Anfang Dezember habe ich grüne Minitomaten aus dem Hochbeet an unserer Loggia geerntet, eine Schüssel voll, und sie seither mit einem Apfel in ihrer Mitte nachreifen lassen, jetzt sind sie gelb. Im Traum schaue ich gedankenverloren aus dem Fenster und snacke nebenbei diese Tomaten, nachdem die halbe Schüssel leer ist ist, fällt mir ein, dass sie giftig sind.
Lio und ich sind auf seinem kleinen Holzroller unterwegs im großen Verkehr. Wir rasen durch Tunnel, Autoaufzüge, eine Schotterpiste hinab und schließlich durch einen Fluss, in dem wir fast nicht nass werden in unseren Matschhosen. Am Ende des Parcours erwartet uns Kathi, um unser Wochenende in den Bergen abzusagen – sie fühlt sich krank und Vroni ist zu beschäftigt mit ihrer Website als Mama.
Wir planen ein Literaturfest in einer Art Freilichtmuseum, eine Schleuse hinter Maschendraht führt in eine andere Zeit, ein knarzendes Haus ganz für meine Textinstallation. Wochenlang vorbereitet, am Ende gekürzt auf eine Schatulle mit Postkarten, von Lio bekrakelt, und Briefen von dir. Damit sitze ich auf dem uralten Bett, als die ersten Gäste eintreffen: Der tapsige Nachbarsjunge, den ich freundlich auf Knien begrüße, meine Mama mit ihrem fragenden Blick, und du, mit blondierten Haarspitzen. Du setzt dich aufs Bett, ich kann nicht mehr denken, mein Gesicht hinter dem Vorhang meiner Haare verborgen suche ich heimlich deine Hand. Jemand schiebt mir noch kurz die Verantwortung für die Suppe unters Bett, ich müsse sie ja nur anschalten. Dort brodelt sie also vor sich hin, bis sie explodiert und von der Decke auf mein Bett tropft als orangene Tupfen. Das wars mit Texten in weißer Bettwäsche, auch die Ersatzdecke liegt halb im Topf.
Ich traue mir so wenig wie dir. Dabei schreibst du mir die Angst weg mit deiner Orangenmarmelade um den Mund.
Leichtes Mädchen, läufst davon, bergauf auf Pfaden deiner Kindheit, vorbei am Schlittenhügel, ohne Schnee, Nebel über den Wiesen, durch den Wald über den verwurzelten Weg, bei dem Papa für uns Prinzessinnen immer von Kutschen sprach, zum Lieblingsplatz: Die Bank mit Blick ins Donautal.
Können wir nicht auf E-Mails umsteigen? Diese postalischen Wartezeiten sind ja kaum auszuhalten in der heutigen Zeit. Der Briefkasten freut sich indessen über seine Verzauberung. Schlaflos lese ich wieder deinen Brief und krieche in deinen Traum.
Als Genre: Sehr offen sein, eins werden mit dem Text, noch näher ran als im Gedankenspiel des Essays.
Der Wille, das eigene Selbst auszudehnen, um das eigene spirituelle Wachstum oder das eines anderen Menschen zu nähren.
Liebe ist, was Liebe tut.
Eine Kombination aus Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe und Vertrauen.
Bell Hooks: Alles über Liebe
›Wir‹ bleibt beweglich,
ein Traum mit Schloss,
eine Heimat auf Zeit.
Der Luxus eines vollen Terminkalenders, um den du mich beneidest. Mal tauschen für einen Tag?
Ich frage nach meiner Schulter und bekomme eine Diagnose für meine ganze Generation, die sich (laut Orthopädin) Visionen bastelt und, wenn sich was nicht erfüllt: heult. Statt mir die Röntgenbilder meiner krummgesessenen Knochen zu erklären, schrumpft sie mich mit der Standpauke einer Sportlehrerin zur wütenden Zehnjährigen: Sie sind nicht mehr jung, kaufen Sie sich ein Rudergerät! Zum Abschied eine Umarmung (Hä?) und ein Zettel: 1 km Rudern, 10.000 Schritte, 1 h Radfahren. Aber wohin?
Du umarmst wie ein Brett und tanzt wie ein Soldat, deine Sprache will leicht sein, doch dann wieder: Sokrates.
In deiner Handschrift lese ich Freunde, wo du Fremde schreibst.
Ich
Mein
Hupaupa = Hubschrauber
Hatsi = Taxi
Miin = Kamin
Blumblum = Luftballon
Wie gut man die Welt sortieren kann.
Erzieherin stellt fest:
Pablo liebt Maila, Maila liebt Lio und Lio liebt die Autos.
Wir haben den Tatortkommissar gesehen und ein paar Leute, die als Passanten verkleidet waren.
›Das Schweigen der Orangen‹ – so könnte meine Ausstellung heißen. Orangen rollen durch den Raum und halten den Mund, als sie auf den Boden geworfen und zermatscht werden. Reglos liegen sie auf den heißen Heizungsrippen und verströmen ihren Duft. Alle Orangen ausverkauft in der gesamten Region, am nächsten Tag fluten sie dann den Markt, Konsumkritik in Orange. Natürlich gibt es frischgepressten Orangensaft zur Vernissage.
Ein Changieren zwischen dem Gefühl, dass ihr alles zusteht und dem Zweifel, es nicht verdient zu haben.
Wie sehr die Welt der Familie bestimmend und doch rätselhaft bleibt.
Der Kalender sagt mir, dass dein Kind morgen erwachsen ist und nächste Woche auswandert für ein Jahr. Während ich weine, weil mein Kind nachts weint ohne mich und ich nächste Woche keine stillende Mutter mehr bin.
Kopf: Genug.
Bauch: Schon?
Brust: Aua.
Zur Ablenkung: Zwetschgen sammeln und Kuchen backen. Kommst du mal vorbei?
Wenn ich an dich denke, habe ich eine Begegnung im Kopf, warme Sommernacht in der Stadt und du sprühst und leuchtest und verkündest mit funkelnden Augen: Das ist mein Sommer! Das hat mich so beeindruckt, dass ich seither meinen Sommer erwarte. Vielleicht war der aber auch schon 2011, als alles begann – mein Glück, das ich vor lauter Gleichzeitigkeit zu oft übersehe. Danke, dass du mir deinen Blick darauf schenkst.
Als Gastgeschenk für die Familie meiner Braut trage ich vier Eier in den Händen, in verschiedenen Größen und Formen, winzig, kugelrund, fast plattgedrückt, eines davon ist roh. Mit kahlgeschorenem Kopf und wehender Perücke eile ich die Treppe zur Straße hinab und weiter in den Untergrund zur Bahn, die ich nicht finde, stattdessen einen Kraftraum voller Geräte. Wieder oben erwartet mich eine Rikscha im Federkleid mit buntbemaltem Faun, den ich immer nur von hinten sehe. Ich steige ein für eine Irrfahrt durch New York mit flüsternden Fragen, seine Buntheit färbt ab und mich ein. Wir geraten in eine Parade durch die teuerste Straße in einen Saal, eine Wendeltreppe führt zur Dachterrasse mit nächtlichem Garten, Andreas ist da und alle sind so bunt wie ich.
Man bekommt ein unbeschriebenes Blatt geschenkt und lässt das Blatt sich selbst beschreiben. Das Blatt nennt sich Meo. Um dem Amt zu beweisen, dass der Zweitname Thoje tatsächlich existiert, komponieren Thorsten und Jenny kurzerhand einem wahrscheinlich norwegischen Musiker ein Notenblatt – überzeugt.
Seit vier Jahren sind Vater und Sohn im Wohnmobil unterwegs, 66.000 Kilometer, davon 55.000 in Deutschland, immer abwechselnd entscheiden sie, wohin: Links, rechts, wieder links, da sieht es schön aus, Meo dirigiert sie zielsicher zum schönsten Stellplatz an der Lorelei.
Und Jenny? Superöko, acht Jahre vegan, Lotusgeburt, lange gestillt, dann über Nacht nicht mehr, wie Meo auch über Nacht aufgehört hat, Zucker zu essen und YouTube-Videos zu schauen, will er nicht mehr. Was ist passiert, will ich fragen, Halbwaisenrente hat er erwähnt. Später frage ich – Krebs in der Brust und schon überall.
Der Wohnmobilstellplatz ist belegt, doch sie haben ein Zelt – als Corona kam, für den Ernstfall gekauft, ein großes Tipi in Beige, von Meo ausgesucht. Zum Sonnenuntergang setze ich mich als Gartenzwerg in den Vorgarten, dort grast Meos imaginäre Kuh, die bei ihm ist, seit sie im aufgeräumten Haus der Großeltern mit Spielzeugverbot kistenweise imaginäre Spielsachen ausgekippt haben.
– Meo: Papa, wir brauchen noch meine Schlafsachen!
– Thorsten: Hab ich natürlich alles dabei, mein Sohn, ich bin doch Eventmanager.
– Gartenzwerg: Meo, dein ganzes Leben ist ein Event.
Mama
Papa
Eis (Eis, heiß, hell)
Na na (nein nein)
Oa (Ohr)
Sieße (Füße)
Lille (Brille)
Blom (Blume)
Lala (Musik)
Loller (Roller)
Brumm (Auto)
Nanena (Anhänger)
Bumm
=
Fallen
Runter
Kaputt
Öffnen
Schließen
Ausziehen
Mem
=
Essen
Trinken
Mehr
Krakn/Krako
=
Traktor
Bagger
Kran
Laster
Garten
Gurke
Karotte
Dadaa
=
Wasser
Walter
Tüta
=
Polizei
Feuerwehr
Krankenwagen
Müllabfuhr
Fahrzeuge mit blinkenden Lichtern
Das Kind saugt an mir am Rande dieser Party der Bücher dann geht es spielen und da steht er du bist doch, ja sagt er und ich lese in ihm offen fürs Wasser steht da und beim Streicheln verschwimmen die Seiten auf seinen glatten Rücken gedruckt oder tätowiert so scharf die Buchstaben verschwommen die Seiten durchsichtig übereinander schwimmend ich lese und streichle und er streichelt mich mit seinem Blick liest in mir das Kind schaut rein alles gut wir lesen nur ineinander fließen umeinander du bist also, ja sagt er und küsst meine Schultern und Arme er ist überall als wäre er Wasser wie schön leuchtet dieses Lesen und Baden in ihm ich will mitschreiben und halte fest was sich nicht festhalten lässt es fließt wir schweben im flüssigen Text der durchsichtig wird die Buchseiten auf seinem Rücken so schön so liegen wir da wissend dass ja und schon treiben wir auseinander ganz langsam bleib doch noch, ja aber nur als Buch das ich hier schreibe so liege ich im Wasser das mich umschmeichelt und wärmt wie die Decke an diesem Sommermorgen der mir Seiten schenkt flüssige Seiten die durchsichtig werden im Wasser flüssiges Buch die Buchstaben und Seiten verflüssigen geht das?
»Wenn etwas nicht gelingt, genügt es, daß man in ein anderes Zimmer geht.«
Wilhelm Genazino
»Die Wahrheit ist ein Schmetterling, sie landet einmal hier und einmal dort. Du jagst sie mit einem Netz, und wenn du sie fängst, bist du glücklich. Aber sie lebt nicht lange. Die Wahrheit ist ein zartes Ding.«
»Busbecqs Ansicht nach gab es im Leben zwei segensreiche Dinge – Bücher und Freunde –, deren Anzahl in umgekehrtem Verhältnis zueinander stehen sollte: viele Bücher, aber nur eine Handvoll Freunde.«
»Für alle Schüler dieser Welt – niemand hat uns gesagt, dass die Liebe die am schwersten zu erlernende Kunst ist.«
Elif Shafak: Der Architekt des Sultans