Im Traum ein Planspiel in einem alten Hotel, wir sollen ein Logo gestalten für die ganze Aktion. Laurenz kontrolliert uns, Zimmer für Zimmer, die haben doppelte Türen. Eine öffnet nach außen, die andere nach innen, beide sind mit verschiedenen Schlüsseln zu öffnen, was mir schon am zweiten Tag zu blöd wird, ich lasse sie nur angelehnt, trotz Wertsachen und Computer im Schrank. Ich wimmle Laurenz ab, um Clemens zu lauschen, der mir von seinen vier Kindern erzählt, jedes von einer anderen Frau, das wusste ich gar nicht. Die Anderen im Zimmer bitten um Ruhe, wenigstens an diesem Ort, also nehme ich den Besuch mit ins Bad. Ein weißhaariger Mann mit Hosenträgern überm roten Pullover legt sich neben mich in die Badewanne. Ich bin auch angezogen, doch mir ist kalt, das warme Wasser will nicht steigen, weil ständig der Stöpsel umkippt. Am Wannenrand versammeln sich immer noch mehr Leute, auch Philipp, der nicht weg will aus Berlin, aber keiner darf mehr bleiben, wir müssen weg. Wir finden eine Mitfahrgelegenheit in Laurenz’ Auto, mit Pizzaofen statt Handschuhfach. Die Pizza belegen wir immer noch dicker, aber sie wird nicht reichen für uns drei. Wir halten bei einem Laden, dort wird mir ein Teller Pasta mit Pilzen aufgetürmt. Als ich bezahle (Vorsicht: Handkontakt!), ist der Teller verschwunden, die Pasta aus und nur noch Gemüse zu haben, kalt. Die anderen warten ungeduldig im Auto, das mitten im Laden parkt. Die Verkäuferin zuckt mit den Schultern und will alles behalten für morgen, es ist ja auch schon nach acht.
Die Tage verschwimmen, alle sind gleich. Brauchen wir Höhepunkte, um die Wochen voneinander zu unterscheiden? Jeden Abend um 20:15 Uhr nehme ich nun eine Serie auf: Andreas, Andrej, Andruschka. Ein Mensch oder drei und ich im Kaleidoskop, in dem wir uns drehen und gegenseitig spiegeln. Ein Mosaik aus Anekdoten, Schnipseln und Fragmenten. Je mehr ich höre, desto weniger sehe ich, wohin. Zerreden wir’s? Und wie fülle ich die Lücken?
Es geht nicht ums Geld, es geht um Leben und Zeit.
So lebendig sind wir nie wieder: Uns verdoppeln, das tun wir nie mehr.
Du bist so sanft, so ruhig. Wird dir mein Schreiben jemals gerecht? Wir versuchen’s, ziellos, ein Experiment. Gespräche, die ich aufnehme, um deine Sprache einzufangen – sie stockt. Ich darf den Wellen nicht zuschauen.
Im Traum jobbe ich in einem Schuhladen, nur dass niemand mehr Schuhe braucht in diesen Zeiten, außer Kinder, die zu schnell wachsen. Um den Laden zu unterstützen, probiert sich eine Stammkundin durchs Sortiment. Ein Mann liefert Kartons und bietet mir an, den Laden zu saugen, zwölf Euro bekommt er dafür, die Münze ist riesig, fast handtellergroß. Mangels Kundschaft hat mir noch niemand gezeigt, wie das alles hier geht. Ich lege mich zwischen den Regalen schlafen. Ein Regal weiter liegt Andreas, erst mit Abstand, doch uns beiden ist kalt, also wärmen wir uns gegenseitig, bis wir eingeschlafen sind. Ich träume von einer Wanderung mit Rast an einem längs halbierten Baumstamm als Tisch, auf den Holzwürfeln drumherum sitzt meine Klasse und neben mir Heike, sie spricht über mich hinweg.
Ich schaue dem Park vor unserem Fenster beim Grünwerden zu, der höchste Baum braucht am längsten. Unten mischen sich gelbgrüne Blättchen ins Braun, an das wir uns schon gewöhnt hatten. Auch ans Drinsein haben wir uns gewöhnt, da bleiben wir trotz Sonnenschein. Warnt mich meine Trägheit vor dem Pollensturm da draußen? Unsichtbar wie der Virus, nur schneller spürbar, quasi sofort. Eine Ampel, meine Haut.
Vielleicht doch ein Buch über einen Protagonisten, der keine Lust hat und keine Zeit. Das Warten auf ein Zeichen, ein Stichwort, eine Geschichte. Also ein Buch über die Autorin. Du traust mir das Erfinden durchaus zu, in den Träumen tue ich es ja auch.
Im Traum ein Tanzworkshop, wir sitzen im Kreis auf dem blassgrünen Sporthallenboden. Die erste Übung ist leicht: Auf Knien gleiten wir ruhig durch den Raum und weichen uns gegenseitig aus, sehr japanisch. Dann finden sich immer zwei Frauen zusammen, als Rampe für einen akrobatischen Sprung der Jungs. Wir fragen den Kleinsten, ob er es mit uns versuchen mag – lieber nicht. Wieder im Kreis wollen zwei Frauen in vielschichtig schimmernden Kleidern nun endlich zum Eigentlichen kommen: zum Schweben. Wir schauen zu, sie konzentrieren sich, Ganz langsam heben sie ab und immer schneller steigen sie nach oben, erst sitzend, dann schwerelos tanzend in der Luft, sie schlagen Purzelbäume und Räder, ihre Kleider wirbeln in rotgrün und lilablau. Den schwebenden Schneidersitz erkenne ich wieder vom Flyer – also kein Photoshop, sondern Magie? Nein, Training, sagt die Kursleiterin. Wenn ich nur oft genug meditiere, kann ich das bald auch.
Im Traum sitze ich mit Mama im Naturpark-Express, wir plündern einen Geschenkkorb, denn die Hochzeit ist ja abgesagt. Sie versucht mir zu erklären, wer genau heiraten wollte, ich kenne sie nicht. Wir besuchen die Eltern der Braut, die Abstand halten: Wir stehen in ihrem Wohnzimmer, sie draußen auf der Terrasse. Nervöses Lachen, bis wir wieder gehen. Der Geschenkkorb wird zum Festmahl in der Wartehalle am Bahnhof, vor lauter Köstlichkeiten vergesse ich den Zug, der ohne mich abfährt.
Sei bloß kein Ringelnatz! Sonst wirst du zum Lesezeichen.
Du, meine liebe Muse, hast mich für heute ausgeladen. Dieser Virus macht dich fertig, dein Labor hält dich fest und weil keiner mehr da ist, musst du jetzt alles selber machen. Chemikalien bestellen zum Beispiel und die Kühlkammer desinfizieren, bis du high bist. Du hast mich nicht nur ausgeladen, ich habe dir auch einen Gegenvorschlag gemacht: Virtuell treffen und gemeinsam in die Oper. Andrej lässt anfragen: Was ziehen wir an? Nichts, entgegnet mein Kopf und ich schreibe: Das rote Kleid. Wonach ist Andrej? Drei vor sieben schickst du mir ein Bild aus dem Labor – also im weißen Kittel in die Oper? Die ist jetzt offensichtlich abgesagt.
Fließender Übergang vom Abendbrot zur Elektroparty, wir löschen das Licht und tanzen nackt, wirklich zum ersten Mal? Noch so viele Dinge, die wir zum ersten Mal tun können. Wer braucht schon Clubs und Festivals – uns reicht dieser Platz auf der Welt, sechsundfünfzig Quadratmeter Freiheit.
Nach fünf Jahren im täglichen Einsatz ist der gelbe Kuli leergeschrieben. Seine letzten blassen Worte: Endlich ein von oben …
Darf ich glücklich sein, in diesen Zeiten? Ich bin da, wo ich immer hin will, bei mir, bei uns. Von hier aus ist alles möglich, so ohne Spiegel. Dir muss ich nichts beweisen. Ich darf komisch tanzen, falsch singen, mich im Ton vergreifen, mich gehen lassen wie der Hefeteig in unserem Ofen, tagelang tun was mir gefällt, ich sein. Danke für dich auf unserer einsamen Insel.
Zwei Dus: Mein Mann und meine Muse.
Im Traum entdecke ich eine leerstehende Villa in rosa, die ringsum mit Bäumen verwachsen ist. Im ersten Stock kommen dicke Wurzeln aus der Fassade, die noch kahlen Äste reichen bis übers Dach. Bald, wenn die Blätter wieder sprießen, wird das Haus komplett eingewachsen sein und im Grün verschwinden, ein riesiges Gebüsch. Ziehen wir hier ein? Nur widerwillig gehe ich zurück zur Brache, zur Besprechung mit dem Lenkungskreis. Eine fragt mich, wo ich gewesen bin und ich erzähle ihr alles: Warum es mir ums Jetzt geht und nicht mehr ums Morgen und dass ich da so ein Thema habe, das zuerst dran ist oder auch nicht. Sie nickt verständnisvoll und hört dann wieder zu im Kreis der Engagierten.
Zu zweit im Homeoffice, eigentlich ganz nett. »Deinen Geschmack möchte ich mal haben«, knurrt Matthias am Telefon. Er schreibt an einer Theaterkritik über das, was uns hier gespielt wird.
Im Traum gehe ich mit Marina ins Schwimmbad. Wir sind erstaunt, dass es noch offen ist. Sie mag im warmen Becken bleiben, ich würde gerne schwimmen, vielleicht zum letzten Mal. Später eine Wanderung mit Raubzug, erst sind wir ein Team, dann beklauen wir uns gegenseitig bis auf die Kleider, uns bleibt nur die eigene Haut. Einer macht ein Ballett zu den wenigen Schritten, die noch außer Haus gegangen werden. Choreografie der Langsamkeit.
Wiederkehrendes Traummotiv: Zu viel Zeugs im Zug ausgebreitet, zu spät das Gepäck zusammengesucht, fast zu spät ausgestiegen. Wieder mit dem Chor unterwegs, Probenwochenende, ich bekomme das allerletzte Zimmer ganz oben, das nur durch eine Luke in der Decke erreichbar ist. Und wieder denke ich: Das kenne ich doch schon aus meinen Träumen, aber diesmal ist es echt. Das Stück haben wir noch nie geprobt, morgen ist Auftritt. Und das Abendprogramm verpasse ich, weil mir niemand Bescheid sagt. Eine meint, dass ich beim Konzert besser nicht mitsingen oder nur den Mund bewegen soll.
Ab morgen dann zu zweit im Homeoffice. Nach Corona sind wir statt Architekt und Grafikerin womöglich E-Komponist und Bloggerin bzw. lebenslange Tagträumerin mit Schreibzwang.
Traum von einem Theaterstück in einer riesigen Badewanne. Für das Publikum gibt es keine richtigen Plätze, also setzen wir uns auf den Rand. Wir werden gefragt, ob wir mit normalen Cerealien einverstanden sind oder ob wir Sonderwünsche zum Frühstück haben. Einer beobachtet, dass ich nichts dazu sage und weist mich zurecht. Ich will gerade nicht über Frühstück nachdenken. Dann geht es los: Eine Frau im Hautanzug schleppt eimerweise Pfannkuchenteig zur Wanne, deren Ränder ganz niedrig geworden sind. Zuerst verteilt sie die Masse in einem feinen Muster aus Linien, dann kippt sie alles hinein. Gerade noch rechtzeitig rettet Justyna ihren Gitarrenkoffer vor dem Ertrinken im Teig. Wir bekommen unser Müsli serviert, dann wird die Kulisse umgebaut. Eine Dusche neben einem Herd, alles zu groß, jeder Zuschauer sieht einen anderen Ausschnitt.
Gegenwind beim Sonntagsspaziergang auf Abstand. Sie fragt, warum ich mich nackt ausziehe in aller Öffentlichkeit. Ja, was ist das nur mit dem Veröffentlichen, warum mache ich das? Mutig, meinen so manche, sie könnten das nicht. Ich kann nicht ohne. Ungefiltert und nah mag ich es. Noch suche ich mein Schreiben, mache Fingerübungen, vielleicht bleibt es dabei. Teil der Suche ist der Wunsch nach Resonanz, darum setze ich die Pflänzchen aus im kühlen Frühlingswind. Ganz warm wird es, wenn das Literaturhaus schreibt: Welch schöne Texte, der Ton ist so kurz und einfach und doch so fein.
Im Traum spiele ich in einer Szene mit, von der ich erst danach weiß, dass sie gespielt ist und kein echter Streit zwischen zwei Freundinnen an der Haltestelle vor der Schule, an der kein Bus mehr hält. Meine blonde Gegenspielerin lacht, als die Szene im Kasten ist und spaziert erhobenen Hauptes davon. Kurze Lagebesprechung, dann schiebe ich ein Tablett auf Rädern voller weißer Miniaturen und Architekturmodelle vor mir her zum Bahnhof. Da fällt mir ein, dass mein Rucksack noch vor der Schule steht. Diesmal weiß ich, dass ich träume und mache einen riesigen Schritt über fünf Straßen hinweg, hebe ihn auf und bin wieder da – den Zug verpasse ich trotzdem. Empört schreit mich die Schaffnerin von der Tür aus an. Ich nehme den nächsten Zug, dessen Fenster so klein sind, dass ich nichts sehe und fast meinen Ausstieg verpasse. Statt die Haltestellen anzusagen, plaudert der Lautsprecher munter über die vorbeiziehende Landschaft und unsichtbare Dörfer, die dort mal existiert haben könnten, zu Urzeiten.
Im Traum geben wir ein Konzert, möglichst locker, doch wie? Die Lieder kenne ich nicht. Ich teile das Mikrofon mit Andrea, bewege nur die Lippen, kopiere ihre Gesten. Als sie bemerkt, dass ich sie spiegle, macht sie absichtlich komische Verrenkungen. So schüttelt sie mich ab und ich stehe stumm und mit hängenden Schultern allein im Rampenlicht, bis die Frauen aus dem Publikum die Bühne erklimmen, das Mikrofon ergreifen und schnipsend die Aufführung retten. Ich verziehe mich ins hintere Dunkel der Bühne und gehe. Draußen ist Nacht, die Straße glänzt vom Regen. Ein langhaariger Asiate in schwarzer Lederjacke richtet einen übergroßen mattschwarzen Porsche als Wohnmobil ein. Zwei düstere Typen pöbeln ihn an, ich gehe schnell weiter. Auf der Rolltreppe abwärts stehen die beiden hinter mir und kichern.
Im Traum sind wir mit Opa unterwegs. Du bringst ihn ins Hotelzimmer, wo er sofort einschläft. Später ist er so kalt, dass du ihn ins Auto trägst und den ganzen Tag in der Schweiz herumfährst. Irgendwann fährst du zur Grenze und fragst, was es kostet, einen Geburtstag über die Grenze zu transportieren. Der Zöllner stellt dir eine Rechnung aus. Ich sitze auf der Rückbank, die entgegen der Fahrtrichtung ausgerichtet ist und heule vor mich hin. Plötzlich sitzt Oma neben Opa und merkt erschreckt, wie kalt er ist. Sie wärmt seine Hände und er wacht auf. Ich nehme ihn in den Arm und er fragt, wie alt soll ich denn werden?
Im Traum telefoniere ich laut mit Bene in einem Reisebus, mir egal, dass mich alle hören. Als ich raus muss, habe ich zu wenige Hände, um alles einzusammeln: Rucksack, Schuhe, Schirm, Telefon. Die Bustür schließt sich schon, genervt macht der Fahrer sie nochmal auf für mich. Draußen erzählt Sabine von Schuhen, die Sie unbedingt haben muss: Regenfest.
Besuch in diesen eigentlich einsamen Tagen. Leichtsinnig? Vielleicht. Wir spazieren zu weit hinauf und zu steil hinab für deine feinen Schuhe, doch Auslauf tut gut und ist noch erlaubt, auch für Laborhamster und Computermaus. Zum Essen gibt es bunte Bete und süßen Fenchel, den halben Tag habe ich singend in der Küche verbracht. Nun bin ich müde vor lauter Pollen und überfordert damit, nicht mehr nur ich zu sein, wie ich mich dir schreibe, sondern auch alles, was ich hier in den letzten Jahren aufgetürmt habe und was nicht. Mein Mann kommt heim und ihr testet sein neues Miniklavier, bis ich frage, ob ich dich noch kurz für mich haben darf. Etwas trampelig, auch das bin ich. Könntest du dich klonen, dann würde Andrej mit ihm gehen und Andreas und Andruschka mit mir. Wir sitzen am Boden vor dem Bücherregal und schauen, was für dich passt, eher Seethaler als Kästner, die Frauen lässt du bei mir, bis auf meine Träume, die ich dir gestern gebunden habe. Kurz sprechen wir noch über unsere WG, du fragst, ob ich eigentlich schon dort war. Ich war nur in deiner und die ist zu klein für uns vier. Also sind wir auf Wohnungssuche – und das in diesen Zeiten? Vielleicht diskutieren wir auch schon, ob der Flur nun blau oder glitzernd gestrichen werden soll. Andruschka sitzt mit Drink daneben und mag die Idee der Sonne in der Discokugel – also doch weiß.