers, des einzigen, den sie lackierte, metallicgrün wie ein Rosen­käfer, zehn Jahre lang.

Mich inter­essieren Epen, die, verkapselt wie ein Geschwür, im Inneren der Erzählerin, die ein Archiv ist, schlummern, bis sich die richtige Zuhörerin nähert, Schlüssel-Schloss-Prinzip

Mich inter­essieren Dinge, die mich absolut nichts angehen.«

Enis Maci: die Haken, die die Sache hat
In: Neue Erschöpfungs­geschichten

Allgemein

»Und ich denke jetzt immer wieder daran, wie ich mich vor drei Jahren nach dem Nachhause­kommen ›auf den Boden warf‹ und sagte ›so will ich nicht mehr leben‹ und dass ich mich inmitten der Verzweiflung fragte, wie ich umgehen soll mit dem Bedürfnis, ›das alles‹ origineller, zu formulieren, origineller zu handhaben, eigener. Ich komme aber jetzt zu dem Schluss, dass es richtig war, so allgemein mich auf den Boden zu werfen und so allgemein zu reden, weil alles ganz allgemein geworden war und ich mit vielen zugleich ganz allgemein unzumutbare Gefühle hatte.
Ich hänge Euch dieses Foto der Frau mit dem Maxipullover an, auf dem in riesigen Buchstaben BLA BLA BLA steht …
Das Foto ist ein Foto des Autorück­spiegels, der die Frau auf irgend­einer Raststätte, es war bestimmt Frankenwald, telefonierend zeigt. Am Rand der Finger meines kleinen Sohnes, der versucht, die Aufnahme zu stören.«

Heike Geißler: Liebe X, lieber X,
In: Neue Erschöpfungs­geschichten

Lio: Wie hat der erste Mensch schreiben gelernt? Und wer hat alle Wörter erfunden? Weißt du, was ›ich esse einen Baum‹ auf Spanisch heißt? – Brokkoli!

Du hast meinen Traum wegge­schüttelt.
Lio: Der ist jetzt in der Pflanze, die träumt jetzt.

Auf allen vieren

»Ich bin niemand, den man kennt. Ich spare mir weitschweifige Details, was ich genau mache, nur vielleicht so viel: Ich bin eine Frau, die in jungen Jahren auf mehreren Gebieten erfolg­reich war und sehr beständig weiter­gearbeitet hat, die ihre zentralen Themen stets in einem ekstatischen, losge­lösten Dämmer­zustand umkreist, in einer Art dissoziativer Fugue, getragen von dem Wissen, dass es keinen anderen Weg gibt und ihr ganzes Leben in diesem einen Gespräch mit Gott besteht. Vielleicht ist Gott aber auch das falsche Wort. Mit dem Universum. Dem Netz unter allem. Ich arbeite in unserer umgebauten Garage. Ein Bein meines Schreib­tisches ist kürzer als die anderen, und ich nehme mir seit fünfzehn Jahren praktisch täglich vor, irgend­etwas darunter­zuklemmen, aber meine Arbeit lässt es an keinem Tag zu, so dringlich ist sie – ich bin permanent an einem entscheidenden Wende­punkt; alles steht ständig kurz vor der Offenbarung. Um fünf Uhr nachmittags muss ich mich ganz bewusst runter­holen, bevor ich wieder ins Haus gehe, als müsste sich Buzz Aldrin darauf einstellen, direkt nach seiner Rückkehr vom Mond den Geschirr­spüler auszu­räumen. Sprich nicht über den Mond, sage ich mir. Frag die anderen, wie ›ihr‹ Tag war.«

»– all diese Dinge waren dicker und exquisiter als alles, was ich mir zuvor überhaupt hatte vorstellen können. In mir stieg Panik auf – wie sollte ich danach leben, wo ich wusste, dass es so etwas gab?«

»Harris will eigentlich nie mehr als das Nötigste hören. Was vollkommen okay ist. Es wird eine Zeit kommen, nach dieser eher förmlichen Phase, da werden wir einander übersprudelnd alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Und jetzt im Moment würde ich ganz offen­sichtlich nur noch mehr ›Lügen‹ hinzu­fügen. Lügen in Anführungs­zeichen, weil alle das Wort so selbst­gerecht benutzen, als wäre die Wahrheit ein natürlich vorkommender Diamant. Aber gut, nennen wir es lügen. Jeder Mensch lügt in dem Maße, in dem es für ihn stimmig ist. Man muss sich selbst kennen und heraus­finden, welches Maß an Unwahrheit die eigene Natur erfordert. …
Für mich erzeugen Lügen genau die richtige Menge an Problemen, und auch ich zeige mein wahres Gesicht, aber immer nur eins meiner vier oder fünf – jedes davon real und mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die einzige gefährliche Lüge ist eine, die mich zwingt, mich selbst auf ein einzelnes praktisches Wesen zu reduzieren, das man verstehen kann. Ich bin ein Kaleidoskop, und jede glitzernde Glasscherbe changiert, sobald ich mich bewege.«

»Wenn wir eines Tages beide soweit wären, würde ich mich Harris mit allem, was ich war, offenbaren; das wäre dann, als würde ich ihm einen Pullover zeigen, den ich die ganze Zeit heimlich gestrickt hatte.
›Oh. Mein. Gott,‹ würde er sagen. ›wann hast du denn den gestrickt?!‹
›Ach, einfach immer mal wieder, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hast du sogar daneben­gesessen.‹
›Ich wusste ja gar nicht einmal, dass du Stricken kannst!‹
›Es gibt vieles, was du über mich nicht weißt, deshalb diese ganze Pullover-Metapher.‹
Aber wenn man jahrelang strickt, wird der Pullover natürlich irgendwann so riesig, dass man ihn nicht mehr verstecken kann.«

»Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausge­gangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbst­gefällige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unver­ändert wäre, wenn mir dann wieder nach Herum­stolzieren zumute war.«

»Ohne es zu wissen, oder wirklich zu begreifen, war ich ein Körper für andere gewesen, hatte aber für mich selbst keinen bekommen. Ich hatte nie an der aufreibenden Freude teilgehabt, einen echten und konkreten Leib auf Erden zu begehren.«

»Nein, natürlich trieb ich mich nicht in Bars herum. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre in meiner umgebauten Garage verbracht, an dem Tisch mit dem einen zu kurzen Beinen, und gearbeitet. Und wenn ich mal ausge­gangen war, dann, um an meinen eigenen Veran­staltungen teilzu­nehmen oder an den Veran­staltungen, Vernissagen und Premieren von Freund*innen und Peers. … Es war nicht mein Plan gewesen, ein derart exklusiver Mensch zu werden, ich hatte bloß jeden wahren Moment meines Lebens zu vermitteln versucht, was das Leben in meinen Augen eigentlich ›war‹, und mich nur von wirklich Unaus­weichlichem – dem Kind, einer schlimmen Grippe, Hunger oder Durst – davon abbringen lassen. Und in der Zwischenzeit war offenbar Zeit vergangen – große Schwaden von Jahren, Jahrzehnte.«

»Anderer­seits kam ich mir immer größen­wahn­sinnig vor, egal, wie klein ich mich machte. In meiner Vorstellung war ich wohl von Anfang an sehr klein gewesen.«

»›Mama?‹ Sam flitzt durchs Haus, der Roller rattert er auf dem Küchen­boden über meinem Kopf. Der Klang von deren Stimmchen zerschlug mein Herz in tausend Scherben. Was auch immer ich getan hatte, um diesen Schmerz erträglicher zu machen, es verlor abrupt seine Wirkung – ich musste mein Kind sehen, jetzt sofort. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war reglos, wie versteinert. Ich schaffte den Übergang einfach nicht. … Sie wussten, dass ich zu Hause war, aber wo steckte ich nur? Wie lange konnte ich noch hier unten bleiben, ohne in echte Erklärungsnot zu geraten? Nicht mehr lange. … Ich war nicht tot, aber zu sehr Seele. Ich hatte mich zu sehr von Musik und Poesie leiten lassen, und mein derart beseelter Geist hatte begonnen, sich als vollständige Person wahrzu­nehmen. Ihm war gar nicht klar, wie deformiert er war. Jetzt suchten sie mich draußen im Garten. Während andere Menschen, die Dinge in Einklang zu bringen wussten, rannte ich ewig zwischen Gegen­sätzen hin und her, war nie hier, aber auch nicht da.
Man fand mich nicht.
Sie fanden mich nicht.
Gefühlt in letzter Sekunde stapfte ich die Treppe hoch; erwischte den letzten Zug nach Hause.«

»Mein System, bei dem auf ›ächz‹ irgendwann ›puh‹ folgte, versagte auf ganzer Linie.«

»In gewisser Hinsicht war es allein mit Kind leichter. Ich hatte den ganzen Laden fest im Griff. Ich ließ Sam das Bett selbst machen und Servietten falten, und wir folgten einem minuten­genauen Zeitplan. Aber die Tage waren seltsam hohl und blutleer, woran auch erfundene Spiele und Kochre­zepte, Fahrrad­fahren und langes gemeinsames Baden nichts ändern. Irgendwie gelang es mir allein nicht, eine gesunde herzliche Familien­atmo­sphäre zu schaffen. Es fühlte sich gespielt an. … Nicht, wenn wir zusammen in der Badewanne lagen, aber ja, wahrscheinlich gab ich mich die meiste Zeit ausge­glichener, als ich wirklich war.«

»›Hormonell gerad­liniger‹, sagte Jordi mit Blick auf das Diagramm. ›Stell dir mal vor, wie das ist als Mann. Keine Zyklen. Keine Tode vor dem Sterben. Keine Verwandlungen in einen ganz anderen Menschen.‹
Bei unseren Treffen gingen Jordi und ich immer davon aus, dass wir uns seit dem letzten Mal radikal verändert hatten und das auch in Zukunft immer wieder tun würden. Diese ständige Aufruhr war schmerzhaft, um ehrlich zu sein. Aber auch aufregend, weil wir nie sicher sein konnten, was kam. Unsere Dauer­trans­formation war natürlich streng geheim; der Welt, selbst Sam, spielten wir Beständigkeit vor.
›Vielleicht sollten wir das lassen‹, sagte Jordi. ›Uns nicht auf diese Weise verflachen. Sich zu wandeln heißt ja nicht automatisch, verrückt oder verantwortungslos zu sein. Sollten wir nicht versuchen, Veränderung zu normalisieren?‹«

»Sie wollte gehen? Das glaubte ich jetzt nicht. Anderer­seits konnte ich es nie glauben. … Meine alte Fassungslosigkeit über das Verlassen­werden (oder inzwischen vielleicht ein Denkmal des Verlassen­werdens, ein Turm) passte auf jeden Verlust, egal wie groß oder klein.«

»›Arschloch‹, flüsterte ich. Ich meinte das Leben selbst. Kam immer mit irgendwas Neuem um die Ecke, immer mit etwas Unerwartetem. Ich hatte mir einen gottver­dammten Mutterleib erschaffen, und einmal pro Woche durfte ich darin im Einklang sein. Mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Freundinnen und manchmal meinen Geliebten. Und er gehörte mir nicht. Weil einem nichts gehört. Gar nichts, nicht einmal der eigene Leib. Alles vergeht. Aber ich konnte jeden Mittwoch dorthin zurück, mit oder ohne Lust, und – wie nannte man das noch mal? Frei sein.«

Miranda July: Auf allen vieren

Assistentin

Im Traum irre ich durch ein Luxus­kaufhaus und werde ungefragt beäugt und beraten, was ich doch alles unbedingt mal anprobieren soll. Ich flüchte in einen goldenen Aufzug, dort höre ich den alten Chef des Ganzen zu seiner Leibwache sagen, wie sehr er doch seine Assistentin vermisst: Sie war treu und fleißig bis zum Umfallen, brauchte niemals Urlaub und beschwerte sich nie – besser als jede Ehefrau, die er bislang hatte. Ich schnaube laut auf, tätschle ihm den Kopf wie einem Kind und steige aus.

40

40 Ideen, wie ich meinen 40. Geburtstag verbringen könnte:

»wie sehr kann man sich selbst ausge­setzt sein?«

Lisa Krusche: Die Anrufung der Riesin

Verscheucht

An meinem Bett sitzt eine alte Frau mit langem grauen Haar, ich erschrecke, sie lacht. Ihre Kleider sind orange und so schmutzig, dass ich die Farbe nur erahne. Ich verscheuche sie, gsch, wie eine Katze, wedle sie weg. Sie lacht noch lauter und bleibt sitzen. Ich schreie. Mein Herz pocht so laut, dass ich erwache. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Da liegt die Frau auf der morgen­nassen Wiese, dürftig zugedeckt mit unserer orangenen Decke. Der Garten ist viel größer als sonst, weitläufig und gepflegt wie ein Park – und überall sind Leute. Ich trete auf die Veranda, ein Stapel weißer Wäsche auf Beinen läuft in mich hinein und fällt zu Boden, frisch gebügelt, oh nein! Darunter kommt ein Mädchen mit weißer Schürze zum Vorschein, eine Bedienstete? Fast noch ein Kind. Sie schaut mich ängstlich an, ich berühre sie am Arm. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit einem weißen Herz aus Gips, es pocht bei meiner Berührung. Ein Mann unter­bricht uns, er redet auf mich ein, nichts davon verstehe ich. Er trägt auch so eine Kette, mit Sternen, sie zerspringen unter meinem Blick, die Scherben liegen in meiner Hand – mir wird ein Teller gereicht, um sie zu entsorgen. Von unten aus dem Garten ruft der Doktor nach mir, er ergreift meine Hand und küsst sie, ich schüttle ihn ab. Was machen all die Leute hier? Ich will schlafen! Eine ganze Diener­schar ist mit mir beschäftigt – ich hatte ja keine Ahnung, wie privilegiert ich bin. Alle starren mich an. Heulend schreite ich zu der alten Frau und decke sie besser zu. Um mich dann auch wieder ins Bett zu legen. Bis der kleine Amor mich weckt und einigermaßen geduldig wartet, bis dieser Traum notiert ist.

M

Das M auf meiner Tastatur hakt – was will mir das sagen?

»Mut darf haken, aber er schreibt sich trotzdem weiter.«

Soso, ChatGPT.

Neuanfang

Mein Notizbuch ist verschwunden und vielleicht braucht es genau das für einen Neuanfang. Ich schließe zwei Türen für etwas Abstand zur aufbrausenden Wut nebenan. Ruhe nach dem Sturm in unseren Bäuchen. Eine Nacht und einen Tag lagen wir flach in allen Betten, die diese Wohnung zu bieten hat. Das Frühstück grummelt noch nach. Nach dem Duschen ganz klar, eine Vision im Handtuch: Ein Zimmer für mich allein. (Anderes Buch)

Gedanklich trage ich hinein, was ich liebe: Nur Stifte, die funktionieren, nur schönes Papier, nur Bücher, die mir etwas bedeuten, mir Wege zeigen zu mir. Ein Bett zum Denken, die Träume an den Wänden, auf dem Tisch meine Papier­werk­statt, mit Drucker und Kamera endlich mal, trotz Angst vor Bilderflut.

Du sagst: In diesem Haus geht es nicht ums Außen, es geht um mich. Es ist eben nicht nur ein Zimmer, es sind vier, plus Treppen, Küche und Klo, die renoviert sein wollen, ein Dachboden für Gäste, dazu noch Keller und Garten – so groß! Das muss ich doch größer denken, so viel Platz steht mir nicht zu. Und ja, ich teile gern.

Schnitt

Das Schnitterinnenfest steht an und erinnert mich daran, dass ich den Schnitt setzen darf, der ansteht:

»Was ausge­dient hat brenne, im Feuer der Verwandlung, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Der leere Raum. Wie gerne ich ihn zeige. Und gleich wieder fülle mit Plänen, anstatt ihn als Raum wirken zu lassen. Auf mich. Fülle ihn mit Kreisen, die sich noch fremd anfühlen, in denen ich reflektiert und selbst­bewusst meine Pronomen aufsagen soll. Wen ich alles gelesen haben müsste, um zu verstehen, dass ich mich noch immer in den falschen Spiegeln suche. Please: Richtet hier im Haus einen Leseraum mit all euren Texten ein.

Ich habe mir Raum geschaffen im Kalender und fülle ihn wieder mit deinen vorgestrigen Texten und meinen, für die mir der Mut fehlt, die Klarheit und Ausdauer.

Ich muss uns nicht wieder aufwärmen.
Ich muss dieses Buch nicht schreiben.
Ich muss das Haus nicht retten.
Ich muss nicht deine Verlegerin sein.

Aber ich könnte. Und diese Möglichkeit macht mir Spaß.

Und jetzt?

Diese Kiste voller Briefe und mein Textmeer, das plötzlich wieder angeschaut werden will. Wenn ich kurz reinlese werde ich nur traurig über die fehlende Zeit für das uferlose Unter­fangen, dieser Fülle an Material ein Buch (oder zwei) abzuringen.

Schnitt!

»Es ist das Fest, das uns oft am meisten heraus­fordert, weil wir uns so oft weigern, den Schnitt zu setzen, obwohl wir sehen, dass er ansteht.«

»Wir vertrauen dem leeren Raum, wir vertrauen dem leeren Raum.«

Lavendel

Abend­spaziergang in Zeitlupe mit Kind, von einem Gartentor zum nächsten, den steilen Weg zum Weinberg hinauf. Wir streicheln kleine Mooshügel an der Mauer, in der Ohren wachsen, grün und dick. Wir schreien gegen den Lärm der Lüftungs­anlage: A-⁠O-A-O-A-O. Wir üben SCH und SSS, haben Angst vor einem Hund, der nicht weiß, wie groß er ist. Es riecht nach Lavendel, verregnet, besonnt.

Buchstaben

Ich soll es genießen, dass die Kinder da sind, diese besondere Zeit, in der sie klein sind. Statt­dessen nerven mich meine Hormone und die Frage, ob mit mir etwas (oder vieles) nicht stimmt. HSP, PMDS, ADHS – diese Buchstaben brauchen eine Diagnose. Hast du dir die Wörter im Glas angesehen? Deine Wörter. Fremd­wörter, und doch fehlen sie hier. Zwischen den Ideen lauert mein Loch, in dem ich verschwinde, mich vergesse. – Da haben wir die Diagnose.

Zettel

Neulich im Traum: Auf einem Zettel ein Satz, der mir sagt, wie mein Buch beginnt, er handelt von uns, von unserem Ende, vom Anfang unseres Endes. Du musst dieses Buch nicht schreiben, sagt mir ein großer Mann, der mich dabei auf den Arm nimmt und wie ein Baby auf seine Hüfte setzt, meine Hände festhält und mich beruhigt. Immer wieder sagt er: Du musst dieses Buch nicht schreiben. Aber der Satz ist so gut! Er wiegt mich und hält mich fest – oder auf?

Halt

Halt im Chaos finden und in der Neugier den Kern.

Verkleiden

Verkleide mich weiter als die, die ich nie war.

Wolkenatlas

»Der Himmel blättert
im Wolken­atlas – seine
Seiten sind leer«

Gelesen im letzten Urlaubs­moment am Meer, im Schnecken­tempo …

Jan Snela: Ja, Schnecke, ja.

Herzrasen

Das Herz will mir was sagen, klopft wie wild, will mich warnen: Achtung, die sind gefährlich! Warum? Weil sie ganz genau wissen, wie sie dich aus dem Konzept bringen. Und das tun sie, um sich zu spüren.

Das Ich ist nun sie, die Dus kenne ich nicht.

Falter

Zwanzig Falter aus Papier. Kurz breite ich die Flügel aus in meinem Zimmer und falte mich schnell wieder ein, mache mich klein, bevor der Wirbelwind alles durch­ein­ander bringt. Wieder schiele ich zum Haus im Garten und sehe meine Papier­werk­statt darin.

Habe ich dir das Haus schon gezeigt?
Komm mal vorbei!

Blitz

Ich lege meinen Kopf in die Ritze zwischen zwei Kissen, alle paar Atemzüge blitzt es darin. Meine Matratze, Decke und drei Kissen mischen sich zu einem grüngrauen Kompromiss um meinen kranken Körper, der sich nicht bewegen will, und doch ständig muss, auch das Baby ist krank. Stillen nach Bedarf, und der ist groß in dieser Nacht. Schnuller, Zudecken, Schnuller, Nähe, Schnuller, Abstand, Schnuller und wieder Stillen. Schlaf, bitte schlaf. Wenn es dann schläft, ist da noch mein Kopf, der nicht Nicht­denken kann. Im Fieber baut er mir unsere Ausstellung als mehrstöckige Geschichte auf Rädern. Wann immer ich wach bin, flüstern sich Uhrzeiten ins Geraschel von Bett und Papier. Mein Traum wird angezapft von einer dunklen Macht, die vom Baby nur eine Reihe kleinerer Hüllen und einen USB-Stick übrig lässt. Ich lausche jedem Atemzug neben mir und jedem Geräusch im Kinder­zimmer nebenan. Immer waches Mutterhirn, Kranksein ist nicht vorge­sehen.