Christina Schmid
Anfänge und Enden

Freitagsfrühstück von Jakob

Freitagsfrühstück von Jakob

Fremde Schubladen

Ein Holzschrank mit drei großen Schubladen, am Waldrand neben dem Haus. In der obersten Schublade finde ich Papiere, meine Papiere in allerlei Farben. Bald werden sie sich wellen, vergilben, unbrauchbar sein. Wie kamen sie hierher? In der mittleren Schublade liegen Briefe, Erinnerungen, Herzen. Alles ist durcheinander. Hast du sie durchgesehen? Hast du den Brief an dich gefunden? Mich gefunden? Hast du verstanden? In der untersten Schublade lagert dein Holz.

Vor dem Schrank im Gras liegt ein Strauß Plastikblumen, täuschend echt, aber viel zu schön. Du bist noch nicht zurück, sitzt auf einem Dach und hämmerst. Also gehe ich die knarrende Treppe hinauf zu deinem Haus, um eine Vase zu suchen. Ich finde nur den Krug, den wirst du brauchen, sobald du zurück bist. Ich fülle ihn mit Wasser und stelle die Blumen hinein. In diesem Moment verwelken sie und hängen müde ihre Köpfe über den Rand. Die Treppe knarrt unter schweren Stiefeln, ich fühle mich ertappt.

Wieso lagere ich meine Dinge hier – alles, was mich daran erinnert, wer ich war? Ich kam hierher, um mich in den Dingen zu spiegeln, um mich zu sehen. Folgst du mir? Was siehst du? Und warum versteckst du dich? Auch ich verstecke mich, hinter unübersehbaren Farben, hinter knalligem Prunk, der mich wie ein Wirbelsturm umgibt und vor der Ruhe da draußen schützt.

Noch immer das welke Kraut in der Hand suche ich nach dem Abfalleimer. Gibt’s hier nicht. Darum liegt die Wiese voll mit Dingen, die zu Blumen werden, wenn man sie nur lässt.

Ich spiele mich
Sobald jemand guckt
Dann lache ich und rede
Als sei alles gut
Sobald ich allein bin
Bleibt nur das Grinsen
Und ich bin weg

Dass ich nur ich bin

Der alte Mann räumt die mit großer Schrift beschriebenen Papierbögen zur Seite. Die Geschichte eines Mädchens, wie er sie sich zusammengereimt hat – und er hat an sie geglaubt. Er riskierte sein Priesteramt und seine Freiheit im Westen, um sie zu retten. Getarnt als Polizist verfolgte er die feine Gesellschaft in ihrem Wagen ohne Verdeck. Hände hoch, und alle wurden festgenommen, bis auf das Mädchen, das in der Mitte auf dem Rücksitz saß. Das Mädchen war ich, die ich jetzt in der Tür stehe und den alten Mann umarme, in Tränen aufgelöst, schluchzend. Mich, wie ich dort auf dem Papier stehe, hat er erfunden und damit meine eigentliche Geschichte ausradiert. Ein wenig kann ich seine Enttäuschung darüber verstehen, dass ich nur ich bin und nicht die Anna, wie er sie herbeigeschrieben hat. Er versucht sich aus meiner Umarmung zu befreien, denn in der Tür steht jetzt die Nachbarin, kopfschüttelnd über den alten Priester in den Armen eines Mädchens.

Ich spaziere die Straße entlang, Andreas im Schlepptau. Er ist zuvorkommend, höflich, blind vor Liebe für mich. An der Tür zu meinem Wohnheim angekommen fällt mir ein, das Licht ist kaputt. Kurzerhand repariert er dies und jenes, während ich die Treppe nach oben steige. Meine WG ist unter dem Dach, zweistöckig, darunter eine weitere, aus der lautes Lachen lockt. Ich trete ein, stelle mich vor als die, die schon vor Monaten eingezogen, aber erst jetzt wirklich da ist. Die Frauen nennen mir ihre Namen, die ich nicht verstehe. Ich solle sie wiederholen und mir besser gleich merken, meint die eine mit gemeinem Blick. Schwarze Locken rahmen ihr finsteres Gesicht. Hinten auf dem Sofa kuschelt ein Pärchen. Sie ruft herüber, dass sie oben im Zimmer neben meinem wohne. Ich fühle mich nicht unwohl, trotz der eigenartigen Aggression im Raum. Die Frisuren der Frauen sind anders, fast futuristisch, die Räume, die Möbel und das Licht dagegen wie in dem historischen Roman des Priesters. Anna heiße ich hier. Hinter mir steht plötzlich Andreas, der alles repariert und sogar das Treppenhaus nass gewischt hat. Seine blonden Löckchen, sein freundliches Gesicht und seine aufrechte Haltung machen einen guten Eindruck bei den Frisuren am Tisch. Doch er folgt mir nach oben in mein Zimmer, wo ich vier Betten für die Nacht vorbereite. Zwei Freunde von Andreas betreten die WG und strecken sich gleich auf den Matratzen aus. Andreas schaut mich an, will etwas sagen, oder auch nicht. Er will mich. Von nebenan ist ein Wimmern zu hören, ein Kind. Ich gehe rüber und schaue nach. Ein kleines Mädchen im Schlafanzug sitzt aufrecht im Bett. Sie fragt nach ihrer Mama. Sie ist unten, sage ich. Soll ich sie rufen? Nein, das ist gut, sagt sie und ordnet ihre Kuscheltiere neu an. Gute Nacht, sage ich und verschwinde im Bad. Ruhe, ein Spiegel. Ich sehe mich zum ersten Mal, sehe, dass meine Bluse zwar neu, aber altmodisch geschnitten und von grausamer Farbe ist. Ich lösche das Licht und taste mich zu meinem Bett. Andreas müsste da sein, vielleicht findet er mich.

Ist das Simon, der seinen Kopf auf Händen trägt? Und was ist das für ein Fenster? Ist er übergeschnappt oder einfach glücklich, so kopflos durch die Räume zu laufen? Mir hinterher, von mir weg. Dick ist er geworden und doch so elegant in schwarz und weiß, im Anzug mit Fliege. Ich lasse ihn stehen, seinen Kopf nehme ich mit.

»Es geht hier übrigens nicht um mich – ich nehme nur diesen meinen Fall, um zu illustrieren, welch merkwürdige Paradoxie der Sichtbarkeit sich einstellt, wenn man zu genau (oder: nicht genau genug) hinguckt.«

Traumkorrespondenz

Traumkorrespondenz
Eine Geschichte in Träumen

Wenn man sich abends gute Nacht sagt und morgens nach dem Schlaf erkundigt, ist es, als hätte jeder dazwischen eine lange Reise unternommen. Keiner versteht so recht, was passiert, wenn er sich in seine Traumwelt verabschiedet.

Plakat: Marina Gärtner
it’s mee gallery, Stuttgart

4 Uhr 53

Scherben neben meinem Bett – das Wasserglas. Ich stelle mir vor, wie sich die Splitter vom Boden lösen, in meine Träume schleichen, über meine Finger auf meine Haut. Lieber liege ich wach und starre auf das scharfe Geglitzer zu meinen Füßen. Und wenn jemand reinkommt?

Dein Krieg

Du führst mich
Auf ein Schlachtfeld
Das ich nie betreten wollte
Das ich verlassen hatte
Bevor es geschah
Ich ging einfach
Und doch trägt es
Meinen Namen
Ich erinnere mich nicht
Kann mich nicht erinnern
Vergesslichkeit oder Selbstschutz
Wenn das nicht das Gleiche ist
Amnesie der Liebe
Die bleibt
Nur ohne uns

»Gottseidank weiß mein Zettelkasten nichts von Ordnungsprinzipien und Selbstverlorenheiten. Ihn zu durchstreifen ist jedesmal wie ein Spaziergang durch den undurchforsteten Dschungel. Was sich beim Durchstreifen anzettelt, ist Kondensation des Glücks, ist Wolkenbildung und Erinnerungsregen.«

Alissa Walser, zitiert in: Zettelkästen, Maschinen der Phantasie

Alpenhof

Bergauf in der Appenzellerbahn: Der schmale Streifen Bodensee erhebt sich, wird flächig und immer größer, wird zu einem riesigen, glänzenden Spiegel unter unentschlossenem Himmel. Drei Länder teilen ihn unter sich auf, sind verbunden durch ihn, den sie lieben. Bergauf, bergauf – die Schweiz wie aus dem Bilderbuch: Eine Katzenleiter am Bahnwärterhaus, ein schwarz glänzender Mähroboter unter Obstbäumen, eine Wandergruppe in knallfarbigen Anoraks. An der Endstation wartet das Postauto zum Alpenhof: Buchvernissage!

Ich komme nicht raus aus diesem Gedankenklumpen voller Kisten, voller Papiere, die vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, wertvoll sind. Wir streicheln sie, die zerbrechlichen Blätter, von denen viele schief gefaltet, aber wahrscheinlich alle leer sind. Man müsste jemanden fragen, der sich damit auskennt. Ich sollte damit aufhören, sie zu streicheln, denn mein Streicheln wird im Schlaf zu einem Kratzen, dem Papier und Haut nicht gewachsen sind. Sie werden zerfallen, so oder so. Wir werden zerfallen. Grau, braun, beige, verschiedene Formate, die Großen streicheln sich am besten. Mach die Kisten zu, aber bleib, bitte bleib.

»Ach lass – […] : Es ist Nichts so eilig, daß es nicht durch Liegenlassen noch eiliger würde !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt : Vorgesetzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorgesetzter zu sein !«

Arno Schmidt: Nobodaddy’s Kinder

Mein Leben

Mein Leben begann an einem vollgekrümelten Küchentisch. Nach 19 Jahren Sauberkeit beobachtete ich voller Freude und Freiheitsglück, wie mein zukünftiger Mitbewohner die Krümel einfach mit der Hand zur Seite fegte. Auf die dürftig gesäuberte, etwa DIN A4 große Fläche legte er den Mietvertrag – meinen Mietvertrag! Dann ging es los.

»Zwei Gefahren bedrohen unaufhörlich diese Welt: die Ordnung und die Unordnung.«

Paul Valéry, zitiert in: Claude Simon, der Wind

Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt.
Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

Beschäftigt

Das beschäftigt mich. Ich will aber nicht, dass es mich beschäftigt. Also muss ich mich beschäftigen.

Geduld

Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld. Ihr Anruf ist uns wichtig. Sie werden zum nächsten freien Mitarbeiter durchgestellt. Es befinden sich noch immer alle Berater im Dialog. Gerne können Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal versuchen. Zur Zeit sind alle Mitarbeiter im Gespräch. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld. Einen Augenblick. Ihr Augenblick ist uns wichtig. Haben Sie noch Zeit? Noch einmal einen Augenblick? Haben Sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal Zeit? Sie werden es alle versuchen. Zur Zeit, zu einem späteren Zeitpunkt, zum nächsten freien Zeitpunkt. Sie sind uns wichtig. Alle Mitarbeiter haben Sie gerne. Noch immer. Ihr Anruf, ihr Augenblick Geduld, Zeit, alle Zeit ist uns wichtig. Unsere Mitarbeiter sind im Augenblick. Alle. Immer. Noch einmal: Geduld ist wichtig im Gespräch, im freien Dialog. Gerne werden Sie zur Zeit durchgestellt. Noch einen Augenblick. Bitte. Sie haben noch Zeit. Im nächsten freien Augenblick befinden sie sich im Zeitpunkt. Haben Sie noch einen Augenblick Geduld.

Geht

Geht, geht gut, geht sehr gut. Geschirrgeklapper, Kirschen, Küsse, Komisches, Kaninchen, Kaba, Kanone, Danone-Sahnejoghurt, Kurt. Aber, Kadabra, Trara, Tralala, Lala, Luna, Leon, Lego, Go, Go, Go! No, No, No! Notwendigkeit, -keiten, Reiten? Eieiei, Eiertanz, Eier – gebraten, gekocht, geschält, gespiegelt, gekentert auf dem Bodensee, Juhee? Nee, nee. Du, Ich, ähm … Sauerrahm, Rama, Radieschen, Ratatouille, rasante Rosinen. Wie geht es ihnen, so kleingeschrieben? Frieden: alle lieben! Sieben Zwerge, fünf Berge, drei Särge – keiner mehr. Zahlen bitte. Wortklaubereien, Kreide, quietschende Gänsehaut, hinter den Ohren: grün. Genau, und laut, lauter Laute, läuternd, erläuternd, er läutert Euter mit Morgenmilch, der Knilch. Seifenschaum und Pulverschnee, Sonnenbrand auf Füßen, rückenschwimmend im Wahnsinn der Dinge im Kopf.

Ach und Krach

Es ist und bleibt eine Baustelle. Es wird um-, an- oder neugebaut. Ein jeder plant, erfindet, verändert, macht und tut, bis kein Stein mehr liegt, wo er war. Der Gestaltungswille sitzt in allen Ecken. Er überstreicht, überfließt, überformt, Möbel, Häuser, Städte. Die Welt leckt sich ihre Wunden. Ach! Und Krach, überall.

Limmat-Gedicht

»Gibt’s ein Gedicht?«

Hinter mir steht ein kugelrunder Herr. Seine Glatze glänzt in der Morgensonne, er grinst mich an.

»Gibt’s ein Gedicht, gibt’s ein Gedicht?«

Äh, naja … so ähnlich vielleicht?

»Alles Gute!«

Noch immer grinsend setzt der Herr beschwingt seinen Weg entlang der Limmat fort. Erst als er aus meinem Blickfeld entschwindet, bemerke ich, dass er mir meinen Gedanken geklaut hat. Ein nicht mehr zu begreifender Satzanfang steht mitten auf der Seite und weiß nicht mehr, was er sagen wollte.

Das morgendliche Flussufer erscheint mir plötzlich ganz klar, als hätte der Herr meine Brille geputzt. Ein neonroter Kindergarten rennt mich halb um, Schulklassen am letzten Schultag vor den großen Ferien, Jogger im Minutentakt, Rentnerinnen auf Bänken und Stufen, Z’nüni bei den Bauarbeitern gegenüber, glitzerndes Geplätscher, Zigarettenrauch, ein Hauch Sonnencreme.

Es ist Sommer, endlich Sommer, endlich auch im Notizbuch, im Kleiderschrank, auf meiner Haut.

Herrin der Dinge

Strom
Internet
Spülmaschine
Farbe, Walze, Pinsel,
Töpfe, Tassen, Gläser
Stühle
Schreibtischplatte, Böcke
Duschvorhang
Staubsauger
Besen, Kehrwisch, Wischmopp, Eimer
Spülmittel, Spülschwämme
Geschirrtücher
Tischdecke?
Bettwäsche
Lampen
Spiegel
Badezimmerteppich
Schuhschrank
Pfeffermühle
Schleifstein
Pfanne, Pfannenwender