Christina Schmid
Anfänge und Enden

Trampelpfad

Im Traum habe ich einen Termin direkt nach dem Urlaub fast vergessen, um 10 muss ich dort sein, es ist 9:53 Uhr, ich komme zu spät. Ich renne durch ein Bürogebäude und knalle Türen, versuche immer wieder Christoph anzurufen, mein Handy will nicht. Auf einem Trampelpfad durch eine hohe Wiese erzählt mir Frauke von ihrer Tochter: Als alle wegen Covid ausreisen mussten, zog sie sich kiffend aufs Land zurück. Jetzt hat sie alle Varianten durch, auch die englische und französische, es geht ihr gut. Eine Uhr zeigt noch immer 9:53 Uhr und später noch eine. Wenn die Zeit so stillsteht, könnte ich es noch pünktlich schaffen, nur habe ich gar keine Lust mehr auf Termine. Aufs Land ziehen und kiffen? Frauke schüttelt den Kopf.

Erdbeerstola

Im Traum löffeln wir scharfe Erbsensuppe mit Zuckerschoten aus einem Topf, der stand schon gestern mitten im Weg auf einem Stuhl. Daneben kauft Sinje ihr Gemüse ein. Sie trägt eine Stola aus riesigen Erdbeeren, passend zu ihrer Ausstellung, die wir gleich besuchen. Ein Raum voller schwebender Neonröhren, an die wir uns hängen und schaukelnd Luftakrobatik versuchen.

Pantomime

Im Traum soll ich einen Vortrag vor einer Klasse halten, ständig kommt und geht jemand, meine Stimme bricht weg. Wir hüpfen uns wach und versuchen ganz still zu sein – wie schwer das ist! Ich will brüllen und kann nur krächzen, da wird es still. Beim Einschenken passiert mir eine sprudelnde Überschwemmung, wir lauschen, wie das Wasser vom Pult auf den Teppich tropft. Barfuß schleiche ich durch die Reihen und sammle alle Gesten der Klasse ein.

Buchtraum

Als hättest du ihn bestellt in meiner Traumfabrik: Erst ein Kästchen mit Tuch, das sich beim genaueren Hinsehen als bewegte Geschichte entpuppt, Hologramm mit Eidechse, die ausbüxt. Später ein leeres Buch mit bläulich schimmernden Seiten, die sich in mehrere Bücher aufteilen und um die Wette rennen, wie Hase und Igel im raschelnden Papier.

Mondbuch

Im Traum besuche ich eine vertikale Buchmesse, die Bücher lagern weit oben über den Ausstellungstischen, ein rostiges Fahrrad an Seilen dient als Aufzug, natürlich will ich das oberste Buch, dort wohnt der Mond. Ich pflücke einen Strauß hochgewachsener Stifte, die sich schon biegen, manche Farben gibt es nur in kurz.

Klotz

Ich höre auf, höre draußen wen husten, dein Husten? Wie du. Hoffe kurz, du bist es schon, habe Bauchweh, hoffe dann, du hast Spaß, bestimmt sogar! Komisch ist das. Ich umarme dich, oder nicht, weil du riechst nach wem. Wie oft wirst du duschen, um wieder hier zu sein, mein, nein, warst du nie und wirst du je? Ich dein, Klotz am Bein, bei aller Liebe.

Gedicht

Die Lust in deinem Garten vergessen, du reichst sie mir durch ein Loch im Zaun, der Tag war ein Gedicht.

Puppenmacherin

Im Traum spaziere ich zu einem Vortrag, Demian hat das selbe Ziel. Er zeigt auf sein Atelier am Waldrand, ein gefaltetes Glashaus, sieht spannend aus, da möchte ich mal hin! Nicht jetzt, sagt er, aber später. Wann fährt der letzte Bus? Um sechs Uhr früh, sagt er und lacht, er lädt mich ein für diese Nacht, was er gleich wieder vergisst. Wir kommen an, er wird umringt, ich sitze am Rand, der Vortrag beginnt. Eine Puppenmacherin erzählt das Konzept ihrer blauhaarigen Wesen. Ihr Sohn quatscht dazwischen, vernebelt den Raum, fragt nach Geld. Sie verstummt unter Tränen und sieht mich am Rand, mein rotes Leuchten wirkt aufmunternd, sie verwirft alles und setzt neu an: Der Puppenkopf, das weiche Gesicht, die Haare jetzt grün, der Körper biegsam wie der einer Tänzerin, wird lebendig mit dem letzten Stich, anschmiegsam, wie keine vor ihr.

Drei Tage lang Bücher gestreichelt und einmal auch dich.

»Das Buch leuchtet nicht im Dunkeln, wir waren extra im Schrank.«

»Bist du sauer auf das Buch?«

Fahrplan

Im Traum warten wir im Gedränge auf den Bus, Lio will weg. Er rennt auf die vielspurige Straße, ich hinterher, rufe heiser Julia – wie tief das sitzt, Verantwortung ist mit dem Namen meiner Schwester verknüpft. Er verschwindet hinter einem Hügel, findet eine Dose mit Keksen, vergessenes Spielzeug, verlorene Mützen der Kinder, die wohl gerade jetzt in den letzten Bus überhaupt einsteigen. Ich versuche den Fahrplan zu entziffern, erkenne nichts, höre noch ein Gespräch mit und jemanden duschen im Haus, dann ist es dunkel und still. Wir zwei allein hier, allein auf der Welt.

Ballonbauten

Im Traum lasse ich mein Knie untersuchen, es ist blau und liegt im Hof auf einem fahrbaren Tisch. Alles in Ordnung, meint der Arzt, aber wie wärs mit einem Experiment mit KI? Er pikst blaue Dioden in meine Handfläche, es löst sich gleich eine von vier, ich halte sie fest. Der Arzt eilt voraus zur Kaserne, ich hinterher in zu großen Schuhen, stolpere und falle in eine Pfütze aufs Knie. Er dreht sich noch um und verschwindet hinter einer der vielen Türen. Wo muss ich hin? Im Opernsaal ganz hinten ein Büchertisch mit Lyrik und bunten Heften, ich helfe Andreas beim Aufbau, finde ihn viel zu versteckt. Ein Buffet soll helfen, es beginnt zwischen den Büchern und erstreckt sich über mehrere Höfe in Ballonbauten, wir schlagen uns die Schüsseln voll mit buntem Gemüse und Gebäck.

»Vergiss deine Rakete nicht.«

Spiegelbild

Wortschwallwesen fang mich auf bevor du aufspringst lässt mich sitzen im Echo meiner Suche verhallt im Rot dein Schal dimmt das Kuchenlicht. Das Schaf auf dem wir landen ganz weich beim Absturz des Luftfahrrads weil Fußkrampf beäugt von der Eule rettender Schatz. Erwarten wir Zeichen wir schenken uns nichts oder so spät schon wachgeklappert nebenan verrutschtes Gestern im Spiegelbild. Ungefragte Bilderschau bewundert bis über mich hinweg ein Fluss mäandert vorbei am Fenster das Boot schaukelt uns zum Mai.

Geheimschrift

Im Traum treffe ich Thomas an der Bushaltestelle, wir erkennen uns gleich – ich ihn an seinen rot gefärbten Borsten, er mich an meinem Mund. Wir schauen hin und weg, lachen schüchtern und steigen ein. Da ist auch Ulrike und die halbe Klasse, ich zeige ihr Lio, der hinter Milchglas auf seiner Oma turnt, sie zeigt mir zwei ihrer drei Kinder. Wie mein Tun erklären? Ein Buch aufschlagen, Zitrone darauf träufeln, Geheimschrift sichtbar bügeln, Petersilie darüber streuen, fertig.

»Bei meinem Mann ist das genauso.«

Talianova

Das Wort weckt mich aus meinem Traum. Ich bin in Japan, wo ich gleich den Zug verpasse, weil sich mein Handy nicht mehr wischen lässt. Du bist schon weg mit Lio und den anderen, als ich morgens im Hotel ankomme. Ich hatte woanders übernachtet an einem Berg. Hat sich gelohnt, sage ich lächelnd und überzeugter als ich bin. Im Hotel stehen ultraschmale Bettgestelle aus Metall im Halbkreis auf Tribünenstufen, überall liegt Plastikspielzeug und verstreutes Gepäck, alle packen und müssen los. Auch ich suche meine zwei Rucksäcke und Taschen zusammen, habe bestimmt was verloren und vergessen, so leicht wie die sind. Ich kenne den Weg nicht. Wann fährt der Zug? Reicht es noch? Ich finde Demian in einem Zelt, er hilft mir wiederwillig, muss gleich zu einer Konferenz – na klar, wenn er schon mal in Japan ist. Sein Handy besteht nur aus weißen Tasten ohne Display, wie soll das funktionieren? Ich überlege, mir ein Taxi zum Bahnhof zu nehmen, doch wie weit reicht hier mein Geld? Im Zug, fünf Plätze weiter, sehe ich Rebecca sitzen, die auch nach Hause will, ich werde ihr folgen, hänge mich an sie dran. Wo müssen wir umsteigen? Die Uhrzeiten helfen, japanische Stationsnamen sagen uns nichts – nur der ÖBB-Bahnhof, Österreich, ja klar! Sind wir im Flugzeug oder auf einem Schiff? Ich gehe einen Korridor entlang, alles hängt voller grüner Federkostüme. Drei Japanerinnen helfen mir irgendwie weiter, zum Dank verbeuge ich mich tief, sie lachen mich aus. Zurück im Hauptdeck zwei aufgeregte Comedians kurz vor Auftritt, von Bordmusik übertönt, der Scheinwerfer ist kaputt. Mareike, verantwortlich für die Technik, regt sich schrecklich auf. Wir schnappen uns alle Lampen, die wir finden können und schaffen ein Leuchten für die Situation. Frau Olschowski in der ersten Reihe bekommt einen Cocktail und steht im Rampenlicht. Hübsch spaziert sind wir ja schon, sagt sie in die Kamera. Befragt zu Körpergröße und Politik spricht sie von 12 Talianova, ein anerkennendes Raunen geht durch den Raum. Ist das eine Einheit für den Talienumfang? Und was soll der in der Kulturpolitik?

Ersatzbank

Im Traum werde ich gestyled von einer schwatzenden Dame: Eine graue Brettfrisur klebt mir am Kopf vor lauter Haarspray. Bis zum Dreh vergehen Tage in einer Büroetage, komplett umgeräumt als provisorisches Hotel und für ein zu filmendes Handballspiel. Da soll ich mitspielen? Nur auf der Ersatzbank sitzen und krank in einem Bett, sagt Laura. Sie legt mir einen Mantel als Decke auf eine Pritsche und geht. Ich hole Lio ab. Mit ihm auf den Schultern erkunde ich das Gebäude, erklimme das gläserne Treppenhaus auf spiegelglatten Stufen. Meine Hand klammert sich ans Geländer, die andere hält ihn gerade so auf mir, dass er in den Kurven nicht runterkippt. Oben piepst und blinkt ein Elektronikgeschäft. An einer Theke nehmen wir uns einen halben roten Nachtisch, der wird in der Szene gebraucht. Im Aufzug fahren wir runter zur Büroetage, die wieder Büro ist, alle sind weg. Filmdreh verpasst?

Wortschatz 3

Blablabler = Gabelstapler
Lalathek = Musik ausleihen

Gleißen

Im Traum bin ich eingeladen in einen Pod oder Pond: ein futuristischer weißer Pavillon mit Glaskuppel. Die Einladung ist ein gleißendes Buch von Hanna, das ich ganz fest halten will. In einer riesigen Fabrikhalle sammeln wir Geld für einen richtig guten Zweck, alle spenden reichlich, ich verwahre die Scheine, die über Nacht zu Spielgeld werden. Feindselige Blicke im Kreis, ich fliehe in die Fußgängerzone. Unter einem Glasdach steht einer, der seine Töchter auf Rollschuhen im Blick haben soll, stattdessen repariert er mein Ladegerät und küsst mich, ich lasse es geschehen, schließe die Augen und bin weg.

Feriencontainer

Im Traum webst du dein Skript für Maggie aus Bandnudeln, Schnittlauch und Papier. Wir radeln so nah nebeneinander, dass unsere Räder zu einem werden, ein schönes Kissen gerät zwischen meine Füße, du strampelst weiter für uns zwei. Ein alter Mann macht Akrobatik auf seinem Skateboard und strauchelt, als wir ihn überholen. Wir halten an einem frisch geputzten Feriencontainer mit weißem Teppich, fälschen dem Makler die Papiere und krümeln alles voll mit Moos aus unseren Haaren.

Bunkerhotel

Im Traum ein Stau, dem ich zu Fuß folge. An jeder Ecke halte ich an, betrete Häuser, suche was, stelle Fragen, finde Drogen, verliere sie wieder. Schließlich endet der Stau in einer Sackgasse mit Bunkerhotel. Der Rezeptionist schickt mich nach unten, ich soll mir jedes zehnte Zimmer kurz anschauen, um zu sehen, wie verschieden sie sind. Ein Labyrinth farbiger Türen in allen Winkeln, kleine Guckfenster darin.

Mittelstreifen

Im Traum sammelst du ein Salatblatt pro Mahlzeit ohne mich. Soll ich später einzeln abzeichnen, wenn sie vergammelt sind. Wir brauchen was Gemeinsames, doch ich bin in Berlin. Sarah hat eine Dose mit Kuchen dabei, mein Stück fällt auf die Straße, ich hebe es auf, puste es ab und beiße hinein, Sand zwischen Zähnen macht mir nichts, ich habe ein Kind. Eine Frau beobachtet mich amüsiert. Bunte Menschen wabern nach Mitte, die Straße, auf der wir gehen, wird zum Tunnel, am Mittelstreifen wird kampiert, auf Matten gelegen und onaniert. Wir finden ein Etablissement in einem Bunker, da stehen Schraubgläser voller brauner Pillen und Pilze, die mich interessieren. Auf dem Bett ganz in weiß liegt ein Zettel, Sechshundert Euro kostet der Trip. Wollen wir das? Im Boden steckt eine Sortiermaschine für Broschüren, Dokumente und Instrumente, die ich versehentlich schließe, sie bäumt sich auf und versinkt hinter einer Klappe. Die Betreuerin lallt, setzt immer wieder neu an mit ihren verhakten Sätzen. Hängenbleiben geht nicht, ich habe ein Kind.

Mittagsbaumel

Mein Kopf schaut dir zu, wie du uns dein Gartenbett zimmerst. Vorhin mit Familie daran vorbei spaziert. Nach Brombeerpfannkuchen jetzt Mittagsbaumel in der Hängematte, die Kunst des Reisens bei mir. Das Ende der Identität geht mir noch nach. Träume vom Vorlesen im Gartenhaus, das so nah ist, wir leben im Dorf.

Rückwärtsgang

Im Traum sitze ich im Flugzeug neben Sarah Kuttner und lande in Berlin über dem Wasser, ich drücke mir die Nase an der Scheibe platt. Das Flugzeug wird zum Bus, der fast ein Haus rammt, kunstvoll geschnitzte Holztür, dann Rückwärtsgang. Ich versuche den Traum aufzuschreiben, der Stift entgleitet meiner Hand. Es kam Post von dir mit schwarzen Punkten statt Köpfen auf Gruppenbildern, zu viele Briefe, um sie hier zu lesen, der Salon ist zu schön. Ein pinker Baum mit rosa Blüten über einem polierten Holztisch, an dem ich komme, bevor ich ihn auch nur berühre. Durch ein Fenster zum Raum nebenan sieht mich ein kleiner Mann, er umarmt seine Frau am Frühstückstisch, schenkt Tee nach und schreitet mit offenen Armen um eine Ecke zu mir, um mich herumzuführen in seinem Schloss. Eilig raffe ich meine Notizen, Schal und Mütze zusammen, will gehen, er hält mir die Tür auf, da steht Kathi mit rundem Bauch. Im Flur versperren Kinderwägen den Weg zum großen Saal, sie rollen los, verkeilen sich, die Babies wachen auf.

Champagnerhaus

Im Traum ein Tripple-Date, wir sind schon da, auch der schöne neue Freund meiner Schwester, es fehlen noch sie und unsere Eltern, die woanders diskutieren und uns warten lassen. Wir bestellen schon mal im Auto mit beschlagenen Scheiben und gehen dann doch rein ins feine Restaurant. Als die anderen kommen, wird es zur Mensa und die Speisekarte vervielfacht sich, mein Bauch bläht sich auf. Wir ziehen weiter zu einer Party oder ist es ein Festival? Ein ganzes Dorf bereit zur Umarmung. Gegründet von einem weißhaarigen Girl, das sich mich aussucht für diesen schillernden Abend in ihrem Türmchen, als die Spiele beginnen: Alle suchen sich, im Knäuel der Massen, aalen sich ineinander, ich reite einen zotteligen Wickinger zum Champagnerhaus, das neben dem Weinhaus steht. Märchennacht in Bonbonfarben. Mein Prinz, das weiß ich, hat für jede seiner Frauen Becher aufgestellt, meiner ist der größte, fantasievoll verziert. Was das bedeutet, wissen nur die anderen, sie schauen mich tadelnd an, wälzen sich vor Neid in ihren Schminksachen und erzählen woran sie im Lustrausch denken, dass ihnen das nie passiert: Leere Handtaschen.

Oktopus

In der Kirche brennt Licht, die Tür ist verschlossen, von draußen höre ich die Orgel, setze mich auf eine kalte Bank, sehe ein Schiff im Sturm, eine Flucht, einen Stummfilm in Schwarzweiß. Ich will dir alles zeigen, was ich sehe, alles teilen mit dir, alles hören, was du denkst, das ist verrückt und einfach zu viel. Warum wählst du den Oktopus? Weil er orgeln kann, die Arme überall.

Wanken

Es regnet Briefe, fünf von Hydra, fünf verteilt in der Wohnung, diese Installation hatte ich mir für dich vorgenommen, nun hast du sie für mich umgesetzt. Einfach leben, doppelt lieben, dreifach geliebt. Deine Briefe schreibst du mit meinem Stift auf mein Briefpapier. Hast kein eigenes, wieso auch? Wir sind eins. Sind wir nicht. Ein Wanken seit Tagen, wo wanken wir hin?