Das Wort weckt mich aus meinem Traum. Ich bin in Japan, wo ich gleich den Zug verpasse, weil sich mein Handy nicht mehr wischen lässt. Du bist schon weg mit Lio und den anderen, als ich morgens im Hotel ankomme. Ich hatte woanders übernachtet an einem Berg. Hat sich gelohnt, sage ich lächelnd und überzeugter als ich bin. Im Hotel stehen ultraschmale Bettgestelle aus Metall im Halbkreis auf Tribünenstufen, überall liegt Plastikspielzeug und verstreutes Gepäck, alle packen und müssen los. Auch ich suche meine zwei Rucksäcke und Taschen zusammen, habe bestimmt was verloren und vergessen, so leicht wie die sind. Ich kenne den Weg nicht. Wann fährt der Zug? Reicht es noch? Ich finde Demian in einem Zelt, er hilft mir wiederwillig, muss gleich zu einer Konferenz – na klar, wenn er schon mal in Japan ist. Sein Handy besteht nur aus weißen Tasten ohne Display, wie soll das funktionieren? Ich überlege, mir ein Taxi zum Bahnhof zu nehmen, doch wie weit reicht hier mein Geld? Im Zug, fünf Plätze weiter, sehe ich Rebecca sitzen, die auch nach Hause will, ich werde ihr folgen, hänge mich an sie dran. Wo müssen wir umsteigen? Die Uhrzeiten helfen, japanische Stationsnamen sagen uns nichts – nur der ÖBB-Bahnhof, Österreich, ja klar! Sind wir im Flugzeug oder auf einem Schiff? Ich gehe einen Korridor entlang, alles hängt voller grüner Federkostüme. Drei Japanerinnen helfen mir irgendwie weiter, zum Dank verbeuge ich mich tief, sie lachen mich aus. Zurück im Hauptdeck zwei aufgeregte Comedians kurz vor Auftritt, von Bordmusik übertönt, der Scheinwerfer ist kaputt. Mareike, verantwortlich für die Technik, regt sich schrecklich auf. Wir schnappen uns alle Lampen, die wir finden können und schaffen ein Leuchten für die Situation. Frau Olschowski in der ersten Reihe bekommt einen Cocktail und steht im Rampenlicht. Hübsch spaziert sind wir ja schon, sagt sie in die Kamera. Befragt zu Körpergröße und Politik spricht sie von 12 Talianova, ein anerkennendes Raunen geht durch den Raum. Ist das eine Einheit für den Talienumfang? Und was soll der in der Kulturpolitik?
Im Traum werde ich gestyled von einer schwatzenden Dame: Eine graue Brettfrisur klebt mir am Kopf vor lauter Haarspray. Bis zum Dreh vergehen Tage in einer Büroetage, komplett umgeräumt als provisorisches Hotel und für ein zu filmendes Handballspiel. Da soll ich mitspielen? Nur auf der Ersatzbank sitzen und krank in einem Bett, sagt Laura. Sie legt mir einen Mantel als Decke auf eine Pritsche und geht. Ich hole Lio ab. Mit ihm auf den Schultern erkunde ich das Gebäude, erklimme das gläserne Treppenhaus auf spiegelglatten Stufen. Meine Hand klammert sich ans Geländer, die andere hält ihn gerade so auf mir, dass er in den Kurven nicht runterkippt. Oben piepst und blinkt ein Elektronikgeschäft. An einer Theke nehmen wir uns einen halben roten Nachtisch, der wird in der Szene gebraucht. Im Aufzug fahren wir runter zur Büroetage, die wieder Büro ist, alle sind weg. Filmdreh verpasst?
Im Traum bin ich eingeladen in einen Pod oder Pond: ein futuristischer weißer Pavillon mit Glaskuppel. Die Einladung ist ein gleißendes Buch von Hanna, das ich ganz fest halten will. In einer riesigen Fabrikhalle sammeln wir Geld für einen richtig guten Zweck, alle spenden reichlich, ich verwahre die Scheine, die über Nacht zu Spielgeld werden. Feindselige Blicke im Kreis, ich fliehe in die Fußgängerzone. Unter einem Glasdach steht einer, der seine Töchter auf Rollschuhen im Blick haben soll, stattdessen repariert er mein Ladegerät und küsst mich, ich lasse es geschehen, schließe die Augen und bin weg.
Im Traum webst du dein Skript für Maggie aus Bandnudeln, Schnittlauch und Papier. Wir radeln so nah nebeneinander, dass unsere Räder zu einem werden, ein schönes Kissen gerät zwischen meine Füße, du strampelst weiter für uns zwei. Ein alter Mann macht Akrobatik auf seinem Skateboard und strauchelt, als wir ihn überholen. Wir halten an einem frisch geputzten Feriencontainer mit weißem Teppich, fälschen dem Makler die Papiere und krümeln alles voll mit Moos aus unseren Haaren.
Im Traum ein Stau, dem ich zu Fuß folge. An jeder Ecke halte ich an, betrete Häuser, suche was, stelle Fragen, finde Drogen, verliere sie wieder. Schließlich endet der Stau in einer Sackgasse mit Bunkerhotel. Der Rezeptionist schickt mich nach unten, ich soll mir jedes zehnte Zimmer kurz anschauen, um zu sehen, wie verschieden sie sind. Ein Labyrinth farbiger Türen in allen Winkeln, kleine Guckfenster darin.
Im Traum sammelst du ein Salatblatt pro Mahlzeit ohne mich. Soll ich später einzeln abzeichnen, wenn sie vergammelt sind. Wir brauchen was Gemeinsames, doch ich bin in Berlin. Sarah hat eine Dose mit Kuchen dabei, mein Stück fällt auf die Straße, ich hebe es auf, puste es ab und beiße hinein, Sand zwischen Zähnen macht mir nichts, ich habe ein Kind. Eine Frau beobachtet mich amüsiert. Bunte Menschen wabern nach Mitte, die Straße, auf der wir gehen, wird zum Tunnel, am Mittelstreifen wird kampiert, auf Matten gelegen und onaniert. Wir finden ein Etablissement in einem Bunker, da stehen Schraubgläser voller brauner Pillen und Pilze, die mich interessieren. Auf dem Bett ganz in weiß liegt ein Zettel, Sechshundert Euro kostet der Trip. Wollen wir das? Im Boden steckt eine Sortiermaschine für Broschüren, Dokumente und Instrumente, die ich versehentlich schließe, sie bäumt sich auf und versinkt hinter einer Klappe. Die Betreuerin lallt, setzt immer wieder neu an mit ihren verhakten Sätzen. Hängenbleiben geht nicht, ich habe ein Kind.
Im Traum sitze ich im Flugzeug neben Sarah Kuttner und lande in Berlin über dem Wasser, ich drücke mir die Nase an der Scheibe platt. Das Flugzeug wird zum Bus, der fast ein Haus rammt, kunstvoll geschnitzte Holztür, dann Rückwärtsgang. Ich versuche den Traum aufzuschreiben, der Stift entgleitet meiner Hand. Es kam Post von dir mit schwarzen Punkten statt Köpfen auf Gruppenbildern, zu viele Briefe, um sie hier zu lesen, der Salon ist zu schön. Ein pinker Baum mit rosa Blüten über einem polierten Holztisch, an dem ich komme, bevor ich ihn auch nur berühre. Durch ein Fenster zum Raum nebenan sieht mich ein kleiner Mann, er umarmt seine Frau am Frühstückstisch, schenkt Tee nach und schreitet mit offenen Armen um eine Ecke zu mir, um mich herumzuführen in seinem Schloss. Eilig raffe ich meine Notizen, Schal und Mütze zusammen, will gehen, er hält mir die Tür auf, da steht Kathi mit rundem Bauch. Im Flur versperren Kinderwägen den Weg zum großen Saal, sie rollen los, verkeilen sich, die Babies wachen auf.
Im Traum ein Tripple-Date, wir sind schon da, auch der schöne neue Freund meiner Schwester, es fehlen noch sie und unsere Eltern, die woanders diskutieren und uns warten lassen. Wir bestellen schon mal im Auto mit beschlagenen Scheiben und gehen dann doch rein ins feine Restaurant. Als die anderen kommen, wird es zur Mensa und die Speisekarte vervielfacht sich, mein Bauch bläht sich auf. Wir ziehen weiter zu einer Party oder ist es ein Festival? Ein ganzes Dorf bereit zur Umarmung. Gegründet von einem weißhaarigen Girl, das sich mich aussucht für diesen schillernden Abend in ihrem Türmchen, als die Spiele beginnen: Alle suchen sich, im Knäuel der Massen, aalen sich ineinander, ich reite einen zotteligen Wickinger zum Champagnerhaus, das neben dem Weinhaus steht. Märchennacht in Bonbonfarben. Mein Prinz, das weiß ich, hat für jede seiner Frauen Becher aufgestellt, meiner ist der größte, fantasievoll verziert. Was das bedeutet, wissen nur die anderen, sie schauen mich tadelnd an, wälzen sich vor Neid in ihren Schminksachen und erzählen woran sie im Lustrausch denken, dass ihnen das nie passiert: Leere Handtaschen.
Im Traum besuche ich Naomi in ihrem Zimmer, da ist nur eins der drei Kinder, ich sehe es nicht. Sie ist überall im Raum und telefoniert im warmen Licht. Wände mit Resten alter Malereien, Boden und Bett bedeckt mit Büchern. Ich finde ein Buch mit allen Notizen über die Kinder: Die Zwillinge möchten getrennt werden und wurden in verschiedene Kitas gebracht. Soll ich es lesen oder Naomi alles fragen, wenn sie mal aufhört zu telefonieren? Eine Frau kommt rein und sucht was, ich stehe im Weg und erschöpft in der Tür. Draußen im Park findet Naomi lange Vorhänge für die Treppen ihrer Eingangshalle, die sie an übergroße Pistazienschalen hängt und mit Draht in den perfekten Faltenwurf zwingt.
Im Traum will Christian gerade los, als ein Gewitter aufzieht, Wind zerrt an Sarahs Zelt und weht uns in eine Hütte, wo wir festsitzen, die Welt vor dem Fenster verschwindet im Sturm. Julia kauft alle Bilderbücher im Kiosk und zeigt sie Lio oben auf der Rutsche, wo sie jeden sieht. Ein Typ zeigt ihr seine Zahnspange mit Bändern, er hatte einen Unfall, sie nickt irritiert. Im Klassenfoto sitze ich eine Stuhlreihe vor dem kleinen Fabian, der nicht wissen kann, dass der Brief von mir war, er schmachtet eine andere an. Ich gehe zu ihm und lade ihn ein. Er schaut mich nicht an, sagt aber ja.
Im Traum besteigen wir ein Flugzeug aus Beton, mittig ist eine Sollbruchstelle eingebaut, ein leerer Raum aus Holz. Dahinter fehlen die Nummern von zig Sitzen. Wieder am Boden holen wir uns Tassen mit heißer Chili-Milch, die wir schlürfen. Frau Pavlik-Huber wird schon beim Anblick rot wie das Getränk, ihr Rock kratzt und ihre Jacke aus Filz. Wir erzählen vom Haus im Garten, du begeistert, ich resigniert. Man lässt es uns nicht lieben.
Im Traum sind wir in der Schweiz, wo das Einchecken in Züge so ganz anders funktioniert als hier. Überall laufen Schaffner herum und fragen uns, ob wir das schon einmal gemacht haben. Nein? Aha. Nur wie es geht, verraten sie uns nicht. Das erklärt uns eine Exilschweizerin mit hübschem Schal, die uns die Stadt zeigt und einen Zug nach dem anderen verpassen lässt.
Ankunft in einem Hotel aus braunen Kellerabteilen. Der Hotelier schiebt uns die Wände der Zimmer zurecht und lacht. Erinnert sich daran, wie absurd oft ich angerufen habe, um alles abzuklären für unseren Besuch aus China: Ein Fabrikant von Schuhen, die ich bewundere. Aber nur für Kinderfüße, behauptet er. Warum passen sie mir dann? Mein Schrank ist voll davon! Er ist verwirrt und stammelt, vielleicht werden sie für Europa auch in groß hergestellt?
Im Traum bewohnen wir ein Haus am schwarzen, dickflüssigen Meer. Wir falten uns ein Riesenplakat zum Boot, das schneller wegschwimmt, als ich den Strand aufräumen und loslassen kann.
Im Traum eine Party, das Leben in einer WG, von der ich schon 2011 gehört hatte. Nur gute Laune und Lust die ganze Zeit! Und Zwangsneurosen, man kennt sich. Sie zeigen mir das Bad, das ich kaum sehe vor lauter Büchern im Studierzimmer aus dunklem Holz, in dem alle ein eigenes Schreibtischchen haben. Im Bad steht eine Reihe englischer Waschmaschinen aus buntem Plastik (sehen aus wie Boxen zum Transport von Hunden oder anderen Haustieren), die am besten funktionieren, wenn die Wäsche drei Tage darin liegen bleibt und dann muffig ganz eng auf Stangen gewickelt wird. Versehentlich wird Glitzer durch den Raum auf die Kunst und alles geföhnt. Demian huscht durch die Räume und verschwindet wieder, so mache ich es auch. Am Telefon will ich Sarah alles erzählen, doch es klingelt und jemand kommt im Halbdunkel auf Knien herein, vielleicht Laurenz, er schmiegt sich an mich und ich mich an ihn, was ihn überrascht. Wir legen uns auf die Sofalandschaft im Wintergarten mit Blick auf ein schiefes Haus am Hang. Ich zeige ihm alles: Die Pools mit den schönen Frauen in absichtlich verrutschten Bikinis, das Buffet unter der Glaskuppel und die schummrige Bar, wo alle so tun, als würden sie mich kennen, als gehörten wir selbstverständlich dazu.
… während Jakob von schwebenden Steinen aus Kratern, abstürzenden Flugzeugen und Experimentiercamps von Aliens träumt. Medienunterhaltung zur Verdummung der Untersuchungsobjekte und Rebellion durch Vorspielen falscher Traditionen und Fälschung von Stuhlproben mit Zigarettenstummeln und frischem Obst.
Auf der Bühne im Literaturhaus steht Corinna, verkleidet als Geschäftsmann, sie lästert gekonnt, wie ihr lang und breit erzählt wurde, was mir alles passiert. Pointe: Interessiert keinen. Um sie herum installieren zerzauste Studentinnen eine Wand als analoge Dropbox: leere Flaschenkisten, die das Publikum im Laufe des Abends füllen soll.
4:13 Uhr, dem Traum verpflichtet, den mir Lios unaufhörliches Weinen freilegt. Im Traum wohnt Marion nur zwei Häuser von unserem entfernt im Paradies mit warmen Pools unter Palmen, Buffets und Obst überall. Lio wird uns dort schreiend abgeliefert, er hört nicht mehr auf. Marion hatte gerade angefangen, sich uns anzunähern, ich zögere noch, dann quengelt Maila und wir kochen doch, Meeresfrüchte oder so. Beim Spaziergang durchs Dorf höre ich zwei Passantinnen über die 4D-Oper sprechen, mir wird schon vom Teaser schlecht: Ungefragt werde ich in immer noch unfassbarere Höhen katapultiert und wieder fallengelassen, und schnell wieder hoch, ich sehe über die Berge die Alpen, und wieder freier Fall, mein Bauch rebelliert. Zurück im Paradies wate ich durch einen Teich, der immer tiefer wird, ich trage eine geborgte Hose aus Leder, die trocken bleibt und am Tisch von so Outdoortypen bewundert wird. Wäre sie meine, würde ich sie den ganzen Urlaub tragen. Auf dem Tisch stehen Heidelbeeren, mit denen wir uns bewerfen, zur spontanen Wiederaufführung unserer Baum-Installation. Lio weint noch immer, wir können nicht mehr. Jakob gibt auf und geht mit ihm raus.
Ich bringe mal eben ein Kind zur Welt und laufe anschließend allein durchs Krankenhaus, in dem keine anderen Türen, Menschen oder Personal zu finden sind, nur lange Gänge mit Fenstern und grüne Pflanzen überall. Ich will etwas zu essen für uns auftreiben, gehe über braune Felder Richtung Dorf, auf halber Strecke kehre ich um. Ich weiß, ich sollte liegen, das Blut tropft in Stücken aus mir heraus, ich stoppe es mit Tüchern in Petras Bad, das auch Schlafzimmer und Küche ist. Auf dem Tisch steht ein riesiger Topf mit festgewordenem Brei.
Eine Kutsche mit Bett, in dem ich mit Clara und Hanna liege, sie hält in eurer Wohnung, lachend hilfst du Iris hinauf auf unsere Deckenburg, um dich dann noch rasch stilvoll an die Bar zu setzen, an der du eingesammelt werden willst. Dann sitzen wir alle fröhlich in eurem Bad herum, das dunkel gefliest ist, vielleicht grün und orange, wie in Omas Haus aus den Siebzigern. Bis etwas bei mir nicht stimmt. Ich frage, ob ich kurz allein sein und nachschauen darf, ihr geht raus. Zu meinen Füßen liegt ein Haufen Schleim, sieht aus wie eine dicke Qualle, dazu glibberige Teile eines Skeletts, dehnbare Spiralen. Du kommst zurück, um nach mir zu sehen. Tapfer sammelst du alles ein und findest eure alten Backförmchen darin, die du eh nie mochtest, die aus Leinen (oder Frottee?) mit blauen Bordüren magst du lieber. Funktionieren die denn? Aber ja, sagst du, werden gleich bestellt.
Anfang Dezember habe ich grüne Minitomaten aus dem Hochbeet an unserer Loggia geerntet, eine Schüssel voll, und sie seither mit einem Apfel in ihrer Mitte nachreifen lassen, jetzt sind sie gelb. Im Traum schaue ich gedankenverloren aus dem Fenster und snacke nebenbei diese Tomaten, nachdem die halbe Schüssel leer ist ist, fällt mir ein, dass sie giftig sind.
Lio und ich sind auf seinem kleinen Holzroller unterwegs im großen Verkehr. Wir rasen durch Tunnel, Autoaufzüge, eine Schotterpiste hinab und schließlich durch einen Fluss, in dem wir fast nicht nass werden in unseren Matschhosen. Am Ende des Parcours erwartet uns Kathi, um unser Wochenende in den Bergen abzusagen – sie fühlt sich krank und Vroni ist zu beschäftigt mit ihrer Website als Mama.
Wir planen ein Literaturfest in einer Art Freilichtmuseum, eine Schleuse hinter Maschendraht führt in eine andere Zeit, ein knarzendes Haus ganz für meine Textinstallation. Wochenlang vorbereitet, am Ende gekürzt auf eine Schatulle mit Postkarten, von Lio bekrakelt, und Briefen von dir. Damit sitze ich auf dem uralten Bett, als die ersten Gäste eintreffen: Der tapsige Nachbarsjunge, den ich freundlich auf Knien begrüße, meine Mama mit ihrem fragenden Blick, und du, mit blondierten Haarspitzen. Du setzt dich aufs Bett, ich kann nicht mehr denken, mein Gesicht hinter dem Vorhang meiner Haare verborgen suche ich heimlich deine Hand. Jemand schiebt mir noch kurz die Verantwortung für die Suppe unters Bett, ich müsse sie ja nur anschalten. Dort brodelt sie also vor sich hin, bis sie explodiert und von der Decke auf mein Bett tropft als orangene Tupfen. Das wars mit Texten in weißer Bettwäsche, auch die Ersatzdecke liegt halb im Topf.
›Das Schweigen der Orangen‹ – so könnte meine Ausstellung heißen. Orangen rollen durch den Raum und halten den Mund, als sie auf den Boden geworfen und zermatscht werden. Reglos liegen sie auf den heißen Heizungsrippen und verströmen ihren Duft. Alle Orangen ausverkauft in der gesamten Region, am nächsten Tag fluten sie dann den Markt, Konsumkritik in Orange. Natürlich gibt es frischgepressten Orangensaft zur Vernissage.
Als Gastgeschenk für die Familie meiner Braut trage ich vier Eier in den Händen, in verschiedenen Größen und Formen, winzig, kugelrund, fast plattgedrückt, eines davon ist roh. Mit kahlgeschorenem Kopf und wehender Perücke eile ich die Treppe zur Straße hinab und weiter in den Untergrund zur Bahn, die ich nicht finde, stattdessen einen Kraftraum voller Geräte. Wieder oben erwartet mich eine Rikscha im Federkleid mit buntbemaltem Faun, den ich immer nur von hinten sehe. Ich steige ein für eine Irrfahrt durch New York mit flüsternden Fragen, seine Buntheit färbt ab und mich ein. Wir geraten in eine Parade durch die teuerste Straße in einen Saal, eine Wendeltreppe führt zur Dachterrasse mit nächtlichem Garten, Andreas ist da und alle sind so bunt wie ich.
Das Kind saugt an mir am Rande dieser Party der Bücher dann geht es spielen und da steht er du bist doch, ja sagt er und ich lese in ihm offen fürs Wasser steht da und beim Streicheln verschwimmen die Seiten auf seinen glatten Rücken gedruckt oder tätowiert so scharf die Buchstaben verschwommen die Seiten durchsichtig übereinander schwimmend ich lese und streichle und er streichelt mich mit seinem Blick liest in mir das Kind schaut rein alles gut wir lesen nur ineinander fließen umeinander du bist also, ja sagt er und küsst meine Schultern und Arme er ist überall als wäre er Wasser wie schön leuchtet dieses Lesen und Baden in ihm ich will mitschreiben und halte fest was sich nicht festhalten lässt es fließt wir schweben im flüssigen Text der durchsichtig wird die Buchseiten auf seinem Rücken so schön so liegen wir da wissend dass ja und schon treiben wir auseinander ganz langsam bleib doch noch, ja aber nur als Buch das ich hier schreibe so liege ich im Wasser das mich umschmeichelt und wärmt wie die Decke an diesem Sommermorgen der mir Seiten schenkt flüssige Seiten die durchsichtig werden im Wasser flüssiges Buch die Buchstaben und Seiten verflüssigen geht das?
Im Traum entwickelt Simon ein Buch, bei dem jede Seite einzeln mit einem farbigen Kantenschutz beklebt werden muss, daraus wird ein Klassenprojekt am Fluss. Alle sind begeistert, vor allem Brian. Später probiere ich bunte Kreolen aus Glas von Mama und Oma, die ich trotz fehlender Ohrlöcher durchprobiere. Verfolgt von den Augen des Nachbarn schreite ich durchs gläserne Treppenhaus. Er soll mich sehen, auch wenn ich erst in zwei Tagen wieder da bin.
Ein Bistrotisch in der Landschaft, darauf eine rosa glänzende Handtasche mit Haifischzähnen als Reißverschluss. Ich greife hinein und angle mir ein Zitat von Soldaten, das sich abfällig gegen blutige Marinetage = Menstruation äußert. Feministische Skulptur im öffentlichen Raum, an der ich jahrelang achtlos vorbeiging. Ich frage Nelly Sachs: How long does it take to become a woman? A happy woman, I want to be happy. Sie antwortet mit kleinen Augen und silbernem Haar.
Traum von Lio und seinen Brüdern, die auch er sein könnten in verschiedenen Altern. Von der Galerie blicke ich auf eine Halle voller Sand, wo zwei Männer sich mal eben tot stellen; bis du da bist, ist die Szene vorbei. Die Kinder rennen auf uns zu, nur unseres sehe ich nicht. Clara sitzt auf gepackten Koffern und begleitet uns ein letztes Mal zum Strand, der schon fast weg ist, die Flut steigt und klettert die Treppen zum Schloss hinauf. Mein Schlüsselbund fällt ins Wasser, ich fische nach ihm und halte ihn noch fester als sonst. Wir umarmen Clara, bis Mahmoud sie abholt in seinem Jeep. Ich schließe die Tür, unter der schon Wasser nach innen dringt. Im Bett glimmt ein Lagerfeuer, das ich zudecken möchte, um es zu ersticken, ich traue mich nicht.
Das Schiff legt gleich an, wir sitzen an Deck, angelegt als künstliche Insel im schwankenden See, durch den nur ein halb überfluteter Steg ohne Geländer zum Ausgang führt. Neben mir schreibt Andrea in aller Ruhe ihr Notizbuch voll. Eilig packe ich Büroinventar und Küchenutensilien ein, meine Möbel müssen wohl dableiben. Ich schaue zurück und sehe das Kind im Wohnmobil. Ich brauche Hilfe beim Tragen, wo sind alle hin? Der schwimmende Christian hatte mich davor gewarnt, so viele Dinge hierher zu schaffen, jetzt fehlt auch er.
Im Traum sind wir Vertraute, eigentlich. Bis sich beim Aufstieg zu deinen Gemächern die Treppen so zusammenschieben, dass mir nur der Aufzug zur Flucht nach unten bleibt. Draußen fällt mir ein Schraubglas aus der Hand, es kullert bergab und zerspringt auf einem Gitter aus Metall. Rote Flüssigkeit tritt aus und gerinnt zu zwei Klumpen, die sich in unterschiedliche Richtungen davonmachen.