Im Traum ein Arztbesuch, ich möchte wissen ob ich schwanger bin. Die Frau tastet mich ab, wühlt in mir herum und macht es kaputt. Ich bin stinksauer, sie versteht die Aufregung nicht und zuckt mit den Schultern. Sollen wir halt ein neues machen. Ob das nochmal klappt?
Traum von einer Atelierausstellung in einer Kunstakademie. Ich bespiele einen Container, in dem ich Essen immer wieder neu komponiere. Dazwischen liegen gesammelte Drucksachen, ausrangierte Inspiration meiner Grafikerfreunde. Rund um den Container steht Schrott und ein Klettergerüst, auf dem Fabian Kunststücke macht. Das Essen kommt gut an, die Tische werden immer chaotischer, ich sortiere und ordne neu, bis ich erschöpft auf einen Hocker sinke. Zwei Erstsemester stellen sich neben mich und fragen mich über das Studium aus. Der Kleine rechts von mir streichelt mich am Arm, an der Schulter, am Hals. Er ist wirklich sehr klein, aber interessant. Sein Kommilitone tut es ihm gleich und streichelt mein linken Arm, recht unbeholfen. Wie schütteln wir ihn ab und wo gehen wir hin, um in Ruhe weiterzumachen? Ich springe auf, bitte die beiden, dies und jenes umzuräumen und schicke sie in verschiedene Richtungen. Dem Kleinen gehe ich nach, zeige ihm den Weg zur Außentreppe, die nach oben in mein Zimmer führt. Wir fallen auf das Sofa, umgeben von einem Berg aus Kuscheltieren – die nächste Kunstaktion, erkläre ich knapp und vergrabe mich im knallbunten Plüsch.
»Weißt du eigentlich, welches Glück du hast, dass du so leben und arbeiten kannst? Nimm es an.
Es geht um Kraft, Kraft für den eigenen Weg, für die eigene Arbeit, nach der niemand fragt. Du musst dich selbst feiern, dich toll finden.
Du strebst nach dem scheinbar Unerreichbaren. Am Anfang machst du riesige Schritte darauf zu, dann werden die Schritte kleiner und schwieriger – feiere jeden kleinen Schritt, auch die Skizzen und Zwischenstände.
Kinder, klar, die kosten 20 Jahre. Aber sie stärken dich, diese 20 Jahre.
Was ist das für Kunst, die du machst? Was daran ist Kunst? Was macht dich zur Künstlerin? Was brauchst du noch, um Kunst zu machen und darin zu wachsen? Ausstellungen, Veröffentlichungen, Wahrnehmung, Diskussion und stärkende Ateliergespräche, wie dieses hier.
Lass den Eltern ihre Sorgen, es sind ihre, nicht deine. Du existierst unabhängig von Ihnen, dein Leben hat einen höheren Sinn, wie jedes Leben.
Da ist etwas, dass nur dir gegeben wurde und das solltest du nutzen, annehmen, weiterentwickeln. Das war schon im Kindergarten da. Du bist Künstlerin. Und die wird jetzt wach und groß. Geh los. Vergleiche dich nicht. Geh deinen Weg.«
Im Traum eine Wanderung in schwerem Geschmeide, danach ein Empfang und Oper. Wer kam denn auf diese Kombination? Die Nachbarn. Und doch meldet sich ein Großteil der Belegschaft für diesen Ausflug an. Die Tafel, an der gespeist werden soll, besteht aus einem Holztisch und in den Boden eingelassenen Holzpflöcken als Hocker, alles steht schief auf der freien Wiese am Hang, unbrauchbar für Sekt in Gläsern. Im Wirtshaus nebenan ist noch ein schlauchiges Nebenzimmer frei, wir ordnen die Tische neu an und dann doch wieder zurück. Die Nachbarn tragen elegante Kleider mit zartem Halschmuck, der sich optisch von einem Hals zum nächsten fortsetzt, wie Spiralen, die sich um Häuser winden und in den Kleidern wiederfinden. Meine Schwester bestellt Kir Royal für alle, obwohl wir noch verkatert sind. Deine Kollegen stoßen dazu, Daniel und Ferdi in glitzernden Radlerhosen, für die Demo, die gleich beginnt. Eine Choreografie langsamer Schritte, alle stehen im gleichen Abstand zueinander und staksen so uniformiert den Berg hinab. Ich schaue zu und kenne den Zweck der Demo nicht. Ich frage eine der Veranstalterinnen, die mich fassungslos zurückfragt, ob ich das wirklich nicht gehört hätte – in den Medien sei seit Wochen nichts anderes. Ich gestehe, dass mich Nachrichten zu sehr mitnehmen und ich sie daher meide. Sie holt aus und gib mir eine Zusammenfassung der Geschehnisse, ich nicke betroffen. Dann müssen wir schnell los zur Oper. Eigentlich wissen wir schon jetzt, dass zehn Minuten für den Weg nicht reichen, wir werden den Anfang verpassen und bis zur Pause vor verschlossenen Türen warten müssen. Die Treppe ist so überfüllt, dass wir über die Geländer steigen und in unseren langen Kleidern außen weiterklettern. Noch fünf Minuten, einmal durch die ganze Stadt.
Aber die Freiheit!
Aber die Einsamkeit?
Die Familienchronik als Vorwort zu mir selbst?
Ich. Wo fängt das an? Hier und Jetzt oder bei meiner Geburt oder Zeugung oder der Begegnung meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern? Oder bei meiner ersten Erinnerung? Oder mit meinem ersten Tagebuch, in dem ich mich schreibend an mich selbst richtete?
Ich. 31 Jahre, 163 cm, 55 kg, dünner als ich mich fühle. Ich habe studiert, aber nicht so richtig. Ich arbeite, aber nicht so richtig. Weil allein, daheim und ohne Ziel, von Auftrag zu Auftrag, der mir zufliegt, mich einnimmt, verschlingt und dann wieder ausspuckt. Jedes Mal denke ich, das mache ich noch, danach wird alles anders. Es muss sich etwas ändern, nein – nicht etwas, alles muss sich ändern. Arbeit, Ort, Familiensituation. Entweder ich werde schwanger oder. Oder was?
Ich. Dehydriert. Ich empfange zu viele Signale, Radiowellen, welcher ist mein Sender? Die Antennen sind aufgestellt, der Empfang gestört durch den Matsch in meinem Kopf, wohltuender Nebel, Regenwolken über uns, Stimmen von drüben, Plätschern vom Teich, Tropfen von oben, Schritte im Kies, Wind in den Bäumen, Vogelgezwitscher, klackernde Boule-Kugeln. »Oh la la Monsieur«, ruft einer, der so viel schöner gealtert ist als seine Frau. Ich sehe, wie sie an sich arbeiten, seit Jahren ihre Zweisamkeit verteidigen, gegen sich selbst, das Alter, die Zeit. Ich habe Durst.
Gestern am Fluss, da lag er und ich wollte, dass er mich sieht. Seit ich denken kann, will ich gesehen werden. Von Männern. Papa, Opa, die Jungs aus der Nachbarschaft, aus der Parallelklasse, aus dem Dorf, der Clique, im Delta, im Urlaub am Strand mit 13 in diesem Bikini mit Reißverschluss zwischen den noch nicht vorhandenen Brüsten. Ich öffnete ihn dennoch so weit wie möglich. Schaut mich an! Was seht ihr? Sehe ich mich erst durch euren Blick? Ein unscheinbares komisches Mädchen, vielleicht interessant. Was sie wohl denkt? Wie sie wohl nackt aussieht? Wie sie im Bett ist? Und wenn sie erst loslässt und aufblüht, dann wird sie groß und schön und berühmt mit ihrem schiefen Blick auf die Welt. Ganz genau beschreibt, seziert, durchbohrt sie die Menschen um sich herum. Projektionsfläche, ich und ihr. Warum interessiert mich der Blick der Männer? Derjenigen, die stark scheinen und schonungslos in ihrem Urteil. Sein Blick. Weil er schreibt? Weil ich schon immer eine Romanfigur sein wollte? Wenn sich mein Handeln durch seine Feder fügt, wenn meinen Weg nicht mehr ich bestimme, sondern sein Schreiben. Und warum nicht mein Schreiben? Ein Leben, erschrieben statt erlebt? Kann ich nur beschreiben, was ich auch erlebt habe? Als ob ich schon so viel erlebt hätte. Genug, um mich den Rest meines Lebens mit dem Bisherigen zu befassen. Am liebsten möchte ich doch Bücher lesen, in denen ich selbst vorkomme, wahrhaftig, mein Innerstes erfasst. Und warum sollte er das besser können als ich? Zumal noch ein Mann, irgendein schreibender Mann.
Hier komme ich sofort an. Alles ist mir vertraut, das Haus und der Garten, die Abläufe und Rituale, die Offenheit der Leute, die Leichtigkeit. Als würden wir dort ansetzen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Ein unendlicher Aufenthalt auf dem Schloss, nur kurz unterbrochen durch ein Jahr woanders. Wie die Träume, nur kurz unterbrochen durch den Tag. Alles fällt von mir ab, ich möchte auch nicht darüber sprechen, was war, wie es mir ging im letzten Jahr, was ich so mache und was ich noch alles tun könnte. Oder doch – das geht ganz gut aus der Distanz, der Konjunktiv.
Etappe drei oder sechs unserer Reise: Schloss Vellexon! Ich sitze im Tanzsaal, der jetzt Yogaraum ist – das Schloss hat neue Besitzer. Mein Blick streift über die Landschaft vor dem Fenster, kühle Morgenluft strömt herein und ein Lachen von unten – ich weiß, wem es gehört, ich weiß nur nicht mehr, was ich mit ihm reden soll. Alles gesagt. Neuen Leuten von neuen Ideen zu erzählen, fällt mir so viel leichter, als Freunden, die mich kennen und meine Pläne womöglich gleich in die Schublade einordnen, in der sie mich gut aufgehoben wissen.
Im Traum besuche ich Kasia in ihrer Hütte auf dem Berg. Statt ihrer Kunst nachzugehen, kümmert sie sich dort um drei Puppen. Du holst mich ab und setzt mich auf deinen Rücken, du rennst mit mir den Berg hinauf, so schnell, dass wir zwei Radfahrer überholen und fast abheben. Du lässt mich los und rennst weiter, ich rudere mit den Armen, mache Schwimmbewegungen und schwebe dir langsam hinterher. Da steht Paul in einem roten Overall und spritzt eine Fassade ab. Ich frage ihn, was er da macht. Er sagt, er habe seinen Job verloren, ihm ist ein großer Fehler unterlaufen, er möchte nicht darüber reden. Ich warte an der Straßenkreuzung, bis er fertig ist. Ich will ihn fragen, wohin er jetzt geht. Er schiebt einen Einkaufswagen vor sich her, biegt um eine Ecke und ist plötzlich weg – wie vom Erdboden verschluckt. Ich renne hin und her und rufe: Paul! Paul! Paul? Wo bist du?
Im Traum packe ich einen weißen Transporter voll mit meinen Sachen, die sich in den letzten Wochen angehäuft haben. Als ich fertig bin, stelle ich ihn in die Garage. Wir fahren erst nach dem Abschlussfest am Samstag los. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich jemand daran zu schaffen macht, das Gefährt rollt langsam los, ich springe auf und versuche, die Fahrerin aufzuhalten. Hinten drin sitzt eine Gruppe junger Frauen – Sozialarbeiterinnen, wird mir gesagt, als würde dies das »Ausleihen« meines Mietwagens entschuldigen. Ich erzähle von meinem ehrenamtlichen Engagement der letzten Wochen, alle sind unbeeindruckt. Beim Besuch der Lebenshilfe werde ich still und bewundere, wie aufopferungsvoll die Frauen hier täglich für die Menschen da sind. Sie lachen und trinken Schnaps. Die Fahrerin erzählt mir von ihrem familiären Schicksal: Als die Tochter verkündete, sie wolle weg und Kunst studieren, habe sich der Vater ins Eiswasser gelegt. Er hätte gerettet werden können, doch er sagte nur danke und tauchte ab.
Hüttenschlaf mit verzerrten Fratzen, Symbolen, Fischgräten im Schutzhelm, von einer Form in die andere fließend. Kein Zeichner kommt mit bei der Geschwindigkeit, in der sich alles ändert – Themen, Farben, Kulissen.
Clara und Philipp packen ihre Sachen. Aus dem Fenster des Frühstücksraums schaut ein Kind, in der Nähe Kuhglockengeläut, vor mir die aufgehende Sonne und schattige Berge. Ich hänge noch zwischen Traum und Tag, im Wissen, dass der Traum das eigentliche Leben ist, aufregend und wirr.
Jetzt haben wir Urlaub! Seltsam, dass ich dermaßen strahle, wenn ich das verkünde. Die Bildschirmabhängigkeit und Lethargie in unserer Wohnung ertrage ich keinen Tag länger – raus hier, raus! Augen auf für die Welt und füreinander. Dabei ist Urlaub nur eine Idee, ein Konzept. Wenn man das braucht. Brauchen wir. Jetzt.
Patrick überredet mich, bei der Critical Mass mitzuradeln. Meine erste Demo (wie peinlich). Ich entdecke neue Ecken, Freunde, Bekannte und das starke Gefühl, auf dem Rad durch den Wagenburgtunnel abwärts zu sausen. Am Ende des Tunnels blendet uns goldenes Abendlicht, kurz bevor die Sonne hinter dem Berg verschwindet.
Im Traum muss mein Uropa raus aus seinem Haus. Sein ganzes Leben hat er dort gewohnt, jetzt wird es abgerissen. Nana plant einen Sitzstreik, denn das dürfen wir uns nicht bieten lassen – zumal wir nicht wissen, wohin mit ihm. Wir selbst haben testweise ein Haus geplant und bauen lassen: Ein riesiger Lichtschacht in der Mitte sorgt für Tageslicht in allen Etagen. Es gibt kleine Wohnungen, Einzelzimmer, Gemeinschaftsräume und Arbeitsplätze. Alles aus Holz, nur unter der Treppe liegt Teppich – du schüttelst den Kopf darüber. Sonst ist es ein gutes Haus, aber wer weiß, ob wir es uns jemals leisten können. Im Garten steht ein großer Baum, zwischen den Ästen sitzt mein Papa mit Säge. Die Leiter steht zu weit entfernt, ich bin nicht schnell genug, also springt er und lässt sich auf alle Viere ins Gras plumpsen. Sylvia lädt uns ein zu einer alternativen Stadtführung in Feuerbach. Ich bin zu spät dran, auf dem Weg zur Bahn hält jemand mein Rad fest – es ist Sylvia, die ihre eigene Veranstaltung schwänzt. Stattdessen gehen wir zurück zu unserem Haus, das jetzt von Festivalbesuchern besetzt ist. Heute tanzt jeder auf einer anderen Party.
Traumversatzstücke: Ein rotes Silberpapier auf dem großen Zeh, bewundert von den Damen aus der Nachbarschaft. Eine Wiese, regennass und voller Picknickdecken. Vortanzen, Abwarten, krabbelnde Kinder. Ein Erdrutsch im Schlamm. Ein riesiger Saal mit gigantischem Kronleuchter, einstürzende Decke, die den Blick auf die Sterne freigibt. Ich falle nach oben in die Nacht.
In der Abenddämmerung mit der Familie am Strand, wir liegen im seichten Wasser und diskutieren, ob das Wasser wärmer ist als der Wind. Kirchenglocken scheuchen uns auf, wir müssen uns beeilen, um rechtzeitig vor dem Gottesdienst unsere auf dem Steinboden verstreuten Dinge zu sortieren und einzupacken – es ist unser letzter Abend in Russland. Lena und Jana sitzen wartend auf ihren gepackten Koffern und kommentieren den Kram, den wir im Laufe der Reise gekauft haben, vorwiegend Bücher. Lena sieht die Preise und ist schockiert, wie viel Geld wir ausgegeben haben. Ich sage ihr, was sie in Schuhwerk, Jacken und Gewehre investiere, fließe bei uns eben in Bücher. Sie zuckt mit den Schultern und geht schon mal vor. Das Glockengeläut wird drängender, wir sind zu langsam. Gudrun zeigt uns einen Stein, der aussieht, als habe darauf der faltige Hinterkopf eines Säuglings seinen Abdruck hinterlassen. Sie streicht liebevoll darüber und ist glücklich über ihren Fund. Während wir noch packen, erzählt sie uns alles, was sie im Internet über diese Kirche gelesen hat: Die Bodenplatte sei vom Eingang bis zum Altar unterteilt in sieben Abschnitte, wie die Teile eines Briefes. Und Briefe schreibe man hier nur im Beisein der Mutter, die am Anfang und Ende jedes Absatzes erwähnt sein muss. Der Boden ist nun leer, die Koffer sind gepackt, die Glocken verstummt. Von außen lauschen wir den Gesängen und schauen durch die Kirchenfenster, die farbigen Scheiben wie Buchrücken an Buchrücken im Regal, wir setzen uns auf Höhe der Titel.
Er spricht so begeistert, da hüpft mein Herz. Seine Leidenschaft für seine Arbeit verdrängt alles andere: Freunde, Freizeit, Urlaub, Liebe, Kinder. Das ist doch nicht gesund! Aber ein Geschenk für die Kunst- und Bücherwelt. Man kann nicht ein bisschen so sein – nur ganz oder gar nicht.
»Ich bin immer traurig, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe ... Es ist, als sei ich zu einer Person des Buches geworden. Und mit der Geschichte endet auch das Leben dieser Person.«
Peter Stamm: Agnes
Theaterprobe zu Justynas neustem Stück. Ich soll ein Kochbuch dazu gestalten mit handgeschriebenen Rezepten aller Darstellerinnen. Der Saal ist dunkel und leer, das Stück geht los. Futuristische Kostüme, die Handlung verstehe ich nicht. Ich stehe im Weg, werde mal hierhin und mal dorthin geschoben und spontan Teil der Inszenierung. So normal gekleidet wirke ich wie aus einer anderen Zeit. Wir fahren durch die Stadt, selbst diese ist völlig verändert, wie ein Rendering, es fehlen die Details. Ganze Viertel sind lilablau gestrichen, auch die Dächer und Straßen. Weit und breit keine Autos außer unserem Lastwagen, dessen großflächiger Aufdruck mit einem erstaunt dreinblickenden Smiley – ein mit dicken Linien gezeichneter lilablauer Quadratschädel – für das Theaterstück wirbt. Vorne im Wagen sitzen Winfried und Katrin, wir besprechen das Buch: Handschrift und Handskizzen der Gerichte, eine Doppelseite pro Künstlerin. Ich krame in meiner Tasche, mein Smartphone fällt heraus und das Display zersplittert am Polster, das hart ist wie Stein. Alles Kulisse. Ich kann mein Notizbuch nicht finden, also fahren wir zur Google-Zentrale, finden keinen Eingang. Ich rufe meinen Kollegen an und bitte ihn, mir mein Notizbuch und den gelben Kugelschreiber herunterzuwerfen. Stattdessen öffnet er die gläserne Lamellen-Fassade für mich. Das Gebäude kann noch mehr: Wer versucht an der Fassade hinaufzuklettern, wird mit Illusionen seiner größten Ängste konfrontiert: Spinnen, Wespen, Höhe – individuell projiziert. Google weiß ja alles. Auch über die eigenen Mitarbeiter. Das machen wir uns zunutze und drehen den Spieß um. Im Gebäude wimmelt es von Phobien, bald haben wir alle vertrieben und die Etage für uns. Die Welt, eine Projektionsfläche individueller Ängste und lilablauer Visionen.
Vor einigen Jahren hatte ich das große Bedürfnis, Wurzeln zu schlagen. Jetzt möchte ich mich ausgraben und verpflanzen. Oder ich lasse den Baum stehen und fliege als Samenkorn weiter in neue Erde. Oder in alte Erde, hier am See?
Traum von einem Theaterstück, zu dem wir mehrfach zu spät kommen. Bei der Dernière sehen wir zumindest den Schluss: Ein gedeckter Tisch mit rotem Essen, rote Bete, Traubensaft, Beeren – später in gelb, dann in weiß. Dazwischen schleichen Schildkröten, die von zwei kleinen blonden Mädchen in weißen Hemdchen durch den Raum gejagt werden. Die Rollen von Schauspielern und Publikum drehen sich um, das Publikum steht im Rampenlicht und wird von den Darstellern beklatscht. Darüber hängt ein Käfig mit müden Vögeln. Am Ende stellt sich heraus: Alles nur zu Werbezwecken für Käse.
Draußen wirbelt ein Sturm die Abendpläne durcheinander, während ich drinnen sitze und nach meiner Mitte suche. Dann traue ich mich doch raus in den warmen Sommerwind und stelle fest: das Leben aus meinen Träumen gibt es tatsächlich. In der fast windgeschützten Bucht werde ich mit offenen Armen willkommen geheißen, so wie ich bin, ganz nah, vom ersten Moment an. Ich bin überrascht, überwältigt, überfordert von so viel Zutraulichkeit und liebevollem Streicheln. Gitarren unterm Sternenhimmel, Barfußtanz im Sand, ein Mondbad. Mein Kopf will diese Nähe, doch mein Körper sucht Distanz. Oder umgekehrt. Wieso bin ich nach Hause und nicht mit? Zu schnell, zu nah, zu viel? Mir fällt wieder ein, wie leicht es hier am See ist. Ich will hier leben. Ich will leben.
»Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen ... Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen ... Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen.«
Peter Stamm: Agnes
Ein Mädchen malt Buchstaben, einen pro Blatt. Das Los soll über ihren Namen entscheiden. Ein Mann in futuristischer Ritterrüstung wacht über ihre Kalligrafie, in einer riesigen Halle aus schmutzigem Beton, vielleicht ein Bunker. Sie freunden sich an. Um die Zeremonie zu verhindern, inszeniert er einen Großbrand, schüttet Benzin oder Wasser aus Kanistern über den Boden, zwei Metallbleche schlagen aufeinander, dazwischen liegen kichernd Rachel und Matthieu und machen Lärm wie Donner. Geknister aus Lautsprechern, projizierte Flammen und rotes Licht verscheuchen die Menschenmenge aus der Halle, nur deren Anführer glaubt dem Feuer nicht. Er schickt ein rostiges, trapezförmiges Flugobjekt, das aus der Luft Wasser in die Halle kippt. Der Ritter flieht, verkleidet und rasiert sich, schneidet sich die Haare ab – nicht einmal das Mädchen erkennt ihn mehr. Sie steht im Kreis der Neuen, der Anführer schreitet durch die Mitte und mustert jede und jeden. Bei dem Mädchen bleibt er stehen, er küsst sie und gibt ihr seine Brille, hinter der es dunkel wird mit weißen Punkten, ein Blick in die Galaxie. Sie wurde auserwählt, nur einen Namen hat sie noch immer nicht.
Traum von einem dunklen Holzhaus, mitten im Wald an einem schlammigen See, vererbt an die Familie meiner Freunde. Wir beziehen es zu dritt, ohne zu wissen, ob wir es uns leisten können. Mein Zimmer steht voll mit Dingen, die ich nicht mehr brauche. Sara, die älteste Schwester, führt ihr Pferd um den See, Ben und ich begleiten sie. Wir landen im Schlamm und sortieren meine Dinge, Schublade um Schublade, die Unterlagen werden nass und gehen unter oder treiben davon. Egal, wir brauchen nur noch uns. In der Nähe gibt es ein Wirtshaus, in dem ich oft sitze. Der Sohn der Wirtin schaut verliebt. Eines Tages zieht er mich unter den Tresen und küsst mich. Es wird eine essbare Landschaft aufgebaut, Orangensaft mit Sprudel in Flaschen gefüllt, kräftig geschüttelt und darüber geschüttet. Alles blubbert und spritzt in Fontänen nach oben. Gelbe Springbrunnen, Blumen aus Obst, ich schaue begeistert zu. Flüsternd erzähle ich dem Jungen von meinen Freunden und unserem Haus, in dem noch Platz für ihn sei.
Das Gefühl, dass ich es nicht ganz ernst meine mit dem, was ich tue.
Schwitzendes Bild mit 5 Sieben
Im Wartezimmer liegt ein Spielteppich mit Straßen, Parkplätzen, Bushaltestellen, Kreisverkehr mit Kreisverkehrskunst, Zebrastreifen und Grünstreifen mit Bäumen. Häuser mit Kino, Post, Polizei, Feuerwehr, Tankstelle, Waschanlage und Kiosk, auf den Dächern Lautsprecher, Satellitenschüssel und Windhose. Ein Park mit See, Segelboot und Eisverkäufer, ein Spielplatz mit Wippe und Schaukel. Und ein Bauernhof mit Traktor, Hühnern, Schafen, Scheunentor und Lattenzaun.