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Christina Schmid
Anfänge und Enden

Blog:

Lieferservice für Kuchen

Ankunft in der steilen Gasse zu unserer Unter­kunft bei Rui, eine kurze Führung durch die blitz­saubere Wohnung und Küche mit Ausblick und Rührmaschine – er betreibt einen Liefer­service für Kuchen. Mittags­pause im gemütlichen Zimmer, dann raus ins nahe gelegene Zentrum Lissabons und weiter Richtung Castelo. Wunderbarer Blick über die hügelige Stadt mit Abend­sonne und windzer­zausten Haaren.

Wieviel Portugal passt in zwölf Tage?

Törtchentourismus

Törtchen­tourismus: Pão de rala, Evora

Zirkusschaukel

Im Traum gehe ich zur Aufführung meines Chores und werde spontan für die Inszenierung einge­teilt. Sie brauchen drei Leute, die während des gesamten Konzerts schaukeln. Was sie mir nicht verraten: Meine Schaukel schnellt nach oben, wenn ich nicht beide Seile festhalte. Eigentlich vorge­sehen für den Höhepunkt passiert mir das schon während des Auftakts. Ich schnelle nach oben in die Spitze des Zirkus­zelts – und das mit meiner Höhen­angst! Als es dann wirklich soweit sein soll, verheddern sich die Seile in der Kulisse, ich hänge auf halber Höhe über der Entwirrung, die von Veronika dirigiert und von den Darstellern impro­visiert wird. Noch nie habe ich schaukelnd solch ein Durch­ein­ander verur­sacht und dabei so viele Blicke auf mich gezogen. Geblendet vom Licht versuche ich Haltung zu bewahren und bin froh, ausnahmsweise mal keinen Rock zu tragen.

Wartezimmer

Zwei symmetrische Türen, etwa einen Meter ausein­ander, hellgrau, wie die Wand, die Rahmen etwas dunkler. Die Scharniere jeweils solidarisch: oben hell, unten dunkel. Zwischen den Türen an der Wand eine Lampe, halbrund, oben offen – fast passend zum orange-beige melierten Linoleum­fuß­boden. Knall­blaue Sockel­leisten, oben parallel dazu orangene Zierleisten auf Türrahmenhöhe (aber nur zwischen den Türen) sowie kurz unter der Decke. Fehler in der Symmetrie: Der Licht­schalter links ist weiter vom Türrahmen entfernt als der rechts. Die linke Tür ist unten auf beiden Seiten leicht engekerbt. Das Schlüsselloch links ist klassisch, rechts ist es rund. Beide Türen öffnen sich fast gleich­zeitig. Frau und Herr Doktor, Tür an Tür. Der nächste, bitte.

Kaputt

Im Traum ein Arztbesuch, ich möchte wissen ob ich schwanger bin. Die Frau tastet mich ab, wühlt in mir herum und macht es kaputt. Ich bin stink­sauer, sie versteht die Aufregung nicht und zuckt mit den Schultern. Sollen wir halt ein neues machen. Ob das nochmal klappt?

Plüsch

Traum von einer Atelier­aus­stellung in einer Kunst­akademie. Ich bespiele einen Container, in dem ich Essen immer wieder neu komponiere. Dazwischen liegen gesammelte Druck­sachen, ausrangierte Inspiration meiner Grafiker­freunde. Rund um den Container steht Schrott und ein Kletter­gerüst, auf dem Fabian Kunst­stücke macht. Das Essen kommt gut an, die Tische werden immer chaotischer, ich sortiere und ordne neu, bis ich erschöpft auf einen Hocker sinke. Zwei Erstsemester stellen sich neben mich und fragen mich über das Studium aus. Der Kleine rechts von mir streichelt mich am Arm, an der Schulter, am Hals. Er ist wirklich sehr klein, aber inter­essant. Sein Kommilitone tut es ihm gleich und streichelt mein linken Arm, recht unbeholfen. Wie schütteln wir ihn ab und wo gehen wir hin, um in Ruhe weiter­zumachen? Ich springe auf, bitte die beiden, dies und jenes umzuräumen und schicke sie in verschiedene Richtungen. Dem Kleinen gehe ich nach, zeige ihm den Weg zur Außen­treppe, die nach oben in mein Zimmer führt. Wir fallen auf das Sofa, umgeben von einem Berg aus Kuschel­tieren – die nächste Kunst­aktion, erkläre ich knapp und vergrabe mich im knall­bunten Plüsch.

Stärkung

»Weißt du eigentlich, welches Glück du hast, dass du so leben und arbeiten kannst? Nimm es an.

Es geht um Kraft, Kraft für den eigenen Weg, für die eigene Arbeit, nach der niemand fragt. Du musst dich selbst feiern, dich toll finden.

Du strebst nach dem scheinbar Unerreichbaren. Am Anfang machst du riesige Schritte darauf zu, dann werden die Schritte kleiner und schwieriger – feiere jeden kleinen Schritt, auch die Skizzen und Zwischen­stände.

Kinder, klar, die kosten 20 Jahre. Aber sie stärken dich, diese 20 Jahre.

Was ist das für Kunst, die du machst? Was daran ist Kunst? Was macht dich zur Künstlerin? Was brauchst du noch, um Kunst zu machen und darin zu wachsen? Ausstellungen, Veröffentlichungen, Wahrnehmung, Diskussion und stärkende Atelier­gespräche, wie dieses hier.

Lass den Eltern ihre Sorgen, es sind ihre, nicht deine. Du existierst unabhängig von Ihnen, dein Leben hat einen höheren Sinn, wie jedes Leben.

Da ist etwas, dass nur dir gegeben wurde und das solltest du nutzen, annehmen, weiter­ent­wickeln. Das war schon im Kinder­garten da. Du bist Künstlerin. Und die wird jetzt wach und groß. Geh los. Vergleiche dich nicht. Geh deinen Weg.«

Spiralen

Im Traum eine Wanderung in schwerem Geschmeide, danach ein Empfang und Oper. Wer kam denn auf diese Kombination? Die Nachbarn. Und doch meldet sich ein Großteil der Belegschaft für diesen Ausflug an. Die Tafel, an der gespeist werden soll, besteht aus einem Holztisch und in den Boden einge­lassenen Holzpflöcken als Hocker, alles steht schief auf der freien Wiese am Hang, unbrauchbar für Sekt in Gläsern. Im Wirtshaus nebenan ist noch ein schlauchiges Neben­zimmer frei, wir ordnen die Tische neu an und dann doch wieder zurück. Die Nachbarn tragen elegante Kleider mit zartem Halschmuck, der sich optisch von einem Hals zum nächsten fortsetzt, wie Spiralen, die sich um Häuser winden und in den Kleidern wieder­finden. Meine Schwester bestellt Kir Royal für alle, obwohl wir noch verkatert sind. Deine Kollegen stoßen dazu, Daniel und Ferdi in glitzernden Radler­hosen, für die Demo, die gleich beginnt. Eine Choreo­grafie langsamer Schritte, alle stehen im gleichen Abstand zuein­ander und staksen so uniformiert den Berg hinab. Ich schaue zu und kenne den Zweck der Demo nicht. Ich frage eine der Veran­stalterinnen, die mich fassungslos zurück­fragt, ob ich das wirklich nicht gehört hätte – in den Medien sei seit Wochen nichts anderes. Ich gestehe, dass mich Nachrichten zu sehr mitnehmen und ich sie daher meide. Sie holt aus und gib mir eine Zusammen­fassung der Geschehnisse, ich nicke betroffen. Dann müssen wir schnell los zur Oper. Eigentlich wissen wir schon jetzt, dass zehn Minuten für den Weg nicht reichen, wir werden den Anfang verpassen und bis zur Pause vor verschlossenen Türen warten müssen. Die Treppe ist so überfüllt, dass wir über die Geländer steigen und in unseren langen Kleidern außen weiter­klettern. Noch fünf Minuten, einmal durch die ganze Stadt.

Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?

Die Familien­chronik als Vorwort zu mir selbst?

Ich

Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroß­eltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?

Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familien­situation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?

Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radio­wellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufge­stellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regen­wolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogel­gezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.

Vielleicht interessant

Gestern am Fluss, da lag er und ich wollte, dass er mich sieht. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallel­klasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißver­schluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht inter­essant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durch­bohrt sie die Menschen um sich herum. Projektions­fläche, ich und ihr. Warum inter­essiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Sein Blick. Weil er schreibt? Weil ich schon immer eine Roman­figur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch seine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern sein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum sollte er das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.

Leichtigkeit

Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unter­brochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unter­brochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.

Morgenluft

Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufge­hoben wissen.

Overall

Im Traum besuche ich Kasia in ihrer Hütte auf dem Berg. Statt ihrer Kunst nachzu­gehen, kümmert sie sich dort um drei Puppen. Du holst mich ab und setzt mich auf deinen Rücken, du rennst mit mir den Berg hinauf, so schnell, dass wir zwei Radfahrer überholen und fast abheben. Du lässt mich los und rennst weiter, ich rudere mit den Armen, mache Schwimm­bewegungen und schwebe dir langsam hinterher. Da steht Paul in einem roten Overall und spritzt eine Fassade ab. Ich frage ihn, was er da macht. Er sagt, er habe seinen Job verloren, ihm ist ein großer Fehler unter­laufen, er möchte nicht darüber reden. Ich warte an der Straßen­kreuzung, bis er fertig ist. Ich will ihn fragen, wohin er jetzt geht. Er schiebt einen Einkaufs­wagen vor sich her, biegt um eine Ecke und ist plötzlich weg – wie vom Erdboden verschluckt. Ich renne hin und her und rufe: Paul! Paul! Paul? Wo bist du?

Eiswasser

Im Traum packe ich einen weißen Trans­porter voll mit meinen Sachen, die sich in den letzten Wochen angehäuft haben. Als ich fertig bin, stelle ich ihn in die Garage. Wir fahren erst nach dem Abschlussfest am Samstag los. Aus den Augen­winkeln sehe ich, wie sich jemand daran zu schaffen macht, das Gefährt rollt langsam los, ich springe auf und versuche, die Fahrerin aufzu­halten. Hinten drin sitzt eine Gruppe junger Frauen – Sozial­arbeiterinnen, wird mir gesagt, als würde dies das »Ausleihen« meines Mietwagens entschuldigen. Ich erzähle von meinem ehren­amt­lichen Engagement der letzten Wochen, alle sind unbeein­druckt. Beim Besuch der Lebens­hilfe werde ich still und bewundere, wie aufopferungsvoll die Frauen hier täglich für die Menschen da sind. Sie lachen und trinken Schnaps. Die Fahrerin erzählt mir von ihrem familiären Schicksal: Als die Tochter verkündete, sie wolle weg und Kunst studieren, habe sich der Vater ins Eiswasser gelegt. Er hätte gerettet werden können, doch er sagte nur danke und tauchte ab.

Schwarzwasserhütte

Hütten­schlaf mit verzerrten Fratzen, Symbolen, Fisch­gräten im Schutzhelm, von einer Form in die andere fließend. Kein Zeichner kommt mit bei der Geschwindigkeit, in der sich alles ändert – Themen, Farben, Kulissen.

Clara und Philipp packen ihre Sachen. Aus dem Fenster des Frühstücks­raums schaut ein Kind, in der Nähe Kuhglocken­geläut, vor mir die aufgehende Sonne und schattige Berge. Ich hänge noch zwischen Traum und Tag, im Wissen, dass der Traum das eigentliche Leben ist, aufregend und wirr.

Raus

Jetzt haben wir Urlaub! Seltsam, dass ich dermaßen strahle, wenn ich das verkünde. Die Bildschirm­abhängigkeit und Lethargie in unserer Wohnung ertrage ich keinen Tag länger – raus hier, raus! Augen auf für die Welt und fürein­ander. Dabei ist Urlaub nur eine Idee, ein Konzept. Wenn man das braucht. Brauchen wir. Jetzt.

Patrick überredet mich, bei der Critical Mass mitzu­radeln. Meine erste Demo (wie peinlich). Ich entdecke neue Ecken, Freunde, Bekannte und das starke Gefühl, auf dem Rad durch den Wagen­burg­tunnel abwärts zu sausen. Am Ende des Tunnels blendet uns goldenes Abend­licht, kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet.

Lichtschacht

Im Traum muss mein Uropa raus aus seinem Haus. Sein ganzes Leben hat er dort gewohnt, jetzt wird es abgerissen. Nana plant einen Sitzstreik, denn das dürfen wir uns nicht bieten lassen – zumal wir nicht wissen, wohin mit ihm. Wir selbst haben testweise ein Haus geplant und bauen lassen: Ein riesiger Licht­schacht in der Mitte sorgt für Tages­licht in allen Etagen. Es gibt kleine Wohnungen, Einzel­zimmer, Gemeinschafts­räume und Arbeits­plätze. Alles aus Holz, nur unter der Treppe liegt Teppich – du schüttelst den Kopf darüber. Sonst ist es ein gutes Haus, aber wer weiß, ob wir es uns jemals leisten können. Im Garten steht ein großer Baum, zwischen den Ästen sitzt mein Papa mit Säge. Die Leiter steht zu weit entfernt, ich bin nicht schnell genug, also springt er und lässt sich auf alle Viere ins Gras plumpsen. Sylvia lädt uns ein zu einer alternativen Stadt­führung in Feuerbach. Ich bin zu spät dran, auf dem Weg zur Bahn hält jemand mein Rad fest – es ist Sylvia, die ihre eigene Veran­staltung schwänzt. Statt­dessen gehen wir zurück zu unserem Haus, das jetzt von Festival­besuchern besetzt ist. Heute tanzt jeder auf einer anderen Party.

Erdrutsch

Traum­ver­satz­stücke: Ein rotes Silber­papier auf dem großen Zeh, bewundert von den Damen aus der Nachbarschaft. Eine Wiese, regennass und voller Picknick­decken. Vortanzen, Abwarten, krabbelnde Kinder. Ein Erdrutsch im Schlamm. Ein riesiger Saal mit gigantischem Kronleuchter, einstürzende Decke, die den Blick auf die Sterne freigibt. Ich falle nach oben in die Nacht.

Russland

In der Abend­dämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchen­glocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um recht­zeitig vor dem Gottes­dienst unsere auf dem Stein­boden verstreuten Dinge zu sortieren und einzu­packen – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausge­geben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glocken­geläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinter­lassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Boden­platte sei vom Eingang bis zum Altar unter­teilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchen­fenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.

Leidenschaft

Er spricht so begeistert, da hüpft mein Herz. Seine Leidenschaft für seine Arbeit verdrängt alles andere: Freunde, Freizeit, Urlaub, Liebe, Kinder. Das ist doch nicht gesund! Aber ein Geschenk für die Kunst- und Bücherwelt. Man kann nicht ein bisschen so sein – nur ganz oder gar nicht.

»Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe ... Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.«

Peter Stamm: Agnes

Lilablau

Theater­probe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handge­schriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt drein­blickenden Smiley – ein mit dicken Linien gezeichneter lilab­lauer Quadrat­schädel – für das Theater­stück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppel­seite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smart­phone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugel­schreiber herunter­zuwerfen. Statt­dessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinauf­zuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektions­fläche individueller Ängste und lilab­lauer Visionen.

Wurzeln

Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?

Käse

Traum von einem Theater­stück, zu dem wir mehrfach zu spät kommen. Bei der Dernière sehen wir zumindest den Schluss: Ein gedeckter Tisch mit rotem Essen, rote Bete, Traubensaft, Beeren – später in gelb, dann in weiß. Dazwischen schleichen Schild­kröten, die von zwei kleinen blonden Mädchen in weißen Hemdchen durch den Raum gejagt werden. Die Rollen von Schau­spielern und Publikum drehen sich um, das Publikum steht im Rampen­licht und wird von den Darstellern beklatscht. Darüber hängt ein Käfig mit müden Vögeln. Am Ende stellt sich heraus: Alles nur zu Werbe­zwecken für Käse.

Leben

Draußen wirbelt ein Sturm die Abend­pläne durch­ein­ander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windge­schützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebe­vollem Streicheln. Gitarren unterm Sternen­himmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.

»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«

Peter Stamm: Agnes

Feuertaufe

Ein Mädchen malt Buchstaben, einen pro Blatt. Das Los soll über ihren Namen entscheiden. Ein Mann in futuristischer Ritter­rüstung wacht über ihre Kalli­grafie, in einer riesigen Halle aus schmutzigem Beton, vielleicht ein Bunker. Sie freunden sich an. Um die Zeremonie zu verhindern, inszeniert er einen Großbrand, schüttet Benzin oder Wasser aus Kanistern über den Boden, zwei Metall­bleche schlagen aufein­ander, dazwischen liegen kichernd Rachel und Matthieu und machen Lärm wie Donner. Geknister aus Lautsprechern, projizierte Flammen und rotes Licht verscheuchen die Menschen­menge aus der Halle, nur deren Anführer glaubt dem Feuer nicht. Er schickt ein rostiges, trapezförmiges Flugobjekt, das aus der Luft Wasser in die Halle kippt. Der Ritter flieht, verkleidet und rasiert sich, schneidet sich die Haare ab – nicht einmal das Mädchen erkennt ihn mehr. Sie steht im Kreis der Neuen, der Anführer schreitet durch die Mitte und mustert jede und jeden. Bei dem Mädchen bleibt er stehen, er küsst sie und gibt ihr seine Brille, hinter der es dunkel wird mit weißen Punkten, ein Blick in die Galaxie. Sie wurde auser­wählt, nur einen Namen hat sie noch immer nicht.