In der Kita ein gehauchtes Hi von einem, der mich an mich erinnert, als ich noch zu Konzerten ging, wo ich schmachtend stand und träumte gesehen zu werden von einem so süß wie er, weniger verlebt als die anderen hier, nicht ganz da, natürlich mit Gitarre auf der Familienwand neben dieser großen unnahbarschönen Frau, nur nebenbei Mutter, sonst auf der Bühne bestimmt.
Im Traum umarmt mich Daniel, wir sitzen am Boden zwischen vielen Beinen in dieser Umarmung, ganz lang und innig – zu lang, Mama guckt schon. Wir gehen rein, da sind die Kinder und wollen alles von mir. Weiteres bleibt im Kopf, selbst im Traum.
Im Traum eröffnet mir Paula, dass sie jetzt Radio macht. Der Vorteil: Sie kann die Sendungen von Zuhause produzieren. Der Nachteil: Keine Bühne mehr. Sie ist zu Gast bei der Vernissage meiner Ausstellung auf den Wasserstraßen Bad Cannstatts. Anwohnerinnen schildern launig die letzten Überschwemmungen in den Läden, deren Schaufenster immer halb im Wasser stehen. Jemand schenkt mir sein Motorboot, mit dem wir es gerade noch zum Bus schaffen, der sich weitläufig im Gebirge verfährt.
Als nicht mehr ganz so kleines Kind lief ich am Wochenende manchmal den weiten Weg hinunter zu dem kleinen IFA-Laden und mit Brötchen wieder bergauf, um den Frühstückstisch perfekt vorzubereiten, bestenfalls mit frisch gepflücktem Wiesenblumenstrauß, bis meine Eltern aufgestanden sind. Meine kleine Schwester bekam von mir immer ein kleineres Gedeck, was sie lustig fand.
Im Traum bringe ich meine Bilder in eine Ausstellung in alten Räumen, müde zeigt mir Aida meinen Platz. Überall wird aufgebaut, ich will nicht stören. Alte Regale sind frisch lackiert und neu beschriftet, nur der letzte Raum bleibt unberührt. Ich löse übersehenes Kreppband von den Griffen, öffne Schubladen, finde Werkzeug, Stifte, einen achteckigen Stab in dunkelgrün, er liegt schwer in meiner Hand – erinnert mich an meinen Opa Rudi, was mir erlaubt ihn zu behalten. Marcela sagt, die Kinder der Siedlung spielen gerne in den verlassenen Häusern, finden Papier und Dinge für Collagen, sie verstecken sich in Schränken und kommen verkleidet wieder heraus.
»Es war einmal« lag Nina nicht. Sie erzählt nicht von A bis O, sie erzählt von wo sie stehen geblieben war bis wohin sie gerade kommt. Hatte er das schon vergessen? …
Das Erzählen brauche nur genügend Raum, und womöglich sei es so, dass, wenn die Erzählenden gerade nicht genug davon hätten, wenn es ihnen eng ums Herz oder eng in der Kehle sei, sich das Erzählen erst mal in Sicherheit bringe. Ein paar Tausend Jahre in Eiswasser und Ruhe zwischen lose stehenden Kiefern machten ihm gar nichts aus. …
Es sei nun an der Zeit, mal nach dem Erzählen zu sehen. Leider zeige es sich nicht gleich jedem, man müsse Geduld mitbringen. – Und nicht auf die Idee kommen, es ließe sich mit einem »Es war einmal« locken, meinte Nina, bevor sie in die Küche ging, um Tee zu kochen. Im Zimmer hielt man inne. Als sie zurückkam, fragte sie: »Wo waren wir stehen geblieben?« …
Ob sie das nicht eines Tages alles aufschreiben wolle. Für die Welt. Für die Nachwelt. Nein! Witterung aufnehmen, das lasse sich nicht fixieren! Eben gerade nicht. Weil Konzentration und Beweglichkeit erforderlich seien, schnelle Entscheidungen: die eine Spur verlassen, einer anderen folgen, ins Ungewisse. Keine Zeit für Papier und Stift.
Das Haus
Wenn Nina und Carl abends spazieren gehen, gehen sie »am Haus« vorbei. »Das Haus« gehört zu ihrer neuen Welt, wie eine Requisite; vertraut, aber ohne Bedeutung – denkt Nina. Carl hat ein Auge darauf geworfen, oder das Haus eines auf ihn? – Jedenfalls fühlt sich Carl schon das erste Mal, als er es sieht, ins Mark getroffen. …
Jedes Mal, wenn sie an »dem Haus« vorbeigehen, verwandelte es sich in etwas; bis es sich in eines immer mehr verwandelt – in etwas, was es womöglich sogar einmal gewesen ist. Und nun beginnt er, darüber zu sprechen: »Das Haus«, sagte er. Er habe sich dazu etwas gedacht. Er könne sich dazu etwas vorstellen. Nina schaut ihn an mit einem Blick, den man nicht anders als alarmiert nennen kann. Bitte, es soll sich nichts ändern! Sie möchte nichts und niemanden an ein Haus verlieren. Und doch, Carl bleibt dabei, er möchte in dieser Welt einen Ort haben, der etwas bedeutet, der ›ihm‹ etwas bedeutet, und darüber hinaus auch dem Gemeinwesen, dem er angehört.
»Haben«, wiederholt Nina. »Damit fängt das Elend an.«
»Haben«, entgegnet Carl, »heißt nicht, dass ich ein anderer werde.«
Sie streiten. Der Streit löst die Sprachlosigkeit ab. …
So reden sie immer weiter um das Haus und das vermeintliche Hotel herum und in eine nahezu unentwirrbare Kette von Missverständnissen hinein. Denn ein Hotel – nein!, das will er doch gar nicht. Er will etwas ganz anderes. Er möchte eine Schule: eine Knüpf- und Webschule, er möchte Webstühle bauen – aber ja, er möchte auch durch ein Haus gehen, treppauf, treppab, und nicht dauernd den Kopf einziehen müssen. Ja, das möchte er. Endlich. …
Dass er meinte, ihr Wohlwollen würde aufhören genau dort, wo ihr nicht mehr wohl war. War es so? War sie so? …
»Wir können ein solches Haus niemals kaufen, Carl, niemals.«
»Natürlich nicht. Weil es nicht verkauft wird. Es steht zu pachten. Es wird nicht die Welt sein.«
Ein Lächeln breitete sich auf Ninas Gesicht aus: »Doch Carl, es wird die Welt sein. Für uns. Für uns wird es die Welt sein.«
Zwei Tage am See mit Karin Kalisa: Fischers Frau
Zwischen Wäschebergen lausche ich dem Buch ›Wohnen‹ von Doris Dörrie. Sie beschreibt Räume, die uns bewohnen. Und über ihre zeitweilige, sich selbst zugewiesene Rolle als Hausfrau, in der sie sich selbst schrecklich vermisst. »Wie viel Alleinsein ist nötig, um Künstlerin zu sein?«
Ich habe eine Blockade. Schaffe es nicht vom Kopf ins Tun. Die Baustelle macht mir Angst. Hemmt mich meine Erschöpfung aus täglichem Tun rund um Wohnung, Kinder, Verlag? In dieser Reihenfolge. Ich habe das Gefühl, kaum zu arbeiten. Was wahrscheinlich nicht stimmt. Ich muss nicht alles können, vor allem nicht gleichzeitig, doch die Gleichzeitigkeit gehört nunmal zu meinem Leben. Aber ich will doch helfen! Morgen, morgen bestimmt.
»Besser ein kaputtes Bett als ein kaputtes Kind.«
Überwintert mit den Briefen zwischen Márta und Johanna.
»Die Kinder saugen mein Leben weg, Johanna, wer ungestört arbeiten will, darf keine Kinder haben, wer etwas anderes erzählt, lügt, aber das weiß ich erst jetzt, niemand hat mir das früher gesagt, alle haben geschwiegen. Zum Schreiben komme ich kaum, jetzt, da ich schreiben müsste, das Schreiben heftig an meinen Kopf, meine Hände klopft und raunt, schreib, schreib, schreib, dreimal hintereinander, Márta, schreib endlich!«
»Franz hat die Waschmaschinentür aufgehebelt, er hat die Schrauben herausgedreht, verteilt in unauslotbare Nischen und die Tür ausgehängt, das Bad ins Schlafzimmer getragen, die Küche ins Bad, durch alle Zimmer baut er Landeplätze für Raketen, auf einem feinen Weg der Verwüstung aus Taschentüchern, Shampooflaschen und Henris Spuckfäden.«
»Ich bin zu leicht für ein warmes Essen zu haben, nach dem ich die dreckigen Teller und Töpfe nicht selbst wegräumen und abspülen muss, aber dieses hätte ich absagen sollen, es hat mich zurechtgerüttelt, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Wie ich hineingerutscht bin, spielt jetzt keine Rolle, aber aufgewacht bin ich unter Menschen, die am liebsten, fröhlichsten, ausgiebigsten sich selbst feiern und auf den Rest herabschauen, der kommt und geht, schließlich sitzt nächstes Jahr schon der nächste Dichter da, und nach zehn Jahren sind sowieso alle kleinen Lichter vergessen.«
»Franz hat zwei Löcher in den Zähnen, die hat der Besuchszahnarzt seines Kindergartens entdeckt, und ich komme mir vor wie eine dieser Mütter, die ihr Kind mit Lolli ins Bett schicken. Heute Morgen habe ich vor dem Badezimmerspiegel zu Franz gesagt, wie leid es mir tut, dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst habe, da hat er mich so rehbraun angeschaut, dass es zwischen Hals und Bauchnabel alles in mir zusammengezogen hat.«
»Kurt glaubt, der Mensch entsteht aus seiner Umgebung. Wie und wo wir leben – daraus sind wir gemacht, das sind oder werden wir. Ohne unsere Landschaft sind wir nicht zu denken. Es gibt uns gar nicht ohne unsere Landschaft.«
»Du hast gesagt, zu Hause zu sitzen, Blumen zu gießen und zu schreiben sei doch ein Luxus, im Moment tatsächlich in dieser Reihenfolge, sitzen, Blumen gießen, dann erst schreiben, nicht hinaus in eine feindliche Welt zu müssen, sondern nur hinein in meinen Kopf – in dem, aber leider ständig etwas querschießt, etwas umfällt, und dann liegt es da und versperrt den schönen Luxusweg, ich habe ja niemanden, der es für mich wegräumt.«
»Ich muss schon genug tun, zwischen morgens sechs und abends zehn für gigantisch, für astronomisch viele Dinge sorgen, da könnte wenigstens diese Angst von allein verschwinden, aus reiner Freundlichkeit, aus reinem Mitgefühl, warum nicht?«
»Ich habe keine Augen mehr zum Sehen, aber wie das geschehen ist, kriege ich nicht zusammen – wir haben nicht aufgepasst, unseren Schritteradius schrumpfen, unseren Gefühlsradius eindampfen lassen auf wenige Menschen, die jetzt von diesem Restsirup alles wegschlürfen.«
»Jedes Wunder dauert drei Tage. Lässt es sich so zusammenfassen? Das gesammelte Misstrauen ins Leben? Alles nur da, um uns zu enttäuschen? Erfunden und in die Welt gesetzt, um sich nach drei Tagen zu entziehen? Spätestens nach drei Tagen? So hat es sich eingenistet in meinem Kopf. So hat es sich eingebrannt. Stellt sich ein Wunder ein, muss ich diesen Satz mitdenken. Achtung! Es dauert nur drei Tage!«
»Inmitten der unzähligen Worte, die ich gebogen, verschoben, verworfen, getauscht, zerpflückt und zusammengeflochten habe, bin ich wirr geblieben.«
»Wie es so läuft, mit 14 342 minus 2298, fragst du? Mit 24 231 geteilt durch 54? Der Zahlenraum bis Hunderttausend liegt vor Mia, die kleine und große Hölle, ich durste nach den Ferien, meiner Zeit der Erlösung und lächerlich winzigen Freiheiten, ohne Wecker, ohne Zahlen, Punkt, Strich und Komma, auch wenn es den ganzen Tag nur heißen wird, Dreck wegmachen, Essen heranschaffen – es sind Ferien!«
»Simon hat am Morgen ein Glas zerschlagen und auf dem Küchenfliesen liegen lassen. Das Glas für mich zum Wegmachen, als sei das meine Aufgabe, als müsste ich Simons Scherben wegfegen, als sei ich mit meinen eigenen Scherben nicht genug beschäftigt, als sei es nicht schon ›eine Mordsverantwortung, man selbst zu sein‹. Über Stunden habe ich es geschafft, sie nicht zusammenzukehren, erst als die Kinder am Nachmittag durch die Küche sprangen, habe ich aufgegeben, und sie aufgepickt, Glasscherbe für Glasscherbe. Lieber hätte ich alles gelassen, wie es war, mit rotem Stift einen Kreis darum gezeichnet und geschrieben, Simon, spinnst Du?«
»Simon ist gegangen, und ich frage mich jede Stunde, ob das meine Strafe ist, weil ich immerzu ein anderes Leben führen wollte als das, in dem ich festsitze? ›Meine angeborene Unart, immer an dem Orte zu leben, an welchem ich nicht bin.‹«
»Ich werde den Gedanken nicht los, Simon hat gewartet, bis mein Buch stehen würde, seit langem hat dies in ihm geschwelt und wurde jedes Mal ausgetreten, wenn ich mich an den Schreibtisch gesetzt und mein ›Zimmer‹ weiter ausgeschmückt hatte. Simon hat gewartet, bis ich den Boden verlegt und Wände gestrichen hatte, bis dieser alles auffressende Wurf getan war und ich der Welt seine Tür geöffnet habe.«
Zsusa Bánk: Schlafen werden wir später
Wo stellen sie sich aus und traust du dich hin?
Erst hier sehe ich, welch schlaftrunken wankenden Schriftgrößen mein nächtliches Getippsel fabriziert hat. Nochmal drüber schlafen ist nicht so mein Ding. Dem Zweifel zuvorkommen ist eine Strategie. Mal sehen, wie der liebe Zweifel dann über den Tag Blüten schlägt, wenn er nicht antwortet – was er nun wirklich nicht muss auf diesen Kuss. Doch ›seine‹ Buchobjekte hätten eine Atelierwoche verdient. Überhaupt, ein Atelier! Mit Buch, das auf seinem eigenen Umschlag fliegend liegen kann, ohne Leim und ohne Faden, aus einem kunstvoll gefalteten Stück. Im Traum natürlich viel raffinierter als meine Skizze hier, undurchschaubar auf so einen Traumblick, der ja doch eher seinen Augen und seinem Mund gehörte. Aber dann doch dem Buch, das erst lesbar wird, wenn die Transparenzen sich finden, aufeinanderlegen – Buchstaben aus Öl im Papier? Der Umschlag flächig perforiert: blitzendes Licht durch schwarzes Papier, das sich anschmiegt und gerne biegt durch die vielen kleinen Schlitze darin.
Und wohin träume ich uns jetzt?
Mein Traum schenkt mir die schönste Liebelei mit Jörg. Als er mir seine wundersamen Papier- und Buchexperimente zeigt, kann ich ihn nur küssen! Meine Träume sind zurück und umarmen mich. Da bin ich wieder. Nächtliche Grüße nach Zürich und schnell zurück in diesen Traum! Oder doch gleich an den Schreibtisch und seine absonderlichen Bindungen, feinen Perforationen und vielschichtigen Transparenzen ausprobieren? Unlesbar, aber wunderbar poetisch.
Im Traum lande ich in New York und merke erst dort, dass ich vergessen habe, Pete die Tage zu bestätigen, die ich bei ihm sein will. Ich finde unseren Chat nicht mehr, nur hunderte bunt illustrierte Tarotkarten, die er mir wohl im Lauf der letzten Jahre geschickt hat und ich hatte sie nicht bemerkt. Ich suche nach der richtigen Subway zu ihm. Wer mich anstarrt, den fotografiere ich, zuletzt auch mich: Ich bin durchsichtig geworden, transparente Brille, gläserne Schuhe, durchscheinende Haut.
Grüße aus dem Familienhotel in Südtirol in die große Stadt, die, wenn sie in einem Buch vorkommt, den Wunsch weckt, Pete und mein Ribbit von 2008 an seinem Kühlschrank tatsächlich zu besuchen.
Im Traum strömen schon Stunden vor Beginn unserer Veranstaltung Menschenmassen in den Garten. Nichts ist fertig vorbereitet – kein Waffelteig, kein frischgepresster Saft, kein aufgebrühter Liebeszauber, auch nicht die Räume im Brombeerschloss, das bis unters Dach voller Kleider hängt und sowieso viel zu klein wäre für so viele Leute. Sie trampeln weiter über Zäune, durch andere Gärten Richtung Marienhospital, zerstören leerstehende Gebäudeteile und feiern die Ruinen. Atemlos folge ich ihnen und frage eine Fotografin, wie sie davon erfahren hat. Sie sagt, sie ist eine Koryphäe für spektakulär inszenierte Feuer und Wassermassen, und jemand Großes hat unsere Einladung geteilt.
Ich salze meine Suppe mit Tränen.
Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen.
Ich salze unsere Suppe mit meinen Tränen und esse sie dir weg.
Kann der mal weg?
»One paints when there is nothing else to do. After everything else is done, has been taken care of, one can take up the brush. After all the human social needs, pressures are accounted for. Only then can we be free to work.«
Ad Reinhardt
Das wichtigste aller Bücher würdigen: das Notizbuch.
»… wie ich immer wieder auf dem Boden sitzen geblieben bin, den Kopf voller Träume über die Sterne, aber im Körper ein Scharlatanwissen, das besagte: zu weit weg, nicht zu erreichen, nicht für dich.«
»Es stimmt, dass so viel Schmerz aus den Strukturen stammt, dass sie es sind, die ihn erzeugen. Und es stimmt auch, dass ich mich teilweise in diesem und anderem Schmerz eingerichtet habe, dass ich ihn angenommen und zu meiner Sache gemacht habe. Nicht nur, dass ich mich vor allem über diesen Schmerz verstanden habe, sondern auch darüber verstanden werden wollte.«
»Nie würde ich sagen, dass mit einem liebevollen Verhältnis zu mir selbst alle Probleme gelöst würden. Diese einseitige Geschichte von Selbstliebe ist auch nur ein weiterer Scam unserer verrohten Strukturen, weil es bei Liebe natürlich auch um Responsivität und Resonanz geht, um Berührung im weitesten und offensten Sinne, um Zusammenleben. In einer liebesarmen Gesellschaft, in der unser Miteinander von Wettbewerb, von Vereinzelung und Verelendung, von Überlebenskampf definiert wird, sind die Rufe nach Selbstliebe viel zu oft nichts anderes als die Rufe nach Verpanzerung. Ein Onewayticket in die Abschottung, wo eigentlich tentakuläres Agieren notwendig wäre. Aber auch ein Tintenfisch muss mal seine Noppen putzen und es ist wichtig für mich, mich daran zu erinnern, dass es einen Spielraum gibt.«
»… eine der unverwandten Mütter meines Herzens. Ich will mich zwischen ihren Füßen niederlassen mit meiner ganzen lädierten Erbärmlichkeit, meiner schmallippigen Ernsthaftigkeit, bodenlosen Witzlosigkeit. Ich möchte meine Frigidität hier ausbreiten, meine Sprachlosigkeit mitbringen, meine Seltsamkeit, mein übersprudelndes Sprechen, meine überbordende Freude, mein überdrehtes Lachen. Lass mich meine Hysterie niederlegen, und meine unstillbare Lust, meine brennende Scham, meinen schweren Kopf, die leichten Gedanken, die süßen, die bitteren. Das Gesagte, das für immer Verschwiegene, alle Geheimnisse, die ich niemals aufdecken werde, niemals aufdecken will, weil nicht in jedem Aussprechen eine Katharsis steckt, weil manches verborgen bleiben darf.«
»Ich weiß, welche Sehnsucht dieses Bild in mir anspielt: die Sehnsucht nach einer ungebrochenen Mutter. Ich werde dieser Gesellschaft nie ihre traurigen Mütter verzeihen, diesen anhaltenden Schmerz, der Weiblichkeit bedeutet, und der immer deutlich spürbar war, in den Bewegungen, dem Welt- und Selbstverständnis, den Gesten und Worten meiner Vorfahrinnen.«
Lisa Krusche: Anrufung der Riesin
»Klammern, die sich öffnen, und in ihnen: Welten.
Mich interessieren Randbemerkungen, Einwürfe, Apropos. Nebensächliches, das zu Hauptsache wird wie das Abwasser im Schacht.
Eine bestimmte Art, Verwirrung zu stiften.
Schachtelsätze, die in –, oder besser: gar nicht enden.
Episoden, zwischen denen ein Kind gefüttert, eine Ananas, umgetopft wird, wie die Ananas, die früher im Zimmer meiner Klavierlehrerin stand. Wie sie in Tränen ausbrach, als ihr Auto auf den Schrott musste, Fiat Panda, erste Generation, und sie schilderte mir jede darin unternommene Reise, und – das hatte ich immer gefragt – wie die Notenberge im Kofferraum dorthin gekommen waren, Blatt für Blatt. Das Zittern ihres kleinen Fingers, des einzigen, den sie lackierte, metallicgrün wie ein Rosenkäfer, zehn Jahre lang.
Mich interessieren Epen, die, verkapselt wie ein Geschwür, im Inneren der Erzählerin, die ein Archiv ist, schlummern, bis sich die richtige Zuhörerin nähert, Schlüssel-Schloss-Prinzip
Mich interessieren Dinge, die mich absolut nichts angehen.«
Enis Maci: die Haken, die die Sache hat
In: Neue Erschöpfungsgeschichten
»Und ich denke jetzt immer wieder daran, wie ich mich vor drei Jahren nach dem Nachhausekommen ›auf den Boden warf‹ und sagte ›so will ich nicht mehr leben‹ und dass ich mich inmitten der Verzweiflung fragte, wie ich umgehen soll mit dem Bedürfnis, ›das alles‹ origineller, zu formulieren, origineller zu handhaben, eigener. Ich komme aber jetzt zu dem Schluss, dass es richtig war, so allgemein mich auf den Boden zu werfen und so allgemein zu reden, weil alles ganz allgemein geworden war und ich mit vielen zugleich ganz allgemein unzumutbare Gefühle hatte.
Ich hänge Euch dieses Foto der Frau mit dem Maxipullover an, auf dem in riesigen Buchstaben BLA BLA BLA steht …
Das Foto ist ein Foto des Autorückspiegels, der die Frau auf irgendeiner Raststätte, es war bestimmt Frankenwald, telefonierend zeigt. Am Rand der Finger meines kleinen Sohnes, der versucht, die Aufnahme zu stören.«
Heike Geißler: Liebe X, lieber X,
In: Neue Erschöpfungsgeschichten
Lio: Wie hat der erste Mensch schreiben gelernt? Und wer hat alle Wörter erfunden? Weißt du, was ›ich esse einen Baum‹ auf Spanisch heißt? – Brokkoli!
Du hast meinen Traum weggeschüttelt.
Lio: Der ist jetzt in der Pflanze, die träumt jetzt.
»Ich bin niemand, den man kennt. Ich spare mir weitschweifige Details, was ich genau mache, nur vielleicht so viel: Ich bin eine Frau, die in jungen Jahren auf mehreren Gebieten erfolgreich war und sehr beständig weitergearbeitet hat, die ihre zentralen Themen stets in einem ekstatischen, losgelösten Dämmerzustand umkreist, in einer Art dissoziativer Fugue, getragen von dem Wissen, dass es keinen anderen Weg gibt und ihr ganzes Leben in diesem einen Gespräch mit Gott besteht. Vielleicht ist Gott aber auch das falsche Wort. Mit dem Universum. Dem Netz unter allem. Ich arbeite in unserer umgebauten Garage. Ein Bein meines Schreibtisches ist kürzer als die anderen, und ich nehme mir seit fünfzehn Jahren praktisch täglich vor, irgendetwas darunterzuklemmen, aber meine Arbeit lässt es an keinem Tag zu, so dringlich ist sie – ich bin permanent an einem entscheidenden Wendepunkt; alles steht ständig kurz vor der Offenbarung. Um fünf Uhr nachmittags muss ich mich ganz bewusst runterholen, bevor ich wieder ins Haus gehe, als müsste sich Buzz Aldrin darauf einstellen, direkt nach seiner Rückkehr vom Mond den Geschirrspüler auszuräumen. Sprich nicht über den Mond, sage ich mir. Frag die anderen, wie ›ihr‹ Tag war.«
»– all diese Dinge waren dicker und exquisiter als alles, was ich mir zuvor überhaupt hatte vorstellen können. In mir stieg Panik auf – wie sollte ich danach leben, wo ich wusste, dass es so etwas gab?«
»Harris will eigentlich nie mehr als das Nötigste hören. Was vollkommen okay ist. Es wird eine Zeit kommen, nach dieser eher förmlichen Phase, da werden wir einander übersprudelnd alles erzählen, bis ins kleinste Detail. Und jetzt im Moment würde ich ganz offensichtlich nur noch mehr ›Lügen‹ hinzufügen. Lügen in Anführungszeichen, weil alle das Wort so selbstgerecht benutzen, als wäre die Wahrheit ein natürlich vorkommender Diamant. Aber gut, nennen wir es lügen. Jeder Mensch lügt in dem Maße, in dem es für ihn stimmig ist. Man muss sich selbst kennen und herausfinden, welches Maß an Unwahrheit die eigene Natur erfordert. …
Für mich erzeugen Lügen genau die richtige Menge an Problemen, und auch ich zeige mein wahres Gesicht, aber immer nur eins meiner vier oder fünf – jedes davon real und mit ganz eigenen Bedürfnissen. Die einzige gefährliche Lüge ist eine, die mich zwingt, mich selbst auf ein einzelnes praktisches Wesen zu reduzieren, das man verstehen kann. Ich bin ein Kaleidoskop, und jede glitzernde Glasscherbe changiert, sobald ich mich bewege.«
»Wenn wir eines Tages beide soweit wären, würde ich mich Harris mit allem, was ich war, offenbaren; das wäre dann, als würde ich ihm einen Pullover zeigen, den ich die ganze Zeit heimlich gestrickt hatte.
›Oh. Mein. Gott,‹ würde er sagen. ›wann hast du denn den gestrickt?!‹
›Ach, einfach immer mal wieder, wenn ich Zeit hatte. Manchmal hast du sogar danebengesessen.‹
›Ich wusste ja gar nicht einmal, dass du Stricken kannst!‹
›Es gibt vieles, was du über mich nicht weißt, deshalb diese ganze Pullover-Metapher.‹
Aber wenn man jahrelang strickt, wird der Pullover natürlich irgendwann so riesig, dass man ihn nicht mehr verstecken kann.«
»Ich hatte das nicht kommen sehen und mein Leben nicht entsprechend gelebt. Ich war nicht ausgegangen und hatte, als ich es noch konnte, nicht all die Heterosachen getan, die ich gern tun wollte. Wie eine selbstgefällige Henne hatte ich auf meinem Nest gehockt und war mir sicher gewesen, dass alles noch unverändert wäre, wenn mir dann wieder nach Herumstolzieren zumute war.«
»Ohne es zu wissen, oder wirklich zu begreifen, war ich ein Körper für andere gewesen, hatte aber für mich selbst keinen bekommen. Ich hatte nie an der aufreibenden Freude teilgehabt, einen echten und konkreten Leib auf Erden zu begehren.«
»Nein, natürlich trieb ich mich nicht in Bars herum. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre in meiner umgebauten Garage verbracht, an dem Tisch mit dem einen zu kurzen Beinen, und gearbeitet. Und wenn ich mal ausgegangen war, dann, um an meinen eigenen Veranstaltungen teilzunehmen oder an den Veranstaltungen, Vernissagen und Premieren von Freund*innen und Peers. … Es war nicht mein Plan gewesen, ein derart exklusiver Mensch zu werden, ich hatte bloß jeden wahren Moment meines Lebens zu vermitteln versucht, was das Leben in meinen Augen eigentlich ›war‹, und mich nur von wirklich Unausweichlichem – dem Kind, einer schlimmen Grippe, Hunger oder Durst – davon abbringen lassen. Und in der Zwischenzeit war offenbar Zeit vergangen – große Schwaden von Jahren, Jahrzehnte.«
»Andererseits kam ich mir immer größenwahnsinnig vor, egal, wie klein ich mich machte. In meiner Vorstellung war ich wohl von Anfang an sehr klein gewesen.«
»›Mama?‹ Sam flitzt durchs Haus, der Roller rattert er auf dem Küchenboden über meinem Kopf. Der Klang von deren Stimmchen zerschlug mein Herz in tausend Scherben. Was auch immer ich getan hatte, um diesen Schmerz erträglicher zu machen, es verlor abrupt seine Wirkung – ich musste mein Kind sehen, jetzt sofort. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich war reglos, wie versteinert. Ich schaffte den Übergang einfach nicht. … Sie wussten, dass ich zu Hause war, aber wo steckte ich nur? Wie lange konnte ich noch hier unten bleiben, ohne in echte Erklärungsnot zu geraten? Nicht mehr lange. … Ich war nicht tot, aber zu sehr Seele. Ich hatte mich zu sehr von Musik und Poesie leiten lassen, und mein derart beseelter Geist hatte begonnen, sich als vollständige Person wahrzunehmen. Ihm war gar nicht klar, wie deformiert er war. Jetzt suchten sie mich draußen im Garten. Während andere Menschen, die Dinge in Einklang zu bringen wussten, rannte ich ewig zwischen Gegensätzen hin und her, war nie hier, aber auch nicht da.
Man fand mich nicht.
Sie fanden mich nicht.
Gefühlt in letzter Sekunde stapfte ich die Treppe hoch; erwischte den letzten Zug nach Hause.«
»Mein System, bei dem auf ›ächz‹ irgendwann ›puh‹ folgte, versagte auf ganzer Linie.«
»In gewisser Hinsicht war es allein mit Kind leichter. Ich hatte den ganzen Laden fest im Griff. Ich ließ Sam das Bett selbst machen und Servietten falten, und wir folgten einem minutengenauen Zeitplan. Aber die Tage waren seltsam hohl und blutleer, woran auch erfundene Spiele und Kochrezepte, Fahrradfahren und langes gemeinsames Baden nichts ändern. Irgendwie gelang es mir allein nicht, eine gesunde herzliche Familienatmosphäre zu schaffen. Es fühlte sich gespielt an. … Nicht, wenn wir zusammen in der Badewanne lagen, aber ja, wahrscheinlich gab ich mich die meiste Zeit ausgeglichener, als ich wirklich war.«
»›Hormonell geradliniger‹, sagte Jordi mit Blick auf das Diagramm. ›Stell dir mal vor, wie das ist als Mann. Keine Zyklen. Keine Tode vor dem Sterben. Keine Verwandlungen in einen ganz anderen Menschen.‹
Bei unseren Treffen gingen Jordi und ich immer davon aus, dass wir uns seit dem letzten Mal radikal verändert hatten und das auch in Zukunft immer wieder tun würden. Diese ständige Aufruhr war schmerzhaft, um ehrlich zu sein. Aber auch aufregend, weil wir nie sicher sein konnten, was kam. Unsere Dauertransformation war natürlich streng geheim; der Welt, selbst Sam, spielten wir Beständigkeit vor.
›Vielleicht sollten wir das lassen‹, sagte Jordi. ›Uns nicht auf diese Weise verflachen. Sich zu wandeln heißt ja nicht automatisch, verrückt oder verantwortungslos zu sein. Sollten wir nicht versuchen, Veränderung zu normalisieren?‹«
»Sie wollte gehen? Das glaubte ich jetzt nicht. Andererseits konnte ich es nie glauben. … Meine alte Fassungslosigkeit über das Verlassenwerden (oder inzwischen vielleicht ein Denkmal des Verlassenwerdens, ein Turm) passte auf jeden Verlust, egal wie groß oder klein.«
»›Arschloch‹, flüsterte ich. Ich meinte das Leben selbst. Kam immer mit irgendwas Neuem um die Ecke, immer mit etwas Unerwartetem. Ich hatte mir einen gottverdammten Mutterleib erschaffen, und einmal pro Woche durfte ich darin im Einklang sein. Mit mir selbst, mit Gott, mit meinen Freundinnen und manchmal meinen Geliebten. Und er gehörte mir nicht. Weil einem nichts gehört. Gar nichts, nicht einmal der eigene Leib. Alles vergeht. Aber ich konnte jeden Mittwoch dorthin zurück, mit oder ohne Lust, und – wie nannte man das noch mal? Frei sein.«
Miranda July: Auf allen vieren
Im Traum irre ich durch ein Luxuskaufhaus und werde ungefragt beäugt und beraten, was ich doch alles unbedingt mal anprobieren soll. Ich flüchte in einen goldenen Aufzug, dort höre ich den alten Chef des Ganzen zu seiner Leibwache sagen, wie sehr er doch seine Assistentin vermisst: Sie war treu und fleißig bis zum Umfallen, brauchte niemals Urlaub und beschwerte sich nie – besser als jede Ehefrau, die er bislang hatte. Ich schnaube laut auf, tätschle ihm den Kopf wie einem Kind und steige aus.
40 Ideen, wie ich meinen 40. Geburtstag verbringen könnte:
»wie sehr kann man sich selbst ausgesetzt sein?«
Lisa Krusche: Die Anrufung der Riesin
An meinem Bett sitzt eine alte Frau mit langem grauen Haar, ich erschrecke, sie lacht. Ihre Kleider sind orange und so schmutzig, dass ich die Farbe nur erahne. Ich verscheuche sie, gsch, wie eine Katze, wedle sie weg. Sie lacht noch lauter und bleibt sitzen. Ich schreie. Mein Herz pocht so laut, dass ich erwache. Ich stehe auf und trete ans Fenster. Da liegt die Frau auf der morgennassen Wiese, dürftig zugedeckt mit unserer orangenen Decke. Der Garten ist viel größer als sonst, weitläufig und gepflegt wie ein Park – und überall sind Leute. Ich trete auf die Veranda, ein Stapel weißer Wäsche auf Beinen läuft in mich hinein und fällt zu Boden, frisch gebügelt, oh nein! Darunter kommt ein Mädchen mit weißer Schürze zum Vorschein, eine Bedienstete? Fast noch ein Kind. Sie schaut mich ängstlich an, ich berühre sie am Arm. Um ihren Hals trägt sie eine Kette mit einem weißen Herz aus Gips, es pocht bei meiner Berührung. Ein Mann unterbricht uns, er redet auf mich ein, nichts davon verstehe ich. Er trägt auch so eine Kette, mit Sternen, sie zerspringen unter meinem Blick, die Scherben liegen in meiner Hand – mir wird ein Teller gereicht, um sie zu entsorgen. Von unten aus dem Garten ruft der Doktor nach mir, er ergreift meine Hand und küsst sie, ich schüttle ihn ab. Was machen all die Leute hier? Ich will schlafen! Eine ganze Dienerschar ist mit mir beschäftigt – ich hatte ja keine Ahnung, wie privilegiert ich bin. Alle starren mich an. Heulend schreite ich zu der alten Frau und decke sie besser zu. Um mich dann auch wieder ins Bett zu legen. Bis der kleine Amor mich weckt und einigermaßen geduldig wartet, bis dieser Traum notiert ist.